Ernst & Young: DAX-Konzerne erlebten im ersten Quartal Gewinneinbruch um ein Viertel

 Stuttgart ( 14.5.20) – Trotz der weltweiten Ausbreitung des Corona-Virus seit Beginn dieses Jahres konnte die Mehrheit der DAX-Konzerne den Umsatz im ersten Quartal steigern. Insgesamt verzeichneten Deutschlands Top-Konzerne – ohne Banken – ein leichtes Umsatzplus von 1,6 Prozent. Der operative Gewinn (EBIT) schrumpfte hingegen um 24 Prozent. Elf Unternehmen schafften ein Gewinnplus.

Mit gut 95 Milliarden Euro verfügen die DAX-Unternehmen nach wie vor über erhebliche liquide Mittel. Im Verlauf des ersten Quartals konnten einige Unternehmen trotz zum Teil erheblicher Mittelabflüsse dank höherer Kreditlinien und der Ausgabe von Anleihen ihr Finanzpolster stabil halten. Das zeigt eine aktuelle Analyse der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY auf der Basis der Geschäfts- bzw. Quartalsberichte der im Deutschen Aktienindex (DAX) gelisteten Unternehmen.

„Erst zum Ende des ersten Quartals wurde aus einem bis dahin weitgehend auf China begrenztes Problem eine weltweite Krise bislang ungekannten Ausmaßes“, sagt Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY Deutschland. „Die Pandemie und die strikten Maßnahmen zur Eindämmung in fast allen Weltregionen haben seit der zweiten Märzhälfte weite Teile des Wirtschaftslebens und insbesondere die Industrieproduktion weltweit lahmgelegt und Lieferketten reißen lassen. In den Geschäftszahlen der DAX-Konzerne zum ersten Quartal spiegelt sich die Covid-19-Pandemie daher nur zum Teil wider.“

„Wie groß die finanziellen Einbußen durch die Pandemie tatsächlich sein werden, wird sich erst nach dem zweiten Quartal seriös abschätzen lassen“, ergänzt Mathieu Meyer, Mitglied der Geschäftsführung von EY. „Viele Konzerne haben bereits angekündigt, im zweiten Quartal voraussichtlich rote Zahlen zu schreiben. In einigen Monaten wird man zudem wissen, ob die derzeitigen Lockerungen der staatlichen Maßnahmen dazu führen, dass die Wirtschaft wieder anspringt. Fest steht allerdings jetzt schon, dass wir in diesem Jahr den stärksten Absturz seit Jahrzehnten erleben werden, vor allem das zweite Quartal wird extrem schwach ausfallen.“

Weltregionen unterschiedlich stark betroffen

Im ersten Quartal erwies sich der nordamerikanische Markt noch als Wachstumstreiber: Dort stiegen die Umsätze bei den Unternehmen, die entsprechende Angaben machen, um drei Prozent. In Europa wurde ein Rückgang um knapp vier Prozent verzeichnet, in Asien schrumpfte der Umsatz um knapp sechs Prozent. „Im ersten Quartal zeigte sich vor allem die Situation in China als Umsatzbremse für viele deutsche Unternehmen – inzwischen hat sich China wieder zum Hoffnungsträger entwickelt“, beobachtet Barth. „Nicht zuletzt die deutschen Autokonzerne, für die China inzwischen der wichtigste Absatzmarkt ist, profitieren davon, dass dort Beschränkungen gelockert wurden und die Kauflust offenbar zurückkehrt. Damit könnte sich die globale Aufstellung der deutschen Industrie einmal mehr als hilfreich erweisen.“

Bargeldbestände weiter hoch

Deutschlands Top Konzerne können nach wie vor auf erhebliche Finanzmittel zurückgreifen: Zum Ende des ersten Quartals lagen die liquiden Mittel bei 95,3 Milliarden Euro, das waren 0,4 Prozent weniger als zu Beginn des Quartals. „Viele Unternehmen haben einschneidende Sparmaßnahmen zur Reduzierung der Mittelabflüsse ergriffen, um Liquidität im Unternehmen zu halten. Zudem konnten einige Konzerne zusätzliche Kredite aufnehmen oder durch die Ausgabe von Anleihen frisches Geld in die Kassen spülen“, beobachtet Meyer.

