Hans-Böckler-Stiftung: Ökonomische Unsicherheitserfahrungen reichen in Ostdeutschland deutlich weiter als im Westen – und beeinflussen die Wahl von Populisten

Düsseldorf (2.9.19) – Verunsicherung, Abstiegsängste und Zukunftssorgen sind ein wichtiger Faktor bei der Wahl rechtspopulistischer Parteien, das haben verschiedene soziologische Studien in letzter Zeit belegt. In Ostdeutschland ist die politische Unzufriedenheit deutlich stärker ausgeprägt als in den alten Bundesländern. Dabei spielen längst nicht nur eher abstrakte Gefühle „mangelnder Anerkennung“ oder das Thema Migration eine Rolle, sondern sehr stark auch konkrete ökonomische Unsicherheitserfahrungen. Diese reichen deutlich weiter als in Westdeutschland, zeigt eine aktuelle Analyse von Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, Soziologin an der Universität Paderborn: Während sich im Westen vor allem un- und angelernte Beschäftigte große Sorgen um ihre berufliche und soziale Zukunft machen – und zugleich überdurchschnittlich häufig rechte Parteien wählen -, trifft das in den neuen Bundesländern auch auf Berufsgruppen mit mittlerem Status wie Facharbeiterinnen und Facharbeiter oder Angestellte mit mittlerem Bildungsabschluss („Semi-Professionen“) zu (siehe auch Abbildung 1 in der pdf-Version dieser PM mit Wahlergebnis Bundestagswahl 2017). Beispielsweise machen sich Facharbeiter im Osten doppelt so häufig große Sorgen um ihre Arbeitsplatzsituation wie Facharbeiter im Westen (11,9 Prozent Ost, 6,2 Prozent West).

Kohlrauschs Auswertung beruht auf einer repräsentativen Befragung zu „sozialen Lebenslagen“, für die im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung zwischen 2017 und Anfang 2019 in mehreren Wellen 4892 Wahlberechtigte in Deutschland interviewt wurden.

„Das Aufstiegs- und Sicherheitsversprechen der ‚alten‘ Bundesrepublik ist im Osten auch 30 Jahre nach dem Mauerfall in der Mitte der Gesellschaft nicht angekommen“, sagt Kohlrausch über die Befunde. „Das Prinzip: Wer eine solide Bildung und Ausbildung erwirbt, kann von seiner Arbeit leben und sich seiner beruflichen Zukunft einigermaßen sicher sein, funktioniert offenbar auch nach Erfahrung von vielen Beschäftigten mit mittlerer Qualifikation nicht.“ Vor diesem Hintergrund sei es problematisch, dass Instrumente und Regeln, die im Arbeitsleben für bessere Bedingungen sorgen, im Osten weitaus weniger verbreitet sind. So werden nach einer aktuellen Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, beispielsweise in Sachsen nur 39 und in Brandenburg 45 Prozent der Beschäftigten nach einem Tarifvertrag bezahlt. Im Mittel der westdeutschen Bundesländer sind es dagegen 57 Prozent.

Angesichts der oft problematischen Transformationserfahrungen der vergangenen Jahrzehnte sorgt die Aussicht auf künftige Umwälzungen, etwa im Zuge der Digitalisierung, nach Kolrauschs Analyse unter ostdeutschen Beschäftigten mit mittlerer Qualifikation für besonders große Verunsicherung. So glauben im Osten deutlich weniger Facharbeiter oder Angehörige der „Semi-Professionen“ als im Westen, der technische Wandel werde ihren Arbeitsplatz sichern (siehe Abbildung 3).

Solche Verunsicherungen gehen wiederum einher mit einer erhöhten Neigung, Rechtspopulisten zu wählen. Die Forscherin zeigt das am Beispiel der Aussage: „Ich habe berufliche Chancen in Europa und der ganzen Welt.“ Dem stimmten in der Befragung ostdeutsche Beschäftigte deutlich seltener zu als Westdeutsche mit gleicher Qualifikation. Und wer keine Chancen für sich sah, wählte im Osten bei der vergangenen Bundestagswahl deutlich häufiger AfD als ein Wahlberechtigter, der zustimmte. Dabei waren mögliche Unterschiede aufgrund von Geschlecht, Alter, eigenem Migrationshintergrund oder Haltung zu Zuwanderung bereits herausgerechnet. Im Westen war der Unterschied nicht einmal halb so groß, aber gleichwohl signifikant. „Das Gefühl, für die kommende Transformation in der Arbeitswelt gerüstet zu sein – oder nicht – beeinflusst ganz offenbar Wahlentscheidungen“, sagt die Wissenschaftlerin.