EZB: Widrige globale Faktoren – Wirtschaftliche und monetäre Entwicklungen im Überblick

Frankfurt/Main (8.8.19) – Auf Basis einer umfassenden Bewertung der Konjunktur- und
Inflationsaussichten für den Euroraum und unter Berücksichtigung der
jüngsten von Experten des Eurosystems erstellten gesamtwirtschaftlichen
Projektionen für das Euro-Währungsgebiet hat der EZB-Rat in seiner
geldpolitischen Sitzung vom 6. Juni eine Reihe von geldpolitischen
Beschlüssen gefasst, um die Annäherung der Inflationsrate an ein Niveau von
unter, aber nahe 2 % zu unterstützen. Obwohl die Daten für das erste Quartal etwas
besser ausgefallen sind als erwartet, deuten die jüngsten Informationen darauf hin,
dass der Ausblick für den Euroraum nach wie vor durch widrige globale Faktoren
getrübt wird.

Die länger anhaltenden Unsicherheiten im Zusammenhang mit
geopolitischen Faktoren, der zunehmenden Gefahr von Protektionismus und
Anfälligkeiten in den aufstrebenden Volkswirtschaften gehen nicht spurlos am
Konjunkturklima vorüber. Zugleich werden die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft
des Eurogebiets und der allmählich zunehmende Inflationsdruck nach wie vor durch
den anhaltenden Beschäftigungszuwachs und steigende Löhne gestützt. Vor diesem
Gesamthintergrund beschloss der EZB-Rat, die Leitzinsen unverändert zu belassen
und seine Forward Guidance zu den Leitzinsen der EZB so anzupassen, dass sie
seine Erwartung widerspiegelt, nach der die Leitzinsen mindestens über die erste
Hälfte des Jahres 2020 und in jedem Fall so lange wie erforderlich auf ihrem aktuellen
Niveau bleiben werden, um eine fortgesetzte nachhaltige Annäherung der Inflation an
ein Niveau von unter, aber nahe 2 % auf mittlere Sicht sicherzustellen. Der EZB-Rat
bekräftigte ferner seine Forward Guidance im Hinblick auf die Reinvestitionen. Und
schließlich beschloss er die Modalitäten der neuen Serie vierteljährlicher gezielter
längerfristiger Refinanzierungsgeschäfte (GLRG III), insbesondere die Parameter der
Preisgestaltung. Darüber hinaus kam der EZB-Rat zu der Einschätzung, dass der
positive Beitrag der negativen Zinssätze zum akkommodierenden geldpolitischen
Kurs und zur nachhaltigen Annäherung der Teuerung an das Inflationsziel derzeit
nicht durch mögliche Nebenwirkungen auf die Bankenintermediation beeinträchtigt
wird. Dennoch wird der EZB-Rat auch weiterhin den bankbasierten
Transmissionskanal der Geldpolitik und die Faktoren, die für Gegenmaßnahmen
sprechen, sorgfältig beobachten.
Bewertung der wirtschaftlichen und monetären Lage zum Zeitpunkt
der EZB-Ratssitzung am 6. Juni 2019
Die Grunddynamik des Weltwirtschaftswachstums hat sich zu Jahresbeginn
weiter verringert, wenngleich die Konjunkturdaten in einigen führenden
Industrieländern besser als erwartet ausgefallen sind. Umfragebasierte
EZB, Wirtschaftsbericht, Ausgabe 4 / 2019 – Wirtschaftliche und monetäre Entwicklungen 4
Indikatoren deuten auf eine anhaltende Schwäche im verarbeitenden Gewerbe
weltweit hin, wobei in letzter Zeit eine gewisse Stabilisierung auf niedrigem Niveau zu
beobachten war, sowie auf eine jüngst nachlassende Aktivität im Dienstleistungssektor, der sich eine Zeit lang als relativ widerstandsfähig erwiesen hatte. Das globale
Wachstum wird sich den Projektionen gemäß im laufenden Jahr verlangsamen.
