Ernst & Young: EU-Neuwagenmarkt schrumpft 2020 mindestens um ein Viertel – Elektroantriebe legen kräftig zu

    Frankfurt/Main (17.6.20) – Die Situation auf dem EU-Neuwagenmarkt hat sich im Mai im Vergleich zum April auf sehr niedrigem Niveau leicht verbessert. Nachdem die Zahl der Neuzulassungen im April um drei Viertel eingebrochen war, schrumpften die Neuzulassungen im Mai „nur noch“ um etwa die Hälfte. Europaweit die stärksten Rückgänge verzeichneten die Länder mit den härtesten Eindämmungsmaßnahmen: In Großbritannien, Irland und Spanien sanken die Neuzulassungen jeweils um 70 Prozent und mehr.

    Peter Fuß, Partner bei EY, sieht insgesamt aber eine leicht positive Tendenz: „In den meisten Ländern Europas wurden die Beschränkungen im Mai gelockert, das öffentliche Leben kommt nun langsam wieder in Gang. Diese Lockerungen spiegeln sich auch in den Neuzulassungen wider.“ Für den Monat Juni rechnet Fuß EU-weit mit einer weiteren Entspannung der Situation und einem Rückgang um etwa ein Drittel im Vergleich zum Vorjahresmonat.

    Staatliche Hilfen für Autobranche mit unterschiedlicher Durchschlagskraft

    Die beiden größten Volkswirtschaften in der EU – Deutschland und Frankreich – haben im Mai Hilfen für die Autobranche auf den Weg gebracht, die jedoch unterschiedlich ausfallen und nach Fuß‘ Einschätzung unterschiedlich stark wirken werden: So gibt es in Frankreich anders als in Deutschland eine Kaufprämie auch für Diesel- und Benzin-Fahrzeuge von 3.000 Euro – so lang, bis 200.000 Autos verkauft sind. „Die französische Kaufprämie wird den gewünschten Effekt haben, also kurzfristig zahlreiche Menschen zum Neuwagenkauf animieren. Selbst wenn es sich dabei zum Teil um vorgezogene Käufe handeln wird, wird das Ziel, die Branche über die schweren Sommermonate zu retten, erreicht werden.“

    Anders fällt seine Einschätzung zum deutschen Konjunkturprogramm aus: „Die Senkung der Mehrwertsteuer ab Juli wird im Juni zu starker Zurückhaltung bei privaten Käufern führen, die auf niedrigere Preise ab Juli setzen.“ Zudem sei der Einspareffekt zumindest im stark umkämpften Volumensegment, wo ohnehin hohe Rabatte an der Tagesordnung seien, überschaubar: Ein Neuwagen, der bislang 20.000 Euro gekostet hat, verbilligt sich dank reduzierter Mehrwertsteuer um etwa 500 Euro. „Es wird in großem Umfang Mitnahmeeffekte geben, aber kaum neue Kaufimpulse.“ Fuß‘ Resümee zu den Auswirkungen des Konjunkturpakets auf die Autoindustrie: „Kaum unmittelbar wirksame Impulse für die Branche, aber ein verlorener Monat.“

    Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich wird zudem der staatliche Zuschuss beim Kauf von Elektroautos weiter erhöht. Diese Maßnahmen werden zu einer noch weiteren Steigerung der Neuzulassungen führen, ist sich Fuß sicher. „Der Preisnachlass beim Kauf eines Elektroautos ist mit 9.000 Euro in Deutschland inzwischen tatsächlich enorm. Bei den günstigsten Elektroautos halbiert sich der Kaufpreis dadurch – einschließlich möglicher Rabatte durch den Händler – fast.“

    Der konjunkturelle Effekt sei allerdings angesichts des nach wie vor relativ niedrigen Marktanteils von Elektroautos eher gering: „Elektroautos werden nun preislich noch attraktiver, und mit Sicherheit wird sich das Interesse an diesem Segment nochmals deutlich erhöhen“, erwartet Fuß. Allerdings sei das Angebot an tatsächlich verfügbaren E-Fahrzeugen begrenzt: „Die große Nachfrage führt bereits zu Lieferengpässen und zu zum Teil extrem langen Lieferzeiten. Die Stückzahlen sind in diesem Segment immer noch viel zu gering, als dass durch einen E-Boom die Autoindustrie gerettet werden könnte.“ Hinzu komme, dass steigende Verkäufe von Elektroautos nicht notwendigerweise auch zu steigenden Gewinnen führen, betont Fuß: „Die Autoindustrie verdient mit Elektroautos derzeit kaum Geld. Bei Verbrennern ist die Marge erheblich größer – aber die werden nicht gefördert.“

