Frankfurt/Main (28.10.26) – Auf den ersten Blick scheint sich das Auslandsgeschäft der deutschen Chemieindustrie zu beleben: Die Auslandsumsätze lagen von Januar bis August 2026 über Vorjahr. Tatsächlich ist diese Entwicklung weniger erfreulich, als das Plus vermuten lässt. Der Anstieg ist vor allem preisgetrieben und nur auf wenige Regionen beschränkt. Gestiegene Kosten, unter anderem infolge des Nahostkonflikts und der Störungen internationaler Lieferketten, machten Preiserhöhungen notwendig. Wichtig zu verstehen: Höhere nominale Umsätze bedeuten weder automatisch höhere Absatzmengen noch bessere Erträge. Hier ist das Gegenteil der Fall: Preisbereinigt liegen die Auslandsumsätze im bisherigen Jahresverlauf sogar im Minus.
Blicken wir auf Europa: Dort profitierte die Branche zeitweise von Sondereffekten. Die Ausfälle asiatischer Wettbewerber durch die Folgen des Nahostkonflikts, die Angst vor weiteren Preiserhöhungen und Lieferkettenprobleme sorgten vorübergehend für zusätzliche Aufträge. Nachhaltig war diese Sonderkonjunktur nicht. Kumuliert liegt das Europageschäft noch im Plus. Die jüngsten Monatsdaten zeigen aber bereits wieder eine rückläufige Entwicklung.

Grafik: VCI
Außerhalb Europas bleibt das Geschäft schwach. Die Wettbewerbsprobleme der deutschen Chemieindustrie sind ungelöst. Besonders der zunehmende Wettbewerbsdruck aus China belastet die Branche. Chinesische Anbieter drängen mit zusätzlichen Kapazitäten auf die Weltmärkte, während deutsche Unternehmen auf wichtigen Auslandsmärkten Marktanteile verlieren. Auch die Geschäfte in China entwickelten sich zuletzt enttäuschend. Eine Wende im Auslandsgeschäft zeichnet sich nicht ab. Nach den jüngsten Ifo-Zahlen sind die Exporterwartungen der deutschen Chemieunternehmen mehrheitlich negativ.
Die aktuellen Zahlen machen eines deutlich: Der europäische Binnenmarkt ist noch ein wichtiger Stabilitätsanker für die deutsche Chemieindustrie. Langfristig wird das jedoch nicht reichen. Um auf den internationalen Märkten wieder erfolgreicher zu sein, braucht die Branche wettbewerbsfähigere Standortbedingungen in Deutschland und Europa.
VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup kommentiert: „Das Plus beim Auslandsumsatz sieht auf dem Papier gut aus, ist aber Blendwerk. Das Umsatzplus kommt vor allem über die Preise, nicht über zusätzliche Mengen. Die temporären Sondereffekte des Nahostkonflikts laufen bereits aus. Eine dauerhafte Stärkung der Nachfrage lässt weiter auf sich warten. Die strukturellen Probleme der Chemie am Standort Deutschland sind ungelöst. Mit der Reform des EU-Emissionshandels droht das nächste Desaster. Brüssel will beim Industrieumbau mit dem Kopf durch die Wand: Investitionsauflagen und Kostendruck sollen erzwingen, was ohne ausreichend grüne Energie, Wasserstoff- und
CO₂-Leitungen sowie tragfähige Märkte in der Breite nicht umsetzbar ist. So entstehen keine klimaneutralen Anlagen. So wandern Investitionen aus Europa ab.“