IG Metall: Automobil-Transformation – Bitte keine Panikmache

München/Stuttgart (16.7.26) – Anlässlich der heute von Gesamtmetall, Südwestmetall, bayme vbm und vbw veröffentlichten Kurzstudie „ELAB2040“ zur Wertschöpfung und Beschäftigung in der Automobilindustrie warnt die IG Metall davor, die Transformation der Branche zum politischen Schreckensszenario zuzuspitzen. „Die Sorgen der Beschäftigten um ihre Arbeitsplätze sind ernst und berechtigt. Aber wer sie mit dramatisierten Zahlen befeuert, um vom eigenen Versagen abzulenken, hilft den Menschen nicht – er schürt Verunsicherung“, sagt Bayerns IG Metall-Bezirksleiter Horst Ott. Barbara Resch, Bezirksleiterin der IG Metall Baden-Württemberg, stellt klar: „Eine Kampagne, die den Standort schlechtredet und die eigene Verantwortung der Unternehmen ausblendet, ist keine Standortpolitik, sie ist ein Alibi. Die Beschäftigten brauchen Investitionen in Zukunftstechnologien, keine falschen Schuldzuweisungen an die Politik.“

Die IG Metall teilt die grundsätzliche Sorge, dass im Antriebsstrang in Deutschland und Europa erhebliche Wertschöpfung und Beschäftigung verlorengehen können. Sie kritisiert jedoch die Anlage der Studie und ihre politische Verwertung in drei Punkten:

Erstens: Die Studie ist methodisch verengt. Betrachtet wird ausschließlich der Antriebsstrang – nach eigenen Angaben rund ein Viertel der Fahrzeug-Wertschöpfung beim Verbrenner. Bei der Beschäftigung ist der Ausschnitt noch schmaler: Beim Elektrofahrzeug erfasst der untersuchte Bereich nur rund zehn Prozent der Beschäftigten in der Autoherstellung, beim Verbrenner rund 25 Prozent. Beschäftigungsgewinne der Elektromobilität fallen damit systematisch aus dem Blickfeld. Forschung und Entwicklung, Software und Zentralfunktionen bleiben ausgeklammert, obwohl die Studie selbst im Fazit einräumt, dass softwaredefinierte Fahrzeuge, automatisiertes Fahren und digitale Plattformen künftig erhebliche Wertschöpfungsquellen darstellen. „Genau dort, wo die Zukunft von Wertschöpfung und Beschäftigung entsteht, schaut die Studie nicht hin. Wer aus einem Teilausschnitt den Untergang der ganzen Industrie ableitet, betreibt keine Aufklärung, sondern Panikmache“, kritisiert Resch.

Zweitens: Die Pressemitteilung der Verbände widerspricht der eigenen Studie. Während die Auftraggeber die Verluste allein der EU-Regulierung zuschreiben, stellt die Studie selbst das Gegenteil fest: „Ein wesentlicher Teil des Wertschöpfungsrückgangs ergibt sich somit nicht unmittelbar aus der EU-Gesetzgebung bzgl. dem Auslaufen verbrennungsmotorischer Antriebe, sondern aus der relativen Verschiebung globaler Nachfrage- und Produktionsstrukturen.“ (Studie ELAB2040, S. 11) Und die Positivszenarien der Studie setzen voraus, dass die Unternehmen selbst liefern: durch Investitionen, Automatisierung, Innovationen und internen Bürokratieabbau. Ott sagt dazu: „Die Verbände verkaufen als Ergebnis, was ihre eigene Studie widerlegt. Wer Beschäftigung abbaut, Komponenten aus China zukauft, Fertigung nach Osteuropa verlagert und zugleich allein Brüssel verantwortlich macht, sucht einen Schuldigen für hausgemachte Versäumnisse.“

Drittens: Die Studie wird politisch instrumentalisiert. Mit der Schlagzeile von 726.000 bedrohten Arbeitsplätzen – der Maximalzahl des ungünstigsten Szenarios im Jahr 2040 – wird Stimmung gemacht. Zugleich beruht die in Aussicht gestellte Lösung auf einer nicht belegten Annahme: dass klimaneutrale Kraftstoffe „in einer Menge vorhanden“ (Studie ELAB2040, S. 5) sind, um den Flottenbedarf zu decken. Nach übereinstimmender wissenschaftlicher Studienlage werden synthetische Kraftstoffe 2035 jedoch nur einen sehr kleinen einstelligen Prozentbereich des Kraftstoffbedarfs im Straßenverkehr decken können. Die knappen Mengen werden für Luftfahrt, Schifffahrt und Industrie gebraucht.

Bemerkenswert ist aber vor allem: Die Studie selbst warnt, dass „bei Annahme einer Gesetzgebung mit Technologieoffenheit der Anteil Europas am Absatz von BEV in den betrachteten Regionen Asien und Nordamerika insgesamt stärker ab[sinkt] […], was eine langfristige Schwächung der Wettbewerbsposition bewirken würde.“ (Studie ELAB2040, S. 5) Ott unterstreicht: „Notwendig ist keine Rolle rückwärts, sondern eine aktiv gestaltete Transformation mit klarer industriepolitischer Perspektive.“

Die IG Metall setzt stattdessen auf gezielte Flexibilisierungen im bestehenden Rahmen – etwa keine zusätzliche Verschärfung bei Plug-in-Hybriden, die Anerkennung klimaneutraler Kraftstoffe in realistisch definierten Anwendungsfeldern und praktikable CO2-Verrechnungsregeln – sowie auf eine konsequente Stärkung von „Made in Europe“: klimafreundlich produzierter Stahl und Aluminium, Recycling und gesicherte Investitionen in europäische Wertschöpfung. Auffällig ist, dass Local-Content-Instrumente, wie sie in der Politik und zunehmend auch in der Industrie diskutiert werden, in der Studie mit keinem Wort vorkommen.

Dabei zeigt die Studie selbst, wo der größte Hebel liegt, und es ist nicht die Flottenregulierung: Bessere Standortbedingungen wirken nach den Modellrechnungen stärker als alle Unterschiede zwischen den untersuchten Regulierungsszenarien. Bis zu 90 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung bis 2030 und bis zu 200 Milliarden Euro bis 2035 wären demnach möglich – bei deutlich steigender Beschäftigung. „Klimaneutrale Elektrifizierung, gute Arbeit und stabile Standorte lassen sich nur durch strategische Weitsicht, Qualifizierung und Investitionen erreichen – dazu braucht es einen verlässlichen politischen Rahmen“, macht Resch klar. „Wir brauchen kein weiteres Schreckensszenario, sondern eine ehrliche Debatte. Die Frage ist, wie wir die Wertschöpfung von morgen ins Land holen: Batterie, Leistungselektronik, E-Maschine, Software. Das gelingt nicht mit Rückwärtsgewandtheit, sondern mit Investitionen und Innovationen in Zukunftstechnologien.“

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