    Elektro-Marktanteil steigt weiter

    Im Mai gewann der Positiv-Trend bei den Neuzulassungen von elektrifizierten Fahrzeugen – nach einer Schwächephase im April – wieder an Dynamik. In den Top-5-Märkten Westeuropas – Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien – stieg der Absatz rein elektrisch betriebener Neuwagen im Mai um 25 Prozent, die Neuzulassungen von Plug-in-Hybriden stiegen sogar um 59 Prozent – jeweils gegenüber dem Vorjahresmonat. Das stärkste Neuzulassungsplus bei Elektroautos wurde in Italien registriert (plus 55 Prozent), den in absoluten Zahlen höchsten E-Auto-Absatz gab es in Deutschland (5.578 Fahrzeuge).

    Bei Plug-in-Hybriden ist in mehreren Märkten ein besonders starkes Wachstum zu beobachten: In Deutschland, Frankreich und Italien, aber auch in kleineren Märkten wie Österreich hat sich die Zahl der neu zugelassenen Plug-in-Hybriden mehr als verdoppelt. Nur Großbritannien trübt mit einem Minus von 65 Prozent die Statistik. Die meisten Plug-in-Hybriden wurden im Mai in Deutschland verkauft (6.755 Fahrzeuge).

    Massive Einbußen wurden hingegen bei Benzinern und Diesel-Neuwagen verzeichnet: In den Top-5-Märkten schrumpfte der Absatz von Benzinern um 65 Prozent, Diesel-Fahrzeuge verzeichneten einen Rückgang um 62 Prozent. Entsprechend stiegen die Marktanteile elektrifizierter Neuwagen: In den Top-5-Märkten hat sich der Marktanteil von Elektroautos von 1,1 auf 3,4 Prozent mehr als verdreifacht, bei Plug-in-Hybriden gab es ein Wachstum von 0,8 auf 3,0 Prozent. Zusammen kamen elektrifizierte Modelle damit in den Top-5-Märkten im Mai auf einen Marktanteil von 6,4 Prozent (Vorjahr: 1,9 Prozent). 

    Ausblick: 2020 EU-weit Absatzrückgang um mindestens ein Viertel erwartet

    Im bisherigen Jahresverlauf liegt der deutsche Neuwagenmarkt um 35 Prozent unter dem Vorjahresniveau, EU-weit ist bislang ein Rückgang gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 42 Prozent zu verzeichnen.

    Sollte es weiterhin gelingen, die Ausbreitung des Virus erfolgreich einzudämmen und die gefürchtete zweite Welle zu verhindern, rechnet Fuß für Deutschland im Gesamtjahr mit einem Rückgang der Neuzulassungen um bestenfalls 20 Prozent. EU-weit sei mit einem stärkeren Rückgang um mindestens ein Viertel auszugehen: „Wir werden in Europa mittelfristig mit massiven Überkapazitäten umgehen müssen, denn auch im kommenden Jahr wird die europäische Wirtschaft noch mit den konjunkturellen Nachwehen dieser Krise kämpfen – selbst wenn die Pandemie dann vorüber sein sollte. Eine hohe Arbeitslosigkeit, Insolvenzen und sinkende Unternehmensgewinne werden sich noch lange auf den Neuwagenmarkt auswirken. Die Krise ist also noch lange nicht vorbei.“

    Neuzulassungen von Elektroautos in Deutschland: Die Top-Seller

    Marke Modellreihe

    Mai 2020

    Januar-Mai 2020

    VW GOLF

    1153

    6.010

    RENAULT ZOE

    896

    5.618

    TESLA MODEL 3

    244

    3.664

    AUDI E-TRON

    583

    2.713

    VW UP

    330

    2.453

    BMW I3

    227

    2.099

    HYUNDAI KONA

    371

    1.618

    SMART FORTWO

    289

    1.444

    SKODA CITIGO

    103

    1.102

    NISSAN LEAF

    96

    887

    PORSCHE TAYCAN

    185

    834