Ernst & Young EY: DAX-Konzerne bauen im europäischen Vergleich die meisten Stellen ab

Stuttgart (25.9.26) – Deutschlands Top-Unternehmen bauen Stellen ab – sowohl im In- als auch im Ausland. Insgesamt sank die Zahl der Beschäftigten bei den DAX-Unternehmen weltweit um rund 46.000 bzw. 1,2 Prozent – von 3,86 Millionen auf 3,81 Millionen. Damit schneiden die deutschen Konzerne deutlich schlechter ab als die Unternehmen aus Frankreich, Italien und Spanien. Zum Vergleich: Bei den französischen Top-Unternehmen ging die Beschäftigung lediglich um 0,2 Prozent zurück. Die italienischen und spanischen Unternehmen legten dagegen jeweils um 0,9 Prozent zu – in Italien um rund 10.900 Beschäftigte, in Spanien um rund 11.600.

Auch am Heimatstandort stehen die DAX-Konzerne unter Druck: In Deutschland reduzierten sie ihre Belegschaft um 1,0 Prozent. Nur die französischen Unternehmen bauten am Heimatstandort noch stärker Stellen ab – dort sank die Beschäftigung um 1,4 Prozent. Die spanischen Unternehmen stellten im Inland hingegen zusätzliche Beschäftigte ein: plus 1,8 Prozent.

Noch stärker als im Inland schrumpfte die Belegschaft der DAX-Konzerne im Ausland: um 1,3 Prozent und damit stärker als bei den französischen und spanischen Top-Unternehmen. Die italienischen Unternehmen schufen im Ausland sogar neue Stellen: plus 1,9 Prozent.

Die Analyse zeigt zugleich: Der Stellenabbau konzentriert sich besonders stark auf die großen Unternehmen. Europaweit stieg die Beschäftigung bei kleineren Unternehmen mit weniger als 25.000 Beschäftigten um 0,7 Prozent. Unternehmen mit mehr als 100.000 Beschäftigten reduzierten ihre Belegschaften dagegen um 0,3 Prozent, mittelgroße Unternehmen um 0,4 Prozent.

In Deutschland ist dieser Effekt besonders ausgeprägt: Unter den kleineren DAX-Unternehmen erhöhte eine klare Mehrheit von 69 Prozent die Beschäftigung; in dieser Gruppe stieg die weltweite Beschäftigung um 3,5 Prozent. Bei den sehr großen deutschen Konzernen mit mehr als 100.000 Beschäftigten war das Bild dagegen umgekehrt: 69 Prozent reduzierten ihre Belegschaften – in Summe um 1,1 Prozent.

Das sind Ergebnisse des EY-Parthenon Employment Barometers 2026, für das die Nachhaltigkeitsberichte von 155 börsennotierten Top-Unternehmen aus Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien ausgewertet wurden. Untersucht wurden die Unternehmen aus den vier großen kontinentaleuropäischen Leitindizes DAX 40, CAC 40, FTSE MIB 40 und IBEX 35.

„Die Beschäftigungsentwicklung bei den europäischen Top-Konzernen steht nicht vor einem abrupten Einbruch, aber die Richtung ist klar: Vor allem die großen Unternehmen konsolidieren – und Deutschland ist davon besonders stark betroffen“, sagt Constantin Gall, EY-Parthenon Managing Partner für die Region Europe West

„Die DAX-Konzerne verzeichnen im Ländervergleich den deutlichsten Beschäftigungsrückgang. Das ist ein ernstes Signal für den Standort Deutschland: Die Kombination aus schwacher Konjunktur, hohen Kosten, Überregulierung, internationalem Wettbewerbsdruck und strukturellem Transformationsbedarf schlägt sich zunehmend auch in den Beschäftigungszahlen von Deutschlands Vorzeigeunternehmen nieder.“

Deutschland Schlusslicht im Ländervergleich 

Besonders auffällig ist der Abstand zwischen Deutschland und den südeuropäischen Ländern. Zum einen reduzierten die deutschen Unternehmen ihre weltweite Beschäftigung um 1,2 Prozent, während italienische und spanische Unternehmen die Zahl ihrer Beschäftigten jeweils um 0,9 Prozent erhöhten. Aber auch beim Anteil der Unternehmen mit Beschäftigungswachstum schneiden die DAX-Konzerne schwächer ab: Zwar erhöhte noch eine knappe Mehrheit von 54 Prozent der deutschen Unternehmen ihre weltweite Beschäftigung. Bei den italienischen und spanischen Unternehmen lag dieser Anteil jedoch jeweils bei 65 Prozent, bei den französischen bei 55 Prozent.

