IMK-Konjunkturprognose: Deutsche Wirtschaft wächst um 2,6 Prozent 2021 und um 5,1 Prozent 2022 – starker Aufschwung verschiebt sich

Düsseldorf (29.9.21) – Die Engpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten wie Halbleitern bremsen das Wachstum der deutschen Wirtschaft bis weit ins nächste Jahr, vor allem die Industrieproduktion kann dadurch derzeit nicht mit den boomenden Auftragseingängen mithalten. Die Knappheiten sind ein wesentlicher Grund dafür, dass die wirtschaftliche Erholung 2021 deutlich weniger stark ausfällt als noch vor einigen Monaten erwartet. Demgegenüber wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2022 noch etwas mehr zulegen als bislang prognostiziert. Im Jahresdurchschnitt 2021 wächst die deutsche Wirtschaft (BIP) um 2,6 Prozent, 2022 um 5,1 Prozent. Das ergibt die neue Konjunkturprognose des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung.*  Treibende Kräfte des eher moderaten Wachstums in diesem Jahr sind Exporte, zum Teil aus Lagerbeständen, und Investitionen, während der private Konsum leicht bremst. 2022 wird der Konsum zum dominierenden Wachstumsfaktor, auch von den Investitionen kommt ein kräftiger Beitrag. Die Arbeitslosenquote sinkt 2021 leicht auf durchschnittlich 5,7 Prozent. 2022 geht die Arbeitslosigkeit dann deutlicher zurück, die Quote wird im Jahresdurchschnitt bei 5,1 Prozent liegen (detaillierte Zahlen unten). Die Inflation steigt zwar in diesem Jahr erstmals seit längerem über das Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent (auf 2,9 Prozent im Jahresmittel). Da dafür neben dem Wirtschaftsaufschwung aber auch temporäre Sonderfaktoren wie die Rückkehr zum alten Mehrwertsteuersatz eine Rolle spielen, wird die Teuerungsrate im kommenden Jahr wieder auf 1,9 Prozent zurückgehen. Das IMK sieht derzeit keine Verfestigungstendenzen der Inflation und keinen Handlungsbedarf für die Europäische Zentralbank (EZB).

Gegenüber der letzten Prognose vom Juni senken die Düsseldorfer Konjunkturforscherinnen und -forscher ihre Wachstumserwartung für 2021 deutlich um 1,9 Prozentpunkte. Für 2022 heben sie die Prognose um 0,2 Prozentpunkte an.

„Wir erleben einen Aufschwung mit angezogener Handbremse“, beschreibt Prof. Dr. Sebastian Dullien, der wissenschaftliche Direktor des IMK, die Situation. „Unterstützt durch die umfangreiche Stabilisierungspolitik vieler Regierungen ist die Weltwirtschaft dynamisch aus dem Corona-Tal gestartet, wie auch die Rekordstände bei den Bestellungen für deutsche Produkte deutlich machen. Da sich aber die Nachfrage hin zu Elektronikprodukten verschoben hat und sich in vielen Teilen der Welt die Nachfrage schneller erholt als von den Unternehmen erwartet, sorgen Engstellen für besonders große Probleme. Das gilt für wichtige Rohstoffe und Vorprodukte, deren Gewinnung und Produktion nach der Pandemie auch erst mit Verzögerung wieder hochgefahren wird. Diese Engstellen sind hartnäckiger, als wir erwartet haben. Deshalb hat das Wachstum in diesem Jahr deutlich weniger Schwung als im Sommer prognostiziert. Ein Teil davon verschiebt sich aber nach 2022, so dass im nächsten Jahr ein Rekordwachstum der deutschen Wirtschaft in Sicht ist.“