Zurückzuführen ist dies auf eine hohe und weiter zunehmende Unsicherheit in Bezug
auf politische Maßnahmen und das politische Umfeld, wodurch die Investitionstätigkeit weltweit beeinträchtigt wird. Auch die erneute Zuspitzung der Handelsspannungen zwischen den Vereinigten Staaten und China wird sich negativ auf das
Wachstum auswirken. Diese widrigen Faktoren dürften die Weltwirtschaft und den
Welthandel zwar im laufenden Jahr weiterhin belasten, doch wird erwartet, dass die
jüngsten Politikmaßnahmen der Konjunktur danach etwas Auftrieb verleihen. Daher
wird das globale Wachstum den Projektionen zufolge im Jahr 2019 sinken, sich auf
mittlere Sicht aber stabilisieren. Der internationale Handel dürfte sich im laufenden
Jahr deutlicher abschwächen und mittelfristig im Gleichlauf mit der wirtschaftlichen
Entwicklung wieder zunehmen. Der globale Inflationsdruck sollte sich weiterhin in
Grenzen halten, während sich die Abwärtsrisiken für die Weltwirtschaft erhöht haben.
Vor dem Hintergrund der am Markt herrschenden Erwartung einer weiterhin
akkommodierenden Geldpolitik und wieder auflebender Handelsspannungen
sind die langfristigen risikofreien Zinssätze seit der EZB-Ratssitzung im
März 2019 gesunken. Die Aktienkurse nichtfinanzieller Kapitalgesellschaften sind
unter gewissen Schwankungen leicht gestiegen, was auf die niedrigen risikofreien
Zinssätze und die sich aufhellenden Gewinnerwartungen zurückzuführen ist.
Allerdings belastet die Unsicherheit im Zusammenhang mit den wieder zunehmenden
Handelsspannungen die Preise risikoreicher Vermögenswerte. An den Devisenmärkten hat der Euro in handelsgewichteter Rechnung auf breiter Front aufgewertet.
Das Wachstum des realen BIP im Euro-Währungsgebiet beschleunigte sich im
ersten Jahresviertel 2019 auf 0,4 % gegenüber dem Vorquartal, nachdem es
sich im zweiten Halbjahr 2018 vor dem Hintergrund einer tendenziell
schwächeren Auslandsnachfrage des Euroraums verringert hatte. Die
aktuellen Wirtschaftsdaten und Umfrageergebnisse deuten jedoch auf eine leichte
Wachstumsverlangsamung im zweiten und dritten Quartal des Jahres 2019 hin. Hierin
spiegelt sich die fortdauernde Schwäche im internationalen Handel in einem Umfeld
länger anhaltender globaler Unsicherheiten wider, die vor allem das verarbeitende
Gewerbe im Eurogebiet belasten. Unterdessen erweisen sich der Dienstleistungssektor und das Baugewerbe als widerstandsfähig, und die Lage auf dem Arbeitsmarkt
verbessert sich weiter. Das Wachstum im Eurogebiet wird auch künftig von den
günstigen Finanzierungsbedingungen, dem leicht expansiven finanzpolitischen Kurs
im Eurogebiet, erneuten Beschäftigungszuwächsen, steigenden Löhnen und dem
anhaltenden, wenn auch etwas schwächeren, weltweiten Wirtschaftswachstum
getragen werden.
