Commerzbank: Deutschland – Q2-BIP die erwartete Katastrophe

Von Dr. Jörg Krämer und Dr. Ralph Solveen

Frankfurt/Main (30.7.20) – Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal um 10,1% eingebrochen. Der Rückgang ist etwas stärker als vom Konsens erwartet, aber sicherlich geringer, als die meisten Analysten vor einigen Wochen noch befürchtet hatten. Zudem hat die Erholung bereits Ende April begonnen, sodass sich für das dritte Quartal ein deutliches Plus abzeichnet. Dies ändert aber nichts daran, dass die deutsche Wirtschaft noch lange brauchen wird, um ihr Vorkrisenniveau wieder zu erreichen. Wir belassen unsere Prognose für das gesamte Jahr 2020 bei -5,5%.

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal gegenüber dem ersten Quartal um 10,1% geschrumpft. Das Minus fiel damit etwas größer aus als erwartet (Konsens und Commerzbank: -9,0%), war aber geringer als viele – auch wir – vor einigen Wochen noch befürchtet hatten. Nach Angaben der Statistiker sind mit Ausnahme des Staatskonsums und der Bauinvestitionen alle Nachfragekomponenten massiv eingebrochen. Details werden die Statistiker am 25. August berichten.

Seit Ende April starke Erholung, …

Das deutliche Minus im Vorquartalsvergleich verdeckt, dass sich die deutsche Wirtschaft bereits seit Ende April vom vorhergehenden beispiellosen Einbruch erholt. Dabei wirkt die Lockerung der Corona-Beschränkungen wie ein Konjunkturprogramm; der natürliche Schaffensdrang der Menschen bricht sich wieder Bahn. Mittlerweile dürfte die deutsche Wirtschaft mehr als die Hälfte des vorherigen Einbruchs wettgemacht haben.

… die aber bereits an Tempo verliert

Dabei hat sich die Aufwärtsbewegung nach dieser ersten reflexhaft starken Erholung offensichtlich zuletzt etwas abgeschwächt. So hat der Lkw-Verkehr – ein guter Indikator für die Industrieproduktion – nach einer Ende April gestarteten spürbaren Erholung seit Mitte Juni kaum noch zugenommen (Grafik).

Grafik 1: Lkw-Verkehr zeigt Tempoverlust der Erholung
Lkw-Maut-Fahrleistungsindex, saison- und kalenderbereinigte Tageswerte, Abstand des 7-Tagesdurchschnitts zu seinem Durchschnitt im Februar 2020 in Prozent
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Quelle: destatis, Commerzbank Research

Für eine langsamere Gangart auch in den kommenden Wochen sprechen mehrere Argumente – etwa die schwierige Lage am Arbeitsmarkt oder die höheren Schulden der Unternehmen, die diese zur Überbrückung des Lockdowns aufgenommen haben und nun zurückzahlen müssen, was sie zum Sparen zwingt. Zudem wird der Virus und die zu seiner Eindämmung erlassenen Beschränkungen die Aktivität in einigen Bereichen der Wirtschaft weiter behindern und dort auf absehbare Zeit eine Rückkehr zur Normalität verhindern. Dieser Effekt würde noch einmal deutlich verstärkt, wenn es in den kommenden Wochen zu einer zweiten Corona-Welle käme.

Trotzdem deutliches Plus in Q3

Auch wenn sich die Erholung in den kommenden Wochen abschwächt, dürfte das Bruttoinlandsprodukt im dritten gegenüber dem zweiten Quartal deutlich zulegen. Denn wegen der starken Erholung im Verlauf des zweiten Quartals ist die wirtschaftliche Aktivität am Anfang des dritten Quartals deutlich höher als im Durchschnitt des zweiten Quartals. Deshalb ergibt sich beim Bruttoinlandsprodukt des dritten Quartals selbst dann ein deutliches Plus, wenn die Wirtschaft von nun an stagnieren würde. Volkswirte sprechen von einem statistischen Überhang. In den folgenden Quartalen dürften die Zuwächse wieder deutlich kleiner ausfallen, und sein Vorkrisenniveau dürfte das reale Bruttoinlandsprdoukt wohl erst Ende 2021 oder gar 2022 erreichen. Die Erholung wird also voraussichtlich keinen V-förmigen Verlauf nehmen, sondern eher einem vertikal gespiegelten Wurzelzeichen entsprechen.

Keine Veränderung unserer Prognose für das gesamte Jahr 2020

Mit unserer Prognose für das gesamte Jahr 2020 in Höhe von -5,5% sind wir seit längerer Zeit etwas weniger pessimistisch als das Gros der Volkswirte (Konsens: -6,3%). Wir bestätigen unsere Prognose.