Grandke: „Auf Sparkassen war

immer Verlaß gewesen.“

Offenbach/Main (7.9.21) – Offenbacher sind hart im Nehmen. Erst recht dann, wenn sie hoch gewachsen sind. So wie Gerhard Grandke, der zum Jahresende ausscheidende geschäftsführende Präsident des Sparkassen und Giroverbandes Hessen-Thüringen (SGVHT). Er ist in Offenbach geboren und war dort jahrelang Kämmerer und später Oberbürgermeister gewesen. Während seiner am Ende über zwölf Jahre langen Amtszeit als  hessisch-thüringischer Sparkassen-Präsident habe er die Folgen zweier Welt-Krisen bewältigen müssen. Zum einen die der Finanz- und Wirtschaftskrise und dann die Folgen der noch andauernden Corona-Krise. Nie hätten die dem Verband angehörenden Sparkassen in Hessen und Thüringen (derzeit sind es 49) ihre Kunden im Stich gelassen, rühmte sich Gerhard Grandke. „Auf Sparkassen war immer Verlaß gewesen.“ Diese Zuverlässigkeit spiegelt sich in einem erneut starken Kundengeschäft und im Wachstum der Bilanzsumme unserer Sparkassen wider. Sie ist zum 30. Juni 2021 um 3,7 Mrd. Euro bzw. 2,6% auf 149,3 Mrd. Euro gestiegen, betonte Grandke in seiner Rede am Samstag in seiner Heimatstadt Offenbach, wohin er Teilnehmer des Internationalen Clubs Frankfurter Wirtschaftsjournalisten zum Pressegespräch eingeladen hatte.

Gerhard Grandke sieht die Inflation steigen und kritisiert daher die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank – Foto: PK

 

Kreditgeschäft bleibt auf hohem Niveau dynamisch

Gerhard Grandke  weiter: Auf der Aktivseite haben unsere Sparkassen ihr Kreditgeschäft im ersten Halbjahr 2021 weiter ausgebaut. Die Ausleihungen erhöhten sich auf 85,1 Mrd. Euro. Der Zuwachs fiel mit 1,6% zwar etwas niedriger aus als im Vorjahreszeitraum mit 2,7%. Man muss aber auch sehen, wo wir herkommen.
Vor fünf Jahren lag unser Kreditbestand noch bei 70 Mrd. Euro. Wir haben also trotz eines risikobewussten Kurses bei den Krediten inzwischen ein Höhenniveau erreicht, das schon beachtlich ist – und das zuletzt unter den widrigen Bedingungen einer pandemischen Krise! Auf einem solchen Hochplateau sind weitere Steigerungsraten keineswegs selbstverständlich.

Unsere Neuabschlüsse sprechen aber für ein weiterhin expansives Kreditgeschäft. Die Darlehensauszahlungen unserer Sparkassen sind im ersten Halbjahr 2021 über alle Kundensegmente hinweg um 1,7% gestiegen, die Darlehenszusagen sogar um 6,4%.
Als besonders dynamisch hat sich einmal mehr das Kreditgeschäft mit Firmenkunden erwiesen. Die Ausleihungen gingen dort im ersten Halbjahr 2021 mit 1,2 Mrd. Euro bzw. 3,0% fast so stark nach oben wie im Vorjahreszeitraum (+3,2%).
In meinen Augen zeigen diese starken Zahlen bei der Unternehmensfinanzierung zweierlei. Erstens ist es bei unseren Sparkassen die Mischung, die´s macht: Wir profitieren von einem breiten Mix aus Branchen, Unternehmen und Dienstleistern, der in der Summe für eine konstante oder sogar steigende Nachfrage nach Krediten sorgt – in guten wie in schlechten Zeiten.

