Ernst & Young: Dax-Konzerne verfügen über fast 100 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln

 Stuttgart (25.3.20) – Deutschlands Top Konzerne können in der aktuellen Krise auf erhebliche Finanzmittel zurückgreifen: Zum Ende des Jahres 2019 lagen die liquiden Mittel (Zahlungsmittel und Zahlungsmitteläquivalente) bei 99,4 Milliarden Euro. Das zeigt eine aktuelle Analyse der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY auf der Basis der Geschäfts- bzw. Quartalsberichte der im Deutschen Aktienindex (DAX) gelisteten Unternehmen.

„Die DAX-Unternehmen verfügen mehrheitlich über hohe, wenngleich natürlich nicht unbegrenzte Barreserven“, stellt Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY Deutschland, fest. Vor allem die Unternehmen aus der Automobilindustrie halten erhebliche Summen in Reserve. Volkswagen, BMW, Daimler und Continental weisen in ihrem Finanzvermögen Zahlungsmittel und Zahlungsmitteläquivalente in Höhe von zusammen 46,7 Milliarden Euro aus. „Die Großunternehmen werden nun alles daransetzen, Mittelabflüsse soweit wie irgend möglich zu minimieren“, erwartet Barth.

 

Mathieu Meyer, Mitglied der Geschäftsführung von EY, sieht dafür mehrere Stellschrauben, darunter das neue Kurzarbeitergeld, die neuen staatlichen Bürgschaften, aber auch die Dividendenzahlungen für das abgeschlossene Geschäftsjahr. „Die Mehrheit der DAX-Unternehmen hat zwar bereits einen Dividendenvorschlag veröffentlicht – die Hauptversammlungen, auf denen über diese Vorschläge abgestimmt wird, wurden in vielen Fällen aber bereits verschoben.“ Es sei gut möglich, dass weitere Unternehmen dem Beispiel des Triebwerksbauers MTU folgen werden. Der Konzern hat angekündigt, den bisherigen Dividendenvorschlag nochmals zu überprüfen. Die Lufthansa plant, für das vergangene Geschäftsjahr keine Dividende zu zahlen. „Die Dividenden kommen jetzt auf den Prüfstand“, prognostiziert Meyer.

 

Derartige Maßnahmen können die finanzielle Situation stabilisieren, so Meyer: „Es spricht viel dafür, dass wir die mittelfristige Entwicklung erst in einigen Wochen oder gar Monaten besser beurteilen können. Das aktuelle Geschehen in China, wo die Industrieproduktion teilweise wieder hochgefahren wird, gibt allerdings Anlass zu Hoffnung.“

 

Wie sich der hohe Internationalisierungsgrad der DAX-Unternehmen auf ihre Widerstandsfähigkeit auswirkt, werde sich jetzt zeigen, meint Barth. Die DAX-Konzerne erwirtschafteten im vergangenen Jahr 52 Prozent ihres Umsatzes außerhalb Europas – 27 Prozent in Nordamerika und 19 Prozent in Asien: „Zwar handelt es sich inzwischen um eine weltweite Krise – dennoch sehen wir, dass unterschiedliche Regionen in unterschiedlichem Tempo erfasst werden. Das kann helfen, den Cash-Flow zu stabilisieren und trotz Werksschließungen zumindest Teile des Betriebes am Laufen zu halten“, so Barth.

 

Im vergangenen Jahr hatte sich das Nordamerika-Geschäft mit einem Umsatzplus von 11 Prozent noch am besten entwickelt. In Asien waren die Umsätze um 2 Prozent gestiegen, in Europa um 3 Prozent.

 

Auswirkungen der Corona-Krise lassen sich nicht beziffern

Die meisten DAX Konzerne haben ihre Prognosen für das Geschäftsjahr 2020 unter Vorbehalt gestellt, da sich die Situation sehr dynamisch entwickelt. Mit BMW, Munich RE und Fresenius haben bislang nur drei Unternehmen konkretere Angaben zu den erwarteten Auswirkungen gemacht: Munich RE erwartet derzeit „insgesamt keine materiellen Auswirkungen auf das Jahresergebnis“, im schlimmsten Fall könne die Pandemie zu einer Belastung von 1,4 Milliarden Euro führen. Fresenius SE sieht „keine signifikant negativen finanziellen Auswirkungen“, BMW rechnet nunmehr nur noch mit einer EBIT-Marge im Segment Automobile zwischen 2 bis 4 Prozent. Die Lufthansa teilt in ihrem Prognosebericht lediglich mit, dass ein „deutlicher Umsatz- und Ergebnisrückgang“ erwartet werde.

 

Barth betont: „Es ist derzeit enorm schwierig, konkrete Prognosen abzugeben, zumal es keine Erfahrungswerte gibt, auf die das Management jeweils zurückgreifen kann. Wir sehen aber bereits jetzt, dass die Branchen sehr unterschiedlich stark betroffen sind.“

 

Beschäftigung wird sinken

Viele DAX-Konzerne hatten bereits im vergangenen Jahr auf die schwächere Konjunkturentwicklung reagiert und Kostensenkungsprogramme aufgelegt. Dies hat teils zu hohen Restrukturierungskosten, aber auch zu einem geringeren Beschäftigungswachstum geführt hat als im Vorjahr: Die Zahl der weltweit Beschäftigten stieg nur noch um gut 60.000, nachdem sie 2018 noch um 110.000 gewachsen war – also fast doppelt so stark. „Im laufenden Jahr wird die Beschäftigung bei den DAX-Konzernen sinken“, erwartet Meyer. „Die Unternehmen werden aber versuchen, die negativen Beschäftigungseffekte zu minimieren. Denn die Erfahrungen aus vergangenen Krisenzeiten zeigen: Nur mit einer möglichst vollzähligen Belegschaft können die Unternehmen von der wirtschaftlichen Erholung profitieren, die auf die aktuelle Krise folgen wird.“