EZB: „Die Weltwirtschaft hat sich im dritten Quartal 2020 kräftig erholt. Die Wachstumsdynamik setzte sich zu Beginn des vierten Quartals fort, aber aufgrund widriger Faktoren trüben sich die kurzfristigen Konjunkturaussichten ein.“

Frankfurt/Main (7.1.21) – Der jüngste Wirtschaftsbericht der Europäischen Zentralbank (EZB) beginnt ermutigend und ernüchternd zugleich. In ihm heißt es u.a.:  Zwar stimmten die jüngsten Nachrichten über die Entwicklung wirksamer Impfstoffe gegen das Coronavirus die Finanzmärkte optimistisch, doch die kurzfristigen weltwirtschaftlichen Aussichten sind weiterhin durch die Pandemie getrübt. Infolge des erheblichen Anstiegs der Covid-19-Neuinfektionen, insbesondere in den Industrieländern, wurden erneut Eindämmungsmaßnahmen ergriffen. Allerdings dürften diese Maßnahmen die Wirtschaft nicht mehr so stark beeinträchtigen wie in der ersten Welle der Pandemie.

Laut den von Experten des Eurosystems erstellten gesamtwirtschaftlichen Projektionen vom Dezember 2020 wird das weltweite reale BIP (ohne Eurogebiet) 2020 um 3,0 % schrumpfen und sich dann 2021 um 5,8 %, 2022 um 3,9 % und 2023 um 3,6 % erhöhen. Der Welthandel (ohne Euroraum) verringerte sich 2020 stärker als das reale BIP, wird sich aber den Erwartungen zufolge im Jahr 2021 auch kräftiger erholen. Darin spiegelt sich in erster Linie die ausgeprägtere Prozyklizität des Handels wieder, die vor allem in wirtschaftlichen Abschwungphasen zum Tragen kommt. Im Zusammenhang mit der jüngsten Verschärfung des Infektionsgeschehens dürften diese negativen Effekte weniger stark ausfallen. Die Risiken hinsichtlich der globalen Konjunkturaussichten sind den Einschätzungen zufolge insgesamt weniger negativ als bislang erwartet. Grund hierfür sind Meldungen zur Wirksamkeit mehrerer Impfstoffe, die das Eintreten des schwerwiegenden Szenarios weniger wahrscheinlich machen.

Angesichts einer verbesserten Risikostimmung infolge erfreulicher
Impfstoffankündigungen haben sich die Finanzierungsbedingungen im
Euroraum seit der Sitzung des EZB-Rats im September 2020 insgesamt noch
etwas weiter gelockert. Im Berichtszeitraum (10. September bis
9. Dezember 2020) schwankte die Terminkurve des Euro Overnight Index
Average (EONIA) leicht, blieb aber letztlich weitgehend unverändert. Darin spiegeln
sich zum einen die Bedenken hinsichtlich der beschleunigten Ausbreitung des
Coronavirus in Europa und zum anderen die positiven Nachrichten zur
Impfstoffentwicklung wider. Die Terminkurve weist am kurzen Ende weiterhin einen
nur leicht inversen Verlauf auf. Die Renditen und Spreads langfristiger
Staatsanleihen gingen im Euro-Währungsgebiet im betrachteten Zeitraum spürbar
zurück. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass weitere geld- und finanzpolitische
Stützungsmaßnahmen erwartet wurden und sich die Risikostimmung vor allem
infolge der Meldungen über erfolgreiche Impfstofftests weltweit aufhellte.
Entsprechend stiegen die Preise für risikoreiche Anlagen an. An den
Devisenmärkten war in handelsgewichteter Rechnung eine leichte Abwertung des
Euro zu beobachten.
