Stuttgart (22.7.26) – Knapp 5,3 Milliarden Euro erhielten deutsche Jungunternehmen in den vergangenen sechs Monaten – 14 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, als etwa 4,6 Milliarden Euro an Risikokapital gesammelt werden konnten. Ein Novum: In Berlin, Baden-Württemberg und Bayern erhielten Startups aus drei Bundesländern jeweils mehr als eine Milliarde Euro. Besonders viel Geld floss im vergangenen Halbjahr an Jungunternehmen aus der Bundeshauptstadt: Hier wurden insgesamt fast 1,7 Milliarden Euro investiert (plus zehn Prozent). Direkt dahinter folgt Baden-Württemberg: Startups aus Südwestdeutschland erhielten knapp 1,6 Milliarden Euro Risikokapital – eine Steigerung von 475 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, die vor allem wegen eines Megadeals in Höhe von 1,2 Milliarden Euro (Neura Robotics, Hardware/Robotics) so hoch ausfällt. Auf Rang drei folgt Bayern: Die Jungunternehmen des Freistaats sammelten mehr als 1,1 Milliarden Euro ein (minus 46 Prozent). In drei weiteren Bundesländern erhielten Startups jeweils Millionensummen im dreistelligen Bereich: Hessen (239 Millionen Euro, plus 141 Prozent), Brandenburg (210 Millionen Euro, plus 453 Prozent) und Nordrhein-Westfalen (167 Millionen Euro, minus 58 Prozent).
Während das investierte Risikokapital damit deutlich stieg, ging die Anzahl der Deals im ersten Halbjahr 2026 bundesweit erneut zurück. Insgesamt gab es 354 Abschlüsse – ein Minus von elf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die meisten Finanzierungsrunden wurden im ersten Halbjahr 2026 in Berlin (95 Abschlüsse, minus 30 Prozent) gezählt, dicht dahinter folgt Bayern (93, plus 21 Prozent). Für Nordrhein-Westfalens Jungunternehmen wurden im ersten Halbjahr 2026 46 Abschlüsse gezählt, elf weniger als im Vorjahr (minus 19 Prozent).
Das zeigt das Startup-Barometer von EY-Parthenon, der Strategie- und Transaktionsberatung der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young). Die Studie basiert auf einer Analyse der Investitionen in deutsche Startups.
Dr. Thomas Prüver, Partner bei EY-Parthenon: „Der deutliche Anstieg des investierten Kapitals ist grundsätzlich ein positives Signal für das Startup-Ökosystem in Deutschland. Er darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Finanzierungssituation für viele Jungunternehmen hierzulande weiterhin schwierig gestaltet. Investoren setzen zunehmend auf wenige große Startups und vermeintlich sichere Wetten. Die Folge: Junge und kleine Startups haben im Wettbewerb um Kapital häufig das Nachsehen.“ Dies könne sich mittelfristig durchaus negativ auswirken, so Prüver: „Innovation entsteht nicht nur durch einzelne Leuchtturm-Unternehmen, sondern vor allem durch eine breite und lebendige Gründerszene.“ Der Investorenfokus auf sehr große Deals ließ im ersten Halbjahr die Zahl der Großinvestitionen mit einem Volumen von jeweils mehr als 50 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 15 auf 17 steigen. Der Anteil dieser Großtransaktionen am gesamten Investitionsvolumen kletterte von 55 auf 67 Prozent.
Der Blick auf die Branchen zeigt: Technologiegetriebene Startups sind aktuell die Lieblinge der Investoren. Der Bereich Hardware erhielt im ersten Halbjahr 2026 mit mehr als 1,6 Milliarden Euro das meiste Investitionskapital, gefolgt vom Bereich Software & Analytics, der Risikokapital in Höhe von mehr als 1,2 Milliarden Euro auf sich vereinigen konnte. Startups, die im Verteidigungssektor aktiv sind, erhielten im ersten Halbjahr insgesamt 579 Millionen Euro. Auf den Rängen vier und fünf liegen die Sektoren Health und Energy mit Zuflüssen jeweils jenseits der 450-Millionen-Euro-Marke.
Von den zehn größten Deals im ersten Halbjahr entfielen vier auf Startups aus der Hauptstadt: STARK (500 Millionen Euro), Parloa (299 Millionen Euro), Taktile (94 Millionen Euro) und Flink (86 Millionen Euro) konnten allein Risikokapital in Höhe von 979 Millionen Euro für ihre Ziele gewinnen – und damit 58 Prozent der gesamten Investitionen an Hauptstadt-Startups. Baden-Württemberg (Neura Robotics, knapp 1,2 Milliarden Euro und Sereact, 94 Millionen Euro) und Bayern (Isar Aerospace, 270 Millionen Euro und RobCo, 86 Millionen Euro) sind jeweils zweimal in der Top 10 vertreten. Komplettiert wird die Rangliste durch Focused Energy aus Hessen (205 Millionen Euro) und Oviva aus Brandenburg (200 Millionen Euro).
Prüver: „Der Technologiesektor bleibt mittel- und langfristig der zentrale Wachstumstreiber der deutschen Startup-Landschaft. Insbesondere die Themen Künstliche Intelligenz, Defense, Energy und HealthTech ziehen weiterhin einen Großteil des Kapitals auf sich. Die hohe Zahl an Neugründungen zeigt zudem, dass das Vertrauen in den Innovationsstandort Deutschland grundsätzlich immer noch intakt ist.“ Im globalen Wettbewerb mit den USA und Asien bleibe der Faktor der Kapitalverfügbarkeit allerdings eine strukturelle Schwäche, analysiert Prüver: „Verschärft wird die Situation durch die derzeit weltweit schwierige konjunkturelle Lage, hohe Energiekosten und komplexe regulatorische Anforderungen in Deutschland. Umso wichtiger wird es, die Standortbedingungen konsequent zu verbessern, um aus der aktuellen Gründungsdynamik dauerhaft international wettbewerbsfähige Unternehmen zu formen.“ Gleichzeitig blieben auch die Erwartungen hinsichtlich nachweisbarer Effekte und praktischer Wertschöpfung hoch, sagt Prüver: „Gerade Startups mit Bezug zu oder Fokus auf Künstliche Intelligenz stehen immer mehr unter Druck, die hohen Bewertungen der eigenen Jungunternehmen durch eine entsprechende Geschäftsentwicklung auch zu rechtfertigen.“