Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer zur EZB-Sitzung: Noch in Wartestellung

Frankfurt/Main (16.7.20) – Der EZB-Rat hat die Geldpolitik heute wie erwartet nicht weiter gelockert, nachdem sich die Wirtschaft seit Ende April vom Corona-Schock erholt. Wir zeigen, wo die EZB nach der Sommerpause nachlegen könnte. Übrigens hat die EZB heute nicht erwähnt, dass sie seit Ausbruch der Corona-Epidemie maßgeblich zum starken Anstieg des Geldmengenwachstums beiträgt.

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer – Foto: PK/Archiv

Heute keine weitere geldpolitische Lockerung …

Nach dem Ausbruch der Corona-Epidemie hatte die EZB ihre Geldpolitik massiv gelockert. So hat sie ein 1.350 Milliarden schweres Corona-Anleihekaufprogramm (PEPP) beschossen. Nachdem sich die Euro-Wirtschaft wegen der Lockerung der Corona-Beschränkungen seit Ende April erholt, sah die EZB heute naturgemäß keinen Anlass, ihre Politik noch expansiver zu gestalten. So sehe die EZB laut Präsidentin Lagarde keinen Grund, den Einlagensatz weiter zu senken. Außerdem habe der Rat nicht darüber diskutiert, Banken höhere Freibeträge einzuräumen, um die zuletzt stark gestiegenen Belastungen durch die Negativzinsen zu senken. Alles in allem befindet sich die EZB in einer abwartenden Haltung.

… aber das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht

Das heißt allerdings nicht, dass die EZB ab dem Herbst nicht weiter nachlegt. So liegt die Kerninflationsrate bei nur 0,8% und macht wegen der Probleme am Arbeitsmarkt keine Anstalten, in Richtung des EZB-Ziels von knapp 2% zu steigen. Früher oder später wird die EZB das zum Anlass nehmen, ihre Geldpolitik weiter zu lockern. So dürfte sie das PEPP-Programm verlängern oder das Volumen des regulären APP-Anleihenkaufprogramms erhöhen, wenn die 1350 Milliarden Euro des PEPP-Anleihekaufprogramm bis Mitte nächsten Jahres ausgegeben sind. Die Märkte haben sich ohnehin an die hohen Kaufvolumina gewöhnt, so dass eine merkliche Reduktion der Käufe die Anleihen der hoch verschuldeten südlichen Mitgliedsländer unter Druck bringen könnte. Das würde die EZB auf jeden Fall verhindern wollen.

Stärkeres Geldmengenwachstum kein Thema

Ansonsten fiel auf, dass das schnellere Wachstum der Geldmenge M3 keine besondere Rolle spielte. Die Zuwachsrate von M3 hat sich seit Ausbruch von Corona von 5,5% auf 8,9% beschleunigt, den höchsten Wert seit 2008. Dieser Anstieg der Zuwachsrate um 3,4 Prozentpunkte liegt teilweise daran, dass Banken den Unternehmen mehr Kredite gegeben haben, um durch die Corona-Krise zu kommen (siehe gelber Balken im Chart unten). Aber der größte Treiber der Geldmenge sind Wertpapier-Kredite der Banken an die Staaten, die ihre hohen Haushaltsdefizite durch die Ausgaben von Anleihen finanzieren (roter Balken). Dahinter stehen die massiven Anleihenkäufe der EZB. Denn wenn ein Vermögensverwalter, eine Versicherung oder ein anderer privater Anleger Staatsanleihen an die EZB verkaufen will, muss er eine Bank als Zwischenhändler einschalten, weil die EZB als Gegenpartei nur Banken akzeptiert. Was im Chart unten als Kredite der Banken an die Staaten erscheint, sind tatsächlich vor allem die Anleihenkäufe der EZB.

Kredite an den öffentlichen Sektor treiben M3 in die Höhe
Beitrag der einzelnen M3-Gegenpositionen zum Anstieg der M3-Vorjahresveränderungsrate seit Februar 2020 in Prozentpunkten
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Quelle: EZB, Commerzbank-Research