Gold im Kontext historischer Zyklen – Goldpreiskonsolidierung im Zuge sinkender Zinsen

Frankfurt/Main (21.8.19) – Nach dem Ausbruch im Juni konsolidierte sich der Goldpreis über der Marke von 1.400 US-Dollar je Feinunze. Das Edelmetall profitierte dabei von den expansiven Tönen seitens Vertretern der US-Notenbank Federal Reserve Bank (Fed) und der Europäischen Zentralbank (EZB). Vor der Sitzung des House Committee on Financial Services (Ausschuss des US-Repräsentantenhauses für die Aufsicht der Finanzdienstleistungsbranche) am 10. Juli ging der Fed-Vorsitzende Jerome Powell auf zunehmende Unsicherheiten, die Probleme im Handel, die Verschuldung und den Brexit sowie auf die Schwächen im internationalen verarbeitenden Gewerbe und in der Investitionstätigkeit weltweit ein. Nach weiteren, in Richtung einer gelockerten Geldpolitik weisenden Äußerungen des Chefs der Federal Reserve Bank of New York, John Williams, sowie des Fed-Vizevorsitzenden Richard Clarida, der sich unter Verweis auf den Deflationsdruck eindeutig für mögliche Zinssenkungen aussprach, erreichte Gold am 19. Juli ein neues 6-Jahres-Hoch von 1.453 US-Dollar. Nach der Sitzung des EZB-Rats am 25. Juli sprach auch der Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi von einer steten Eintrübung der Aussichten. Wie erwartet läutete die Fed dann am 31. Juli mit ihrer ersten Zinssenkung seit 2008 den globalen Lockerungszyklus ein.

Dass der U.S. Dollar Index (DXY) den Juli im oberen Bereich seiner jüngsten Bandbreite abschloss, stand dem Goldpreis dabei nicht im Wege. Bei Gold spielt inzwischen die Zinsentwicklung die Hauptrolle, nicht der US-Dollar. Für mehr als die Hälfte der weltweit ausstehenden Schuldtitel liegen die (inflationsbereinigten) Realzinsen nahe oder unter null Prozent. Bei einem solch niedrigen Zinsniveau wird Gold – neben seiner werterhaltenden Funktion – zu einer ernsthaften Alternative zu verzinsten Anlagen. Wir gehen bei Gold und Goldaktien für die Dauer dieser Zinssenkungsrunde von einer guten Wertentwicklung aus. Wenn dieser Zyklus, wie frühere Zyklen, in eine Rezession mündet, könnten Risiken auftreten, die den Goldpreis unter Umständen noch deutlich weiter nach oben treiben.

Silber erhielt im Juli frischen Auftrieb, was den aus den jüngsten Gewinnen beim Goldpreis erwachsenen Eindruck verstärkt. Anhand von Daten zu Silber-ETPs (Exchange Traded Products – börsengehandelte, mit Edelmetallen unterlegte Produkte) hat Bloomberg ermittelt, dass das Edelmetall im Juli einen Rekordzufluss verbucht hat. Die Silberbestände erreichten ebenfalls einen Spitzenwert, und auch die Volumina im Rohstoffhandel in Shanghai stiegen an. Durch neue Fundamentaldaten ließ sich diese Entwicklung nicht erklären, da normalerweise der Goldpreis ausschlaggebend für Silber ist. Die im Juli zu beobachtende Preisstabilität bei Gold machte die vergleichsweise extreme Unterbewertung von Silber deutlich. Das Gold/Silber-Verhältnis hatte im Juni ein 29-Jahres-Hoch von 93 erreicht, verglichen mit dem 10-Jahres-Durchschnitt von 66. Normalerweise schneidet Silber wegen geringerer Liquidität und seines spekulativeren Charakters an einem starken Markt besser ab als Gold. Im Monatsverlauf stieg Gold um 4,45 US-Dollar (0,3 Prozent) auf 1.413,90 US-Dollar, während Silber einen Zuwachs von 0,95 US-Dollar (6,2 Prozent) auf 16,26 US-Dollar je Feinunze verzeichnete und das Gold/Silber-Verhältnis auf 87 zurückging.

Goldaktien überflügelten das Metall im Juli erneut. Grund hierfür war das gestiegene Interesses an der Goldbranche. Der NYSE Arca Gold Miners Index stieg um 4,6 Prozent, während der MVIS Junior Gold Miners Index um 8,8 Prozent zulegte. Bei steigendem Goldpreis bleibt die Wertentwicklung kleinerer Unternehmen in der Regel anfangs hinter der größerer Unternehmen zurück. Mit fortschreitendem Aufwärtstrend holen kleinere Unternehmen dann gewöhnlich auf und überholen ihre größeren Pendants. Die Anlageverwaltungsgesellschaft Paradigm Capital Management analysierte die Wertentwicklung von Goldunternehmen bei starker Goldpreisentwicklung in der ersten Jahreshälfte 2016, als der Preis einen deutlichen Anstieg um 300 US-Dollar je Feinunze erlebte. Paradigm fand heraus, dass die größeren Unternehmen zu Beginn besser abschnitten, ihren Vorsprung gegenüber kleineren Herstellern drei Monate nach dem Zyklustief jedoch einbüßten. Letztere setzten nach vier Monaten zum Überholmanöver an, während mittelgroße Unternehmen nach fünf Monaten vor den großen Unternehmen lagen.