Sparkassen haben sich in Corona-Krise als Lender of First Resort bewährt

Zweitens können die Sparkassen diese hohe Kreditnachfrage jederzeit zuverlässig bedienen. Die staatlichen Corona-Hilfen haben in der Pandemie viel Gutes bewirkt. Letztendlich waren es aber die regionalen Kreditinstitute wie die Sparkassen, die sich für Unternehmen und Selbständige flächendeckend als Lender of First Resort bewährt haben.
Die Corona-Krise hat einmal mehr die Leistungsfähigkeit der bankbasierten Finanzierung in Deutschland bewiesen. Denn die passt zum Mittelstand wie der Deckel auf den Topf. Die kleinen und mittelgroßen Unternehmen streben in aller Regel eben nicht nach der Anonymität der Kapitalmärkte. Sie wünschen sich bei Finanzfragen vielmehr Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit, einen regionalen Bezug sowie persönliche und kontinuierliche Ansprechpartner. Und genau dafür stehen unsere Sparkassen. Genau das liefern wir.
Auf Wachstumskurs war im ersten Halbjahr 2021 auch das Kreditgeschäft mit öffentlichen Haushalten. Die Bestände legten dort um 51 Mio. Euro bzw. 1,3% zu. Zuwächse gab es auch im Privatkundensegment. Dort erhöhten sich die Kreditbestände um 593 Mio. Euro bzw. 1,7%.
Das lag vor allem an den Wohnungsbaufinanzierungen. Dank einer hohen Nachfrage verbuchten die Ausleihungen in diesem Segment ein Plus von 2,1%. Der Zuwachs lag damit etwas niedriger als im Vorjahreszeitraum (+3,3%). Das hat sicherlich auch mit Vorzieheffekten wegen der befristeten Umsatzsteuersenkung zu tun, die Bauleistungen im 2. Halbjahr 2020 spürbar günstiger gemacht hatte.

Der Wachstumstrend bei den Baufinanzierungen ist jedenfalls intakt. Das unterstreicht das lebhafte Neugeschäft unserer Sparkassen. Die Darlehenszusagen im Wohnungsbau haben sich im ersten Halbjahr 2021 einmal mehr um 18% erhöht. Der Wunsch nach einer eigenen Immobilie ist also ungebrochen. Allerdings lässt er sich für viele leider immer schwieriger erfüllen. In den letzten zehn Jahren sind die durchschnittlichen Haushaltseinkommen insgesamt um etwa ein Viertel gestiegen, die Hauspreise dagegen um fast zwei Drittel.
Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Im Gegenteil: Die Immobilienpreise haben selbst in der Pandemie zugelegt. Jetzt explodieren auch die Baukosten, weil Holz, Dämm- und Kunststoffe allmählich rar werden wie seltene Erden. Und dann kommen auch noch immer rigidere Umweltauflagen dazu. Sie machen als Klimaschutzmaßnahme sicherlich Sinn, wirken aber gleichzeitig als zusätzliche Kostentreiber: Die Dämmvorschriften werden ständig verschärft. Und es wird sicherlich nicht mehr lange dauern, dann muss bei Neubauten oder größeren Sanierungsvorhaben eine Photovoltaik- oder Solarthermie-Anlage aufs Dach gesetzt werden. Einige Bundesländer sehen das ja bereits vor.

Wohneigentum nur noch für Erben?

Für Bauherren ist das der perfekte Sturm. Denn all das wird das Bauen und damit auch das Wohneigentum für viele in Zukunft unbezahlbar machen – und zwar nicht nur in den Städten und Ballungsräumen, sondern mehr und mehr auch auf dem platten Land.
Es heißt ja, dass wir im Zeitalter der Postmoderne leben, in dem der Einzelne seine Bindungen zu Tradition und Herkunft längst gelöst hat. Dieser gegen das Herkommen gerichtete Impuls ist aber im Immobilienmarkt noch nicht angekommen. Hier erleben wir genau das Gegenteil: die Wiedergeburt des Erbes. Denn ohne das Geld und Kapital der Altvorderen ist es vielen Familien in vielen Regionen schlichtweg unmöglich, Wohneigentum zu erwerben. Ich halte das für sehr bedenklich.
Und wir sollten auch die Einkommensschwachen nicht aus den Augen verlieren. Durch Corona wird sich die soziale Spaltung vertiefen. Wenn die Immobilienpreise und Baukosten ins Exorbitante steigen, wird das für die Mieten nicht ohne Folgen bleiben. Das ist ein ökonomisches Gesetz. Das lässt sich durch regulative Eingriffe in den Mietmarkt vielleicht abmildern, aber nicht komplett außer Kraft setzen. An einer spürbaren Reaktivierung des sozialen Wohnungsbaus wird deshalb kein Weg vorbeiführen.