Das IMK rechnet in seiner Prognose damit, dass auch „die neue deutsche Regierung wirtschaftspolitisch weiter zur Stabilisierung beitragen und zugleich Investitionen in die Transformation vorantreiben wird“. Mit zunehmender wirtschaftlicher Erholung von der Corona-Krise werden die großflächigen akuten Hilfsmaßnahmen aber zurückgefahren, so dass der fiskalische Impuls unter dem Strich deutlich zurückgeht. Das ist nach Analyse der Ökonominnen und Ökonomen grundsätzlich auch angemessen. Allerdings sollte die neue Regierung den enormen Investitionsbedarf in Infrastruktur, Digitalisierung und Dekarbonisierung konsequent und strategisch angehen. Und sie sollte zu kräftigen kurzfristigen Investitionen bereit sein für den Fall, dass sich konjunkturelle Risiken realisieren. Dazu zählen die Forschenden neben einer erneuten Zuspitzung der Pandemie auch die Möglichkeit, dass die US-Notenbank Fed zügiger als erwartet die Leitzinsen erhöht. Bei einer weltwirtschaftlichen Eintrübung sollte die Bundesregierung „verstärkt stabilisierend wirken und zwar insbesondere, indem sie konjunkturwirksame Maßnahmen zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen vorzieht.“

Arbeitsmarkt
Eine nachhaltige positive Trendwende am Arbeitsmarkt hat nach Analyse des IMK zur Jahresmitte 2021 eingesetzt. In der Statistik schlägt sich das allerdings mit einer gewissen Verzögerung nieder, so dass die Zahl der Erwerbstätigen im Jahresdurchschnitt 2021 stagniert. Im kommenden Jahr wächst die Zahl der Erwerbstätigen dann kräftig um gut 500.000 bzw. 1,2 Prozent.

Bei den Arbeitslosenzahlen erwartet das IMK im Jahresdurchschnitt 2021 eine geringfügige Entspannung. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt um knapp 60.000 Personen, so dass im Jahresmittel rund 2,63 Millionen Menschen ohne Job sein werden. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 5,7 Prozent nach 5,9 Prozent 2020. Für 2022 erwartet das IMK dann einen spürbaren Rückgang der Arbeitslosigkeit um gut 270.000 Personen auf gut 2,43 Millionen im Jahresdurchschnitt. Die Arbeitslosenquote sinkt auf 5,1 Prozent und liegt nur noch geringfügig über dem Vorkrisenniveau.

Deutlich rückläufig ist auch die Kurzarbeit. Im Jahresdurchschnitt 2021 rechnet das IMK mit knapp 1,73 Millionen Kurzarbeitenden. Im Jahresmittel 2022 erwarten die Ökonominnen und Ökonomen nur noch 186.000 Beschäftigte in Kurzarbeit.

Außenhandel
Auch die meisten wichtigen Handelspartner erleben 2021 und 2022 eine wirtschaftliche Erholung. Die Weltwirtschaft insgesamt, die im Jahresmittel 2020 um 3,3 Prozent eingebrochen war, wächst in diesem Jahr kräftig um 6,1 Prozent und im kommenden Jahr um 4,8 Prozent. Angetrieben wird die Erholung unter anderem vom robusten Wachstum in China (um 8,7 bzw. 5,6 Prozent) und dem massiven fiskalischen Hilfsprogramm der US-Regierung. Es trägt dazu bei, dass das US-BIP trotz wieder steigender Infektionszahlen, die das Konsumentenvertrauen dämpfen, in diesem Jahr um 6,7 Prozent zulegt – so stark wie seit 1984 nicht mehr. Für 2022 prognostiziert das IMK ein US-Wachstum um 3,9 Prozent. Auch die wirtschaftliche Erholung in den meisten Euro-Ländern kommt voran. Die Wirtschaft im Euro-Raum wird dieses Jahr um durchschnittlich 5,2 Prozent wachsen, 2022 um 4,8 Prozent.

Durch die weltwirtschaftliche Erholung wachsen die deutschen Ausfuhren in diesem Jahr deutlich – auch wenn die Engpässe bei Rohstoffen, Vorprodukten und Transportkapazitäten die Produktion bremsen und ein Teil der Exporte aus Lagerbeständen erfolgt. Das IMK rechnet für 2021 mit einem Wachstum der Exporte um 9,5 Prozent im Jahresdurchschnitt. Die Importe legen ebenfalls kräftig zu – um 9,1 Prozent im Jahresdurchschnitt. Damit steigt allerdings auch der ohnehin sehr hohe Überschuss in der deutschen Leistungsbilanz wieder etwas. Im kommenden Jahr expandiert der deutsche Außenhandel weiter: Die Exporte nehmen im Jahresmittel 2022 um 6,7 Prozent zu, die Importe um 9,8 Prozent.