Einen Schritt zurück, zwei Schritte vor

Viele Entwicklungen in den letzten zehn Jahren haben den Eindruck hinterlassen, dass die Welt in gefährlichere und bedrohlichere Zeiten zurückfällt. Beispiele sind der Brexit und das potenzielle Auseinanderfallen der Europäischen Union, die Polarisierung der politischen Lager in den USA, die extremistische Gewalt auf der ganzen Welt, die Invasion Russlands auf der Krim, der Griff Chinas nach dem südchinesischen Meer sowie die zunehmenden Spannungen zwischen den Militärmächten. Keine dieser Entwicklungen hätten wir vorher für möglich gehalten – zu ausgereift und aufgeklärt erschien uns der Führungsstil der weltweit Verantwortlichen.

Was wie ein Rückschritt aussieht, könnte sich indes als Schritt voran innerhalb eines Zyklus entpuppen. Eine schwierige Phase, die erst überwunden werden muss, bevor die nächste Phase des Fortschritts eintreten kann. Das ganze Universum ist in Kreisläufe eingeteilt, von kosmischen Zyklen über die Jahreszeiten der Natur bis hin zu unserer täglichen Routine. Auch die Finanzmärkte sind zyklischen Bewegungen unterworfen. Der Zeitverlauf der Finanzzyklen ist jedoch ungleichmäßig und hängt größtenteils von ebenfalls ungleichmäßigen Konjunkturzyklen ab. Geschichte wiederholt sich, aber nie genau gleich.

In ihrem Buch The Fourth Turning (1997) beleuchten die Historiker Neil Howe und William Strauss einen als „Epoche“ bezeichneten Zyklus, der etwa 90 Jahre dauert und damit ungefähr so lange wie ein Menschenleben. Die Autoren verfolgen sechs angloamerikanische Epochen bis in das späte Mittelalter zurück. Innerhalb einer Epoche gibt es vier Generationen (in der jüngsten Epoche zunächst die Generation „Silent“, dann die „Baby Boomers“ und die „Generation X“ bis zu den „Millennials“). Jede Generation ist charakterisiert durch wiederkehrende Überzeugungen, Haltungen und psychologische Muster, die bereits die entsprechenden Generationen vorangegangener Epochen prägten.

Innerhalb einer Epoche gibt es zudem vier Phasen oder „Wendezeiten“, die dann beginnen, wenn eine Generation das Erwachsenenalter erreicht, und 22 Jahre dauern. Die gesamten Wechselbeziehungen zwischen den Generationen sind ausschlaggebend für die Merkmale und Ereignisse jeder Wendezeit. Die vierte Wendezeit jeder Epoche ist geprägt von einer Krisenphase, die die Gesellschaft bis ins Mark erschüttert und den Gang der Zivilisation grundlegend verändert. Die Höhepunkte der letzten vierten Wendezeiten in den USA waren der Zweite Weltkrieg, der Bürgerkrieg und der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg.

Die vierte Wendezeit steht bevor

Die Belege, die Howe und Strauss für die Existenz der lebenslangen Generationszyklen erbringen, sind in unseren Augen durchaus überzeugend. Sie sagten einen Auslöser für eine Krise vorher, der die vierte Wendezeit etwa um das Jahr 2005 einläuten würde. Der Höhepunkt wäre dann etwa 2020 erreicht. Wenn die Geschichte tatsächlich der Theorie von Howe und Strauss folgt, so waren die Auslöser die weltweite Finanzkrise 2008 und der Eintritt der Millennials in das Erwachsenenalter. Diese Phase würde ihren Höhepunkt etwa im Jahr 2023 erreichen.

Laut Howe und Strauss stellt die vierte Wendezeit eine kritische Schwelle für das Überleben einer Nation dar. Der Weg bis zum Höhepunkt dieser Entwicklung ist geprägt von Merkmalen wie der Wiederkehr autoritärer Regierungen, Wahlen, bei denen ein Einparteiensystem etabliert oder zementiert wird, und politischen Unruhen. Die sich jeweils nicht an der Macht befindende politische Kraft warnt vor einer bevorstehenden Katastrophe und scheint diese gar zu begrüßen. In den USA wächst die Kluft nicht nur zwischen Arm und Reich, sondern auch zwischen Einwanderern und Einheimischen, und das Zugehörigkeitsgefühl zur jeweils eigenen Bevölkerungsgruppe gewinnt an Bedeutung. Der Höhepunkt kann mit wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, technologischen, ökologischen, politischen oder militärischen Krisen verbunden sein. Manche dieser Aspekte spielen eine untergeordnete oder gar keine Rolle, andere bahnen sich ihren Weg in die Gesellschaft, schwellen an und verzweigen sich immer weiter.