Rückhaltebecken bei Einlagen läuft weiter voll

Damit wechsle ich zur Passivseite der Bilanz. Dort sind die Folgewirkungen von Corona unverändert zu spüren. Im ersten Quartal 2021 ist die Sparquote in Deutschland auf sagenhafte 23% gestiegen. Das verwundert angesichts des langen Lockdowns auch nicht weiter: Wer nur eingeschränkt konsumieren kann oder Angst vor der Arbeitslosigkeit hat, der hält seine Groschen zusammen. Entsprechend haben die Verbindlichkeiten der Sparkassen in Hessen und Thüringen gegenüber Kunden im ersten Halbjahr 2021 um 1,7 Mrd. Euro bzw. 1,5% zugelegt.
Der Zuwachs hat sich damit im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (+3,2%) zwar etwa halbiert. Das ändert aber nichts daran, dass das Rückhaltebecken in puncto Einlagen in den Sparkassen weiter vollläuft. Kreative Geister werden jetzt vielleicht sagen: „Freut euch doch auf den digitalen Euro, der in spätestens fünf Jahren kommen soll. Dann kann jeder bei der EZB eine elektronische Geldbörse einrichten und dort bis zu 3.000 Euro einzahlen. Das wird euch bei den Einlagen entlasten!“

Sinnfrage beim digitalen Euro

So kann man das natürlich sehen. Aber Spaß beiseite: Ich habe immer noch nicht verstanden, warum wir neben dem Bar- und Giralgeld jetzt noch eine dritte, digitale Variante des Euros benötigen. Ziel von Neukreationen sollte es doch sein, Mängel abzustellen. Und einen solchen Mangel kann ich im Zahlungsverkehr partout nicht erkennen. Er bietet den Kunden schon heute alle Möglichkeiten inklusive der Echtzeitüberweisung. Und auch die dazugehörige digitale Infrastruktur funktioniert reibungslos und hervorragend. Das haben die Systeme in der Corona-Krise, die eine enorm hohe Belastung mit sich gebracht hat, gerade erst wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
Natürlich kann man die Dominanz amerikanischer Anbieter im Zahlungsverkehr bedauern. Und man kann auch zu dem Schluss kommen, dass deshalb ein einheitliches europäisches Bezahlverfahren wünschenswert wäre. Dafür bedarf es aber keines digitalen Euros. In Deutschland haben Banken und Sparkassen ihre digitalen Bezahlverfahren inzwischen unter dem Namen Giropay zusammengeführt. Darüber hinaus gibt es die European Payments Initiative (EPI), die mittelfristig ein einheitliches paneuropäisches Zahlungsverfahren über alle Kanäle etablieren will. Ich halte so eine organisch gewachsene Lösung aus einem Guss und aus dem Markt heraus für besser als eine bürokratisch verfügte Neukreation, die dann aus gutem Grund auch noch betragsmäßig limitiert sein wird.
Aber zurück zu den Einlagen. Am schon lange anhaltenden Trend zur kurzfristigen Anlage hat sich im ersten Halbjahr 2021 bei unseren Sparkassen nichts geändert. Die Termingelder und Eigenemissionen gingen um 2,0% bzw. 1,5% zurück, die Spareinlagen um 0,4%. Gewinner waren wieder die Täglich fälligen Gelder, die um 2,1% zulegten.

