Allianz Global Wealth Report: 2019 stieg das Geldvermögen weltweit um 9,7% und erreichte 192 Billionen EUR

München (23.9.20) – Die Allianz hat heute die elfte Ausgabe ihres „Global Wealth Report“ vorgestellt, der das Geldvermögen und Verschuldung der privaten Haushalte in fast 60 Ländern analysiert. Dabei konnten wir in den letzten zehn Jahren noch nie eine so große Zunahme des Wohlstands verzeichnen: Weltweit stieg das Brutto-Geldvermögen[1] im Jahr 2019 um 9,7% und verzeichnete damit das stärkste Wachstum seit 2005. Angesichts der Tatsache, dass das Jahr 2019 von sozialen Unruhen, eskalierenden Handelskonflikten und einer industriellen Rezession geprägt war, ist diese Leistung mehr als erstaunlich. Doch als die Zentralbanken einen Kursschwenk hin zu einer breit angelegten geldpolitischen Lockerung vollzogen, führte dies zu einem kräftigen Plus von 25% der Aktienmärkte, losgelöst von den Fundamentaldaten; in der Folge wurde dadurch auch das Geldvermögen kräftig angehoben: Allein die Anlageklasse der Wertpapiere nahm 2019 um satte 13,7% zu; nie war das Wachstum im 21. Jahrhundert stärker. Die Wachstumsraten der beiden anderen Hauptanlageklassen waren niedriger – aber immer noch beeindruckend: Versicherungen und Pensionen erreichten ein Plus von 8,1%, was hauptsächlich auf den Anstieg der zugrundeliegenden Vermögenswerte zurückzuführen ist, und die Bankeinlagen stiegen um 6,4%. Tatsächlich verzeichneten alle Anlageklassen ein Wachstum, das deutlich über ihrem langfristigen Durchschnitt seit der Großen Finanzkrise (GFC) lag. Eine weitere Besonderheit des Jahres 2019: Über all die Jahre hinweg wurde die regionale Wachstumsrangliste von den Schwellenländern dominiert. Nicht so im Jahr 2019. Die Regionen, die das schnellste Wachstum verzeichneten, waren bei weitem die reichsten: Nordamerika und Ozeanien, wo das Brutto-Geldvermögen der Haushalte um jeweils rekordverdächtige 11,9% zunahm. Infolgedessen konnten die Schwellenländer das dritte Jahr in Folge nicht schneller als die reicheren Länder wachsen. Der Aufholprozess ist ins Stocken geraten.

Krise? Welche Krise?

Dieselbe Geschichte dürfte sich im Jahr 2020 wiederholen – nur ins Extrem gewendet. Als Covid-19 die Weltwirtschaft in die tiefste Rezession seit 100 Jahren stürzte, legten Zentralbanken und Finanzbehörden auf der ganzen Welt beispiellose geld- und fiskalpolitische Hilfspakete auf und schirmten so die Haushalte und ihr Geldvermögen vor den Folgen einer Welt in Unordnung ab. Wir gehen daher davon aus, dass die privaten Haushalte ihre Verluste aus dem ersten Quartal wettmachen konnten und bis zum Ende des zweiten Quartals 2020 einen leichten Anstieg des globalen Geldvermögens um 1,5% verzeichneten; Hauptreiber der Entwicklung sind die Bankeinlagen, die dank großzügiger öffentliche Unterstützungsprogramme und vorsorglicher Ersparnisbildung um kräftige 7,0% zunahmen. Es ist damit sehr wahrscheinlich, dass das Geldvermögen der privaten Haushalte im Jahr 2020, dem Jahr der Pandemie, im Plus enden wird.

 

„Im Moment hat die Geldpolitik die Vermögen gegen Corona quasi immunisiert“, sagte Ludovic Subran, Chefökonom der Allianz. „Aber wir sollten uns nichts vormachen. Null- und Negativzinsen sind ein süßes Gift. Sie untergraben die Vermögensbildung und verschärfen die soziale Ungleichheit, da Vermögenseigentümer satte Mitnahmegewinne einstreichen können. Das ist nicht nachhaltig. Den Tag zu retten ist nicht dasselbe wie die Zukunft zu gewinnen. Dafür brauchen wir mehr denn je Strukturreformen nach Covid-19, um die Grundlagen für ein inklusives Wachstum zu schaffen“.

