Berlin (5.8.26) – Der Rückgang der Industriebeschäftigung in Deutschland fällt deutlich geringer aus, als Branchenstatistiken auf den ersten Blick vermuten lassen. Zwar gingen zwischen 1975 und 2019 rund 1,5 Millionen Industriearbeitsplätze im Verarbeitenden Gewerbe verloren. Gleichzeitig entstanden jedoch gut eine Million vergleichbare produktionsnahe Stellen im Dienstleistungssektor. Damit wurden rund zwei Drittel der weggefallenen Industriearbeitsplätze durch ähnliche Tätigkeiten im Dienstleistungssektor ersetzt. Für viele Beschäftigte fallen die Einkommensverluste bei einem Arbeitsplatzwechsel gering aus, sofern sie ihre beruflichen Kompetenzen weiter anwenden können. Das sind zentrale Ergebnisse eines Wochenberichts des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

„Wenn Beschäftigte ihren Arbeitsplatz in der Industrie verlieren, ist für sie nicht in erster Linie entscheidend, ob sie weiter in der Industrie oder stattdessen im Dienstleistungssektor arbeiten, sondern ob sie ihren Beruf und ihre beruflichen Kompetenzen auf einer neuen Stelle weiter einbringen können“, sagt Thilo Kroeger aus der Abteilung Unternehmen und Märkte des DIW Berlin, der die Studie gemeinsam mit Dominik Boddin von der Deutschen Bundesbank erstellt hat.
Bisher werden Aussagen über den Strukturwandel meist getroffen, indem Beschäftigte nach Wirtschaftszweigen betrachtet werden. Dieser Ansatz unterstellt implizit, dass alle Beschäftigten in einem Industriebetrieb in der Produktion arbeiten und alle Beschäftigten in Dienstleistungsunternehmen Dienstleistungen erbringen, unabhängig von der konkreten Aufgabe. Dem ist aber nicht so. Kroeger und Boddin haben stattdessen zwei repräsentative Datensätze des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) genutzt, die auf Sozialversicherungsdaten basieren und einen Blick auf konkrete Berufe und Tätigkeiten erlauben. Sie nahmen dabei Arbeitsplatzverluste in der Industrie in Form von Massenentlassungen unter die Lupe, da diese nicht auf Entscheidungen oder Leistungen einzelner Beschäftigter zurückgehen.
Die Studie zeigt, dass in der Produktion von 1975 bis 2019 netto rund 500 000 Arbeitsplätze verloren gegangen sind – immer noch eine erhebliche Zahl, aber deutlich weniger als die rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze in der Abgrenzung nach Branchen. „Ein erheblicher Teil produktionsnaher Jobs verschwindet entgegen der Wahrnehmung also gar nicht“, resümiert Studien-Co-Autor Boddin. Einkommensverluste nach einem Arbeitsplatzwechsel entstehen demnach vor allem dann, wenn Beschäftigte nicht nur den Arbeitgeber oder die Branche, sondern auch ihren Beruf wechseln. Üben ehemalige Industriebeschäftigte nach dem Wechsel in den Dienstleistungssektor weiterhin vergleichbare produktionsnahe Tätigkeiten aus, beispielsweise als Elektriker, sinken ihre Löhne – bereinigt um betriebsspezifische Lohnunterschiede – langfristig lediglich um durchschnittlich 0,5 Prozent. Wechseln sie zugleich in einen Dienstleistungsberuf, liegt ihr Gehalt fortan um rund 17 Prozent niedriger.
Aus Sicht der Autoren sollte der wirtschaftliche Strukturwandel stärker aus der Perspektive von Berufen und Kompetenzen betrachtet werden. Entscheidend sei, Beschäftigte frühzeitig dabei zu unterstützen, ihre Fähigkeiten auch in anderen Unternehmen und Wirtschaftszweigen einzusetzen. Neben der Politik, Arbeitsagenturen und Sozialpartnern seien dabei auch die Unternehmen selbst gefordert. Gefährdete Beschäftigte – aktuell etwa in der Automobilwirtschaft, dem Maschinenbau und der Metallverarbeitung – sollten frühzeitig beim Übergang in vergleichbare Tätigkeiten begleitet werden. Weiterbildung und Qualifizierung sollten an vorhandenen Kompetenzen ansetzen und den Wechsel in nachgefragte Tätigkeiten erleichtern.
Einen pauschalen Abbau von Beschäftigungsschutz sehen die Autoren hingegen nicht als richtigen Ansatz. „Stabile Beschäftigungsverhältnisse bedeuten Verlässlichkeit und erleichtern damit Qualifikationsentscheidungen“, sagt DIW-Ökonom Kroeger. Die Ausweitung der sachgrundlosen Befristung könne dort sinnvoll sein, wo Investitionen sonst ausbleiben würden – sie sollte aber auf neu geschaffene Stellen in Transformationsprojekten begrenzt bleiben, die im Erfolgsfall in entfristete Beschäftigungsverhältnisse übergehen.