Investitionen
Nach einer schleppenden Entwicklung im ersten Halbjahr 2021 beleben sich die Ausrüstungsinvestitionen eher allmählich. Die starken Auftragseingänge, die außerordentlich hohen Auftragsbestände – sie lagen im Juli um rund 20 Prozent über dem Vorkrisenniveau – und die steigende Kapazitätsauslastung im produzierenden Gewerbe lassen laut IMK aber eine deutliche Beschleunigung erwarten. Für 2021 rechnen die Konjunkturexperten mit einer Zunahme der Ausrüstungsinvestitionen um 6,6 Prozent im Jahresmittel, 2022 um 6,7 Prozent. Die Bauinvestitionen zeigen ebenfalls nach oben. Treibende Kraft ist der Wohnungsbau, zudem kommt auch der Wirtschaftsbau wieder in Gang. Im Jahresmittel 2021 nehmen die Bauinvestitionen um 2,5 Prozent zu, 2022 beschleunigt sich das Wachstum auf 5,4 Prozent.

Einkommen und Konsum
Die nominalen verfügbaren Einkommen legen in diesem Jahr moderat und im kommenden Jahr kräftig zu, weil die durchschnittlichen Arbeitszeiten durch Rückgang der Kurzarbeit wieder länger werden, die Beschäftigung wächst und die Bruttolöhne und -gehälter steigen. Allerdings sorgt in diesem Jahr die relativ hohe Preissteigerung für einen Rückgang der realen verfügbaren Einkommen um 0,9 Prozent, während sie 2022 inflationsbereinigt um 2,2 Prozent wachsen. Die realen privaten Konsumausgaben sinken im Jahresdurchschnitt 2021 um 0,4 Prozent, wozu auch die pandemiebedingten Schließungen im ersten Quartal beigetragen haben, so dass die Sparquote nur leicht auf 15,1 Prozent sinkt. Für das kommende Jahr prognostiziert das IMK dann bei deutlich sinkender Sparquote einen Sprung der privaten Konsumausgaben um real 8,2 Prozent im Jahresmittel. Dementsprechend ergibt sich 2021 aus dem Privatkonsum ein leicht negativer Beitrag zum BIP-Wachstum von
-0,2 Prozentpunkten. 2022 tragen die privaten Einkäufer dagegen sehr kräftig mit 4,1 Prozentpunkten zum Wachstum bei.

Inflation und öffentliche Finanzen
Durch die wieder erwachte Nachfrage steigen die Preise stärker, insbesondere die für Energie. Hinzu kommen als Sonderfaktoren die neue CO2-Abgabe und die Rückkehr zu den alten Mehrwertsteuersätzen, die die Inflation verstärken. Daher beschleunigt sich die Zunahme der Verbraucherpreise nach den 2020 extrem niedrigen Werten 2021 jahresdurchschnittlich spürbar auf 2,9 Prozent. 2022 geht die Teuerungsrate auf 1,9 Prozent im Jahresmittel zurück und liegt damit leicht unter dem Inflationsziel der EZB.

Da der Staat zur Krisenbekämpfung weiterhin sehr viel Geld einsetzt, Anfang 2021 der Solidaritätszuschlag für die meisten Steuerzahler abgeschafft und einige andere Steuern sowie die EEG-Umlage gesenkt wurden und sich die Einnahmen generell erst langsam erholen, ergibt sich 2021 ein Budgetdefizit von 4,9 Prozent des BIP. Im kommenden Jahr wird sich die erwartete konjunkturelle Belebung dann stärker positiv auf die öffentlichen Haushalte auswirken, zudem wirkt die Fiskalpolitik weniger expansiv. Das gesamtstaatliche Defizit geht 2022 deutlich auf 1,9 Prozent des BIP zurück.