Commerzbank Research:

Lieferkettenmonitor –

Weiter unter Druck

Von Dr. Christoph Balz, Senior Economist

Frankfurt/Main (16.5.22) – Die Kombination aus pandemiebedingten Angebotseinschränkungen und einer starken globalen Nachfrage nach Waren hat Lieferketten gestört und zu Engpässen geführt. Dies wiederum hat das Wirtschaftswachstum gebremst und teils kräftige Preissteigerungen verursacht. In unserem Lieferkettenmonitor analysieren wir, inwieweit sich die Engpässe wieder auflösen. Dazu betrachten wir zeitnahe Indikatoren zu Rohstoffen, Zwischenprodukten und dem Frachtverkehr.

Logistik

Ein Engpass in der Logistikkette sind die begrenzten Kapazitäten der großen Containerhäfen. Durch sie kommt es immer wieder zu Staus vor den Häfen, die Lieferungen verzögern. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft ermittelt auf Basis von Echtzeitdaten zu Schiffspositionen, welcher Anteil der im Seeverkehr transportierten Güter sich auf wartenden Containerschiffen (genauer gesagt, auf Schiffen, die sich mit weniger als 1 Knoten Geschwindigkeit bewegen) befindet. Zuletzt ist der Anteil der festsitzenden Güter leicht gesunken, er bleibt aber hoch (Chart 1). So haben sich die Störungen in den chinesischen Häfen wegen der Lockdowns vergrößert, während sich die Lage etwa bei den US-Häfen etwas entspannt hat.

Chart 1 – Etwas weniger Güter auf See blockiert
Gütermenge auf unbewegten Schiffen, Anteil an allen verschifften Waren, in %
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Quelle: IfW Kiel Trade Indicator, Commerzbank Research

Weil der Schiffsverkehr stockt, sind die Kapazitäten knapp und die Frachtraten hoch. So notieren der auf den Frachtraten für 12 Seerouten beruhende globale Freightos Baltic Index und der Drewry Index für 28 wichtige Flugrouten für die Frachtraten im Luftverkehr weiterhin auf sehr hohen Niveaus, auch wenn die Tendenz zuletzt eher rückläufig war (Chart 2).

Chart 2 – Frachtraten für Schiffscontainer und Luftfracht weiterhin hoch
Freightos Schiffscontainer-Frachtraten, Globaler Index für 12 Routen, Wochendaten in Tausend Dollar. Drewry globaler Luftfrachtraten-Index auf der Basis von 28 wichtigen Flugrouten, Monatsdaten in Dollar je kg
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Quelle: Bloomberg, Freightos, Drewry, Commerzbank-Research

Zwischenprodukte

Der Engpass bei der Produktion von Halbleitern bremst viele Branchen, vor allem die Autoindustrie. Daten zu den Preisen liegen allerdings nur für Halbleiterspeicher vor, die insbesondere bei Computern eingesetzt werden. Diese Preise waren zu Jahresbeginn leicht gestiegen, was insofern ungewöhnlich ist, da diese Preise im langjährigen Trend fallen. Zuletzt sind die Preise aber wieder gesunken (Chart 3).

Die Susquehanna Financial Group, die die Lieferzeiten von Chips verfolgt, ermittelte zuletzt für März einen neuen Höchstwert von 26,6 Wochen nach 26,2 Wochen im Februar. Immerhin nehmen die Lieferzeiten deutlich langsamer zu als letztes Jahr.

Chart 3 – DRAM-Preise sinken wieder
DRAM Spot Price DDR4 8GB 1Gx8 2133/2400 MHz, in Dollar
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Quelle: Bloomberg, inSpectrum Tech Inc, Commerzbank-Research

Die europäischen Stahlpreise stiegen mit dem Krieg in der Ukraine im März zunächst kräftig (Chart 4). In den letzten Wochen gab es dann eine Korrektur.

Chart 4 – Stahlpreis sinkt wieder
Stahlpreis, Nordwest-Europa, in Euro je metrischer Tonne
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Quelle: Bloomberg, Commerzbank-Research

Rohstoffe

Die Engpässe bei den Rohstoffen lassen sich beispielsweise an den Märkten für die beiden wichtigsten Industriemetalle Kupfer und Aluminium ablesen. Die Preise für beide Metalle sind zuletzt deutlich gefallen (Chart 5). Allerdings deutet dies nicht auf eine kurzfristige Entspannung bei den Lieferketten hin, sondern spiegelt Erwartungen wider, dass die Lockdowns in China, der Krieg in der Ukraine und die absehbaren massiven Zinserhöhungen in den USA eine globale Rezession auslösen.

