Allianz: Deutsche haben nur geringe Finanzkompetenz

München (19.11.20) – Für den “Allianz Financial and Risk Literacy Survey” wurde jeweils eine repräsentative Stichprobe von 1000 Teilnehmern in sieben Ländern untersucht: Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Italien, Spanien und die USA. Dabei wurde nach den Erfahrungen in der Corona-Pandemie hinsichtlich Einkommen, Konsum, Sparen, Finanz- und Risikokompetenz gefragt.

Covid-19: Die unfaire Krise

Es war zu erwarten, dass die Pandemie unser Leben in vielfacher Hinsicht beeinflusst: Mindestens 55% der Teilnehmer in jedem Land gaben daher auch an, dass die Corona-Pandemie das einschneidendste wirtschaftliche Erlebnis in ihrem Leben darstellt. Unterschiede zwischen den Ländern spiegeln dabei die Tiefe der sanitären und wirtschaftlichen Krise wider – wobei Deutschland sich noch am widerstandsfähigsten zeigt: 20% der deutschen Befragten gaben an, dass ihr Einkommen wegen der Krise gefallen sei (gegenüber 30% fürs gesamte Sample). Es gibt aber auch zwei Aspekte, die allen Ländern gemeinsam sind: Frauen und Millennials sind übermäßig betroffen. 37,8% der Millennials, aber nur 27,2% der übrigen Altersgruppen waren mit einem fallenden Einkommen konfrontiert. Die Geschlechterlücke ist ähnlich groß: Während 32,8% der weiblichen Teilnehmer von einem rückläufigen Einkommen berichten, trifft dies nur auf 27,1% der männlichen Teilnehmer zu. In Deutschland ist diese Geschlechterlücke mit 1,6 Prozentpunkte allerdings deutlich kleiner.

 

Finanzkompetenz: Große Geschlechterlücke

Um die Finanzkompetenz der Teilnehmer zu messen, stellten wir vier Fragen zu verschiedenen Aspekten: rechnerische Fähigkeiten, Zinsen, Buchhaltung und Inflation. Insgesamt ist das Niveau der Finanzkompetenz erschreckend niedrig: Nur 28,5% der Befragten konnten alle vier Fragen richtig beantworten; in Deutschland liegt dieser Wert nur geringfügig höher (31,8%). Während Unterschiede zwischen den Altersgruppen zu erwarten waren – Finanzkompetenz wird schließlich kaum in der Schule, sondern im Leben gelernt –, ist die große Geschlechterlücke eher überraschend: 36,4% der männlichen Teilnehmer erwiesen sich als „finanzkompetent“, aber nur 20,7% der weiblichen Teilnehmer. Mit 14,3 Prozentpunkten ist die Lücke in Deutschland ähnlich groß. “Die große Geschlechterlücke in der Finanzkompetenz ist alarmierend“, sagte Patricia Pelayo Romero, Autorin des Berichts. „Finanzkompetenz ist ein kritischer Faktor, der erklärt, warum einige Teile der Bevölkerung mit Krisen besser umgehen können als andere. Geringe Finanzkompetenz und die größeren finanziellen Einbußen machen die Corona-Pandemie zum perfekten Sturm für Frauen.“

 

Finanzkompetenz ist dabei kein abstraktes Konzept, sondern zeitigt handfeste Konsequenzen. Wenn die Teilnehmer gebeten wurden, 1000 Euro anzulegen, wählten “finanzkompetente“ Teilnehmer vornehmliche Wertpapiere aus (34,8%), gegenüber 22,3%, die sich für Bankeinlagen entschieden. Bei den „finanzinkompetenten“ Teilnehmer war die Relation genau umgekehrt (26,8% vs. 29,8%). Noch irritierender: „finanzinkompetente“ Teilnehmer bevorzugten Kryptowährungen (11,6%) gegenüber Versicherungsprodukten (9,0%). „Finanzkompetenz macht einen Unterschied”, kommentierte Arne Holzhausen, Ko-Autor des Berichts. “In Zeiten von negativen Realzinsen ist häufig die vermeintlich sicherste Anlage diejenige, die die Verluste beschert. Versierte Sparer können vermeiden, in diese Falle zu tappen.”

 

Risikokompetenz vergleichbar gering

Wir stellten auch zwei Fragen zur Risikokompetenz, nämlich zur Wahrscheinlichkeitsverteilung und Diversifikation von Risiken. Wiederum ist das Niveau der Risikokompetenz (sehr) niedrig: nur 27,6% der Befragten konnten beide Fragen richtig beantworten; das Ergebnis unter den deutschen Befragten ist nur geringfügig besser (28,6%). Auch die Geschlechterlücke ist wieder groß: Sie beträgt 9,6 Prozentpunkte fürs gesamte Sample und 12,9 Prozentpunkte für Deutschland. Allerdings konnte unsere Befragung nicht die Hypothese bestätigen, dass die Risikotoleranz von der Risikokompetenz bestimmt wird. Hohe Risikoaversion fand sich sowohl unter “risikokompetenten” wie -inkompetenten” Teilnehmern. Die im Durchschnitt höhere Risikoaversion unter den weiblichen Teilnehmern deutet auf andere, nicht beobachtete Faktoren wie Persönlichkeit oder soziale Rollenmuster hin.

 

„Die desaströsen Werte für Finanz- und Risikokompetenz sollten ein Weckruf für Politik und Industrie sein“, sagte Patricia Pelayo Romero. „Das Investmentumfeld war bereits vor Covid-19 herausfordernd. Es ist seitdem keineswegs einfacher geworden. Ohne echte Finanzkompetenz sind viele Haushalte dazu verdammt, falsche finanzielle Entscheidungen zu treffen, mit möglicherweise verheerenden Folgen für ihr zukünftiges finanziellen Wohlergehen. Die Politik sollte daher darauf hinarbeiten, Finanzkompetenz in die schulischen Lehrpläne zu integrieren, während die Finanzindustrie ihre Anstrengungen verdoppeln sollte, einfache, leicht verständliche Produkte auf den Markt zu bringen.“

 

Anteil der “finanzkompetenten” Teilnehmer, nach Ländern und Geschlecht
Antworten in %

Österreich

Frankreich

Italien

Deutschland

Spanien

Schweiz

USA

Männer

44,1

27,8

44,7

39,0

31,8

38,3

29,0

Frauen

28,2

11,5

24,0

24,7

13,3

22,6

21,3

Gesamt

35,8

19,2

33,8

31,8

22,1

31,2

25,0