Stuttgart (14.8.26) – Auf den ersten Blick wirken die Zahlen glänzend: Die im DAX gelisteten Konzerne haben im zweiten Quartal 2026 so viel verdient wie in keinem zweiten Quartal zuvor. Der kumulierte operative Gewinn (EBIT) der untersuchten Unternehmen kletterte gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 16 Prozent bzw. sieben Milliarden Euro auf den Rekordwert von 52,6 Milliarden Euro – und lag damit zehn Prozent über dem bisherigen Höchstwert aus dem zweiten Quartal 2024. Auch der Gesamtumsatz erreichte mit rund 463 Milliarden Euro einen neuen Bestwert; er stieg um 4,6 Prozent bzw. knapp 20,5 Milliarden Euro.
Doch der erste Eindruck täuscht: Getragen wird das Umsatz- und Gewinnwachstum maßgeblich von einigen wenigen Branchen, die derzeit von außergewöhnlichen Sonderkonjunkturen profitieren – von der Rüstungsindustrie über die Profiteure des weltweiten KI- und Rechenzentren-Booms bis hin zu Chemieunternehmen, die aufgrund der Spannungen im Nahen Osten und den daraus resultierenden Versorgungsengpässen in Asien die Preise anheben konnten. Bei vielen klassischen Industriekonzernen, allen voran in der Autobranche, ist von einer Trendwende dagegen nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die Autokonzerne im DAX verzeichneten im zweiten Quartal einen Umsatzrückgang um 1,2 Prozent und einen Gewinneinbruch um zwölf Prozent.
Während insgesamt bei den DAX-Konzernen die Umsätze und Gewinne zuletzt wieder stiegen, geht die Beschäftigung weiter zurück: Zum 30. Juni 2026 zählten die Unternehmen rund 3,49 Millionen Mitarbeitende – 41.000 bzw. 1,2 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Das sind Ergebnisse einer aktuellen Analyse der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY auf Basis der Geschäfts- bzw. Quartalsberichte der derzeit im Deutschen Aktienindex (DAX) gelisteten Unternehmen.
„Wer nur auf die Rekordsummen schaut, könnte meinen, die Krise sei überstanden – aber das Gegenteil ist der Fall“, sagt Henrik Ahlers, Vorsitzender der Geschäftsführung bei EY. „Zum einen bleibt die Nachfrage am Heimatstandort Deutschland schwach, das Gewinn- und Umsatzwachstum findet in erster Linie im Ausland statt. Zudem sehen wir ein gespaltenes Bild: Einzelne Branchen erleben dank Rüstung, KI-Infrastrukturinvestitionen und Ölpreishoch bzw. Lieferengpässen auf dem weltweiten Öl- und Chemiemarkt einen kräftigen Schub. Zieht man diese Sonderkonjunkturen ab, bleibt die Lage gerade in weiten Teilen der deutschen Industrie fragil. Einzig die Finanzbranche scheint sich tatsächlich in einem tragfähigen und nachhaltigen Aufschwung zu befinden.“
Die strukturellen Probleme vieler deutscher Top-Konzerne seien längst nicht gelöst, betont auch Jan Brorhilker, Managing Partner des Geschäftsbereichs Assurance von EY in Deutschland: „Die aktuellen Gewinnsprünge sind vielfach externen Sonderfaktoren zu verdanken, nicht einer neu gewonnenen Wettbewerbsstärke. Sie können genauso schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind. Denn: Zu große Verwaltungsapparate, eine hohe Anfälligkeit gegenüber geopolitischen Krisen und einer neuen Welle von Zöllen und Abschottung sowie zu hohe Kosten am Standort Deutschland – diese Grundprobleme bestehen unverändert fort.“ Selbst wenn die Konjunktur wieder anspringen sollte, bliebe der Druck daher hoch, so Brorhilker.
Boombranchen tragen den Rekord – vor allem die Autoindustrie bleibt aber unter Druck
31 der 38 in die Umsatzanalyse einbezogenen Unternehmen steigerten ihren Umsatz, das mit Abstand stärkste Wachstum verbuchte der Rüstungskonzern Rheinmetall mit einem Plus von rund 69 Prozent, gefolgt von Airbus (+28 Prozent). Beim operativen Ergebnis legten 29 Unternehmen zu, elf mussten Einbußen hinnehmen – darunter drei der fünf im DAX notierten Unternehmen aus der Automobilindustrie.
