Ernst  & Young: EU-Neuwagenmarkt erholt sich langsam – stärkerer Juli erwartet 

Frankfurt/Main (16.7.20) – Die Situation auf dem EU-Neuwagenmarkt hat sich im Juni weiter leicht entspannt, wobei große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern zu beobachten sind. Insgesamt schrumpfte der Neuwagenabsatz im Vergleich zum Vorjahresmonat nur noch um 22 Prozent – im Mai hatte das Minus noch bei 52 Prozent gelegen. Während allerdings in Frankreich die Neuzulassungen dank einer staatlichen Abwrackprämie sogar stiegen (um 1 Prozent), wies beispielsweise Portugal einen Rückgang um 56 Prozent auf. Die meisten größeren Märkte schrumpften um 20 bis 30 Prozent.

„Wir sehen derzeit am Beispiel Frankreichs, dass gezielte staatliche Unterstützungsmaßnahmen durchaus eine starke Wirkung entfalten können“, sagt Peter Fuß, Partner bei EY. Die deutsche Mehrwertsteuersenkung werde sich allerdings weit weniger stark auf den Automarkt auswirken, erwartet Fuß. Im Juni habe sie sogar den Neuwagenabsatz gebremst: „Private Autokäufer haben sich im Juni – also vor der Mehrwertsteuersenkung – spürbar zurückgehalten. Die Neuzulassungen auf Privatleute gingen um 38 Prozent zurück, die gewerblichen Neuzulassungen nur um 29 Prozent.“ In den kommenden Monaten rechnet Fuß allerdings mit einem entgegengesetzten Trend, also mit einem steigenden Anteil privater Autokäufe. „Der Juli dürfte in Deutschland deutlich stärker werden. Dann werden die verschobenen Neuwagenkäufe aus dem Juni nachgeholt. Und auch die massiven Marketingaktivitäten vieler Hersteller werden den Absatz weiter ankurbeln.“ Unter dem Motto „Wir schenken Ihnen die Mehrwertsteuer“ haben mehrere Marken aggressive Rabattaktionen aufgelegt.

Für den weiteren Jahresverlauf ist Fuß vorsichtig optimistisch: „In den meisten Ländern Europas hat sich das öffentliche Leben im Juni weiter normalisiert, die Wirtschaft kommt langsam wieder in Gang. Je nachdem, wie groß der Absatzeinbruch in den Monaten des Lockdowns war, gibt es einen mehr oder weniger großen Stau an Neuwagenkäufen, der sich jetzt langsam auflöst.“

Ausblick: 2020 EU-weit Absatzrückgang um ein Viertel erwartet

Im bisherigen Jahresverlauf liegt der deutsche Neuwagenmarkt um 35 Prozent unter dem Vorjahresniveau, EU-weit ist bislang ein Rückgang gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 38 Prozent zu verzeichnen.

Sollte es weiterhin gelingen, die Ausbreitung des Virus erfolgreich einzudämmen und die gefürchtete große zweite Welle zu verhindern, rechnet Fuß für Deutschland im Gesamtjahr mit einem Rückgang der Neuzulassungen um bestenfalls 20 Prozent. EU-weit sei ein Rückgang um ein Viertel realistisch. Fuß betont aber: „Alle Prognosen sind derzeit mit großer Unsicherheit behaftet. Entscheidend wird – neben der Virusausbreitung und der konjunkturellen Lage – sein, ob es in mehr Ländern staatliche Unterstützungen für Neuwagenkäufer geben wird.“

Fuß warnt vor zu großem Optimismus in Bezug auf die Lage der Autobranche: „In jedem Fall haben wir derzeit in Europa erhebliche Überkapazitäten. Viele Hersteller werden nicht umhinkommen, schmerzhafte Einschnitte vorzunehmen, denn die aktuellen Überkapazitäten drücken massiv auf die Marge. Und auch im kommenden Jahr wird die europäische Wirtschaft noch mit den konjunkturellen Nachwehen dieser Krise kämpfen – selbst wenn die Pandemie dann vorüber sein sollte. Eine hohe Arbeitslosigkeit, Insolvenzen und sinkende Unternehmensgewinne werden sich noch lange auf den Neuwagenmarkt auswirken. Die Krise ist also noch lange nicht vorbei – auch nicht für die Automobilbranche.“

Elektrifizierte Antriebe boomen – vor allem Plug-in-Hybride

Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich wurde zuletzt der staatliche Zuschuss beim Kauf von Elektroautos weiter erhöht. Diese Maßnahmen werden den Trend in Richtung Elektromobilität weiter verstärken, ist sich Fuß sicher. „Die Preisnachlässe beim Kauf von Elektroautos und Plug-in-Hybriden sind inzwischen enorm – die Lieferzeiten zum Teil allerdings auch.“ Denn das Angebot an tatsächlich verfügbaren E-Fahrzeugen sei begrenzt: „Die große Nachfrage führt zu Lieferengpässen – auch bei Plug-in-Hybriden, die derzeit besonders hoch in der Gunst der Käufer stehen.“

In Frankreich hat sich die Zahl der neu zugelassenen Plug-in-Hybriden im Vergleich zum Vorjahresmonat mehr als verfünffacht, in Italien mehr als vervierfacht, in Deutschland mehr als verdreifacht. Der Marktanteil von Plug-in-Hybriden lag im Juni in Deutschland mit knapp 5 Prozent am höchsten, gefolgt von Großbritannien (3,4 Prozent) und Frankreich (3,2 Prozent).

Plug-in-Hybride werden in vielen Märkten nicht nur großzügig gefördert, sie haben gegenüber reinen Elektroautos zudem den entscheidenden Vorteil, dass die Reichweite kein Problem darstellt. Daher steigt die Nachfrage nach diesen Fahrzeugen derzeit besonders stark. „Die Hersteller könnten deutlich mehr Plug-in-Hybride verkaufen, wenn sie denn lieferbar wären“, sagt Fuß. In den Top-5-Märkten stieg die Zahl der neu zugelassenen Plug-in-Hybride im Juni um 246 Prozent, während das Wachstum bei reinen Elektroautos mit plus 120 Prozent halb so stark war.

Zusammen kamen elektrifizierte Fahrzeuge – also Plug-in-Hybride und Elektroautos – in den Top-5-Märkten im Juni auf einen Marktanteil von 7,3 Prozent. In Frankreich und Deutschland hatte etwa jedes elfte neu zugelassene Auto einen elektrifizierten Antrieb, in Großbritannien sogar fast jedes zehnte.