DIW: Staatliche Investitionen stabilisieren Wirtschaft im Euroraum deutlich wirksamer als Steuersenkungen

Berlin (12.8.26) – Öffentliche Investitionen und Staatskonsum stabilisieren die Wirtschaft eines Mitgliedslandes des Euroraums kurzfristig deutlich stärker als Steuersenkungen. Das zeigt eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Die gemeinsame Geldpolitik im Euroraum verstärkt die positiven Effekte fiskalischer Maßnahmen einzelner Länder. Für ihre Untersuchung kombinieren die Studienautoren Gökhan Ider und Malte Rieth aus der Abteilung Makroökonomie ein Modell für eine typische Volkswirtschaft des Euroraums mit empirischen Analysen der Mitgliedstaaten auf Basis von Eurostat-Daten. Das Ergebnis: Jeder zusätzliche Euro an staatlichen Ausgaben erhöht das Bruttoinlandsprodukt demnach im ersten Jahr um bis zu 1,30 Euro. Steuersenkungen erzielen dagegen lediglich einen Effekt von bis zu 40 Cent je Euro.

Die Infografik des DIW Wochenberichts 33/2026 zeigt die Auswirkungen fiskalpolitischer Maßnahmen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Euroraum. Im Mittelpunkt steht ein Liniendiagramm mit zwei Kurven, das die Veränderung des BIP in Euro nach einer Erhöhung staatlicher Ausgaben beziehungsweise einer Senkung von Steuern um jeweils einen Euro darstellt. Die horizontale Achse bildet den Zeitraum von null bis vier Jahren nach Einführung der Maßnahme ab, die vertikale Achse die Veränderung des BIP. Die Kurve für Staatsausgaben steigt deutlich stärker an als die für Steuersenkungen. Hervorgehobene Werte zeigen, dass Investitionen und Staatskonsum Effekte von 1,4 beziehungsweise 1,3 Euro auf das BIP erzielen, während Konsumsteuern und Einkommensteuern mit 0,3 beziehungsweise 0,2 Euro deutlich geringere Effekte aufweisen. Die zentrale Aussage lautet, dass Ausgabenerhöhungen im Euroraum einen deutlich höheren Einfluss auf das BIP haben als Steuersenkungen. Quelle: Eurostat und eigene Berechnungen.

Grafik: DIW

Gemeinsame Geldpolitik verändert die Wirkung nationaler Fiskalpolitik

„Die gemeinsame Geldpolitik verändert die Spielregeln der Fiskalpolitik im Euroraum. Weil die Europäische Zentralbank auf fiskalische Maßnahmen einzelner Mitgliedstaaten in der Regel nicht reagiert, werden nationale Ausgabenprogramme nicht durch Zinserhöhungen gebremst“, erklärt Studienautor Ider. Gleichzeitig profitieren Steuersenkungen, die tendenziell deflationär wirken, nicht von einer möglichen geldpolitischen Lockerung, die ihre Wirkung zusätzlich verstärken würde. „In einer Währungsunion wie dem Euroraum wirken insbesondere fiskalpolitische Ausgabenmaßnahmen viel stärker als in Ländern mit eigener Geldpolitik wie den USA“, ergänzt Ko-Autor Rieth.

Investitionen und Staatskonsum wirken über unterschiedliche Kanäle

Öffentliche Investitionen und Staatskonsum erhöhen die Wirtschaftsleistung zwar beide stärker als Steuersenkungen, entfalten ihre Wirkung jedoch auf unterschiedliche Weise. Öffentliche Investitionen regen vor allem private Investitionen an und bauen zugleich den öffentlichen Kapitalstock – etwa durch Investitionen in Infrastruktur – aus. Dadurch können sie nicht nur die Nachfrage kurzfristig erhöhen, sondern auch die Produktionskapazitäten der Wirtschaft stärken. Ein höherer Staatskonsum kurbelt dagegen insbesondere den privaten Konsum an. Steuerentlastungen steigern die private Nachfrage insgesamt deutlich schwächer und ihre Wirkung hält kürzer an: Nach vier Jahren ist ihre Wirkung nahezu verpufft, während der Fiskalmultiplikator für Staatsausgaben immer noch bei rund eins liegt.

Kurzfristige Vorteile gegen langfristige Risiken abwägen

„Insbesondere zur kurzfristigen Stabilisierung der Wirtschaft sind gut ausgestaltete Ausgabenmaßnahmen das wirksamere Instrument“, so Ider. „Gleichzeitig müssen die Regierungen die langfristigen Folgen für Staatsfinanzen und Wachstum im Blick behalten.“ Höhere Staatsausgaben oder geringere Steuereinnahmen können die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen beeinträchtigen und das langfristige Wirtschaftswachstum schwächen. Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, dass die Ergebnisse vor allem für fiskalpolitische Maßnahmen einzelner Mitgliedstaaten gelten. Würden viele Länder des Euroraums ihre Ausgaben gleichzeitig ausweiten, könnte dies eine geldpolitische Reaktion der Europäischen Zentralbank auslösen und die Wirkung der Ausgabenmaßnahmen abschwächen.

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