Nach einem drastischen Rückgang in der ersten Jahreshälfte 2020 erholte sich
das reale BIP im Euroraum im dritten Quartal kräftig und stieg gegenüber dem
Vorquartal um 12,5 % an. Es liegt jedoch nach wie vor deutlich unter dem vor
der Pandemie verzeichneten Niveau. Die seit Mitte Oktober zu beobachtende
zweite Pandemiewelle und die damit verbundene Verschärfung der
Eindämmungsmaßnahmen dürften im vierten Quartal einen neuerlichen starken
Konjunkturrückgang zur Folge haben. Dieser wird indes wohl deutlich geringer
ausfallen als im zweiten Jahresviertel 2020. Die wirtschaftliche Entwicklung verläuft
in den einzelnen Sektoren weiterhin sehr uneinheitlich: Der Dienstleistungssektor ist
durch die neuen Einschränkungen der sozialen Kontakte und der Mobilität stärker
beeinträchtigt als die Industrie. Obwohl private Haushalte und Unternehmen durch
finanzpolitische Maßnahmen unterstützt werden, bleiben die Verbraucher angesichts
der Pandemie und ihrer Auswirkungen auf Beschäftigung und Einkommen
zurückhaltend. Darüber hinaus wirken sich die schwächeren Unternehmensbilanzen
und die Unsicherheit über die Konjunkturaussichten negativ auf die
Unternehmensinvestitionen aus. Im weiteren Verlauf stärken die jüngsten
Fortschritte bei der Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen die Zuversicht in die
Annahme, dass die Gesundheitskrise schrittweise bewältigt werden kann. Es wird
jedoch dauern, bis eine großflächige Immunität erreicht ist. Ein erneuter Anstieg der
Infektionszahlen, mit dem Herausforderungen für das Gesundheitswesen und die
Wirtschaftsaussichten einhergehen, kann nicht ausgeschlossen werden. Auf mittlere Sicht dürfte die Erholung der Wirtschaft des Euroraums durch günstige
Finanzierungsbedingungen, einen expansiven finanzpolitischen Kurs und – sobald
die Eindämmungsmaßnahmen gelockert werden und die Unsicherheit nachlässt –
eine Belebung der Nachfrage gestützt werden.
Diese Einschätzung deckt sich weitgehend mit dem Basisszenario der von
Experten des Eurosystems erstellten gesamtwirtschaftlichen Projektionen für
das Euro-Währungsgebiet vom Dezember 2020. Das jährliche Wachstum des
realen BIP wird den Projektionen zufolge 2020 bei -7,3 %, 2021 bei 3,9 %, 2022 bei
4,2 % und 2023 bei 2,1 % liegen. Verglichen mit den von Experten der EZB
erstellten Projektionen vom September 2020 wurden die kurzfristigen
Konjunkturaussichten nach unten korrigiert. Mittelfristig dürften sie jedoch
weitgehend wieder auf das im Basisszenario vom September projizierte Niveau
ansteigen. Die Risiken für die Wachstumsaussichten des Eurogebiets sind
insgesamt noch immer abwärtsgerichtet, haben sich aber abgeschwächt. Zwar sind
die Nachrichten über die mögliche Bereitstellung von Impfstoffen ermutigend.
Dennoch gibt es weiterhin Abwärtsrisiken im Hinblick auf die Folgen der Pandemie
für die Wirtschafts- und Finanzlage.
Die jährliche Inflationsrate für das Eurogebiet belief sich der Schnellschätzung
von Eurostat zufolge im November unverändert auf -0,3 %. Auf Grundlage der
Ölpreisentwicklung und unter Berücksichtigung der vorübergehenden
Mehrwertsteuersenkung in Deutschland dürfte die Gesamtinflation bis Anfang 2021
negativ bleiben. Danach dürfte sie sich aufgrund der auslaufenden
Mehrwertsteuersenkung in Deutschland sowie aufwärtsgerichteter Basiseffekte bei
der Teuerungsrate für Energie erhöhen. Zugleich dürfte der zugrunde liegende
Preisdruck verhalten bleiben. Dies hängt mit der schwachen Nachfrage, vor allem im
Tourismus- und Reisesektor, sowie mit einem geringen Lohndruck zusammen.
Zudem liegt der effektive Wechselkurs des Euro auf einem historisch hohen Niveau.
Sobald der Einfluss der Pandemie nachlässt, wird eine Erholung der Nachfrage,
unterstützt durch akkommodierende finanz- und geldpolitische Maßnahmen,
mittelfristig Aufwärtsdruck auf die Inflation ausüben. Markt- und umfragebasierte
Messgrößen der längerfristigen Inflationserwartungen bleiben auf niedrigem Niveau.
Diese Einschätzung deckt sich weitgehend mit dem Basisszenario der von
Experten des Eurosystems erstellten Projektionen vom Dezember 2020.