Viele der für eine vierte Wendezeit typischen Merkmale, die 1997 zu erkennen waren, prägen offensichtlich auch heute das Bild: autokratische Regierungen in Russland, China und in anderen Ländern; politische Spaltung in den USA, Großbritannien und anderswo; Warnungen vor der Klimakatastrophe; ungleiche Vermögensaufteilung; Flüchtlingskrisen in den USA und Europa. Unschwer ist in dieser Gemengelage ein Funke vorstellbar, der eine Kettenreaktion mit harten Gegenreaktionen und weiteren Krisen auslöst.

Das große Rad dreht sich weiter

Auch andere Vordenker haben langfristige Zyklen ausgemacht, die ihrer Auffassung nach in den nächsten zehn Jahren zu wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten führen werden. In einer Rede im Jahr 2016 vor der New Yorker Notenbank erläuterte Ray Dalio von Bridgewater einen langfristigen Schuldenzyklus, der 50 bis 75 Jahre dauert. Der Höhepunkt ist erreicht, wenn die Verschuldung nicht viel weiter steigen kann und die Maßnahmen der Zentralbanken an die Grenzen ihrer Effektivität gelangen. In einem Aufsatz von Juli 2019 beschreibt Dalio einen „Paradigmenwechsel“ an den Märkten, der mit dem Ende des Schuldenzyklus zusammenfällt, wenn die Verwahrung von Geld in Form von Bargeld und Anleihen nicht mehr sicher ist. Damit einhergehen werden massive Auseinandersetzungen zwischen Anhängern einer stärker kapitalistisch und einer eher sozial geprägten Wirtschaftsordnung sowie externe Konflikte.

In einem am 17. Mai im Wall Street Journal veröffentlichen Aufsatz führt Larry Diamond wissenschaftliche Arbeiten an, die sich mit damit befassen, wie sich demokratischer Wandel in Wellenbewegungen vollzieht. Momentan befinden wir uns im dritten Zyklus seit der Demokratisierung in den USA. Der erste Zyklus dauerte 114 Jahre, der zweite gerade einmal 32 Jahre. Der aktuelle Zyklus begann vor 45 Jahren. Die Aufwärtsbewegung endete 2006: Nach drei Jahrzehnten des Fortschritts kam die Entwicklung zum Stehen. Laut Freedom House ist im vergangenen Jahrzehnt ein Sechstel der Demokratien gescheitert, während autokratische Systeme immer repressiver und aggressiver werden. Diamond interpretiert die derzeitige rückläufige Entwicklung der Demokratie als langsam abnehmende Welle, die zum Untergang der Demokratie führen könnte, wenn die USA keine tatkräftige Führungsrolle zur Unterstützung von Demokratien, zur Bekämpfung von Autokratien und zur Eindämmung des unheilvollen Machtstrebens Russlands und Chinas übernehmen.

Beharrlich auf dem Weg zu einer neuen Hochphase

Langfristzyklen in der Geopolitik und an den Finanzmärkten sind theoretischer Natur und schwer nachzuweisen. Aber jeder, der sich die weltweite Entwicklung seit der Finanzkrise anschaut, sollte die in diesem Artikel beschriebenen Aspekte nachvollziehen können. An der Schwelle zu einem neuen Jahrzehnt könnten sich Anleger mit außerordentlichen Risiken konfrontiert sehen. Es ist keineswegs zu früh, sich über Gold und Goldaktien, ihre eher traditionelle Funktion als Diversifizierungsbaustein und potenzieller sicherer Hafen sowie eine Positionierung für mögliche Phasen einer Einpreisung von Worst-Case-Szenarien an den Märkten Gedanken zu machen.

Mit ihren aktuellen, historisch niedrigen Bewertungen bergen Goldaktien darüber hinaus vielleicht auch das Potenzial, von jeglicher Phase kurzfristig erhöhter Risiken zu profitieren. Da die Menschheit schon immer großes Durchhaltevermögen gezeigt hat, wird nach dem Höhepunkt der vierten Wendezeit die erste Wendezeit der neuen Epoche eine neue Haltung, ein wiedererstandenes Amerika und Chancen auf neues Wachstum mit sich bringen – mit den Worten von Howe und Strauss: eine „neue Hochphase“.

Wir hoffen zwar auf eine weiche Landung, können eine harte Landung jedoch nicht ausschließen. Der Markt geht davon aus, dass in der zweiten Jahreshälfte ein neuer Zinssenkungszyklus einsetzt. Versicherungen für Häuser, Ehepartner, Boote und Autos sind für die meisten Menschen selbstverständlich – angesichts der harten Landungen in der Vergangenheit ist es nun möglicherweise ratsam, über eine Absicherung der Finanzanlagen nachzudenken. Die UBS hat ermittelt, dass der Goldpreis in den letzten drei Jahrzehnten in vier der fünf Zeiträume, in denen die Fed die Zinsen senkte, angestiegen ist.