„Wir haben in Deutschland viele Industriekonzerne, die in den vergangenen Jahrzehnten eine enorme weltweite Präsenz aufgebaut haben, auf zahlreichen Auslandsmärkten aktiv sind und am Heimatstandort in großem Umfang Verwaltungsfunktionen etabliert haben – und hierzulande zugleich in großem Stil produzieren“, sagt Gall. Immerhin 37 Prozent der weltweit bei den DAX-Konzernen Beschäftigten arbeiten in Deutschland.

Dieses Geschäftsmodell – von Deutschland aus weltweite Aktivitäten zu steuern, Forschung und Entwicklung am Heimatstandort vorzuhalten und zugleich in großem Umfang von Deutschland aus ins Ausland zu exportieren – sei in den vergangenen Jahren massiv unter Druck geraten, so Gall: „Die deutschen Konzerne haben lange erheblich von freiem Welthandel, offenen Märkten, niedrigen Energiekosten und einer regelbasierten Weltwirtschaftsordnung profitiert. Hohe Gewinne haben allerdings auch ermöglicht, dass ineffiziente Strukturen entstanden sind, Verwaltungsapparate zu groß wurden und zu viele Managementebenen eingezogen wurden. Das rächt sich heute: Bei Schnelligkeit, Innovationskraft und Kosteneffizienz haben andere Nationen inzwischen häufig die Nase vorn.“

Besonders betroffen seien die sehr großen Konzerne mit starker weltweiter Präsenz. „Gerade die Weltkonzerne leiden darunter, dass sich wichtige Auslandsmärkte abschotten, eine nationalistische Wirtschaftspolitik betreiben und eigene Player aufbauen. Asiatische Wettbewerber nehmen großen deutschen Industriekonzernen Marktanteile ab, weil sie oft schneller und günstiger sind“, so Gall.

Dass deutsche Konzerne sowohl im Inland als auch im Ausland Stellen abbauen, erklärt Gall mit mehreren parallelen Entwicklungen: „Im Inland wird Personal abgebaut, um effizienter und schlanker zu werden. Im Ausland fallen Stellen weg, weil der Absatz auf wichtigen Märkten unter Druck steht. Sollte sich die geopolitische Lage beruhigen und die Weltkonjunktur wieder anspringen, dürfte das eher zu einem Stellenaufbau im Ausland führen. Am Standort Deutschland wird das so nicht passieren. Hier werden – und müssen – die großen Konzerne dringend schlanker werden. Die Großkonzerne waren lange der Wohlstandsmotor des Standorts Deutschland. Jetzt sind es gerade diese Unternehmen, die besonders massiv Stellen abbauen.“

„Es geht heute für viele Großkonzerne nicht mehr in erster Linie um Verlagerung, sondern um strukturelle Konsolidierung“, fasst Gall zusammen. „Viele Konzerne stellen derzeit ihre globalen Aufstellungen infrage – und prüfen sehr genau, welche Funktionen sie künftig noch in welchem Umfang und an welchen Standorten benötigen, und wo investiert wird – und wo nicht.“

Europa verliert Beschäftigung – Nordamerika und Asien legen zu 

Auch regional zeigt sich ein deutliches Muster: Europa bleibt mit einem Anteil von 60 Prozent an der Gesamtbeschäftigung zwar der wichtigste Beschäftigungsstandort der untersuchten Unternehmen. Zugleich gingen dort aber besonders viele Jobs verloren: Die Zahl der Beschäftigten in Europa sank über alle untersuchten Unternehmen hinweg um 1,1 Prozent. In Nordamerika stieg sie dagegen um 0,5 Prozent, in der Region Asien-Pazifik um 0,2 Prozent. 

„Die Beschäftigungsentwicklung ist ein Indikator dafür, wohin Investitionen und Wachstumsperspektiven künftig wandern dürften“, sagt Gall. „Europa bleibt für die großen Unternehmen wichtig, verliert aber an Dynamik. Nordamerika und Asien-Pazifik entwickeln sich robuster.“

Industrie unter Druck – Rüstung und Kapitalgüter wachsen 

Die Beschäftigungsentwicklung unterscheidet sich stark nach Branchen. Von den untersuchten 19 Branchen verzeichneten zehn ein Beschäftigungswachstum. Am stärksten wuchs die Luft- und Raumfahrt- sowie Verteidigungsindustrie mit einem Plus von 4,3 Prozent. Auch Kapitalgüterhersteller und IT-Unternehmen entwickelten sich positiv. 