Hoffnung auf Erholung im dritten Quartal – konjunkturstützende Maßnahmen nötig

Meyer rechnet damit, dass es erst im dritten Quartal wieder aufwärts geht, vorausgesetzt, es gelingt, die Ausbreitung des Virus weiterhin einzudämmen. Der Umgang mit der Pandemie sei allerdings eine Gratwanderung, betont Meyer: „Solange kein Impfstoff verfügbar ist, lautet die entscheidende Frage: Wie gelingt es, mit dem Virus zu leben, die Gesundheitssysteme nicht zu überfordern und die Wirtschaft dennoch in Gang zu halten?“ Er mahnt klare Vorgaben und rasche Entscheidungen an: „Die Situation in Deutschland ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern derzeit noch vergleichsweise gut. Aber auch in Deutschland sehen wir einen beispiellosen Einbruch bei der Investitionsbereitschaft, dem Konsum- und dem Geschäftsklima. Die Auftragseingänge sind in vielen Branchen ins Bodenlose gefallen. Das hält die Wirtschaft nicht mehr lange durch, ohne nachhaltige Schäden zu erleiden.“ Daher sei es nun wichtig, zu verhindern, dass die industrielle Struktur des Standorts Deutschland dauerhaft geschädigt wird und wichtige Marktteilnehmer ausfallen, warnt Meyer.

In der aktuellen Situation sei von großer Bedeutung, dass die Zuversicht zurückkehre, so Meyer: „Ob Konjunkturpaket, Helikoptergeld, Konsumgutscheine, Kaufprämie für Neuwagen – derzeit werden viele Rezepte diskutiert. In jedem Fall brauchen wir einen starken und nachhaltigen Impuls, um das Wirtschaftsleben wieder in Gang zu bringen. Und es wäre zu begrüßen, wenn die Politik hier zu einer raschen Entscheidung käme – im besten Fall im Rahmen einer EU-weit koordinierten Aktion.“

Meyer plädiert dabei auch für Kaufanreize für Neuwagen: „Dass eine derartige Prämie die Kaufbereitschaft massiv fördern kann, hat die Abwrackprämie im Jahr 2009 gezeigt. Ein ähnlich starker Impuls wäre in der aktuellen Situation sehr hilfreich – nicht nur für die Autohersteller, die zurzeit im Zentrum der Diskussion stehen, sondern auch für andere Händler, Zulieferer und weitere Branchen, die massive Einbußen verzeichnen. Obendrein käme eine Kaufprämie auch Herstellern aus anderen Ländern zugute und hätte damit europaweit positive konjunkturelle Auswirkungen.“

Barth bleibt insgesamt vorsichtig optimistisch: „Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Mehrheit der deutschen Top-Konzerne die Krise erfolgreich meistern wird, im internationalen Vergleich sind sie gut gerüstet. Die Liquidität reicht bei den meisten DAX-Konzernen auch für eine längere Durststrecke aus und die globale Aufstellung hilft, regionale Einbrüche besser zu verkraften.“

Nicht aus den Augen verlieren sollten die Unternehmen dabei, dass es eine „neue Normalität“ nach der Corona-Krise geben werde, auf die man sich jetzt schon vorbereiten könne, mahnt Barth: „Die Nutzung neuer Technologien bekommt gerade einen mächtigen Schub, der Konsum wird sich ebenso verändern wie die berufliche und private Reisetätigkeit. Lieferketten werden hinterfragt, und die Industrieproduktion wird stärker auf Belastbarkeit und Nachhaltigkeit ausgerichtet.“