 

Trendumkehr

Das Wohlstandsgefälle zwischen reichen und armen Ländern hat sich wieder vergrößert. Im Jahr 2000 war das Netto-Geldvermögen pro Kopf in den Industrieländern im Durchschnitt 87-mal höher als in den Schwellenländern; bis 2016 war dieses Verhältnis auf 19 gesunken. Seither ist es wieder auf 22 (2019) angestiegen. Diese Umkehrung des Aufholprozesses lässt sich auch an anderer Stelle beobachten: Erstmals ist die Zahl der Mitglieder der globalen Vermögensmittelklasse deutlich gesunken: von etwas über 1 Milliarde Menschen im Jahr 2018 auf knapp 800 Millionen Menschen im Jahr 2019. Betrachtet man jedoch die Entwicklung seit der Jahrhundertwende, so bleibt der Aufstieg der Schwellenländer beeindruckend. Bereinigt um das Bevölkerungswachstum wuchs die globale Vermögensmittelklasse um fast 50% und die obere Vermögensklasse um 30% – während die untere Vermögensklasse um fast 10% zurückging. Trotz dieser Fortschritte bleibt die Welt aber ein sehr ungleicher Ort. Die reichsten 10% weltweit – 52 Millionen Menschen in den untersuchten Ländern mit einem durchschnittlichen Netto-Geldvermögen von 240.000 EUR – besitzen zusammen rund 84% des gesamten Vermögens im Jahr 2019; unter ihnen besitzen die reichsten 1% – mit einem durchschnittlichen Netto-Geldvermögen von über 1,2 Millionen EUR – fast 44%. Die Entwicklung seit der Jahrtausendwende ist frappierend: Während der Anteil des reichsten Dezils um sieben Prozentpunkte gesunken ist, ist der des reichsten Perzentils um drei Prozentpunkte gestiegen. Die Superreichen scheinen sich also tatsächlich immer weiter vom Rest der Gesellschaft zu entfernen.

 

„Es ist ziemlich beunruhigend, dass sich die Kluft zwischen reichen und armen Ländern wieder vergrößert hat, noch vor Covid-19“, kommentierte Patricia Pelayo Romero, Mitautorin des Berichts. „Denn die Pandemie wird sehr wahrscheinlich die Ungleichheit weiter vergrößern, da sie nicht nur einen Rückschlag für die Globalisierung darstellt, sondern auch das Bildungs- und Gesundheitswesen, insbesondere in Ländern mit niedrigem Einkommen, erschüttert. Wenn sich immer mehr Volkswirtschaften nach innen wenden, wird die Welt insgesamt ein ärmerer Ort sein“.

 

Deutschland: Rekordwachstum bei Aktiva und Passiva

Das Brutto-Geldvermögen der deutschen Haushalte stieg im Jahr 2019 um 7,2%, der stärkste Anstieg seit der Jahrhundertwende, aber immer noch (leicht) unter dem westeuropäischen Durchschnitt von 7,6%. Auch die Verbindlichkeiten erreichten einen neuen Rekord und wuchsen um 4,6%, einen Prozentpunkt über dem regionalen Durchschnitt. Das Nettofinanzvermögen schließlich stieg um 8,2%. Mit einem Netto-Geldvermögen pro Kopf von 57.100 Euro blieb Deutschland im Ranking der 20 reichsten Länder auf Platz 18 (Geldvermögen pro Kopf, siehe Tabelle). Im Jahr 2020 wird das Wachstum deutlich geringer ausfallen, aber sehr wahrscheinlich immer noch positiv sein, da die deutschen Haushalte ihr Geldvermögen im ersten Halbjahr um 1,3% steigern konnten.