Chart 5 – Kupfer- und Aluminiumpreise fallen
Kupfer- und Aluminiumpreis, rollierender Dreimonats-Future, London Metal Exchange, in Dollar je Tonne
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Quelle: Bloomberg, Commerzbank-Research

Die Lagerdaten belegen ebenfalls anhaltende Anspannungen auf den Märkten für Kupfer und Aluminium. Bei Kupfer (Chart 6) sind die Lagerbestände im historischen Vergleich gering, auch wenn sie zuletzt wegen einer nachlassenden Nachfrage aus China und einem zusätzlichen Angebot aus neuen Minenprojekten leicht zugelegt haben.

Chart 6 – Kupferlager etwas besser gefüllt
London Metals Exchange, Kupferlagerbestände, Wochendaten in Tausend metrischen Tonnen, 5-Jahreskorridor: Spanne zwischen Maximum und Minimum 2015 – 2019
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Quelle: Bloomberg, Commerzbank-Research

Die Aluminiumlager (Chart 7) haben sich seit März des vergangenen Jahres fast kontinuierlich geleert. Als Folge sind die Lager weniger gut gefüllt als in den letzten Jahren. Dies gilt besonders für die frei verfügbaren Bestände, was wiederum an geringeren Lieferungen aus Russland wegen des Ukraine-Kriegs liegt.

Chart 7 – Aluminiumlager weiter recht leer
London Metals Exchange, Aluminiumlagerbestände, Wochendaten in Tausend metrischen Tonnen, 5-Jahreskorridor: Spanne zwischen Minimum und Maximum 2015 – 2019
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Quelle: Bloomberg, Commerzbank-Research

Stark gefragt ist derzeit der Rohstoff Holz, der in vielen Branchen eingesetzt wird, etwa im Bauwesen, bei der Möbel- und Papierherstellung sowie als Verpackungsmaterial. Gerade die Euro-Paletten sind in vielen Transportbereichen unverzichtbar und momentan knapp, weil sich überall Ware stapelt.

Die Preisentwicklung von Massivholz für Holzpaletten bietet daher einen Anhaltspunkt für entsprechende Anspannungen im Rohstoffbereich mit unmittelbarer Auswirkung auf die Logistik. Im August des vergangenen Jahres hatte der Preisindex seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht (Chart 8). Anschließend sanken die Preise um etwa 20%. In diesem Jahr haben die Preise aber wieder kräftig zugelegt und die Stände vom letzten Sommer wieder deutlich übertroffen. Ähnlich sieht es bei Holz aus, das als Packmittel (Kisten usw.) verwendet wird.

Chart 8 – Holzpreis zieht weiter kräftig an
HPE-Holzpreisindex, Q1 2005 = 100, bis Q1 2021 Quartalswerte, danach Monatswerte
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Quelle: Bundesverband Holzpackmittel, Paletten, Exportverpackung e.V., Commerzbank-Research

Große Probleme würde es der deutschen Wirtschaft bereiten, wenn der Zufluss von Erdgas aus Russland (Chart 9) versiegen würde. Das Risiko eines solchen Szenarios ist sicherlich gestiegen, nachdem Russland Gegen-Sanktionen verhängt und die Lieferungen verringert hat. Bisher betreffen die Maßnahmen aber wohl nur relativ kleine Mengen.

Chart 9 – Russisches Gas fließt weiterhin
Zufluss von russischem Gas über Pipelines nach Deutschland via Polen und Nordstream und in die Slowakei via Ukraine, in GWh pro Tag
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Quelle: Bloomberg, Commerzbank-Research

Fazit: keine Entspannung

Auch im letzten Monat gab es keine klaren Signale, dass sich die Anspannungen spürbar verringern. Denn die bei einigen Rohstoffen gesunkenen Preise gehen eher auf zunehmende Erwartungen einer Weltrezession zurück.

Insgesamt ähnelt das sich aus unseren Indikatoren ergebende Bild damit den Ergebnissen der Ifo-Umfrage in Deutschland, bei der die Unternehmen gefragt werden, ob ihre Produktion durch einen Mangel an Rohstoffen und Vorprodukten behindert wird (Chart 10). Drei von vier Unternehmen berichteten zuletzt über entsprechende Probleme, etwas weniger als einen Monat zuvor.

Chart 10 – Drei von vier Unternehmen in Deutschland klagen über fehlende Vorprodukte
Anteil der Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe, die sich durch Lieferengpässe behindert fühlen, in Prozent
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Quelle: Ifo, Commerzbank-Research