Demzufolge wird die jährliche Teuerung im Euroraum 2020 bei 0,2 %, 2021 bei
1,0 %, 2022 bei 1,1 % und 2023 bei 1,4 % liegen. Gegenüber den von Experten
der EZB erstellten Projektionen vom September 2020 wurden die
Inflationsaussichten für die Jahre 2020 und 2022 nach unten korrigiert. Die jährliche
HVPI-Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel dürfte sich 2020 auf 0,7 %, 2021
auf 0,8 % und 2022 auf 1,0 % belaufen und 2023 auf 1,2 % ansteigen.
Die Corona-Pandemie wirkt sich weiterhin auf die monetäre Dynamik im EuroWährungsgebiet aus. Das Wachstum der weit gefassten Geldmenge M3 blieb im
Oktober 2020 mit 10,5 % weitgehend unverändert. Gestützt wurde das starke
Geldmengenwachstum von den laufenden Ankäufen von Vermögenswerten durch
das Eurosystem, die zur größten Quelle der Geldschöpfung geworden sind. Vor dem
Hintergrund einer weiterhin verstärkten Liquiditätspräferenz und geringer Opportunitätskosten für das Halten der liquidesten Formen von Geld hat das eng
gefasste Geldmengenaggregat M1 abermals den größten Beitrag zum Anstieg der
weit gefassten Geldmenge geleistet. Das Wachstum der Kreditvergabe an den
privaten Sektor stagnierte zwar, liegt aber nach wie vor über den Zuwachsraten, die
vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie verzeichnet wurden. Die
Jahreswachstumsrate der Buchkredite an nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften sank
im Oktober auf 6,8 %, verglichen mit 7,1 % im September. Die schwächere
Kreditdynamik ist vor dem Hintergrund eines nachlassenden Bedarfs an NotfallLiquidität, einer schwachen Investitionstätigkeit und strengerer Richtlinien für die
Kreditvergabe an Unternehmen zu sehen. Die Jahreswachstumsrate der
Buchkredite an private Haushalte lag im Oktober wie bereits im Vormonat bei 3,1 %.
Zusammen mit den Maßnahmen, die von nationalen Regierungen und europäischen
Institutionen beschlossen wurden, sind die geldpolitischen Maßnahmen des EZBRats weiterhin unerlässlich, um die Kreditvergabebedingungen der Banken und den
Zugang zu Finanzmitteln zu unterstützen, vor allem für jene, die am stärksten von
den Auswirkungen der Pandemie betroffen sind.
Die erheblichen negativen Effekte der Corona-Pandemie auf die Realwirtschaft
wurden durch die umfangreiche Unterstützung der Finanzpolitik abgemildert.
Die sich hieraus ergebenden Haushaltsbelastungen sind in allen Euro-Staaten
gravierend, unterscheiden sich aber deutlich von Land zu Land. Aufgrund des
Wirtschaftsabschwungs und der finanzpolitischen Stützungsmaßnahmen dürfte das
gesamtstaatliche Haushaltsdefizit im Euroraum im Jahr 2020 deutlich auf 8,0 % des
BIP steigen, verglichen mit 0,6 % des BIP im Vorjahr. Dies geht aus den
gesamtwirtschaftlichen Projektionen des Eurosystems vom Dezember 2020 hervor.
Für die Folgejahre wird ein Rückgang der Defizitquote auf 6,1 % (2021), 3,9 %
(2022) und 3,0 % (2023) erwartet. Diese Verbesserung dürfte vor allem auf die
auslaufenden Notmaßnahmen zurückzuführen sein. Die Konjunkturkomponente wird
sich dagegen erst ab dem Jahr 2022 deutlich verbessern. Angesichts des starken
Konjunkturabschwungs im Eurogebiet ist ein ambitionierter und koordinierter
fiskalischer Kurs nach wie vor von entscheidender Bedeutung. Allerdings sollten die
Maßnahmen zielgerichtet und zeitlich befristet sein. Gleichzeitig ist eine anhaltende
Unterstützung durch die nationale Finanzpolitik erforderlich. Gründe hierfür sind die
schwache Nachfrage der Unternehmen und privaten Haushalte sowie das erhöhte
Risiko einer verzögerten Erholung angesichts der neuen Lockdown-Maßnahmen, die
infolge der zweiten Pandemiewelle verhängt wurden. Das Hilfspaket „Next
Generation EU“ ergänzt das finanzpolitische Handeln auf nationaler Ebene. Es wird
zu einer rascheren, stärkeren und gleichmäßigeren Erholung beitragen und dabei
die Widerstandskraft und das Wachstumspotenzial der Volkswirtschaften in der EU
steigern. Dies gilt umso mehr, wenn die Mittel für produktive Staatsausgaben
eingesetzt und gleichzeitig produktivitätssteigernde Strukturmaßnahmen ergriffen
werden.

