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München/Frankfurt/Main (28.7.26) – Globale Ungleichgewichte sind zurück im Zentrum der wirtschaftspolitischen Debatte. Chinas Exportstärke, industrielle Überkapazitäten, neue Zölle, Exportkontrollen bei strategischen Rohstoffen und die handelspolitische Neuorientierung der USA beschleunigen die Fragmentierung der Weltwirtschaft. Was lange als abstraktes Thema der Außenwirtschaft galt, entwickelt sich damit zu einem entscheidenden geopolitischen und kapitalmarktrelevanten Faktor.
In der aktuellen Assenagon Studie zeigen Thomas Romig, Geschäftsführer und CIO Multi Asset, und Sebastian Schmider, Head of AI Solutions & Macro Analytics, wie sowohl Überschüsse als auch Defizite in nationalen Leistungsbilanzsalden wechselseitige Abhängigkeiten schaffen – und weshalb der daraus entstehende neue Merkantilismus die Risiken und Chancen an den Kapitalmärkten verändert.
China und die USA verfügen über die größten wirtschaftlichen Hebel – allerdings auf unterschiedlichen Seiten. China kann mit seinen industriellen Kapazitäten, strategischen Rohstoffen und starken Lieferketten das globale Angebot beeinflussen. Die USA stellen dagegen einen der wichtigsten Absatzmärkte sowie mit dem US-Dollar und ihrem Kapitalmarkt zentrale Säulen des weltweiten Finanzsystems. Beide Länder sind damit voneinander abhängig: China benötigt ausländische Nachfrage für seine Exportüberschüsse, während die USA auf Kapitalzuflüsse aus Überschussländern zurückgreifen. “Überschüsse und Defizite bilden damit zwei Seiten derselben wirtschaftspolitischen Medaille, die zunehmend unter staatlichem Protektionismus steht”, sagt Romig.
Deutschland und Europa geraten zunehmend zwischen die wirtschaftspolitischen Interessen Chinas und der USA. Das deutsche Geschäftsmodell profitierte lange von offenen Märkten und einer starken Nachfrage aus beiden Ländern. Diese Grundlage wird nun unsicherer.
Gleichzeitig wächst der Wettbewerbsdruck durch chinesische Anbieter – insbesondere in der Automobilindustrie, im Maschinenbau, in der Chemie und in der Elektrotechnik. Klassische Standortreformen allein dürften einen möglichen Rückgang der Auslandsnachfrage kaum ausgleichen.
Europa steht damit vor einem strategischen Dilemma: Offene Märkte bleiben wirtschaftlich vorteilhaft. Wenn China und die USA jedoch ihre heimische Industrie fördern und strategische Branchen abschotten, steigt auch in Europa der Druck zu Schutzmaßnahmen und gezielter Industriepolitik. Andernfalls droht ein weiterer Verlust industrieller Substanz. “Protektionismus und gezielte Industriepolitik werden damit weniger zur freien Wahl als zur Antwort auf veränderte Spielregeln”, konstatiert Schmider.
“Für Investoren bedeutet der neue Merkantilismus, dass geopolitische Risiken stärker in die Bewertung einfließen”, so Schmider. Neben Wachstum, Margen und Bewertung gewinne die Frage an Bedeutung, wie ein Geschäftsmodell innerhalb der entstehenden Wirtschaftsblöcke positioniert sei.
Unternehmen mit regional diversifizierten Umsätzen, robusten Lieferketten und der Fähigkeit, vor Ort zu produzieren, könnten strukturelle Vorteile besitzen. Verwundbarer seien dagegen Geschäftsmodelle, die stark von einzelnen Absatzmärkten, grenzüberschreitenden Lieferketten oder uneingeschränkt verfügbaren globalen Skaleneffekten abhängen.
Höhere Staatsausgaben, teurere Produktion und geringere wirtschaftliche Effizienz könnten zugleich den Inflationsdruck und die Laufzeitprämien am Anleihemarkt erhöhen. Bei Währungen steige das Risiko insbesondere dort, wo Leistungsbilanzdefizite durch volatile Kapitalzuflüsse finanziert werden, und kein ausgeprägter Reservewährungsstatus bestünde.
“Diversifikation muss unter diesen Bedingungen tiefer greifen. Neben Anlageklassen sollten Anleger auch Regionen, Währungsräume, Absatzmärkte und Lieferketten berücksichtigen. Der neue Merkantilismus belastet die Kapitalmärkte nicht gleichmäßig – er vergrößert vielmehr die Unterschiede zwischen Gewinnern und Verlierern”, so Romig.