Commerzbank Research: Irankrieg – Was bedeutet der höhere Ölpreis für die Wirtschaft im Euroraum? – Von Dr. Vincent Stamer

Frankfurt/Main (2.3.26) – Am Ölmarkt gehen die Investoren offensichtlich davon aus, dass der Krieg gegen den Iran recht kurz sein wird. Zwar ist der Ölpreis heute noch einmal um gut 5 US Dollar pro Barrel auf knapp 80 US Dollar gesprungen. Allerdings dürfte er laut Futures-Märkten bereits im Sommer wieder deutlich fallen. Dies würde die Inflation im Euroraum in den kommenden Monaten um 0,4 Prozentpunkte erhöhen, und das Wirtschaftswachstum wäre im Vorjahresvergleich um bis zu 0,2 Prozentpunkte schwächer. Für den deutschen Außenhandel und europäische Lieferketten spielt der Nahe Osten hingegen kaum eine Rolle.

Wie erwartet hat der Ölpreis heute auf den Angriff der USA und Israels auf den Iran und die de-facto Schließung der Straße von Hormuz mit einem Preissprung reagiert. So stieg der Ölpreis bis zum frühen Nachmittag um gut 5 US Dollar auf 78 US Dollar. Bereits in den vergangenen Wochen hatten die zunehmenden politischen Spannungen den Ölpreis zulegen lassen. Allerdings zeigen die Futures-Märkte, dass die Marktteilnehmer nur mit einem kurfristigen Anstieg des Ölpreises rechnen. So sinkt der Preis für die Termingeschäfte bereits wieder im Sommer dieses Jahres (Chart 1).

Offensichtlich geht der Makrt davon aus, dass US Präsident Trump kein Interesse an einem langfristig hohen Ölpreis hat und daher entweder die militärischen Schläge gegen den Iran unterbricht oder die Straße von Hormuz mit militärischer Gewalt offen hält. Zwar besteht das Risiko einer weiteren Eskalation. Dennoch verwenden wir die aktuelle Ölpreiskurve als Basisszenario für unsere Berechnungen, wie stark der Iran-Krieg über seinen Einfluss auf den Ölpreis die Inflation und das Wirtschaftswachstum beeinflussen kann.

Chart 1 – Der Markt geht von sinkenden Ölpreisen aus
US Dollar Preis von einem Barrel Öl der Sorte Brent; Preiskurve berechnet mit Ölpreisfutures
Image loading...
Quelle: Bloomberg, Commerzbank-Research

Inflation im Euroraum könnte auf 2,4% steigen

Zunächst dürfte der gestiegene Ölpreis auf die Preise von Benzin und Heizöl durchschlagen – etwa zwei Drittel der Inflationseffekte entstehen in den ersten drei Monaten aufgrund direkter Preissteigerungen bei Energieträgern. Auf etwas längere Sicht dürfte allerdings auch die Kernrate – also die Inflation ohne die schwankungsanfälligen Nahrungs- und Energiepreise – durch indirekte Effekte zulegen. Schließlich steigen auch für Dienstleister wie Transportunternehmen die Kosten. Sollte die aktuelle Ölpreiskurve die tatsächlichen zukünftigen Ölpreise widerspiegeln, dürfte daher die Inflation im Euroraum auf etwa 2,4% im zweiten Quartal steigen (Chart 2). Das wären etwa 0,4 Prozentpunkte mehr als in unserer aktuellen Prognose. Wenn ab dem Sommer der Ölpreis wieder fällt, würde auch die Inflation wieder langsam sinken.

Sollte hingegen der Konflikt weiter eskalieren und sich der Ölpreis dauerhaft bei 100 US Dollar festsetzen, könnte die Inflation für den Rest dieses Jahres bei 3% liegen.

Chart 2 – Der Anstieg des Ölpreises erhöht die Inflation
Konsumentenpreisindex im Euroraum, Vorjahresvergleich in Prozent; Aktuelle Ölpreiskurve berechnet aus Ölpreis-Futures
Image loading...
Quelle: Bloomberg, Commerzbank-Research

Das Wachstum würde in diesem Jahr schwächer ausfallen

Der Anstieg der Inflation dürfte auch das Wirtschaftswachstum im Euroraum bremsen. Denn für viele Menschen dürfte ein Preisanstieg bei Benzin und Diesel eine Belastung darstellen und die Unsicherheit erhöhen. Als Resultat würden Konsumenten weniger Geld für in Europa produzierte Waren und Dienstleistungen ausgeben. Auch für die Unternehmen steigen die Kosten. Beides schadet der heimischen Wirtschaft, sodass das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr um etwas mehr als 0,1 Prozentpunkt niedriger ausfallen dürfte. Bei einem anhaltenden Anstieg des Ölpreises auf 100 US Dollar wäre der Effekt deutlich stärker.

Für das kommende Jahr sagen unserer quantitativen Modell hingegen einen Aufholeffekt voraus, wenn die Kosten für Öl und Benzin wieder gefallen sind. Auch Anpassungseffekte wie ein Ausweichen auf weniger energieintensive Waren und Dienstleistungen dürften eine Rolle spielen. Diese Abschätzung des Effekts ist aber mit hoher Unsicherheit behaftet.

Chart 3 – Der Anstieg des Ölpreises senkt das Wachstum im laufenden Jahr
Bruttoinlandsprodukt im Euroraum, Vorjahresvergleich von Quartalsdaten in Prozent; Aktuelle Ölpreiskurve berechnet aus Ölpreis-Futures
Image loading...
Quelle: Bloomberg, Commerzbank-Research

Deutscher Außenhandel und Lieferketten kaum betroffen

Im Gegensatz zu den Ölpreiseffekten spielen die direkten Effekte des Konflikts für den deutschen Warenhandel nur eine untergeordnete Rolle. Die größten Absatzmärkte für deutsche Waren in der Golfregion sind mit Abstand Saudi Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, in die jeweils etwa 10 Milliarden Euro Waren pro Jahr von Deutschland exportiert werden. Insgesamt macht die Region allerdings nur etwa 2% der deutschen Warenausfuhren aus. Auch hier sollte es nach einer Beruhigung des Konflikts zu Nachholeffekten kommen.

Auch für die Lieferketten europäischer Produzenten dürften die Effekte – mit Ausnahme von Energiekosten – überschaubar bleiben. Viel wichtiger für die Lieferketten ist der Warenhandel zwischen Europa und Ostasien, und noch immer werden die meisten Containerschiffe auf dieser Verbindung um Afrika herumgeleitet. Damit bleibt diese wichtige Handelsroute weitgehend unberührt.

Leave a reply

Follow
Search
Loading

Signing-in 3 seconds...

Signing-up 3 seconds...