Ernst & Young: Nur schwache Erholung auf dem Neuwagenmarkt – jeder sechste Neuwagen hat elektrischen Antrieb

Stuttgart (5.10.20) – Die wichtigsten Entwicklungen auf dem deutschen Neuwagenmarkt im August: Nach einem Rückgang der Neuzulassungen im August um 20 Prozent ging es im September um 8 Prozent nach oben. Peter Fuß, Partner bei EY, führt die Entwicklung im September auf mehrere Faktoren zurück: „Nachdem im August noch Sondereffekte wie Werksferien, eine geringe Zahl an Arbeitstagen und eine künstlich aufgeblähte Zulassungszahl im Vorjahr für einen besonders starken Rückgang gesorgt haben – zeigt sich im September ein anderes Bild: Die Lage normalisiert sich, die Verkäufe ziehen wieder an, aber die erhofften starken Aufholeffekte, die sich aus aufgeschobenen Käufen in den Vormonaten hätten ergeben könnten, bleiben aus – das massive Minus aus dem ersten Halbjahr kann nicht aufgeholt werden. Somit wird immer klarer, dass der deutsche Neuwagenmarkt auf eine tiefrote Jahresbilanz zusteuert.“

  • Die aktuellen Zahlen zeigen auch: Vor allem Unternehmen halten sich angesichts der schwierigen konjunkturellen Lage weiter zurück und bleiben im Sparmodus: Die Zahl der gewerblichen Neuwagenkäufe lag im September zwar um 3 Prozent über dem Wert des Vorjahreszeitraums. Nach den enormen Rückgängen der Vormonate ist dies für den wichtigen gewerblichen Neuwagenmarkt aber nicht mehr als ein kleiner Lichtblick.
  • Private Käufer profitieren von der Mehrwertsteuersenkung – und erstmals kann aus der Zulassungsstatistik ein gewisser Effekt herausgelesen werden: Die Zahl der privaten Neuwagenkäufe lag im September um 18 Prozent höher als vor einem Jahr. Diese Entwicklung sollte allerdings nicht überbewertet werden. Denn: Inwieweit es sich hier um nachgeholte Käufe handelt oder um Käufe, die ursächlich auf die Steuersenkung zurückzuführen sind, ist unklar.
  • Bemerkenswert auch: Der Gebrauchtwagenmarkt entwickelte sich mit einem Plus von 13 Prozent erneut deutlich besser als der Neuwagenmarkt: „Privatleute entscheiden sich derzeit eher für einen günstigeren Gebrauchtwagen als für einen Neuwagen – ein Grund dürfte die konjunkturelle Lage sein.“
  • Uneinheitliche Entwicklung in Europa: Im September ergibt sich beim Blick ins Ausland kein klares Bild: In Spanien wurde ein deutliches Minus von 13,5 Prozent verzeichnet, in der Schweiz von 11,4 Prozent – in Frankreich sanken die Neuzulassungen um 3,0 Prozent. Auf der anderen Seite verzeichnete Österreich ein Plus von 5,9 Prozent, Italien sogar ein Plus von 9,8 Prozent.

„Die Lage auf dem europäischen Neuwagenmarkt bleibt angespannt und fragil. Die unklare Entwicklung der Pandemie, neue regionale Beschränkungen des öffentlichen Lebens, die teils massiven Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt führen nach wie vor zu einer spürbaren Kaufzurückhaltung“, sagt Fuß.

  • Elektro boomt und boomt: Die Einführung der „Innovationsprämie“ in Deutschland – also die Erhöhung der Förderung von Elektroautos durch den Bund von 3.000 auf 6.000 Euro macht Elektroautos preislich derzeit sehr attraktiv und führt zu einem enorm gestiegenen Interesse an diesem Segment. Der Absatz von Elektroautos hat sich im September gegenüber dem Vorjahresmonat erneut mehr als verdreifacht (plus 260 Prozent). Bei Plug-in-Hybriden lag das Plus sogar bei 463 Prozent. Zusammen haben sich die Neuzulassungen elektrifizierter Neuwagen damit mehr als vervierfacht (plus 337 Prozent). Der gemeinsame Marktanteil stieg von 3,9 auf 15,6 Prozent – gut jeder sechste im September neu zugelassene Pkw hatte also einen elektrischen Antrieb – ein neuer Rekordwert.
  • „Der Elektro-Boom hält an – allerdings vor allem dank enormer Rabatte“, sagt Fuß. Er rechnet mit einer ähnlich starken Dynamik im weiteren Jahresverlauf. „Bei elektrifizierten Neuwagen ist die Nachfrage deutlich größer als das Angebot, mit der Folge, dass Interessenten teils sehr lang auf ihren Neuwagen warten müssen. Einen weiteren kräftigen Schub wird das Segment zudem nicht zuletzt mit dem Beginn der Auslieferungen des ID.3 bekommen. Neue Modelle, die stark beworben werden, werden auch im kommenden Jahr für Schub sorgen“.
  • Ausblick: Leichte Erholung im zweiten Halbjahr wird tiefrote Jahresbilanz nicht verhindern. Im bisherigen Jahresverlauf liegt der deutsche Neuwagenmarkt um 26 Prozent niedriger als im Vorjahr. In den verbleibenden Monaten des Jahres rechnet Fuß mit einer weiteren vorsichtigen Normalisierung der Situation auf dem Neuwagenmarkt. Viel hänge allerdings von der weiteren Entwicklung der Pandemie ab, so Fuß: „Einen bundesweiten Lockdown wird es wohl nicht mehr geben. Aber auch lokale Einschränkungen des öffentlichen Lebens können sich erneut stark auf den Neuwagenmarkt auswirken und zu neuer Verunsicherung der Käufer führen.“ Unterm Strich rechnet Fuß in diesem Jahr insgesamt mit einem Rückgang der Neuzulassungen um etwa ein Fünftel.