Einer der Treiber der relativ starken Entwicklung im zweiten Quartal ist der weltweite KI-Boom: Die enormen Investitionen in Rechenzentren und die stark steigende Stromnachfrage sorgen bei etlichen deutschen Unternehmen für volle Auftragsbücher – vor allem in der Energietechnik, im Bau- und Infrastruktursektor, in der Halbleiter- und Elektronikindustrie sowie im Spezialmaschinen- und Klimatechnikbau. „Vieles spricht dafür, dass der wachsende Stromhunger kein kurzfristiges Phänomen und keine Blase ist, sondern ein dauerhafter Trend und dass die deutsche Industrie hier strukturell gut aufgestellt bleibt und ihre Stärke auch weiterhin weltweit unter Beweis stellen kann“, sagt Ahlers.
Hinzu kommt die Finanzbranche, die die starke Entwicklung der Vor-Quartale fortsetzt: Ihr kumuliertes EBIT stieg auf den Rekordwert von 13,5 Milliarden Euro (+10 Prozent) – gestützt durch das anhaltend hohe Zinsniveau, günstige Schadenverläufe bei den Versicherern und eine hohe Marktvolatilität. Und selbst Teile der gebeutelten Chemiebranche profitierten zuletzt von einem Sonderfaktor: Seit dem Frühjahr sorgt die angespannte Lage auf den fernöstlichen Chemiemärkten – in der Folge der wochenlangen Sperrung der Straße von Hormus und der dadurch gestörten Ölversorgung für die Petrochemie – für Engpässe, die Preiserhöhungen und Umsatzzuwächse ermöglichten. BASF etwa steigerte seinen Gewinn um 137 Prozent.
Den höchsten Umsatz erwirtschaftete weiterhin Volkswagen mit rund 82 Milliarden Euro, vor Allianz (46 Milliarden Euro), Mercedes-Benz (32 Milliarden Euro) und BMW (31 Milliarden Euro).
Deutsche Telekom mit höchstem Gewinn – Bayer mit größtem Sprung, BMW stärkstem Rückgang
Den höchsten Quartalsgewinn meldete erneut die Deutsche Telekom (6,9 Milliarden Euro), gefolgt von Allianz (4,9 Milliarden Euro), Volkswagen (3,5 Milliarden Euro) und Siemens (3,4 Milliarden Euro). Das stärkste Gewinnwachstum erzielten Bayer und Vonovia.
Die stärksten Gewinnrückgänge entfielen dagegen überwiegend auf die Autobranche: Bei BMW sank Gewinn um 39 Prozent, auch Volkswagen (-9 Prozent) und der Nutzfahrzeughersteller Daimler Truck (-9 Prozent) mussten Gewinneinbußen hinnehmen.
Die Krise der Autoindustrie halte nun schon länger an und sei noch längst nicht überwunden, betont Brorhilker: „Schwache Absatzmärkte, ein wachsender Wettbewerbsdruck vor allem aus China, Überkapazitäten und der teure Umbau hin zur Elektromobilität belasten die Hersteller und Zulieferer gleichermaßen.“ Sichtbar wird das auch bei der Beschäftigung: Insgesamt schrumpfte die Zahl der Mitarbeitenden bei den Unternehmen aus der Autoindustrie um 5,2 Prozent bzw. 40.000. „In der Autoindustrie gibt es weiterhin erheblichen Restrukturierungsbedarf, und wir werden einen weiteren Beschäftigungsrückgang sehen“, so Brorhilker.
Beschäftigung sinkt um 1,2 Prozent – KI sorgt für Umbrüche
Der Trend bei der Beschäftigung zeigt insgesamt weiter nach unten, vor allem allerdings aufgrund des Stellenabbaus in der Autoindustrie: Zum 30. Juni 2026 beschäftigten die Konzerne rund 3,49 Millionen Menschen und damit 1,2 Prozent bzw. 41.000 weniger als ein Jahr zuvor. 21 von 37 Unternehmen, die Angaben zur Beschäftigung machen, bauten Stellen auf, 16 reduzierten die Mitarbeiterzahl. Den stärksten Zuwachs verzeichnete Rheinmetall (+24 Prozent), gefolgt von Scout24 (+18 Prozent); die größten Rückgänge meldeten Continental (-21 Prozent; Abspaltung) und BASF (-14 Prozent).
