DIW: USA wollen Chinas Dominanz im Seehandel brechen – und treffen sich selbst

Berlin (8.7.26) – Mit den ab November geplanten Hafengebühren für in China gebaute Schiffe werden die USA sich selbst schaden – und vielen anderen Exportländern. Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) auf Basis globaler Schiffsregister und Positionsdaten zeigt: Während einige EU-Staaten deutliche Einbußen im US-Geschäft hinnehmen müssten, könnte Deutschland profitieren.

Die Infografik des DIW Wochenberichts 28/2026 zeigt die modellierten Auswirkungen von US-Hafengebühren für in China gebaute Schiffe auf die Exporte verschiedener Länder in die USA im Vergleich zum Jahr 2022. Dargestellt sind prozentuale Rückgänge der Exporte. Die stärksten Verluste außerhalb der EU entfallen auf Indonesien (−8,7 Prozent), die Philippinen (−5,0 Prozent), Pakistan (−4,4 Prozent), Vietnam (−4,3 Prozent) und Costa Rica (−1,9 Prozent). Innerhalb der EU werden die größten Rückgänge für Polen (−4,1 Prozent), Dänemark (−3,7 Prozent), Finnland (−3,0 Prozent), Schweden (−2,0 Prozent) und Griechenland (−1,5 Prozent) ausgewiesen. Die Grafik vermittelt, dass die Einführung der Hafengebühren nicht nur China, sondern zahlreiche exportorientierte Länder weltweit sowie mehrere EU-Mitgliedstaaten negativ treffen würde.

Grafik: DIW

„In China gebaute Schiffe sind mittlerweile fest in globalen Handels- und Transportströmen verankert, auch bei europäischen Exporten in die USA“, sagt Studienautorin Sonali Chowdhry aus der Abteilung Unternehmen und Märkte im DIW Berlin. Inzwischen stammt rund die Hälfte aller neu gebauten Handelsschiffe aus China. Die EU hingegen hat massiv an Boden verloren: Ihr Anteil fiel in den vergangenen 30 Jahren von 17 Prozent auf unter drei Prozent. Auf Chinas Dominanz im maritimen Sektor reagieren die USA mit Hafengebühren – im Interesse der nationalen Sicherheit. Zugleich wollen sie den amerikanischen Schiffbau fördern. „Die Hafengebühren auf in China gebaute Schiffe sind eine neue Eskalationsstufe im Handelskonflikt“, warnt DIW-Ökonomin Chowdhry. „Erstmals geraten nicht nur Waren, sondern auch die Transportmittel selbst ins Visier.“

Deutschland könnte von Hafengebühren profitieren

Die Modellberechnungen zeigen, dass sich die Hafengebühren negativ auf die US-Wirtschaft auswirken würden: Die Importe und Exporte gingen um schätzungsweise 0,2 beziehungsweise 0,3 Prozent zurück. Noch gravierender wären die Auswirkungen für exportabhängige Schwellenländer. In Ländern wie Costa Rica, Vietnam oder Pakistan brächen die Exporte in die USA um teilweise mehr als acht Prozent ein. Auch die EU wäre betroffen, da rund 75 Prozent des Außenhandels über den Seeweg abgewickelt werden. Am größten wären die Verluste in Finnland (5,0 Prozent), Dänemark (4,4 Prozent) und Polen (3,0 Prozent).

Weltweit gäbe es jedoch auch Profiteure: Deutschland und Südkorea könnten ihre Exporte in die USA um rund zwei Prozent ausbauen. Ihre Frachtflotten sind weniger auf in China gebaute Schiffe angewiesen und sie könnten stärker den von Hafengebühren betroffenen Exporteuren Marktanteile abjagen.  

EU erkennt Handlungsbedarf

„In der EU wächst das Bewusstsein für die neue Front im geopolitischen Wettstreit“, sagt Chowdhry. Diese geht über den Handel selbst hinaus und erstreckt sich auf den Transport der Handelsgüter– mit strategischen Investitionen in Häfen, den Schiffbau und den Einfluss auf wichtige Handelsrouten. „Die neue maritime Industriestrategie der EU erkennt die Risiken, aber eine systematische Folgenabschätzung fehlt bislang“, kritisiert Ko-Autor Hendrik Mahlkow vom Kieler Institut für Weltwirtschaft.

Die EU-Kommission hat im März eine Allianz für maritime industrielle Wertschöpfungsketten vorgeschlagen. Ziel ist es, Investitionen in innovative Schiffstechnologien anzukurbeln und Exportkredite für klimafreundliche Schifffahrt bereitzustellen. Für Deutschland ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag. „Als eine der exportstärksten Volkswirtschaften Europas mit bedeutenden Reedereien und zentralen Schifffahrtsknotenpunkten sollte Deutschland eine aktivere Rolle in der europäischen maritimen Industriepolitik übernehmen“, so Chowdhry.

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