Beliebtes Kundenwertpapiergeschäft

Nach dem Motto „Kleine Fluchten“ hat das Kundenwertpapiergeschäft den Instituten immerhin ein wenig Entlastung für die Einlagenseite gebracht. Die Wertpapierkäufe erhöhten sich insgesamt um 5,4 Mrd. Euro bzw. 16,9%. Begehrt waren vor allem Festverzinsliche und Investmentfonds. Gleichzeitig stiegen die Verkäufe um 4,0 Mrd. Euro bzw. 10,8% an. Fast die Hälfte der Verkäufe entfiel auf Aktien. Angesichts des Allzeithochs vieler Börsenindizes hat hier offensichtlich so mancher Kunde nach der Devise „Von Gewinnmitnahmen ist noch keiner verarmt“ gehandelt.
Die Umsätze im Kundenwertpapiergeschäft unserer Sparkassen verbesserten sich in den ersten sechs Monaten des Jahres 2021 um 14,2% auf einen neuen Höchstwert von 9,4 Mrd. Euro. Der Nettoabsatz als Saldo von Käufen und Verkäufen stieg um 37,9% auf 1,4 Mrd. Euro. Das unterstreicht, dass die Sparkassenkunden inzwischen das Wertpapiersparen nachhaltig für sich entdeckt haben.

Sparkassen stocken Eigenmittel weiter auf

Die Sparkassen in Hessen und Thüringen haben auch im ersten Halbjahr 2021 ihre Eigenmittel um 1,6% auf 14,0 Mrd. Euro weiter aufgestockt. Davon entfielen 13,0 Mrd. Euro auf das Kernkapital. Zum 30. Juni 2021 lag die Gesamtkapitalquote bei 19,1% und die Kernkapitalquote bei 17,8%. Unsere Institute haben also die ohnehin schon soliden Puffer weiter ausgebaut, um die etwaigen realwirtschaftlichen Folgeschäden der Corona-Pandemie noch besser abfedern zu können.
Damit komme ich zur Ertragsentwicklung, der wie immer um diese Zeit die Zahlen aus unserer Prognoserechnung für das Gesamtjahr 2021 zugrunde liegen. Diese Vorhersagezahlen sind naturgemäß noch mit gewissen Unsicherheiten behaftet. Das gilt umso mehr angesichts der noch immer virulenten Pandemiebedingungen.

Ertragsprognose: Rückläufige Betriebsergebnisse

Die Betriebsergebnisse unserer Sparkassen werden 2021 wahrscheinlich moderat sinken. Das liegt vor allem am Zinsüberschuss, bei dem das Prognosesystem auf Jahressicht ein Minus von 2,3% auf gut 1,9 Mrd. Euro vorhersagt.
Der Provisionsüberschuss wird sich laut Prognose weiter verbessern, und zwar um 4,9% auf 888 Mio. Euro. Etwas höher wird auch der Verwaltungsaufwand auslaufen. Bedingt durch Steigerungen beim Sachaufwand wird er um 1,9% auf 2 Mrd. Euro anwachsen.

Das Betriebsergebnis vor Bewertung unserer Sparkassen prognostizieren wir in diesem Jahr auf rund 854 Mio. Euro. Das bedeutet ein Minus von 4,7%. Das wäre durchaus ein ordentliches Ergebnis.
Das Betriebsergebnis nach Bewertung wird parallel ebenfalls zurückgehen. Was das Bewertungsergebnis im Kreditgeschäft anbelangt, sehen wir derzeit keine besonderen Auffälligkeiten. Ich habe die Hoffnung, dass viele Firmen vom pandemiebedingten und von den staatlichen Überbrückungshilfen abgefederten Krisenbetrieb weitgehend nahtlos in die Phase der wirtschaftlichen Erholung floaten können bzw. ihnen dies bereits gelungen ist.
Das wird die Gefahr von Insolvenzen und damit auch von hohen Kreditausfällen dämpfen. Die Risikovorsorge wird bei uns ein Stück höher liegen als im Vorjahr. Dabei handelt es sich aber in erster Linie nicht um Ausfälle oder Einzelwertberichtigungen, sondern nur um vorsichtsgetriebene Management Adjustments. Die Risikovorsorge wird verkraftbar sein. Hier kommt den Sparkassen in Hessen und Thüringen der bereits erwähnte Branchenmix zugute.