Diese Einschätzung deckt sich weitgehend mit den von Experten des
Eurosystems erstellten gesamtwirtschaftlichen Projektionen für das
Euro-Währungsgebiet vom Juni 2019. Diesen zufolge wird das jährliche reale BIP
im Jahr 2019 um 1,2 % und im kommenden Jahr sowie 2021 um jeweils 1,4 %
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steigen. Gegenüber den von Experten der EZB erstellten Projektionen vom
März 2019 wurde der Ausblick für das Wachstum des realen BIP für 2019 um
0,1 Prozentpunkte nach oben sowie für 2020 um 0,2 Prozentpunkte und für 2021 um
0,1 Prozentpunkte nach unten korrigiert. Angesichts der länger anhaltenden
Unsicherheiten im Zusammenhang mit geopolitischen Faktoren, der zunehmenden
Gefahr von Protektionismus und Anfälligkeiten in den aufstrebenden Volkswirtschaften überwiegen mit Blick auf die Wachstumsaussichten des Euroraums weiterhin
die Abwärtsrisiken.
Die am Verbraucherpreisindex (HVPI) gemessene jährliche Teuerung im
Eurogebiet belief sich der Vorausschätzung von Eurostat zufolge im Mai 2019
auf 1,2 % nach 1,7 % im April, was in erster Linie einem geringeren
Preisauftrieb bei Energie und Dienstleistungen geschuldet war. Ausgehend von
den aktuellen Terminpreisen für Öl dürfte die Gesamtinflation in den kommenden
Monaten zurückgehen, bevor sie gegen Ende des Jahres wieder anzieht. Die
Messgrößen der zugrunde liegenden Inflation entwickeln sich zwar weiterhin
insgesamt verhalten, doch vor dem Hintergrund einer hohen Kapazitätsauslastung
und einer zunehmend angespannten Lage an den Arbeitsmärkten gewinnt der
Arbeitskostendruck an Stärke und Breite. Getragen von den geldpolitischen
Maßnahmen der EZB, dem anhaltenden Konjunkturaufschwung und einem höheren
Lohnwachstum dürfte sich die zugrunde liegende Inflation auf mittlere Sicht erhöhen.
Diese Einschätzung steht weitgehend im Einklang mit den von Experten des
Eurosystems erstellten gesamtwirtschaftlichen Projektionen für das
Euro-Währungsgebiet vom Juni 2019, denen zufolge sich die jährliche
HVPI-Inflation 2019 auf 1,3 %, 2020 auf 1,4 % und 2021 auf 1,6 % belaufen wird.
Gegenüber den von Experten der EZB erstellten Projektionen vom März 2019 wurde
der Ausblick für die HVPI-Inflation für 2019 um 0,1 Prozentpunkte nach oben und für
2020 um 0,1 Prozentpunkte nach unten korrigiert. Die jährliche HVPI-Inflationsrate
ohne Energie und Nahrungsmittel dürfte im laufenden Jahr bei 1,1 %, 2020 bei 1,4 %
und 2021 bei 1,6 % liegen.
Die Jahreswachstumsrate der weit gefassten Geldmenge und die Kreditvergabe
an den privaten Sektor nahmen im April 2019 zu. Das Wachstum der weit
gefassten Geldmenge (M3) belief sich im April 2019 auf 4,7 %, verglichen mit 4,6 %
im März. Dieser anhaltende Zuwachs ist auf die fortdauernde Vergabe von
Bankkrediten an den privaten Sektor und die geringen Opportunitätskosten für das
Halten von Komponenten der Geldmenge M3 zurückzuführen. Ferner zeigte sich das
M3-Wachstum angesichts des Auslaufens des automatischen Beitrags der Nettokäufe
im Rahmen des Programms zum Ankauf von Vermögenswerten (APP) weiterhin
widerstandsfähig. Zugleich blieben die Kreditvergabebedingungen günstig: Die
Jahreswachstumsrate der Buchkredite an nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften
erhöhte sich im April 2019 auf 3,9 % nach 3,6 % im Vormonat. Die vom EZB-Rat
beschlossenen geldpolitischen Maßnahmen, einschließlich der GLRG III, werden zur
Wahrung der günstigen Kreditvergabebedingungen der Banken beitragen und den
Zugang insbesondere kleiner und mittlerer Unternehmen zu Finanzmitteln weiter
unterstützen.