Ahlers sieht mehrere Trends, die sich auf die Beschäftigungsentwicklung auswirken: „Zum einen bauen zahlreiche Großkonzerne im Rahmen ambitionierter Kostensenkungsprogramme Stellen ab – ein Prozess, der weitergehen dürfte. Zum anderen verändert der Vormarsch der Künstlichen Intelligenz gerade in Verwaltungsfunktionen die Beschäftigungsstruktur. Bei Neueinstellungen sind die Unternehmen daher ausgesprochen vorsichtig und zurückhaltend – und daran wird sich vorläufig auch nichts ändern. Auf der anderen Seite sehen wir aber auch expandierende Konzerne, die neue Stellen schaffen – auch wenn der Stellenaufbau zumeist im Ausland stattfindet. Denn Gewinne werden wesentlich im Ausland erzielt – das Deutschlandgeschäft ist bei vielen der weltweit tätigen Unternehmen defizitär.“
Ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung hielten die Konzerne dennoch stabil: Die 21 Angaben machenden Unternehmen steckten mit rund 16,8 Milliarden Euro moderate 1,2 Prozent mehr in F&E als im Vorjahresquartal.
Ausblick: Die Grundprobleme bleiben
Auch wenn einzelne Branchen aktuell für Lichtblicke sorgen: Unterm Strich bleiben die schwache Konjunktur und die geringe Investitionsbereitschaft der entscheidende Bremsklotz für die deutschen Top-Unternehmen, sagt Ahlers: „Die zahlreichen weltweiten Krisenherde drücken weiter auf die Stimmung, echte Aufbruchstimmung will nicht aufkommen – auch, weil aus dem sogenannten Sondervermögen bislang kaum Impulse für Investitionen zu sehen sind.“
„Die eigentliche Nagelprobe kommt erst noch“, ergänzt Brorhilker. „Die Sonderkonjunkturen können abflauen, geopolitische Schocks und neue Zölle können die Lage jederzeit wieder verschärfen. Wer sich jetzt auf den Rekordzahlen ausruht, statt Verwaltungsapparate zu verschlanken, Kosten zu senken und die Innovationskraft zu stärken, den wird die nächste Krise ungebremst treffen. Allerdings sehen wir auch: Aktuell scheint die Lage fast besser zu sein als die Stimmung. Und: Deutschland hat die Substanz, um wieder ganz vorne mitzuspielen – wenn die strukturellen Hausaufgaben jetzt angepackt werden.“
Deutsche Industrie stabilisiert sich beim Umsatz – doch der Arbeitsplatzabbau beschleunigt sich
Die deutsche Industrie hat ihren Umsatz im zweiten Quartal 2026 weiter stabilisiert: Nach einem Plus von 1,7 Prozent im Auftaktquartal legte der Industrieumsatz von April bis Juni sogar um 4,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu; in absoluten Zahlen erwirtschaftete die Industrie 556,4 Milliarden Euro. Das Rekordniveau des Jahres 2023, als der Umsatz im zweiten Quartal bei 557,4 Milliarden Euro lag, wird damit aber noch immer knapp verfehlt – um 0,2 Prozent.
Bei der Beschäftigung hält der Negativtrend zudem unvermindert an und hat sich sogar verschärft: Zum Ende des zweiten Quartals lag die Zahl der Beschäftigten in der Industrie um 2,7 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Binnen eines Jahres gingen damit rund 144.000 Industriearbeitsplätze verloren. Seit dem Vor-Corona-Jahr 2019 summiert sich der Beschäftigungsabbau auf rund 379.150 Stellen – ein Rückgang um 7,0 Prozent. Anders ausgedrückt: Etwa jeder vierzehnte Industriearbeitsplatz in Deutschland ist seit 2019 verschwunden.
Besonders stark unter Druck ist die Automobilindustrie. Immerhin: Der Umsatz sank im zweiten Quartal nur noch leicht um 0,1 Prozent – der Rückgang ist damit nahezu gestoppt. Die Zahl der Beschäftigten schrumpfte dagegen um 5,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal – damit ist innerhalb eines Jahres fast jeder siebzehnte Arbeitsplatz in der deutschen Autoindustrie weggefallen. Seit 2019 gingen in der Branche rund 142.400 Jobs verloren, ein Rückgang um rund 16 Prozent.
Die einzelnen Industriebranchen entwickelten sich im zweiten Quartal sehr unterschiedlich. Die Metallbranche konnte ihren Umsatz – auch aufgrund gestiegener Rohstoffpreise – deutlich um 16 Prozent steigern. Am anderen Ende der Skala lag die Textilindustrie mit einem Umsatzrückgang von sechs Prozent, gefolgt von der Papierindustrie mit einem Minus von gut zwei Prozent und dem Maschinenbau mit einem Minus von 0,5 Prozent. Die Autoindustrie stabilisierte sich mit einem leichten Minus von 0,1 Prozent nahezu. Bei der Beschäftigung lagen sämtliche analysierten Industriebranchen unter dem Vorjahresniveau.