Weitere Entwicklung

Damit wechsle ich zum Ausblick. Die Corona-Pandemie hat in der Wirtschaft zu Verwerfungen geführt und Risse hinterlassen. Schon der Sänger Leonard Cohen wusste aber: Es sind diese Risse, durch die jetzt das Licht hindurch scheint. Denn die wirtschaftlichen Aussichten für dieses und nächstes Jahr haben sich spürbar aufgehellt – vorausgesetzt natürlich, dass die Pandemie nicht wieder aufflammt.
Die industrielle Produktion und der Export haben sich inzwischen nicht zuletzt dank der starken Weltwirtschaft wieder gefangen. Der Geschäftsklimaindex fällt so hoch aus wie seit zwei Jahren nicht mehr. Die Arbeitsmarktdaten haben sich erholt. Und auch die Stimmung bei den Verbrauchern verbessert sich kontinuierlich. Es ist deshalb damit zu rechnen, dass sich die coronabedingte Sparschwemme zumindest zum Großteil in den Konsum und in Investitionen ergießen wird. Das ist eigentlich eine gute Nachricht.

Inflationsgespenst taucht wieder auf

Ein bisschen mulmig ist mir aber schon. Denn wir erleben momentan eine Großwetterlage, die förmlich nach Inflation riecht. Auf der einen Seite sorgt der V-förmige Aufschwung in den USA und in China allerorten für Lieferengpässe. Das fängt bei Roh- und Baustoffen an und setzt sich in der Industrieproduktion fort. So war zu hören, dass ein Traktorhersteller seine Maschinen nicht ausliefern kann, weil die Sitze fehlen. Der Autobranche wiederum mangelt es nicht nur an Chips, sondern auch an so vermeintlich trivialen Dingen wie Fenstern.

Auf der anderen Seite werden die Märkte wegen der Sparschwemme, der Dauerspülungen der Notenbanken und der coronabedingten extrem expansiven Fiskalpolitik weltweit mit Liquidität geflutet. In der Eurozone hat sich die Geldmenge M3 seit 2000 von 4,7 Bill. Euro auf 14,5 Bill. Euro mehr als verdreifacht. Das BIP erhöhte sich in diesem Zeitraum dagegen nur um 25%.
Wenn eine stark anschwellende Nachfrage auf ein knappes Angebot stößt, dann bedeutet das nach der klassischen Lehre steigende Preise. Letztendlich ist Inflation eben doch ein monetäres Phänomen – auch wenn es der EZB in den letzten Jahren gelungen ist, die Geldmengentheorie auszuhebeln. Denn die zusätzliche Liquidität floss vor allem in die Vermögensmärkte und eben nicht in die Realwirtschaft, die gerade in der Eurozone immer wieder mit Krisen zu kämpfen hatte. Darüber hinaus profitierte die europäische Wirtschaft sehr lange auch von den preisdämpfenden Vorteilen der Globalisierung. Das gewaltige Geldmengenwachstum wurde dadurch realwirtschaftlich weitgehend sterilisiert.
Jetzt haben wir aber eine komplett andere Konstellation: Die Weltwirtschaft zieht an. Das Angebot in vielen Segmenten wird knapp. Die Lieferketten funktionieren noch nicht oder nicht mehr so reibungslos wie vor Corona. Gleichzeitig gibt es lange unterdrückte konsumtive Sehnsüchte und Nachholbedarfe. Die brechen sich jetzt Bahn. Verstärkt werden diese Effekte noch durch politisch induzierte Kostentreiber wie die verschärften Umweltauflagen im Bau. Das alles führt zu deutlich steigenden Preisen auf praktisch allen Ebenen.

