
Frankfurt/Main (20.2.26) – Im Januar 2026 schloss die EU ihre jahrelangen Verhandlungen zu zwei bedeutenden Handelsabkommen ab – mit den Mercosur-Staaten und mit Indien. Die Vereinbarungen umfassen eine weitgehende Abschaffung von Handelsschranken und könnten langfristig helfen, die Handelsbeziehungen der EU zu diversifizieren. Die Ratifizierung beider Abkommen steht allerdings noch aus. Im aktuellen Bundesbank-Monatsbericht erklären die Autoren die wichtigsten Eckpunkte der Handelsabkommen und untersuchen ihre potenziellen wirtschaftlichen Auswirkungen.
Foto: Deutsche Bundesbank
Die geplanten Abkommen schaffen zwei der weltweit größten Handelszonen. Die EU und der Mercosur-Verbund, bestehend aus Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay (und mittelfristig zusätzlich Bolivien), bilden zusammen eine Handelszone, die gemessen an der Bevölkerungszahl, zu den größten der Welt zählt. Das Abkommen mit Indien deckt gar einen Wirtschaftsraum von etwa zwei Milliarden Menschen ab und repräsentiert rund ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung.
Ein zentraler Bestandteil der Abkommen ist die Aufhebung von tarifären Handelsbeschränkungen. So sollen die bislang hohen Importzölle der Mercosur-Staaten auf EU-Industrieprodukte – etwa 35 Prozent auf Kraftfahrzeuge und 14 Prozent auf Pharmazeutika – deutlich gesenkt oder vollständig abgeschafft werden. Ähnlich sieht es das Abkommen mit Indien vor: Zölle auf Maschinen (bislang bis zu 44 Prozent), Chemikalien (22 Prozent) und Pharmazeutika (11 Prozent) werden weitgehend gestrichen. Im Gegenzug öffnet die EU ihren Markt für indische Exporte wie Textilien, Leder- und Schmuckwaren.
Trotz der umfassenden Liberalisierung bleiben sensible Sektoren geschützt. Im Agrarbereich sieht das Abkommen mit den Mercosur-Staaten für Einfuhren bestimmter Produkte in die EU lediglich zollfreie Mengenkontingente vor. Im Handel mit Indien hält die EU Zölle auf Rindfleisch, Zucker und Reis aufrecht, während Indien weiterhin hohe Zölle auf Milchprodukte, Getreide und Geflügel erhebt.
Die gesamtwirtschaftlichen Effekte der Abkommen dürften laut Simulationen der Fachleute zunächst gering ausfallen. Die sich ergebenden zusätzlichen Ein- und Ausfuhren des Euroraums bleiben, gemessen an seinem gesamten Handelsvolumen, unter 0,1 Prozent. Die geschätzten BIP-Zuwächse sind ebenfalls sehr begrenzt. Dabei dürften Spanien und Portugal vom Abkommen mit Mercosur-Staaten etwas mehr profitieren als der Euroraum insgesamt. Die kleinen gesamtwirtschaftlichen Effekte erklären sich maßgeblich durch die bisher geringe Bedeutung des bilateralen Handels im Verhältnis zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung
, schreiben die Fachleute. Für die Mercosur-Staaten und Indien sind die Zugewinne zwar spürbarer, bleiben jedoch ebenfalls moderat.
Langfristig könnten die Abkommen größere Vorteile bringen. Neben dem Warenhandel umfasst die Vereinbarung mit Indien auch eine engere Zusammenarbeit im Dienstleistungssektor und bei der Mobilität von Fachkräften. Zugleich handelt es sich bei Indien um eine sehr dynamisch wachsende Volkswirtschaft, wodurch sich längerfristig ein deutlich höheres wirtschaftliches Potenzial für europäische Unternehmen ergeben könnte
, so die Einschätzung der Autoren. Das Abkommen mit den Mercosur-Staaten könnte dazu beitragen, Bezugsrisiken im Rohstoffbereich zu streuen und die Resilienz von Lieferketten zu stärken.
Nach Einschätzung der Fachleute könnten die Abkommen nicht nur ökonomisch, sondern auch als politisches Signal wichtig sein. Sie zeigten, dass multilaterale Zusammenarbeit und Handelsliberalisierung in Zeiten von unilateraler Interessenpolitik und Protektionismus weiterhin möglich seien. Gemeinschaftliches Austarieren von Interessen kann ein attraktives Gegenmodell zu Unilateralismus sein
, betonen die Fachleute. Darüber hinaus könnten die Abkommen helfen, die Abhängigkeit von einzelnen Handelspartnern zu verringern. Entscheidend werde jedoch sein, wie schnell und umfassend die Abkommen umgesetzt werden können.