Ernst & Young: Zweite Pandemie-Welle würgt Aufschwung auf dem Neuwagenmarkt ab

Frankfurt/Main (18.11.20) – Nach einem kleinen Plus im September hat der EU-Neuwagenmarkt im Oktober wieder den Rückwärtsgang eingelegt: Die Pkw-Neuzulassungen sanken um acht Prozent, im bisherigen Jahresverlauf gingen sie damit um 27 Prozent zurück. Der Negativtrend war fast flächendeckend – alle großen Märkte schrumpften. Besonders kräftig war der Rückgang z.B. in Polen, Spanien und Portugal, wo jeweils prozentual zweistellige Einbußen gemeldet wurden – ebenso wie in einigen kleineren osteuropäischen Märkten. Von den größeren Absatzmärkten konnte nur Italien ein Ergebnis fast auf Vorjahresniveau vermelden – dort sorgt eine Abwrackprämie für eine relativ hohe Nachfrage.

„Noch im September schien es, als könne sich die Situation auf dem europäischen Neuwagenmarkt wieder normalisieren“, stellt Peter Fuß, Partner bei EY, fest. „Im Oktober ging die Entwicklung hingegen fast überall wieder nach unten. Steigende Infektionszahlen, erste Einschränkungen in vielen Ländern und eine wieder zunehmende Verunsicherung von Verbrauchern trugen zu diesem enttäuschenden Ergebnis bei.“

Die Autobranche müsse sich daher auf schwierige Monate einstellen, so Fuß – daran änderten auch die positiven Meldungen zum Impfstoff nichts. „Die Perspektive, dass wirksame Impfstoffe schon im Frühjahr verfügbar sein könnten, ist ein Lichtblick am Horizont – bis zu einer echten Normalisierung der Situation werden aber noch etliche Monate vergehen. Sicher ist, dass sich die Autobranche auf einen ganz harten Winter einstellen muss, bevor es ab dem kommenden Frühjahr wieder aufwärts gehen kann,“ prognostiziert Fuß.

Elektrifizierte Antriebe boomen – Verbrenner weiter auf dem Rückzug

In einigen großen Märkten gibt es staatliche Unterstützungen beim Kauf elektrifizierter Fahrzeuge. Diese Maßnahmen und die deutliche Ausweitung des Fahrzeugangebots zeigen deutliche Wirkung: Der Absatz von Elektroautos boomt, die Marktanteile erreichten im Oktober neue Rekordwerte.

Im Oktober hatte jeder neunte Neuwagen in den größten fünf Märkten in Europa (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien) einen elektrifizierten Antrieb, der Marktanteil betrug 11,5 Prozent – nach 10,6 Prozent im September und gerade einmal 3,2 Prozent im Oktober 2019. In Deutschland war im Oktober sogar jeder sechste neu zugelassene Pkw entweder ein Elektroauto oder ein Plug-in-Hybrid.

„Die Nachfrage nach elektrifizierten Neuwagen ist – nicht zuletzt dank der großzügigen staatlichen Unterstützung – in den vergangenen Monaten geradezu explodiert. Die Hersteller können die Nachfrage kaum bedienen“, beobachtet Fuß. „Die Lieferzeiten sind zum Teil extrem lang.“

Insgesamt kletterte der Absatz reiner Elektroautos in den Top-5-Märkten im Vergleich zum Vorjahresmonat um 227 Prozent – der Absatz hat sich also mehr als verdreifacht. Die höchsten Zuwachsraten gab es in Deutschland (plus 365 Prozent) und Italien (plus 205 Prozent).

Bei Plug-in-Hybriden fiel das Wachstum sogar noch kräftiger aus: Um 256 Prozent legten die Neuzulassungen in den Top-5-Märkten zu. Frankreich (plus 398 Prozent) und Italien (plus 330 Prozent) meldeten die höchsten Wachstumsraten.

Die höchsten Marktanteile erzielten reine Elektroautos im Oktober in Deutschland (8,4 Prozent) und Großbritannien (6,6 Prozent). Plug-in-Hybride waren vor allem in Deutschland (Marktanteil: 9,1 Prozent) und Frankreich (6,0 Prozent) populär.

Der aktuelle Elektro-Boom wird vorerst anhalten, ist sich Fuß sicher. „Es gibt erhebliche staatliche Unterstützungen beim Kauf von Elektroautos und Plug-in-Hybriden. Das kurbelt die Nachfrage an. Gerade für Dienstwagenfahrer in Deutschland sind Plug-in-Hybride und Elektroautos dank der günstigeren 0,5%- bzw. 0,25%-Regelung bei der Lohnversteuerung des geldwerten Vorteils hochinteressant – was den Markterfolg hierzulande zu einem großen Teil erklären dürfte.“ Den Herstellern kommt das starke Absatzplus bei elektrifizierten Neuwagen sehr gelegen – sie stehen unter erheblichem Druck, viele elektrifizierte Neuwagen unters Volk zu bringen, um ihre CO2-Ziele zu erreichen. Gerade Plug-in-Hybride entwickeln sich derzeit zum Verkaufsschlager, weil sie nicht nur in vielen Märkten großzügig gefördert werden, sondern zudem den entscheidenden Vorteil haben, dass die Reichweite kein Problem darstellt.“

Während elektrifizierte Antriebe boomen, gerät derzeit vor allem der klassische Otto-Motor unter Druck. So sank im Oktober der Absatz von Neuwagen mit Benzin-Motor in den Top-5-Märkten um 30 Prozent, die Zahl der neu zugelassenen Neuwagen mit Diesel-Motor sank hingegen „nur“ um 19 Prozent, womit sich der Trend der Vormonate fortsetzte. Reine Verbrenner kamen im Oktober auf einen gemeinsamen Marktanteil von 69 Prozent – nach 87 Prozent im Vorjahresmonat. 

Die Top 10 Elektroautos im Oktober (Deutschland)

(Neuzulassungen)

Oktober 2020

RENAULT ZOE

5.010

VW ID.3

2.647

HYUNDAI KONA

1.932

SMART FORTWO

1.846

VW GOLF

1.300

BMW I3

1.179

VW UP

990

AUDI E-TRON

1.202

OPEL CORSA

998

MINI MINI

710