Ernst & Young: Historischer Einbruch auf dem europäischen Neuwagenmarkt – keine rasche Erholung in Sicht 

Frankfurt/Main (19.5.20) – Der EU-Neuwagenmarkt ist im April so stark eingebrochen wie nie zuvor – um 76 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Europaweit die drastischsten Rückgänge verzeichneten die Länder, die am stärksten von der Covid-19-Pandemie betroffen waren und die massivsten Eindämmungsmaßnahmen umsetzten: In Belgien, Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien und Spanien sanken die Neuzulassungen jeweils um fast 90 Prozent und mehr.

Die staatlichen Maßnahmen fielen innerhalb Europas unterschiedlich stark aus – entsprechend groß ist die Bandbreite in Bezug auf die Einbußen auf dem Neuwagenmarkt: In den skandinavischen Ländern wurden Rückgänge um etwa ein Drittel verzeichnet, im deutschsprachigen Bereich (Deutschland, Österreich, Schweiz) lagen die Einbußen bei etwa zwei Dritteln, im Süden Europas kam der Markt fast vollständig zum Erliegen.

Peter Fuß, Partner bei EY, rechnet mit einer leichten Entspannung der Lage im Monat Mai: „In den meisten Ländern Europas werden die Beschränkungen derzeit gelockert, das öffentliche Leben kommt wieder in Gang, wenngleich je nach Land unterschiedlich schnell und unterschiedlich stark. Diese Lockerungen werden sich auch in den Neuzulassungen widerspiegeln.“ Für den Monat Mai rechnet Fuß EU-weit mit einem Rückgang um etwa 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Konjunktursorgen bremsen Autoabsatz

Die Branche stehe nun vor mehreren Herausforderungen, sagt Fuß: „Dass nun die Autohäuser in vielen Ländern wieder geöffnet haben, hat einen gewissen stabilisierenden Effekt, führt aber leider nicht dazu, dass die Kunden wieder in Scharen in die Showrooms strömen. Denn zunehmend zeigen sich die massiven konjunkturellen Folgen der Covid-19-Pandemie. Immer mehr Menschen machen sich Sorgen um ihren Job oder sind gar bereits arbeitslos – ein Neuwagenkauf steht da nicht zur Debatte. Und auch bei gewerblichen Neuzulassungen werden wir weiterhin starke Einbußen sehen, denn massive Umsatzrückgänge und die extreme konjunkturelle Unsicherheit zwingen viele Unternehmen zum Sparen. Gerade Autovermietungen, die in einigen Teilen Europas sehr wichtige Abnehmer von Neuwagen sind, werden kaum noch neue Fahrzeuge ordern.“

Hängepartie bei Kauprämie – Konjunkturimpuls nötig

Angesichts des massiv verschlechterten Konsumklimas mahnt Fuß rasche Entscheidungen über konjunkturstützende Maßnahmen, insbesondere über die viel diskutierte Kaufprämie in Deutschland an: „Deutschland ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern derzeit etwas weniger stark von der Krise betroffen. Aber auch in Deutschland sehen wir einen beispiellosen Einbruch bei der Investitionsbereitschaft, dem Konsum- und dem Geschäftsklima. Eine Kaufprämie würde die Kaufbereitschaft der Kunden erheblich beeinflussen – das hat die Abwrackprämie im Jahr 2009 gezeigt. Die derzeitige Hängepartie und die langwierigen Diskussionen über die Ausgestaltung einer etwaigen Prämie führen aber dazu, dass potenzielle Käufer lieber abwarten und die Kaufentscheidung verschieben, bis Klarheit über die Fördermaßnahmen geschaffen ist. So entwickelt sich das Thema Kaufprämie zu einer zusätzlichen Belastung des deutschen Neuwagenmarktes.“

Elektro-Marktanteil steigt weiter

Im März waren die Neuzulassungen von Elektroautos in vielen Märkten noch gestiegen – inzwischen leidet auch dieses Segment zunehmend unter der Krise. In den Top-5-Märkten Westeuropas – das sind Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien – sank der Absatz rein elektrisch betriebener Neuwagen um April um 36 Prozent, die Neuzulassungen von Plug-in-Hybriden gingen um 17 Prozent zurück. Dass das Minus bei Plug-in-Hybriden so gering ausfiel, ist allerdings nur auf die nach wie vor starke Entwicklung in Deutschland zurückzuführen, wo die Neuzulassungen in diesem Segment um 84 Prozent zulegten. In den anderen Ländern waren massive Einbußen zu verzeichnen.

