Ernst & Young: Versicherungsunternehmen sehen mehr Chancen durch Corona-Pandemie – aber Herausforderungen bleiben

Stuttgart (22.9.20) – Die Corona-Krise hat weltweit zu einem hohen Maß an Unsicherheit geführt. Rund ein halbes Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie stellt sich zumindest für die deutsche Versicherungswirtschaft die Situation deutlich positiver dar als noch zu Beginn: Der Anteil der Versicherer, die in der Corona-Krise auch Chancen sehen, beträgt inzwischen 90 Prozent. Im Frühjahr hatte dieser Anteil lediglich bei 62 Prozent gelegen. Das geht aus einer aktuellen Umfrage der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY und der V.E.R.S. Leipzig GmbH hervor.

Auch die Erwartungen an das Neugeschäft sind besser als noch vor ein paar Monaten: 14 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass die Branche insgesamt leicht wachsen wird. In der vorangegangenen Befragung hatte lediglich ein befragtes Unternehmen ein stark wachsendes Neugeschäft erwartet. Bei zwölf der 30 befragten Versicherer entwickelte sich das Neugeschäft seit Ausbruch der Pandemie bereits positiv.

 

Angesichts der Erfahrungen aus der Corona-Krise mit vielen abgesagten Veranstaltungen und geschlossenen Geschäften, Gastronomien und Unternehmen erwarten knapp zwei Drittel der Versicherer bei Betriebsschließungsversicherungen (63 Prozent) und Veranstaltungsausfallversicherungen (61 Prozent) ein wachsendes Neugeschäft für 2020/21. Fast ebenso viele (59 Prozent) sehen mehr Abschlüsse bei Krankenzusatzversicherungen. Unter dem Strich rechnen die Versicherer auch bei der Reiserücktrittsversicherung, der Rechtsschutzversicherung, der Risikolebensversicherung sowie der Berufsunfähigkeitsversicherung mit einem Plus für die Branche.

 

Auch Kunden und Mitarbeiter können durchatmen: Zwar geht wie auch im Frühjahr ein Fünftel der Unternehmen davon aus, dass es in den kommenden zwei Jahren eher zu einem Personalabbau kommt. Allerdings schließen auch 35 Prozent einen Personalabbau komplett aus – im Frühjahr war das bei keinem einzigen Unternehmen der Fall. Noch unwahrscheinlicher werden Prämienerhöhungen wegen der Krise: Damit rechnen nur zwölf Prozent der Befragten, im Frühjahr waren es noch 21 Prozent.

 

Für die Studie haben EY und die V.E.R.S. Leipzig GmbH im September 30 Vorstände beziehungsweise leitende Repräsentanten von Versicherungsunternehmen in Deutschland und Österreich befragt, nach einer ersten Befragung im März/April.

 

Thomas Korte, Lead Partner und Leiter des Versicherungsbereiches bei EY in Deutschland: „Nach anfänglicher Unsicherheit hat sich die Versicherungsbranche mittlerweile gut auf die Veränderungen durch die Corona-Pandemie einstellen können. Nicht nur das: Wie jede Krise bietet auch diese Krise eine Chance. Die nötigen Umstellungen zur Digitalisierung und die Transformation ihrer Geschäftsmodelle können und müssen die Versicherungsunternehmen jetzt konsequenter angehen. In Zukunft werden sich die Unternehmen mit den besten digitalen Lösungen entlang der Wertschöpfungskette durchsetzen.“

 

Digitalisierungsschub gut für das Image

So sehen mittlerweile alle Versicherer einen Digitalisierungsschub, ausgelöst durch die Erfahrungen während der Pandemie. 93 Prozent sehen Chancen in der Flexibilisierung der Arbeitsmodelle und 60 Prozent erwarten einen moderneren Vertrieb.

 

„Die schnellere und bessere Betreuung durch digitale Direktvertriebsmodelle kann auch dem Image der Versicherer helfen“, so Prof. Dr. Fred Wagner, Vorstand des Instituts für Versicherungswissenschaften e.V. an der Universität Leipzig.

 

20 der 30 Unternehmen fürchten, dass sich die Corona-Krise negativ auf das Image der Versicherer auswirken könnte. Wagner sieht das nicht ganz so negativ: „Gerade jetzt in der Krise haben die Versicherer die Chance, sich als Partner an der Seite der Kunden und der Gesellschaft zu positionieren – was langfristig positiv auf das Image einzahlen wird. Störend für das Image sind allerdings die Auseinandersetzungen um die Betriebsschließungsversicherungen.“

 

Bereits jetzt hat mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent) Kulanzzahlungen für Schäden geleistet. Ebenso viele haben z.B. an medizinische Einrichtungen und Hilfsfonds gespendet und 42 Prozent haben lokale Einrichtungen unterstützt. Langfristig sehen 93 Prozent der Befragten insbesondere durch optimierte, digitale Kundenschnittstellen positive Auswirkungen auf das Image, 74 Prozent durch die Kulanzzahlung von Schäden.

Der Druck bleibt hoch

Trotz der Lichtblicke: 29 (97 Prozent) der befragten Versicherer sehen nach wie vor Herausforderungen. Insbesondere sehen die meisten Unternehmen Probleme in den Bereichen Neugeschäft (87 Prozent) und Kapitalanlagemanagement (83 Prozent). Allerdings ist der Anteil im Vergleich zur Befragung im Frühjahr deutlich zurückgegangen. Zugenommen haben dagegen die Sorgen in den Bereichen Informationstechnik (83 Prozent) und Betriebsorganisation (77 Prozent).

 

Zudem werden nach Ansicht der Befragten die Schadenquoten bei zahlreichen Versicherungsprodukten steigen, insbesondere bei Betriebsschließungsversicherungen, Veranstaltungsausfallversicherungen und Reiserücktrittsversicherungen. Darüber hinaus entwickelt sich die Rendite der Kapitalanlagen bei etwa der Hälfte der Unternehmen (54 Prozent) negativ.

 

Konsolidierung des Marktes schreitet voran

 

„Langfristig wird es zu einer Zunahme der Transaktionen und Zusammenschlüsse im Versicherungsmarkt kommen“, erwartet Korte, der auch die marktführende Transaktions- und Strategieberatung für Versicherungsunternehmen bei EY in Deutschland und für Europa leitet. „Denn die Corona-Krise zwingt die Unternehmen, ihr gesamtes Portfolio zu überprüfen und neue Geschäftsmodelle einzuführen. Daraus können Herausforderungen entstehen, denen der ein oder andere Versicherer alleine gegebenenfalls nicht gewachsen ist. Für strategische Investoren könnten sich dadurch attraktive Akquisitions- oder Fusionsmöglichkeiten ergeben.“