 

Interessanter als diese Zahlen ist jedoch die sich abzeichnende Veränderung des Sparverhaltens. Zwar bleiben Bankeinlagen das bei weitem beliebteste Sparprodukt, aber die deutschen Haushalte beginnen, sich risikoreicheren Anlagen wie börsennotierte Aktien oder Investmentfonds zuzuwenden. Während ihre europäischen Pendants ihr Marktrisiko durch den Verkauf von Wertpapieren seit den Tagen der GFC durchgängig reduziert haben, haben die deutschen Sparer ihre Investitionen diesbezüglich erhöht und rund 20% ihrer frischen Ersparnisse in den letzten drei Jahren in Wertpapiere angelegt. Noch aufschlussreicher ist ein Blick auf die Aufteilung zwischen inländischen und ausländischen börsennotierten Aktien: 54% der Aktienkäufe der deutschen Sparer seit 2013 entfielen auf ausländische Aktien; ihr Anteil am gesamten Aktienbesitz ist damit von 25% Ende 2013 auf 38% im vergangenen Jahr gestiegen. Hat sich diese internationale Diversifizierung für die deutschen Haushalte gelohnt? Ja: Der Bestand an ausländischen börsennotierten Aktien in den Händen deutscher Sparer hat in den letzten sechs Jahren einen Wertzuwachs von 65% erzielt; dem steht eine Entwicklung des Weltaktienindex (MSCI World) von 42% gegenüber.

 

„Die deutschen Sparer sind viel besser als ihr Ruf“, sagte Michaela Grimm, Mitautorin des Berichts. „Seit der Finanzkrise macht das Wort vom ‚dummen deutschen Geld‘ die Runde. Aber wenn man etwas genauer hinschaut, ergibt sich ein anderes Bild. Die deutschen Haushalte verfolgten nicht nur eine konsequente internationale Diversifizierung, sondern waren damit auch erfolgreich – sie haben die Benchmark in den letzten sechs Jahren deutlich geschlagen. ‚Kluges deutsches Geld‘, in der Tat“.

 

Top 20 im Jahr 2019 nach…

 

Netto-Geldvermögen pro Kopf

Brutto-Geldvermögen pro Kopf

in EUR

J/J in %

Rang 2000

in EUR

J/J in %

Rang 2000

#1 USA

209.524

13,4

2

#1 Schweiz

294.535

5,6

1

#2 Schweiz

195.388

7,4

1

#2 USA

254.328

11,3

2

#3 Singapur

116.657

12,2

16

#3 Dänemark

171.248

11,2

7

#4 Niederlande

114.287

18,3

6

#4 Niederlande

164.896

12,5

4

#5 Taiwan

110.706

11,7

12

#5 Schweden

154.277

14,2

17

#6 Schweden

110.618

18,8

14

#6 Singapur

153.642

8,4

10

#7 Japan

103.829

3,9

3

#7 Australien

145.150

11,6

16

#8 Dänemark

101.671

17,5

13

#8 Kanada

140.542

8,9

8

#9 Kanada

96.630

11,7

8

#9 Taiwan

131.832

10,4

14

#10 Neuseeland

96.091

4,4

9

#10 Japan

127.041

3,5

3

#11 Belgien

94.804

6,8

4

#11 Neuseeland

125.779

4,7

11

#12 Großbritannien

88.136

6,0

5

#12 Großbritannien

123.136

5,2

6

#13 Australien

83.240

20,4

18

#13 Belgien

121.345

6,4

5

#14 Israel

79.794

10,0

11

#14 Norwegen

98.804

5,8

20

#15 Frankreich

63.381

10,2

10

#15 Israel

98.798

8,7

18

#16 Österreich

59.256

6,5

17

#16 Frankreich

90.691

8,9

12

#17 Italien

57.429

6,2

7

#17 Irland

83.825

9,6

13

#18 Deutschland

57.097

7,7

19

#18 Österreich

81.619

5,4

19

#19 Irland

53.636

17,6

15

#19 Deutschland

79.779

6,7

15

#20 Spanien

34.855

8,8

22

#20 Italien

73.418

5,4

9

 


[1] Zum Brutto-Geldvermögen zählen Bargeld und Bankeinlagen, Ansprüche gegenüber Versicherungen und Pensionsfonds, Wertpapiere (Aktien, Anleihen und Anteile an Investmentfonds) sowie sonstige finanzielle Forderungen.