Das geldpolitische Maßnahmenpaket

Angesichts der wirtschaftlichen Folgen des Wiederaufflammens der Pandemie und
der dadurch länger anhaltenden Inflationsschwäche hat der EZB-Rat seine geldpolitischen Instrumente am 10. Dezember 2020 neu kalibriert. Dies soll dazu
beitragen, die günstigen Finanzierungsbedingungen während der Pandemie
aufrechtzuerhalten und letztlich die Konjunktur und eine deutliche Annäherung der
Inflation an ein Niveau von unter, aber nahe 2 % auf mittlere Sicht zu unterstützen.
1. Der EZB-Rat beschloss, die Leitzinsen der EZB unverändert zu belassen. Es
wird davon ausgegangen, dass sie so lange auf ihrem aktuellen oder einem
niedrigeren Niveau bleiben werden, bis sich die Inflationsaussichten im
Projektionszeitraum deutlich einem Niveau annähern, das hinreichend nahe,
aber unter 2 % liegt, und sich diese Annäherung in der Dynamik der zugrunde
liegenden Inflation durchgängig widerspiegelt.
2. Der EZB-Rat beschloss ferner, den Rahmen des PandemieNotfallankaufprogramms (PEPP) um 500 Mrd € auf insgesamt 1 850 Mrd € zu
erweitern. Außerdem verlängerte er den Zeithorizont für die Nettoankäufe im
Zuge des PEPP bis mindestens Ende März 2022. Das Eurosystem wird in
jedem Fall Nettoankäufe tätigen, bis die Coronakrise nach Einschätzung des
EZB-Rats überstanden ist. Das Eurosystem wird seine Ankäufe im Rahmen des
PEPP durchführen, um über diesen verlängerten Zeitraum hinweg günstige
Finanzierungsbedingungen aufrechtzuerhalten. Es wird Ankäufe flexibel in
Abhängigkeit von den Marktbedingungen und mit dem Ziel durchführen, eine
Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen zu vermeiden, die nicht damit
vereinbar ist, dem Abwärtsdruck der Pandemie auf die projizierte
Inflationsentwicklung entgegenzuwirken. Darüber hinaus wird die Flexibilität der
Ankäufe über den Zeitverlauf, die Anlageklassen und die Länder hinweg
weiterhin die reibungslose Transmission der Geldpolitik unterstützen. Wenn mit
Ankäufen, die den Rahmen des PEPP über den Zeithorizont der Nettoankäufe
hinweg nicht voll ausschöpfen, günstige Finanzierungsbedingungen
aufrechterhalten werden können, muss der Rahmen nicht vollständig genutzt
werden. Ebenso kann der Rahmen erforderlichenfalls auch neu kalibriert
werden, um günstige Finanzierungsbedingungen aufrechtzuerhalten und so
dem negativen Schock der Pandemie auf die Inflationsentwicklung
entgegenzuwirken. Die Verlängerung der PEPP-Ankäufe über einen längeren
Zeithorizont ist den länger anhaltenden Auswirkungen der Pandemie auf die
Wirtschaft und Inflation geschuldet. Sie ermöglicht eine kontinuierliche
Marktpräsenz und eine länger andauernde Unterstützung durch die
geldpolitischen Impulse des EZB-Rats. Die Aufrechterhaltung günstiger
Finanzierungsbedingungen während der Pandemie wird dazu beitragen, die
Unsicherheit zu verringern und das Vertrauen zu stärken. So werden
Konsumausgaben und Unternehmensinvestitionen angekurbelt. Letztendlich
wird die wirtschaftliche Erholung unterstützt und dazu beigetragen, dem
dämpfenden Einfluss der Pandemie auf die projizierte Inflationsentwicklung
entgegenzuwirken. Der EZB-Rat beschloss zudem, die Wiederanlage von
Tilgungsbeträgen der im Rahmen des PEPP erworbenen Wertpapiere bei
Fälligkeit mindestens bis Ende 2023 zu verlängern. Das zukünftige Auslaufen
des PEPP-Portfolios wird in jedem Fall so gesteuert, dass eine
Beeinträchtigung des angemessenen geldpolitischen Kurses vermieden wird.