Deutlich unter Druck standen dagegen vor allem Konsumgüterunternehmen und Pharma-/Life-Sciences-Unternehmen. Im Bereich Konsumgüter sank die Beschäftigung um 4,5 Prozent, in Pharma/Life Sciences um 4,0 Prozent. In der Automobilindustrie zeigt sich zudem eine klare Verschiebung: Am Heimatstandort sank die Beschäftigung um rund vier Prozent, während sie im Ausland um rund ein Prozent zunahm.

„Die Entwicklung folgt keiner einheitlichen Branchenlogik“, sagt Martin Gerber, EY-Parthenon COO für die Region Europe West. „Rüstungsunternehmen profitieren von steigenden Verteidigungsbudgets und vollen Auftragsbüchern. In anderen Branchen, etwa im Automobilsektor, in der Chemie oder bei Konsumgütern, ist der Kostendruck erheblich. Gerade kapitalintensive Industrien an Hochkostenstandorten stehen vor der Frage, welche Wertschöpfung künftig noch in Europa wettbewerbsfähig erbracht werden kann.“ 

Entscheidend seien dabei nicht die reinen Stundenlöhne, sondern die relativen Kosten, betont Gall: „In einem Hochkostenland wie Deutschland sind die Gehälter nicht nur höher als in den meisten anderen europäischen Ländern und deutlich höher als etwa in China. Weil hierzulande zugleich weniger Stunden gearbeitet wird, erzielen viele Wettbewerber im Ausland eine höhere Produktivität – das setzt einen Standort wie Deutschland zusätzlich unter Druck.“ Hinzu komme ein oft unterschätzter Faktor: „Ein Teil der Regulatorik beim Arbeitsschutz in der Industrie stammt aus einer Zeit, als Fabrikarbeit ein körperlicher Knochenjob war. Vor hundert Jahren waren diese Regeln wichtig und richtig – in Zeiten von Digitalisierung, Automatisierung und Robotern in den Fabriken wirken manche davon wie aus der Zeit gefallen und schaffen zusätzliche Wettbewerbsnachteile.“

Beschäftigungsperspektiven für Deutschland bleiben angespannt 

Für Deutschland sind die Beschäftigungsperspektiven besonders herausfordernd, so Martin Gerber: „Zwar zeigen die Zahlen für 2025 noch keinen flächendeckenden massiven Stellenabbau. Aber: viele Restrukturierungsprogramme dürften erst zeitverzögert in den Beschäftigungszahlen sichtbar werden.“

Hinzu kommen Trends, die in den Vorjahreszahlen noch gar nicht abgebildet sind: So werden die Beschäftigungseffekte von Künstlicher Intelligenz vor allem ab 2027 und 2028 sehr viel deutlicher sichtbar werden – wenn Unternehmen von Pilotprojekten in die breite Anwendung dieser Technologie gehen. „Wir stehen am Anfang einer tiefgreifenden Veränderung, deren Ausmaß den meisten Menschen noch längst nicht bewusst ist“, sagt Gerber. „Viele der großen Personalmaßnahmen, die wir in den vergangenen Jahren beobachtet haben – etwa bei den Autoherstellern oder Banken – wurden bereits vor dem GenAI-Durchbruch geplant oder durch andere Faktoren ausgelöst. Aber das wird sich ändern. KI wird in den kommenden Jahren zu einem der stärksten Transformationstreiber für Industrieunternehmen überhaupt. “

Dabei gehe es nicht nur um Automatisierung in klassischen Verwaltungsbereichen. „KI wird zunehmend auch Forschung, Entwicklung, Engineering, Kundenservice, Einkauf, Supply-Chain-Steuerung und Produktionsplanung verändern“, so Gerber: „Der eigentliche arbeitsmarktseitige KI-Effekt dürfte sich vor allem in den Jahren ab 2027 zeigen – also dann, wenn Unternehmen von Pilotprojekten in die breite Skalierung gehen. Und dann werden wir ohne Zweifel erhebliche Auswirkungen auf die Beschäftigungsstruktur sehen. Diese Transformation wird eine gigantische gesellschaftliche Aufgabe.“

KI sei dabei nicht nur ein Technologiethema, sondern betreffe die gesamte Organisation. Gerber: „KI nur als Effizienztool zu betrachten, greift zu kurz. Es geht um neue Prozesse, neue Rollenprofile, neue Entscheidungswege – und am Ende um die Frage, welche Teile der Wertschöpfung künftig noch mit welcher Personalstruktur erbracht werden.“

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