Konjunkturprognose der Wirtschaftsforschungsinstitute: Aufschwung mit Strukturproblemen – Finanzpolitik auf Abwegen

Berlin (24.9.26) – Die deutsche Wirtschaft ist seit Ende 2025 im Aufschwung. Die Erholung fällt stärker aus als noch im Frühjahr erwartet, bleibt aber schwach. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten für das laufende Jahr ein BIP-Plus von 1,3 Prozent und für die beiden folgenden Jahre von 1,1 Prozent beziehungsweise 0,4 Prozent. Gegenüber dem Frühjahr wurde die Prognose für 2026 um 0,7 und für 2027 um 0,2 Prozentpunkte angehoben. „Die Wirtschaft hat sich robuster entwickelt als erwartet. Der Aufschwung steht jedoch auf einem schmalen Fundament, denn hohe Energiepreise und Struktur­probleme belasten“, sagt Oliver Holtemöller, Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Im laufenden Quartal bremst zudem Niedrigwasser die Aktivität vorübergehend. Das staat­liche Defizit nimmt weiter zu, sodass sich ein wachsender Konsoli­die­rungsbedarf aufstaut.

Die deutsche Wirtschaft hat sich im ersten Halbjahr 2026 deutlich kräftiger ent­wickelt als noch im Frühjahr erwartet. Vor allem die Exporte und die Wertschöp­fung im Verarbeitenden Gewerbe legten überraschend stark zu. Impulse kamen von der robusten Weltkonjunktur und dem weltweiten KI-Boom; zugleich waren Wettbewerber aus der Golfregion infolge des Iran-Kriegs erheblichen Produk­tionsbeeinträchtigungen ausgesetzt. Auch der Staatsverbrauch nahm kräftig zu. Die Unternehmensinvestitionen und der private Konsum blieben dagegen schwach. Der mit dem Iran-Krieg verbundene Energiepreisschock hat die deut­sche Wirtschaft zwar gebremst, die höheren Preise für Kraftstoffe und Heizöl sind bislang aber kaum auf die übrigen Verbraucherpreise übergesprungen.

Eckdaten der Prognose für Deutschland

202320242025202620272028
Bruttoinlandsprodukt1–1,00,00,21,31,10,4
Erwerbstätige2 (1 000 Personen)45 90945 96045 87845 67645 63345 712
Arbeitslose (1 000 Personen)2 6092 7872 9482 9912 9202 737
Arbeitslosenquote BA3 (in %)5,76,06,36,46,25,8
Verbraucherpreise45,92,22,22,83,22,0
Lohnstückkosten4, 57,85,14,32,12,63,4
Finanzierungssaldo
des Staates6
in Mrd. Euro–95,0–121,1–136,5–192,2–213,2–237,3
in % des nominalen Bruttoinlandsprodukts–2,2–2,8–3,0–4,1–4,3–4,7
Leistungsbilanzsaldo
in Mrd. Euro232,4255,1200,1222,9251,2232,7
in % des nominalen Bruttoinlandsprodukts5,55,84,44,75,14,6

1 Preisbereinigt, Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %. 2 Inlandskonzept. 3 Arbeitslose in % der zivilen Erwerbspersonen (Definition gemäß Bundesagentur für Arbeit). 4 Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %. 5 Im Inland entstandene Arbeitnehmerentgelte je Arbeitnehmerstunde bezogen auf das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigenstunde. 6 In der Abgrenzung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (ESVG 2010).

Quellen: Statistisches Bundesamt; Bundesagentur für Arbeit; Deutsche Bundesbank; 2026 bis 2028: Prognose der Institute.

© GD Herbst 2026

Gemeinschaftsdiagnose

Die Gemeinschaftsdiagnose wird zweimal im Jahr im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie erstellt. Das Herbstgutachten 2026 haben erstellt: DIW in Berlin, ifo Institut in München, Kiel Institut, IWH in Halle und RWI in Essen.

Im dritten Quartal hat sich die Erholung vorübergehend verlangsamt. Die Stim­mungsindikatoren haben sich zwar weiter aufgehellt, am aktuellen Rand fallen die harten Konjunkturdaten jedoch schwächer aus. Insbesondere das seit Mitte Juli anhaltende Niedrigwasser behindert die Produktion in der Chemischen Industrie. Zugleich belasten die höheren Energiepreise die Kaufkraft und damit den privaten Konsum. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im dritten Quartal lediglich um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal gestiegen sein. Mit einer Normalisierung der Pegelstände sollten die Produktionshemmnisse ab dem vierten Quartal nach­lassen. Die robuste Nachfrage aus dem Ausland sowie steigende öffentliche Aus­gaben für Verteidigung und Infrastruktur stützen dann die weitere Erholung.

Für das Jahr 2027 erwarten die Institute eine Fortsetzung des Aufschwungs. Dieser wird vor allem von der inländischen Verwendung getragen. Der private Konsum dürfte mit den real verfügbaren Einkommen moderat zulegen, und die Woh­nungsbauinvestitionen dürften allmählich anziehen. Die private Investi­tions­tätigkeit bleibt insgesamt jedoch wohl schwach. Im Jahr 2028 verliert die Expansion an Tempo. Dabei zeigt sich zunehmend eine strukturelle Grenze des Aufschwungs: Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft demographiebedingt, und das Potenzialwachstum geht weiter zurück. Bereits geringe Zuwachsraten reichen daher künftig aus, um die gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten auszulasten.

Alles in allem rechnen die Institute mit einem Anstieg des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts um 1,3 Prozent im Jahr 2026, 1,1 Prozent im Jahr 2027 und 0,4 Prozent im Jahr 2028. Gegenüber dem Frühjahr wird die Prognose für 2026 um 0,7 Pro­zentpunkte und für 2027 um 0,2 Prozentpunkte angehoben. Die Inflation dürfte von 2,8 Prozent in diesem Jahr zunächst auf 3,2 Prozent im Jahr 2027 steigen und 2028 auf 2,0 Prozent zurückgehen. Am Arbeitsmarkt kommt die Erholung verzögert an: Die Erwerbstätigkeit sinkt zunächst weiter, während die Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent im Jahr 2026 auf 6,2 Prozent im kommenden und 5,8 Prozent im Jahr 2028 zurückgeht.

Die Institute sehen zunehmenden Handlungsbedarf in der Finanzpolitik. Das staatliche Finanzierungsdefizit steigt von 4,1 Prozent in Relation zum Bruttoinlands­produkt im laufenden Jahr auf 4,7 Prozent im Jahr 2028. Der Zuwachs der Nettopri­märausgaben dürfte den im europäischen Regelwerk vorgesehenen Pfad deutlich überschreiten. Auch bei Einhaltung der reformierten nationalen Schuldenbremse wird die Schuldenquote mittelfristig weiter steigen; zudem nehmen die Zinsaus­gaben erheblich zu. Damit wächst der Konsolidierungsbedarf.

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