Das sind Ergebnisse des aktuellen EY-Industriebarometers, das die Umsatz- und Beschäftigungsentwicklung der deutschen Industrie sowie einzelner Schlüsselbranchen analysiert. Basis der Analyse sind Rohdaten, die vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht werden.
„Die deutsche Industrie ist beim Umsatz nicht mehr im freien Fall. Nach zwei Wachstumsquartalen in Folge kann man von einer Stabilisierung auf niedrigem Niveau sprechen“, sagt Jan Brorhilker, Managing Partner des Geschäftsbereichs Assurance von EY in Deutschland. „Aber diese Stabilisierung ist fragil und ungleich verteilt. Einige Branchen profitieren von einer stabileren Nachfrage aus Europa, andere stehen weiter massiv unter Druck. Von einem breit angelegten Aufschwung ist die Industrie noch weit entfernt.“
Zudem gehe der Beschäftigungsabbau ungebremst weiter, so Brorhilker: „Beim Thema Jobs gibt es keinerlei Entwarnung – im Gegenteil. Viele Unternehmen haben ihren Restrukturierungskurs noch lange nicht abgeschlossen. Angesichts hoher Arbeitskosten, einer schwachen Produktivitätsentwicklung und zunehmenden internationalen Wettbewerbs planen viele Unternehmen, den Stellenabbau in Deutschland sogar weiter zu verschärfen. Selbst wenn sich die Umsätze stabilisieren, werden wir in der Industrie weitere Jobverluste sehen.“
Autoindustrie bleibt das Sorgenkind
Besonders problematisch sei die anhaltende Schwäche der Automobilindustrie, sagt Brorhilker: „Die Autoindustrie ist für den Industriestandort Deutschland nach wie vor von zentraler Bedeutung. Wenn diese Branche schwächelt, trifft das nicht nur die Hersteller, sondern auch zahlreiche Zulieferer und viele weitere Industriebranchen. Die anhaltend schwache Entwicklung der Autoindustrie kann sich daher wie ein Bremsklotz für die gesamte deutsche Industrie auswirken.“
Der Stellenabbau in der Autobranche sei dabei besonders einschneidend: „Dass seit 2019 jeder sechste Arbeitsplatz in der deutschen Autoindustrie weggefallen ist, zeigt, wie massiv der Strukturwandel ist. Die Branche steht gleichzeitig unter Kostendruck, Transformationsdruck und einem massiv wachsenden Wettbewerbsdruck – insbesondere durch chinesische Anbieter.“
Eurozone liefert die wichtigsten Wachstumsimpulse
Positive Impulse kamen im zweiten Quartal vor allem aus dem näheren Ausland. Insgesamt stieg der Auslandsumsatz der deutschen Industrie um 4,0 Prozent auf rund 296 Milliarden Euro – dabei entwickelten sich die großen Exportmärkte allerdings unterschiedlich stark: Der Umsatz mit Kunden aus der Eurozone legte um 5,6 Prozent zu und war damit der wichtigste Wachstumstreiber. Das Geschäft mit dem übrigen, außereuropäischen Ausland wuchs mit plus 2,9 Prozent ebenfalls, blieb aber schwächer – hier bremsen eine verhaltenere Nachfrage sowie handelspolitische Belastungen, unter anderem durch US-Zölle.
„Aus Europa kommen derzeit deutlich stärkere Wachstumsimpulse als aus vielen außereuropäischen Märkten“, beobachtet Brorhilker. „Das ist eine wichtige Entlastung – reicht aber nicht aus, um die strukturellen Probleme des Standorts zu lösen. Die deutsche Industrie muss kurzfristig Kosten senken und Kapazitäten an die schwache Nachfrage anpassen; gleichzeitig muss sie massiv in ihre Wettbewerbsfähigkeit investieren. Genau diese Gleichzeitigkeit macht die Lage so schwierig.“
Druck auf die Industrie bleibt hoch
Für die kommenden Monate rechnet Brorhilker nicht mit einer schnellen Erholung: „Der Druck auf die deutsche Industrie wird eher größer als kleiner. Die konjunkturelle Lage bleibt schwach, geopolitische Spannungen halten an, eine drohende Energiekrise bleibt ein ernstzunehmendes Risiko, und die Konkurrenz durch chinesische Wettbewerber nimmt massiv zu. Zwei Quartale mit leichtem Wachstum sind ein Anfang, aber noch kein Befreiungsschlag. Und leider gilt nach wie vor: Ohne eine spürbare Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und eine deutliche konjunkturelle Aufhellung wird der Arbeitsplatzabbau weitergehen.“