Lohn-Preis-Spirale als Schlüssel

Die Notenbanken und viele Volkswirte versuchen zu beruhigen und verweisen auf den temporären Charakter des Preisschubs. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sich das Inflationsgespenst im kommenden Jahr wirklich heimlich, still und leise verflüchtigen wird, weil dann die Basis-Effekte wegfallen. Ich habe eher die Befürchtung, dass die schubartigen Preiserhöhungen an vielen Fronten Spuren im Bewusstsein der Bevölkerung und der Wirtschaft hinterlassen. Ich schließe nicht aus, dass sich dadurch die Inflationserwartungen nach oben entankern werden und die berüchtigte Lohn-Preis-Spirale anspringt, die dann mittelfristig den avisierten Korridor von 2% deutlich übersteigen wird.
Bei unseren Sparkassen gehe ich von einem weiterhin dynamischen Kundengeschäft aus. Das gilt vor allem für die Kredite. Die Wirtschaft nimmt an Fahrt auf. Es wird wieder mehr investiert und konsumiert. Wenn alles normal läuft, wird die Nachfrage nach Krediten also steigen. Impulse erwarte ich aber auch vom Klimapaket, das in den kommenden Jahren hohe Investitionen im Gebäude- und Industriebereich anstoßen wird.

Wenn die Menschen künftig wieder unbeschwert reisen, feiern und shoppen können, wird auch die Sparquote wieder auf Normalmaß sinken, was sich bremsend auf das Wachstum bei unseren Einlagen auswirken wird.

EZB und Fanta 4

Auf der Ertragsseite erwarten wir wenig Neues: Sie steht unverändert unter Druck. Der Zinsüberschuss unserer Sparkassen leidet weiterhin unter der ultraexpansiven Geldpolitik der EZB. Die hat inzwischen so viele Anleihekaufprogramme aufgelegt, dass man kaum noch durchblickt: CBPP, SMP, OMT, APP, EAPP, ABSPP, CSPP, PEPP. Die Band Fantastische Vier könnte in ihrem Abkürzungslied „MfG – mit freundlichen Grüßen“ mit den Akronymen der EZB inzwischen fast schon eine eigene Strophe abdecken.
Hier gibt es sicherlich auch noch Potenzial für die Zukunft. Denn ein Ende der Anleihekäufe und der Negativzinsen ist gerade auch wegen der neuen Strategie der EZB nicht in Sicht. Frau Schnabel hat angekündigt, die EZB werde ihre Anleihekäufe so flexibel anpassen, dass günstige Finanzierungsbedingungen für die gesamte Wirtschaft sichergestellt seien. Billiges Geld gleichsam als Naturrecht – das ist schon eine aparte Entwicklung!
Allerdings steht die EZB zunehmend vor Problemen. Sie hat sich vom verführerischen Duft der Niedrigzinsen becircen lassen. Jetzt hängt sie in der Venusfalle fest. Sie findet es zwar gut, dass die Inflationserwartungen allmählich in Bewegung geraten. Die gleichzeitig ansteigenden Anleiherenditen sind jedoch kontraproduktiv. Denn dadurch drohen sich die Finanzierungskonditionen für Private und Firmen, vor allem aber für die hochverschuldeten Staaten zu verschlechtern. Die EZB sieht sich deshalb genötigt, ihr Anleihekaufprogramm zu forcieren. Dadurch schafft sie aber wieder die Voraussetzungen, die Inflation und in der Konsequenz auch die Anleiherenditen nach oben zu treiben.

Mut zur Cancel-Culture gefragt

Bei diesem Teufelskreis ist es kein Wunder, dass die Notenbank nach wie vor die Antwort auf die Frage schuldig bleibt, wie der Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik funktionieren kann, ohne dass die Wirtschaft oder einzelne Staaten kollabieren. Schweigen hilft aber nicht weiter. Die EZB muss den Mut zur Cancel-Culture aufbringen: Sie muss endlich den Einstieg in den Ausstieg aus ihrer ultraexpansiven Geldpolitik wagen.
Das ist allerdings leider auch nach der überarbeiteten geldpolitischen Strategie der EZB so schnell nicht zu erwarten. Ihr neues Inflationsziel sieht ausdrücklich eine Übergangszeit vor, in der die Inflation durchaus über 2 Prozent liegen darf. Im Endeffekt gibt sich die Notenbank damit selbst Carte blanche für die Fortdauer ihrer äußerst expansiven Geldpolitik und kommt damit ihrer prioritären geldpolitischen Aufgabe – nämlich der Geldwertstabilität – nicht nach.