Noch deutlich schlechter entwickelten sich allerdings die Neuzulassungen bei Benzinern und Dieselneuwagen: In den Top-5-Märkten schrumpfte der Absatz von Benzinern um 86 Prozent, Diesel-Fahrzeuge verzeichneten einen Rückgang um 84 Prozent. Entsprechend stiegen die Marktanteile elektrifizierter Neuwagen: In den Top-5-Märkten kletterte der Marktanteil von Elektroautos von 1,3 auf 5,1 Prozent, bei Plug-in-Hybriden gab es ein Wachstum von 0,8 auf 4,0 Prozent. Zusammen kamen elektrifizierte Modelle damit in den Top-5-Märkten auf einen Marktanteil von 9,1 Prozent (Vorjahr: 2,1 Prozent).

„Elektrische Antriebe erfreuen sich zwar steigender Beliebtheit – nicht zuletzt dank großzügiger staatlicher Unterstützungsmaßnahmen wie Prämien und Steuervorteile. Aber es zeichnet sich nun ab, dass auch der Elektroboom aufgrund der aktuellen Krise ein vorläufiges Ende hat“, sagt Fuß. „In diesem Segment sind es allerdings derzeit in erster Linie die Produktionsunterbrechungen und daraus resultierenden Lieferengpässe, die die Neuzulassungen bremsen – denn für viele Modelle liegt noch eine hohe Zahl an Bestellungen vor.“ Mittelfristig werde sich die Konjunkturkrise aber auch in den Bestellungen von Elektroautos niederschlagen – wenngleich voraussichtlich weniger stark als bei Volumenmodellen und mit zeitlicher Verzögerung, erwartet Fuß.

Ausblick: 2020 EU-weit Absatzrückgang um mindestens ein Drittel erwartet

Im bisherigen Jahresverlauf liegt der deutsche Neuwagenmarkt um 31 Prozent unter dem Vorjahresniveau, EU-weit ist ein Rückgang gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 39 Prozent zu verzeichnen.

Sollte es weiterhin gelingen, die Ausbreitung des Virus weiterhin einzudämmen und die gefürchtete zweite Welle zu verhindern, rechnet Fuß für Deutschland im Gesamtjahr mit einem Rückgang um bestenfalls 15 Prozent – allerdings nur, wenn rasch eine Kaufprämie eingeführt wird. EU-weit seit hingegen mit einem deutlich stärkeren Rückgang von mindestens 35 Prozent auszugehen. Dieser historische Einbruch werde massive Folgen für die europäische Automobilindustrie haben, so Fuß: „Die Branche wird mittelfristig mit massiven Überkapazitäten umgehen müssen, denn auch im kommenden Jahr werden wir noch mit den konjunkturellen Nachwehen dieser Krise kämpfen – selbst wenn die Pandemie dann vorüber sein sollte.“

Neuzulassungen von Elektroautos in Deutschland: Top-Seller

Marke Modellreihe Jan 20 Feb 20 Mrz 20 Apr 20 Jan-April 2020
VW GOLF

1.120

1.475

1.524

738

4.857

RENAULT ZOE

1.798

1.352

945

627

4.722

TESLA MODEL 3

257

610

2.034

519

3.420

VW UP

463

679

662

319

2.123

BMW I3

551

480

551

290

1.872

MINI MINI

12

 

326

263

601

HYUNDAI KONA

358

361

278

250

1.247

AUDI E-TRON

572

591

721

246

2.130

SMART FORTWO

64

387

501

203

1.155

SKODA CITIGO

437

167

261

134

999

PORSCHE TAYCAN

167

195

164

123

649