Stuttgart (10.7.26) – Die staatliche Elektroprämie hat im zweiten Quartal den Absatz von Elektroautos in Deutschland kräftig angeschoben und für einen Rekordabsatz gesorgt – doch das milliardenschwere Förderprogramm kommt zurzeit vor allem ausländischen Herstellern zugute. Denn während die Elektro-Neuzulassungen im zweiten Quartal um 54 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zulegten und mit knapp 208.400 neu zugelassenen E-Autos den höchsten je gemessenen Quartalswert erreichten, verliert die deutsche Autoindustrie insgesamt weiter Marktanteile.
Der Absatz von Elektroautos der deutschen Autokonzerne stieg im zweiten Quartal zwar in Summe um 31 Prozent, der gemeinsame Marktanteil der deutschen Autobauer schrumpfte aber um fast zehn Prozentpunkte von 63,1 auf 53,9 Prozent. Chinesische Hersteller konnten hingegen um 64 Prozent zulegen, ihr Marktanteil stieg von 9,3 auf 9,9 Prozent. Die übrigen ausländischen Hersteller – darunter vor allem Tesla – konnten ihren Elektroautoabsatz in Deutschland sogar um 101 Prozent steigern und den Marktanteil von 27,6 auf 36,2 Prozent erhöhen.
Seit Jahresbeginn geht der Marktanteil der deutschen Autokonzerne im Elektrosegment fast kontinuierlich zurück. Lag er im Januar noch bei 61 Prozent, schrumpfte er bis Juni auf nur noch 51 Prozent. Das zeigt eine aktuelle Analyse von EY auf Basis der Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA).
„Die staatliche Kaufprämie für Elektroautos, deren Effekte seit Februar deutlich werden, wirkt aktuell als massiver Booster für den Absatz von E-Autos in Deutschland“, sagt Constantin M. Gall, Global Aerospace, Defence and Mobility Industry Practice Leader bei EY. „Der Marktanteil von Elektroautos ist binnen eines Jahres um zehn Prozentpunkte in die Höhe geschnellt, nie zuvor wurden in einem Quartal in Deutschland so viele Elektroautos neu zugelassen. Die Förderung wirkt also: Die Prämie pusht den Hochlauf der Elektromobilität.“
Allerdings gibt Gall zu bedenken: „Zum einen muss uns klar sein, dass es sich in erster Linie um ein steuerfinanziertes Marktwachstum handelt. Denn es ist vor allem die staatliche Elektroprämie, die derzeit zu zusätzlichen Neuwagenkäufen führt und den Markt anschiebt. Allerdings ist das Budget für die Prämie begrenzt. Angesichts knapper öffentlicher Kassen ist eine Verlängerung der Prämie unwahrscheinlich. Und wenn es keine staatliche Unterstützung mehr gibt, wird der E-Auto-Markt einbrechen, wie wir es schon bei früheren Elektro-Prämien erlebt haben.“
Zudem kritisiert Gall, dass zurzeit ausländische Hersteller überproportional von der Förderung profitieren: „Es sind aktuell die ausländischen Marken, die am dynamischsten wachsen, während die deutschen Autobauer Marktanteile verlieren.“
Unter den Top-10-Konzernen verzeichnete Tesla mit einem Plus von 305 Prozent im zweiten Quartal das stärkste Wachstum, dahinter liegt die Allianz aus Renault, Nissan und Mitsubishi mit einem Plus von 187 Prozent und Mercedes-Benz mit 122 Prozent.
Zum Vergleich: Bei BMW lag das Wachstum bei 56 Prozent, der Volkswagen-Konzern legte um 12 Prozent zu. Im Konzernranking bleibt der Volkswagen-Konzern mit knapp 69.300 Elektro-Neuzulassungen unangefochtener Spitzenreiter, dahinter liegt BMW vor Stellantis.
Die zentralen Treiber des Absatzwachstums einiger ausländischer Marken sei die aggressive Preissetzung und das deutlich größere Angebot günstigerer Elektroautos, so Gall: „Während deutsche Hersteller im Preissegment unterhalb von 25.000 Euro nicht vertreten sind, bieten etwa chinesische Anbieter genau dort inzwischen E-Autos mit sehr guten technischen Daten an“. Gerade dieses Einstiegssegment sei entscheidend, „denn hier sitzt die Kernzielgruppe der Förderung – preissensible Käufer mit niedrigerem Einkommen, für die der staatliche Zuschuss häufig kaufentscheidend ist“. Wie stark die Prämie den Privatmarkt bewegt, zeigen die aktuellsten KBA-Daten: So stiegen die Elektro-Neuzulassungen auf Privatpersonen im Mai um 106 Prozent, jene auf Unternehmen nur um 21 Prozent.
