DIW: EZB-Sicherheitenpolitik kann Finanzmärkte stärken

Berlin (1.7.26) – Während die Zinsentscheidungen der Europäischen Zentralbank (EZB) medial meist viel Aufmerksamkeit erhalten, bleibt eine weitere wichtige Stellschraube der Geldpolitik häufig unbemerkt: der EZB-Sicherheitenrahmen. Er definiert, welche Vermögenswerte die Banken für Refinanzierungsgeschäfte bei der Zentralbank hinterlegen dürfen, und wird teilweise mehrfach im Jahr angepasst. Änderungen bewegen die Finanzmärkte spürbar, wie eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zeigt. Erkennt die EZB mehr Papiere – zum Beispiel Staats- oder Unternehmensanleihen mit schlechterem Rating – als Sicherheit an, steigen die Aktienkurse der Banken und ihr Ausfallrisiko sinkt. Bei Banken mit schlechterer Bonität sind die Kursausschläge deutlich stärker.

 Die Infografik vergleicht die wirtschaftlichen Auswirkungen von Handelssanktionen je nach Art der Beschränkung und Zusammensetzung des Handels. Der Titel lautet: „Export oder Import, Rohstoff oder Industriegut: Handelssanktionen wirken je nach Handelsstruktur unterschiedlich“, mit dem Untertitel „Veränderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf im Vergleich zum Jahr vor der Sanktionseinführung in Prozentpunkten“. Links ist ein rot umrahmter Bereich mit der Überschrift „Verbot von Exporten in die sanktionierten Länder“. Darin zeigt ein Liniendiagramm die Veränderung des BIP pro Kopf über fünf Jahre nach Einführung der Sanktionen (1962–2020). Die Kurve sinkt zunächst leicht unter null, erreicht etwa –0,53 Prozentpunkte und steigt danach wieder etwas an, bleibt jedoch insgesamt negativ. Daneben zeigt ein Kreisdiagramm die Exportstruktur nach Güterklassen im Jahr 2023: Der größte Anteil entfällt auf Spitzentechnologie‑Güter mit 78,6 Prozent, gefolgt von Energiegütern mit 16,2 Prozent, Metallen und Mineralien mit 3,2 Prozent, Industriegütern mit 1,1 Prozent und landwirtschaftlichen Gütern mit 0,7 Prozent. Rechts ist ein blau umrahmter Bereich mit der Überschrift „Verbot von Importen aus den sanktionierten Ländern“. Ein weiteres Liniendiagramm zeigt stärkere negative Effekte: Nach einem anfänglichen Rückgang erreicht das BIP pro Kopf nach etwa drei Jahren einen Tiefpunkt von rund –1,6 Prozentpunkten und erholt sich danach teilweise. Daneben zeigt ein Kreisdiagramm die Importstruktur 2023 mit einem dominanten Anteil von Energiegütern mit 73,0 Prozent, gefolgt von Industriegütern mit 15,6 Prozent, Spitzentechnologie‑Gütern mit 7,0 Prozent, landwirtschaftlichen Gütern mit 3,7 Prozent und Metallen und Mineralien mit 0,5 Prozent. Eine farbliche Legende ordnet die Güterkategorien zu. Am unteren Rand stehen methodische Hinweise („Impuls‑Antwort‑Funktionen basieren auf Durchschnittswerten von fünf Jahren“) sowie die Quelle „Eigene Berechnungen“ und der Lizenzhinweis CC BY 4.0. Im Fußbereich sind das Branding „DIW Wochenbericht 26 2026“ und das Logo „DIW Berlin“ dargestellt.

© DIW Berlin

Die Änderungen der Sicherheitenpolitik wirken aber auch gesamtwirtschaftlich: „Eine Lockerung der Sicherheitenpolitik stärkt die europäischen Finanzmärkte und senkt die Unsicherheit insgesamt“, fasst Studienautorin Pia Hüttl aus der Abteilung Makroökonomie im DIW Berlin zusammen. Die Aktienmärkte schwanken deutlich weniger, wenn die EZB mehr Vermögenswerte als Sicherheit akzeptiert. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wirkt eine Lockerung besonders stark. „Die Sicherheitenpolitik entfaltet ihre größte Wirkung genau dann, wenn sie am dringendsten gebraucht wird: In Rezessionen steigt einerseits der Bedarf an Zentralbankliquidität seitens der Banken, während andererseits ihre Bilanzen stärker belastet sind. Die Lockerung des Sicherheitenrahmens wirkt beidem entgegen“, erklärt Matthias Kaldorf, Ko-Autor und Ökonom am Forschungszentrum der Bundesbank.

Asymmetrische Wirkung ist unerwünschter Nebeneffekt

Doch es gibt einen Wermutstropfen: Die Änderungen der Sicherheitenpolitik wirken nicht in allen Euro-Ländern gleichmäßig. Banken in den Peripherieländern des Euroraums, wie Italien und Spanien, profitieren von einer Lockerung sehr viel stärker als diejenigen der Kernländer wie Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Grund für diese Asymmetrie sind die regional unterschiedlichen Bankenstrukturen. Banken in den Peripherieländern sind im Schnitt schwächer kapitalisiert, weniger liquide und halten mehr heimische Staatsanleihen in ihren Bilanzen. Und gerade bei den Staatsanleihen zeigt sich die Asymmetrie deutlich: Nach einer unerwarteten Lockerung sinken die Renditeaufschläge aller großen Euro-Staatsanleihen gegenüber dem risikofreien Referenzzins in den Peripherieländern deutlich stärker als in den Kernländern.

„Damit die Sicherheitenpolitik gleichmäßiger wirken kann, wäre es wichtig, die Bankenunion zu finalisieren. “ Pia Hüttl

„Die Geldpolitik im Euroraum sollte gleichmäßig auf alle Mitgliedstaaten wirken. Dass sie bei der Sicherheitenpolitik asymmetrisch wirkt, ist ein unerwünschter Nebeneffekt“, stellt Hüttl fest. „Damit die Sicherheitenpolitik gleichmäßiger wirken kann, wäre es wichtig, die Bankenunion zu finalisieren. Höhere Kapitalanforderungen für riskante Staatsanleihen würden den Anteil heimischer Anleihen in den Bankbilanzen senken. Im Gegenzug wäre es wichtig, eine vollständig integrierte europäische Einlagensicherung auf den Weg zu bringen.“

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