Ernst & Young EY:

Deutscher Neuwagenmarkt

auf historischem Tiefstand

    Stuttgart (3.8.22) – Die wichtigsten Entwicklungen auf dem deutschen Neuwagenmarkt im Juli 2022: Im Juli lagen die Pkw-Neuzulassungen in Deutschland um 13 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Damit setzt sich der Negativtrend der Vormonate fort. Nach wie vor liegen die Neuzulassungen zudem erheblich – um 38 Prozent – unter dem Vorkrisenniveau von 2019. Mit etwa 206.000 neu zugelassenen Pkw wurde im vergangenen Monat das niedrigste Absatzniveau seit der deutschen Wiedervereinigung erzielt – bezogen auf den Monat Juli. Auch in anderen wichtigen europäischen Märkten entwickelten sich die Neuzulassungen im Juli erneut schwach: Während der Absatz in Italien nur um 0,5 Prozent zurückging, schrumpften die Neuzulassungen in Frankreich um sieben Prozent, in Spanien um 13 Prozent und in Österreich um 19 Prozent.

    „Die Lieferengpässe halten an, bislang ist keine Erholung des Marktes zu erkennen“, sagt Peter Fuß, Partner bei EY. „Der Neuwagenabsatz hat europaweit einen historischen Tiefstand erreicht, und der Chipmangel wird auch in den kommenden Monaten zu Lieferproblemen führen. Ob es tatsächlich zu der erhofften Aufholjagd kommen wird, wenn Halbleiter wieder besser verfügbar sein werden, ist allerdings fraglich. Denn die Inflation und die drohende Rezession dämpfen die Kaufbereitschaft. Die unklare Lage auf dem Energiemarkt verstärkt die Unsicherheiten noch, insgesamt hat sich das konjunkturelle Umfeld zuletzt stark verschlechtert.“

    • Auch an den hohen Preisen dürfte sich vorläufig nichts ändern, erwartet Fuß: „Die hohen Material- und Energiekosten treiben die Produktionskosten in die Höhe. Die Preise für Neuwagen dürften daher vorerst sehr hoch bleiben.“
    • Absatz elektrifizierter Neuwagen zum fünften Mal in Folge gesunken: Die Neuzulassungen reiner Elektroautos sind im Juli um 13 Prozent gestiegen, ihr Marktanteil kletterte von 10,8 auf 14,0 Prozent. Bei Plug-in-Hybriden wurde hingegen gegenüber dem Vorjahr ein deutlicher Rückgang um 21 Prozent verzeichnet, der Marktanteil schrumpfte von 12,8 auf 11,5 Prozent. In Summe schrumpfte damit der Absatz elektrifizierter Neuwagen um sechs Prozent. Zuletzt war im Februar dieses Jahres das Elektrosegment (Elektroautos und Plug-in-Hybride) gewachsen, seit März verzeichnen beide Antriebsarten zusammen genommen rückläufige Absatzzahlen in Deutschland. Der gemeinsame Marktanteil stieg dennoch von 23,5 auf 25,5 Prozent. „Bei E-Autos sind die Zeiten des starken Wachstums vorerst vorbei, der Absatz bewegt sich erneut leicht unter dem Vorjahresniveau. Der Hauptgrund sind die Produktions- und Lieferschwierigkeiten. Allerdings sehen wir bei Plug-in-Hybriden zusätzlich noch die Auswirkungen der Diskussion um ein Auslaufen der staatlichen Förderung. Mit dem Ende des staatlichen Zuschusses für Plug-in-Hybride ab dem kommenden Jahr dürften sich Dienstwagenfahrer eher für reine Elektroautos als für Plug-in-Hybride entscheiden“, erwartet Fuß.
    • Die reduzierte Förderung für E-Autos ab dem kommenden Jahr wird nach Fuß‘ Einschätzung die Dynamik in diesem Segment verringern: „Wenn ab dem kommenden Jahr die bisher verkaufsfördernden Kaufprämien für E-Autos reduziert bzw. ganz abgeschafft werden, wird die Anschaffung eines Elektroautos im niedrigen bis mittleren Preissegment spürbar teurer. Dies dürfte den Absatz zumindest im Kompaktsegment dämpfen – denn bei günstigeren Fahrzeugen macht die Kaufprämie derzeit einen erheblichen Anteil am Kaufpreis aus. Für Normal- oder Geringverdiener rückt ein elektrischer Neuwagen in weitere Ferne, zumal das Angebot an preisgünstigeren elektrischen Klein- oder Kompaktwagen sehr überschaubar ist. Elektromobilität droht damit zukünftig ein Privileg der Besserverdienenden zu werden und der Dienstwagenfahrer, die sich über weiterhin großzügige Steuervorteile freuen können.“
    • Fuß rechnet mit einem nochmals gesteigerten Interesse an Elektroautos im weiteren Jahresverlauf: „Die reduzierte Förderung ab dem kommenden Jahr wird in den kommenden Monaten zu einer weiter steigenden Nachfrage an kurzfristig lieferbaren E-Autos führen. Bei Bestellfahrzeugen droht allerdings die Frage, ob noch die volle Prämie ausgezahlt wird, zu einem Glücksspiel zu werden, da die Auszahlung der Prämien weiterhin an das Datum der Zulassung des Fahrzeugs gebunden ist, nicht an das Datum der Bestellung.“
    • Mit der Neuregelung der staatlichen Förderung stehe der Markt für E-Autos vor seiner ersten großen Bewährungsprobe, fasst Fuß zusammen: „Das gehobene E-Segment wird weiter boomen – hier spielt die Umweltprämie eine untergeordnete Rolle, zudem bleiben die Steuervorteile bestehen. Im Kompaktsegment wird hingegen der Preisdruck zunehmen. Zudem dürfte der Druck auf die Autokonzerne, auch preisgünstigere E-Autos anzubieten, mittelfristig steigen.“