Düsseldorf (8.7.26) – Zwischen 2021 und 2023 haben Pandemie und Ukrainekrieg die Inflation angefacht und die real verfügbaren Einkommen sinken lassen. Mittlerweile wurde das Minus durch Tariferhöhungen, einen höheren Mindestlohn, Rentenerhöhungen und nachlassende Teuerung zumindest im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt wieder wettgemacht. In der Wahrnehmung der Bevölkerung ist die Situation aber weitaus negativer: Knapp 60 Prozent der Menschen hielten die eigene Kaufkraft Ende 2025 immer noch für geringer als vor dem Inflationsschock. Die Folge sind Sorgen hinsichtlich der künftigen Entwicklung der Lebenshaltungskosten, Zurückhaltung beim Konsum und Misstrauen gegenüber der Bundesregierung. Das geht aus einer Analyse des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung hervor.
Die IMK-Forscher Dr. Jan Behringer und Lukas Endres haben für ihre Untersuchung Daten einer repräsentativen Online-Befragung ausgewertet, an der im November 2025 rund 7.000 Personen zwischen 18 und 75 Jahren teilgenommen haben. Die Stichprobe wurde nach Alter, Geschlecht, Bundesland und Haushaltseinkommen quotiert.
Die Ergebnisse zeigten eine „erhebliche Diskrepanz zwischen wahrgenommener und gemessener Entwicklung der verfügbaren Realeinkommen“, erklären die Ökonomen. Obwohl die inflationsbedingten Einbußen im Durchschnitt schon 2024 wieder ausgeglichen wurden, fühle sich eine Mehrheit immer noch schlechter gestellt. Dass sie sich mehr leisten können als vor fünf Jahren, gaben nur 11 Prozent der Befragten an. 30 Prozent nehmen ihre Kaufkraft als unverändert wahr, 59 Prozent sind überzeugt, real weniger zur Verfügung zu haben.
Ein Grund dafür könnte sein, dass sich insbesondere Güter des täglichen Bedarfs verteuert haben, vermuten die Wissenschaftler. Seit 2020 sind die Preise für Wohnenergie um 47 Prozent, für Lebensmittel und Restaurantbesuche um jeweils über 30 Prozent gestiegen. Tatsächlich empfinden 47 Prozent der Befragten die höheren Kosten für Wohnenergie als eine schwere Belastung. Bei Lebensmitteln beträgt der Anteil 44 Prozent, bei Restaurantbesuchen 42 Prozent. Dass die Preise für viele seltener gekaufte Güter dagegen nur moderat gestiegen sind, fällt offenbar weniger stark auf.
Die Wahrnehmung einer anhaltend verringerten Kaufkraft wirkt sich der Analyse zufolge auf die Erwartungen aus: Große Sorgen hinsichtlich der künftigen Lebenshaltungskosten machen sich 55 Prozent derjenigen, die meinen, sich weniger leisten zu können als vor fünf Jahren. Bei denjenigen, die ihre Kaufkraft als unverändert oder größer wahrnehmen, sind es 16 Prozent beziehungsweise 22 Prozent.
Die Angst vor steigenden Preisen könne Haushalte dazu bewegen, die Konsumausgaben zurückzufahren, um finanzielle Spielräume zu bewahren, so Behringer und Endres. Laut den Umfragedaten plante ein großer Teil der Bevölkerung Ende 2025, also noch vor dem Iran-Krieg, weniger zu konsumieren. Dabei hatten Menschen mit großen Sorgen um die Entwicklung der Lebenshaltungskosten in allen abgefragten Bereichen deutlich häufiger entsprechende Pläne. So wollten etwa 68 Prozent ihre Nachfrage von Waren und Dienstleistungen aus dem Bereich Freizeit, Unterhaltung, Kultur einschränken. Menschen, die sich geringe Sorgen um die Entwicklung der Lebenshaltungskosten machen, hatten zu 38 Prozent diese Absicht, die Sorglosen zu 17 Prozent. Bei Reisen und Tourismus belaufen sich die Anteile auf 67, 39 und 19 Prozent.
Die Verunsicherung wirkt sich auch auf die politische Stimmung aus: Von den Befragten, die ihre Kaufkraft als geschmälert empfanden, waren fast 80 Prozent unzufrieden mit der Arbeit der Bundesregierung, 35 Prozent hatten überhaupt kein Vertrauen in diese Institution. Bei denjenigen mit gefühlt unveränderter Kaufkraft waren es 62 und 16 Prozent, bei denen, die sich mehr leisten zu können meinen, 54 und 12 Prozent.
Alles in allem, so das Fazit der Forscher, lieferten die Ergebnisse eine mögliche Erklärung dafür, dass der private Konsum trotz wiederhergestellter Realeinkommen immer noch schwächelt. Und sie zeigten, wie wichtig frühzeitige und gezielte Maßnahmen zur Begrenzung starker Preissteigerungen sind. Und zwar insbesondere bei Gütern des täglichen Bedarfs, die für die Wahrnehmung der eigenen Kaufkraft besonders relevant sind. Aktuell gelte das etwa für die Kraftstoffpreise, die infolge des Iran-Kriegs deutlich zugelegt haben.