Gall fasst zusammen: „Wir finanzieren gerade mit Steuergeldern das Wachstum ausländischer E-Auto-Marken auf dem deutschen Absatzmarkt.“ Für die deutschen Konzerne entstehe ein doppelter Druck: „Einerseits verlieren heimische Hersteller im geförderten Volumenmarkt Marktanteile, andererseits droht eine Verfestigung dieser Verschiebung, wenn Autokäufer frühzeitig an neue Marken gebunden werden.“
Gerade chinesischen Herstellern gegenüber sind viele Neuwagenkäufer in Deutschland aktuell noch eher skeptisch, sagt Jan Sieper, Partner Automotive bei EY-Parthenon – umso bemerkenswerter sei das starke Absatzwachstum einiger chinesischer Marken: „In der Vergangenheit waren hatten es neue Automarken in Deutschland eher schwer, die Markenbindung ist traditionell relativ stark, was vor allem den deutschen Marken zugutekam. Mit der aktuellen Offensive der chinesischen Marken in Europa und auch in Deutschland könnte diese Regel aber ins Wanken geraten. Denn die chinesischen Autobauer investieren viel in ihren Markteintritt hierzulande. Dazu zählt – neben Fahrzeugen mit teils beeindruckenden technischen Spezifikationen – auch der Aufbau eines landesweiten Vertriebs- und Servicenetzes, was sehr kostenintensiv ist. Wir sehen auch mehr Vertriebskooperationen mit etablierten westlichen Herstellern.“ Die Weichen seien klar auf Wachstum gestellt, sagt Sieper, der mit einem weiter steigenden Marktanteil der chinesischen Autohersteller in Deutschland rechnet: „Die etablierten Hersteller müssen sich warm anziehen. Die finanzkräftigen und sehr innovativen chinesischen Unternehmen setzen die etablierten Autokonzerne unter Druck. Die Kunden können sich freuen: Das Innovationstempo wird hoch bleiben und der Preiskampf wird vorerst anhalten“.
Modell- und Markenranking: Deutsche Konzerne weiter in Führung
Im Markenranking behauptet Volkswagen mit etwa 25.600 neu zugelassenen Elektroautos trotz eines Absatzrückgangs um fünf Prozent den ersten Platz. BMW (plus 55 Prozent) und Skoda (plus 43 Prozent) folgen auf den Plätzen zwei und drei vor Tesla (plus 305 Prozent) und Mercedes (plus 114 Prozent). Keine chinesische Marke schaffte es im ersten Quartal unter die Top 10-Elektromarken in Deutschland.
Im Modellranking liegt das Tesla Model Y dank eines Wachstums von 263 Prozent knapp vor dem ID.3 von Volkswagen (plus 19 Prozent) und dem Skoda Elroq (plus 29 Prozent). Der Vorjahresspitzenreiter, der ID.7 rutscht auf Platz sechs ab.
Immerhin: Von den 15 meistzugelassenen Elektroautos stammen 13 von den deutschen Autokonzernen – daneben kann sich Tesla mit dem Model Y (Rang 1) und dem Model 3 (Rang 8) platzieren. Das erfolgreichste chinesische Elektroauto war im zweiten Quartal der Leapmotor mit T03 3.100 Neuzulassungen auf Rang 20.
Lichtblick: Flottengeschäft und neue Modelle
Positive Signale sieht Gall im gewerblichen Segment: „Bei Dienstwagen liegen die deutschen Autokonzerne mit großem Abstand vorn. Wenn die Unternehmensflotten relativ kurzfristig elektrifiziert werden müssen, werden davon die deutschen Autobauer voraussichtlich besonders stark profitieren. Da kommen etwa die neuen 800-Volt-Modelle der deutschen Konzerne gerade zur rechten Zeit.“ Der Markterfolg der Modelle der neuesten Generation zeige zudem, dass die deutschen Konzerne sich zum einen technisch an der Weltspitze behaupten könnten und dass dies zum anderen von den Kunden auch honoriert werde: „Es hat etwas gedauert, aber inzwischen spielen die deutschen Autokonzerne bei Elektroautos wieder ganz vorn mit.“
Aber auch im niedrigeren Preissegment tue sich etwas, ergänzt Sieper: „Aktuell kommen neue, attraktive Modelle im Kleinwagensegment auf den Markt, mit denen sichergestellt sein wird, dass die deutsche Automobilindustrie auch den Kunden mit kleinerem Geldbeutel ein Angebot machen kann. Der Erfolg dieser neuen elektrischen Kleinwagen wird mit darüber entscheiden, ob die Marktanteilsverluste der deutschen Autobauer gestoppt werden können.“