Allianz Research: Bekämpfung der zweiten Covid-19-Welle bremst das Tempo der Erholung

München (16.7.20) – Allianz Research erwartet einen Rückgang der globalen Wirtschaftsleistung um -4,7% im Jahr 2020, gefolgt von einem Wachstum von +4,8% im Jahr 2021. Seit April 2020 operiert die Weltwirtschaft mit einer Auslastung von nur 70%-80%, und diese Situation wird aufgrund lokaler Beschränkungen und Auflagen zur Bekämpfung neuer Covid-19-Ausbrüche voraussichtlich bis zum vierten Quartal 2020 andauern.

„Wir befinden uns mitten in dieser Krise, der Phase 2 des Virus, mit lokalen und leichten Beschränkungen; verglichen mit der schweren großen Lockdown-Rezession wird diese Phase lang, holprig und darwinistisch sein und je nach Land, Sektor und Anlageklasse sehr unterschiedliche Auswirkungen haben“, sagte Ludovic Subran, Chefökonom der Allianz.

Im Vergleich zu anderen Ländern waren die Beschränkungen in Deutschland relativ kurz und weniger streng. Zusammen mit der geringeren Abhängigkeit vom Dienstleistungssektor hat Deutschland daher gute Voraussetzungen, sich schneller als die meisten europäischen Länder zu erholen. Am wichtigsten war jedoch das umfassende fiskalische Hilfspaket (fast 35% des BIP in Form öffentlicher Garantien und direkter Hilfen), das entscheidend dazu beigetragen hat, die wirtschaftlichen Auswirkungen von Covid-19 zu begrenzen. Dies erklärt zu einem großen Teil, warum die Insolvenzen in Deutschland bis Ende 2021 voraussichtlich nur um +12% steigen werden, während der Anstieg für die Eurozone insgesamt mit +31% mehr als doppelt so hoch ausfallen dürfte.

„Auch wenn Deutschland die Pole-Position für die Erholung der Wirtschaft inne hat, steht eine schnelle Rückkehr zum Tagesgeschäft nicht an: Obwohl der private Konsum in Deutschland dank des zusätzlichen Rückenwindes durch die Mehrwertsteuersenkung und den Kindergeldbonus auf einem V-förmigen Erholungskurs ist, werden die Aussichten der exportabhängigen deutschen Wirtschaft durch die schleppende und asynchrone Konjunkturerholung der Weltwirtschaft und damit auch des Handels gedämpft“, so Subran.

Alles in allem dürfte die deutsche Wirtschaft nach einem Rückgang von -7,0% im Jahr 2020 im Jahr 2021 nur um +4,5% wachsen. Angesichts der nur allmählichen Erholung wird das deutsche BIP erst zur Jahreswende 2022/23 das Vorkrisenniveau erreichen.

Die monetären und fiskalischen Stimuli als Reaktion auf die Covid-19-Krise beliefen sich im Jahr 2020 auf mehr als 18 Billionen USD, das 1,3-fache des chinesischen BIP. Die geldpolitischen Impulsindizes von Allianz Research zeigen Rekordniveaus in den USA, der Eurozone und Großbritannien; China hingegen ist noch weit von den Rekordsummen nach der Finanzkrise von 2009 entfernt.

Inzwischen summiert sich die globale fiskalische Unterstützung seit März 2020 auf 10,4 Billionen USD (12% des globalen BIP). Je nach Land liegen die Hilfen zwischen 3%
und 18% des BIP. Die Höhe der Hilfen und die Wirksamkeit der automatischen Stabilisatoren werden den künftigen Erholungskurs der einzelnen Länder bestimmen. Deutschland, die Niederlande, die Schweiz und Österreich dürften sich schneller erholen, während Japan, die USA, Spanien, Großbritannien und Italien wahrscheinlich noch mehr fiskalische Hilfen benötigen werden.

Europa dürfte sein Vorkrisen-BIP-Niveau erst Ende 2022/23 erreichen, während China und die USA dieses Niveau ein Jahr früher erreichen könnten, abhängig vom Management der zweiten Welle. Alles hängt ab von der Stärke der weiteren Unterstützung der Erholung zusammen mit gezielten Hilfen für die am stärksten betroffenen Sektoren bis Jahresende. „Angesichts höherer Solvenzrisiken in H2 2020 und 2021 erwarten wir einen Anstieg der weltweiten Insolvenzen um +35% in 2020-21“, sagte Subran.

Das Volumen des Welthandels dürfte im Jahr 2020 um -15% zurückgehen, gefolgt von einer Erholung von +8% im Jahr 2021 und +4,1% im Jahr 2022. Die Exportverluste von
4,5 Billionen USD im Jahr 2020 werden sich sehr unterschiedlich auf die einzelnen Länder und Sektoren verteilen. Im Vergleich zum Warenhandel, der bis Ende 2022 voraussichtlich wieder das Niveau von vor der Krise erreichen wird, wird die Erholung im Dienstleistungs-sektor wesentlich länger dauern (2023 bei Reise- und Transportdienstleistungen). Der Energiesektor wird am stärksten betroffen sein mit Exportverlusten von -733 Milliarden USD, gefolgt von Metallen (-420 Milliarden USD) und an Automobilhersteller gebundene Transportdienstleistungen (-270 Milliarden USD).