Stuttgart (4.11.26) – Die Nachfrage nach Elektroautos in Deutschland bleibt hoch. Rückenwind kommt von der Elektroprämie und den hohen Spritpreisen. Im Oktober wurden insgesamt 1,7 Prozent mehr Pkw neu zugelassen als vor einem Jahr, bei den E-Autos betrug das Plus sogar knapp 80 Prozent. Reine Benziner und Diesel verloren dagegen weiter an Boden: Ihre Neuzulassungen gingen um 34 Prozent zurück.
Der Elektro-Marktanteil kletterte im Vergleich zum Vorjahresmonat von 21,0 auf 37,0 Prozent – anteilig wurden in Deutschland noch nie so viele elektrische Neuwagen zugelassen. Bei den Plug-in-Hybriden, die ebenfalls gefördert werden, lief es dagegen schwächer: Ihre Neuzulassungen gingen um 7,9 Prozent zurück, der Marktanteil sank von 12,4 auf 11,2 Prozent. Zusammengenommen kamen E-Autos und Plug-in-Hybride auf 48 Prozent der Neuzulassungen. Fast jeder zweite neue Pkw hat damit einen Ladestecker.
Constantin M. Gall, Global Aerospace, Defence and Mobility Industry Practice Leader bei EY, sieht vor allem die Förderung als Treiber: „Der Markt läuft – aber er läuft vor allem wegen der Prämie. Daran wird sich in den nächsten Monaten auch nichts ändern, denn der Fördertopf ist noch längst nicht ausgeschöpft. Spannend wird es, wenn das Geld nicht mehr fließt. Ich gehe davon aus, dass die Elektro-Zulassungen dann wieder deutlich einbrechen, so wie 2024, nachdem die Förderung im Dezember 2023 gestoppt worden war. Ob wir gerade einen echten Trend erleben oder ein Strohfeuer, das mit Steuergeld angefacht wird, ist für die Hersteller keine akademische Frage. Denn davon hängt ab, wo und wie viel sie investieren.“
Getragen wird das Elektro-Wachstum derzeit vor allem von Privatleuten – also genau von denjenigen, die die Prämie bekommen. Privatkunden ließen im September 171 Prozent mehr E-Autos zu als ein Jahr zuvor. Bei Unternehmen, die nicht förderberechtigt sind, fiel das Plus mit 53 Prozent deutlich kleiner aus. Der Anteil der Privatkunden an den Elektro-Neuzulassungen stieg dadurch von 41 auf 53 Prozent. „Wir erleben gerade eine erhebliche Verschiebung im Markt – zwischen den Herstellern und zwischen den Antrieben. Die Frage ist, ob diese Verschiebungen temporär oder dauerhaft sind“, fasst Gall zusammen.
Mit Blick auf die Politik kritisiert Gall die nach wie vor bestehenden Unsicherheiten in Bezug auf die Rahmenbedingungen: „Erst gibt es eine Prämie, dann wieder nicht, dann kommt sie zurück – vorübergehend. Das Verbrenner-Aus kommt, dann doch nicht. So kann kein Hersteller vernünftig planen. Wer Milliarden in Werke, Batterien und Lieferketten steckt, muss sich darauf verlassen können, dass die Regeln nicht alle paar Jahre umgeworfen werden.“
Deutsche Hersteller verlieren weiter an Boden, chinesische Konzerne wachsen kräftig
Seit Monaten geht der Zuwachs auf dem deutschen Neuwagenmarkt vor allem an ausländische Anbieter, während die deutschen Konzerne nach und nach Marktanteile abgeben. Im Oktober war das nicht anders: Ihr Anteil auf dem Heimatmarkt lag mit 59,8 Prozent um 2,9 Prozentpunkte unter dem Vorjahresmonat. Im September hatte das Minus bei 4,8 Prozentpunkten gelegen. Die Neuzulassungen der deutschen Konzernmarken gingen um 2,9 Prozent zurück, während der Gesamtmarkt um 1,7 Prozent wuchs.
Am stärksten legten erneut die chinesischen Hersteller zu: Sie steigerten ihren Absatz im Oktober um 63 Prozent, ihr Marktanteil stieg von 5,2 auf 8,4 Prozent – und lag damit auf dem Rekordniveau des Vormonats. Ein Ende des Aufwärtstrends bei den chinesischen Herstellern ist nicht in Sicht, zumal sie überdurchschnittlich stark von der Elektro-Prämie profitieren.
Gall: „Die Chinesen haben ihre Hausaufgaben gemacht. Die ersten Modelle, die nach Europa kamen, haben oft nicht so recht zu dem gepasst, was die Kunden hier wollen. Das ist inzwischen anders. Beim Preis-Leistungs-Verhältnis sind manche Modelle kaum zu schlagen. Und gerade bei günstigen Einstiegs- und Volumenmodellen haben die etablierten Hersteller Lücken gelassen, in die die chinesischen Marken jetzt hineinstoßen. So holen sie sich in Deutschland und Europa Stück für Stück Marktanteile.“
Ihre Stärke haben die chinesischen Marken bisher vor allem bei günstigeren Autos. Darauf sollte sich aber niemand ausruhen, sagt Gall: „Momentan gewinnen die Chinesen vor allem dort, wo der Kunde sehr genau auf den Preis schaut. Beim Design, bei der Marke, bei Tradition, Kundenbindung und Restwerten haben sie noch Nachholbedarf. Da liegen gerade die deutschen Premiumhersteller vorn. Dass das so bleibt, ist aber keineswegs ausgemacht.“
Ausblick: Prämie stützt, Konjunktur bremst
Die Elektro-Prämie dürfte den Verkauf von E-Autos auch in den nächsten Monaten ankurbeln. Gall rechnet zudem mit Impulsen durch neue elektrische Kleinwagen: Sie stoßen bei Kunden auf großes Interesse, und weil sie vergleichsweise günstig sind, macht die Prämie bei ihnen einen besonders großen Teil des Kaufpreises aus. Darüber hinaus sieht er aber wenig, was den Markt antreiben könnte: „Ohne die Prämie sähe es ziemlich mau aus. Die Wirtschaft kommt nicht in Schwung, Unternehmen investieren zurückhaltend, und viele Menschen haben Angst um ihren Job oder fragen sich, wohin die deutsche Wirtschaft steuert. In so einer Stimmung kauft man sich nicht so leicht ein neues Auto.“