Nach der neuen Strategie soll die EZB zudem künftig den Klimaschutz stärker in ihre geldpolitischen Entscheidungen einfließen lassen. Mit dieser Zielsetzung steht sie nicht alleine. In Europa und vor allem auch in Deutschland findet ja fast schon ein Wettrennen um die ambitioniertesten Klimaziele statt. Und wenn man die Wucht der Wetterextreme selbst bei uns, in einer eigentlich gemäßigten Zone, erlebt, ist hier sicherlich rasches und konsequentes Handeln erforderlich.
Die gewünschte Transformation hin zur Klimaneutralität wird uns allen gewaltige Veränderungen abverlangen und erhebliche Investitionen und Finanzmittel erforderlich machen. Die Sparkassen-Finanzgruppe will diesen Wandel aktiv begleiten. Bei den Sparkassen ist die wirtschaftliche und soziale Nachhaltigkeit schon seit ihrer Gründung im Geschäftsmodell verankert. Jetzt rückt der Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit verstärkt in den Fokus – im Geschäftsbetrieb, in der Kredit- und Anlagepolitik sowie beim Vertrieb von Geldanlagen. Das hilft dem Klima. Es bietet den Sparkassen aber auch neue Geschäftsgelegenheiten und Einnahmequellen. Für uns ist das vor der Kulisse der bekannten Zinssituation kein unwichtiger Punkt.
Während der Druck auf den Zinsüberschuss hoch bleiben wird, bin ich auf der Ausgabenseite zuversichtlich, dass die Sparkassen den Verwaltungsaufwand zumindest stabil halten können. Das ist alles andere als einfach. Der IT-Bereich ist aufwändig und die Tarifsteigerungen beim Personalaufwand lassen sich jedes Jahr nur schwer abfedern. Dazu kommen on top noch die ständig wachsenden Anforderungen der Regulierung.

Die Bankenaufsicht EBA hat vor kurzem 25 Empfehlungen veröffentlicht, die den Aufwand der kleinen und wenig komplexen Institute im Meldewesen nach ihrer Auffassung deutlich reduzieren sollen. Sie beziffert die Kostenersparnis mit 15 bis 24%. Ob das in dieser Größenordnung wirklich zu realisieren sein wird, ist mehr als fraglich. Es ist aber zumindest ein Signal. Es wird jetzt entscheidend darauf ankommen, dass diese Empfehlungen auch konsequent umgesetzt werden – von der EBA, aber auch von anderen Akteuren auf der europäischen und der nationalen Ebene.
Ob das wirklich gelingt, da habe ich meine Zweifel. Die EU-Kommission hat in ihrem Legislativvorschlag zur Nachhaltigkeitsberichterstattung gerade die Berichtspflichten deutlich ausgeweitet und konkretisiert. Und sie hat die bisherige Meldeschwelle von 500 auf 250 Mitarbeiter heruntergesetzt. Damit sind künftig 70% aller Sparkassen berichtspflichtig.

Seit meinem Amtsantritt im Februar 2009 hat sich an den wesentlichen Strukturen im Finanzsystem nicht furchtbar viel verändert. Der Moral Hazard feiert immer noch fröhliche Urstände. Die Notenbanken haben sich als Feuerlöscher bei der Bekämpfung der Finanzkrise verdient gemacht. Vor lauter Löschschaum haben sie aber irgendwann den Exit aus den Notmaßnahmen aus den Augen verloren.
Ihrer Rolle treu geblieben sind auch die Sparkassen. Sie sind so etwas wie die Stehaufmännchen des Finanzsektors. In ihrer langen, langen Geschichte haben sie eine Vielzahl von Umbrüchen erlebt und bewältigt. Alleine in meine Amtszeit fielen zwei Krisen von Weltformat: die Finanzkrise und die Corona-Pandemie. In all diesen oft nicht einfachen Jahren war auf die Sparkassen immer Verlass. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, dass es hierzulande zu keinem Zeitpunkt eine Kreditklemme gegeben hat. Sie haben dafür gesorgt, dass die Menschen und die Wirtschaft einigermaßen glimpflich durch diese Krisen gekommen sind. Unsere Sparkassen sind deshalb nicht nur gut für Deutschland. Sie sind unverzichtbar!