Die Deutsche Bundesbank feiert Anfang August d. J. ihr 60-jähriges Jubiläum! Das Motto: Seit 1957 sorgt die Notenbank für stabiles Geld in Deutschland und Europa. www.geldanlagen-nachrichten.de liefert in den kommenden Monaten eine ausgedehnte Serie zum Thema deutsches Geld und Geldpolitik von der Nachkriegszeit über die Währungsreform mit der Einführung der D-Mark 1948 bis zum Euro von heute.

Autor: Christoph Wehnelt 

Kulturrevolution für Europa und die Welt 

Erster öffentlicher Vortrag von Alexandre Lamfalussy, Präsident des Europäischen Währungsinstituts,  auf der Mitglieder-Versammlung des Bankenverbands Hessen am 9. März 1994 in Frankfurt. – Der hochgebildete, zierliche Baron übertrieb zu Beginn seiner Rede das Understatement reichlich. Er sagte: „Als Bauer von der Donau (er stammt aus Ungarn) kann man unverblümt sagen, was man denkt!“ Er tat’s:

Das EWI und die vor ihm liegenden Aufgaben

 

Von Beginn an war der Prozess der wirtschaftlichen Integration in Europa wechselnden und sehr gegensätzlichen Beurteilungen ausgesetzt, die mehr oder weniger dem Auf und Ab in der Entwicklung des Integrationsprozesses selbst entsprachen. Obwohl die europäische Integration zweifellos vorangeschritten ist, wechselten Phasen der Euphorie mit Phasen des „Euro-Pessimismus“ ab.

 

Auf keinem Gebiet ist diese allgemeine Beobachtung so zutreffend wie auf dem der Währungsintegration. Ohne gleich in eine ferne Vergangenheit zurückzugehen, sei nur an die Geschehnisse der letzten drei Jahre erinnert. Irgendwann in den frühen neunziger Jahren gelangten die Teilnehmer an den Finanzmärkten offenbar zu der Überzeugung, dass die damals gültigen Wechselkursverhältnisse bis zur Stufe III bestehen bleiben würden. Dieser merkwürdig optimistische Glaube erfuhr einen radikalen Umschwung, als es von September 1992 bis August 1993 dreimal nacheinander zu Krisen im EWS-Wechselkursmechanismus kam. Dann setzte sich die Ansicht durch, dass man mit dem Zusammenbruch des Wechselkursverbunds (dies war übrigens von vorneherein eine Übertreibung) den Prozess der Währungsintegration ebenso gut endgültig abschreiben konnte. Nun bin ich neugierig, was als Nächstes kommt. Wie wird man die Rückkehr mehrerer Währungen in die im vergangenen August aufgegebene Bandbreite interpretieren?

 

In diesem unruhigen Umfeld nahm vor etwas über zwei Monaten das Europäische Währungsinstitut seine Arbeit auf. Kein Wunder, dass die Ansichten über seine Bedeutung und seine Perspektiven beträchtlich auseinandergehen. Einige sehen seine Errichtung als Schlag ins Wasser an, für andere kommt es (beinahe) schon der Schaffung einer echten europäischen Währungsbehörde gleich. Was ich heute Abend vor allem darlegen möchte, ist dass diese extremen Meinungen falsch sind –ebenso wie die vor 1992 herrschende Euphorie nicht gerechtfertigt war und heute der Gedanke, die WWU werde auf dem Abfallhaufen der Weltgeschichte landen, nicht gerchtfertigt ist.

 

Fairerweise muss ich jedoch zugeben, dass die Unsicherheit, die bezüglich des EWI herrscht, nicht einfach der Wechselhaftigkeit der öffentlichen Meinung zugeschrieben werden kann. Sie hat ihre Ursache auch darin, dass es sehr schwierig ist, die Stufe II auf dem Weg zur Währungsunion und damit auch die Rolle des Instituts selbst – das die institutionelle Verkörperung der Stufe II ist – zu definieren. Überdies ist eine Reihe von Artikeln der Satzung des EWI die Frucht politischer Kompromisse, und solche Kompromisse laden natürlich zu unterschiedlichen Interpretationen ein.

 

Einige dieser Probleme sind schon bei der Erstellung des Delors-Berichts aufgetaucht und sind selbst bei flüchtigem Lesen des Vertrags von Maastricht nicht zu übersehen. Der springende Punkt ist, dass in dieser Übergangsphase auf dem Weg zur Währungsunion die Verantwortung für die Erarbeitung und Durchführung der Geldpolitik ganz klar bei den nationalen Währungsbehörden verbleibt – während es gleichzeitig eine der Hauptaufgaben des EWI ist, „die Koordinierung der Geldpolitiken der Mitgliedstaaten ..zu verstärken“ (Art. 109f des Vertrags sowie Art 2 und 4 der EWI-Satzung). Ist es möglich, autonome Geldpolitiken zu koordinieren, ohne in die alleinige Verantwortlichkeit der nationalen Währungsbehörden einzugreifen? Ich werde Ihnen meine Antworten auf diese Frage in einigen Minuten geben. Zunächst aber möchte ich von einer anderen wichtigen Aufgabe des EWI sprechen, nämlich der Vorbereitung der Stufe III und insbesondere der Errichtung des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB).

 

Dieser Aufgabe ist seitens der Öffentlichkeit keine große Beachtung geschenkt worden. Dies ist zwar bedauerlich, aber begreiflich, denn das Aufbauen einer Institution ist ein trockenes Thema. Aber es ist von wesentlicher Bedeutung, dass es richtig getan wird. Gewiss ist es eine gewaltige Aufgabe, für die inflationsfreie Konvergenz unserer Volkswirtschaften zu sorgen und damit die Voraussetzungen für die politische Entscheidung zu schaffen, zu einer Währungsunion überzugehen. Diese Aufgabe muss als Erstes erfüllt werden, und es ist daher verständlich, dass sich die Aufmerksamkeit darauf konzentriert. Aber wenn dann der Beschluss, die Wechselkurse einzufrieren, gefasst wird, müssen wir völlig sicher sein, dass ein entsprechender institutioneller Rahmen geschaffen werden kann, damit die einheitliche Geldpolitik ufrieden stellend funktionieren und das ESZB auch in allen anderen Bereichen, für die es zuständig ist, seiner Arbeit nachgehen kann.

 

Der Vertrag legt selbstverständlich die Satzung des künftigen ESZB fest – und ich möchte an dieser Stelle meiner Wertschätzung für die Arbeit Ausdruck geben, die unsere Vorläuferinstitution, der Ausschuss der Präsidenten der EG-Zentralbanken, geleistet hat. Dank dieser Arbeit stehen die Konturen des künftigen ESZB schon fest. Was jedoch den modus operandi der einheitlichen Geldpolitik betrifft, hält die Satzung zu Recht nur allgemeine Grundsätze fest, z. B. den Grundsatz einer offenen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb, das Verbot der Finanzierung staatlicher Defizite durch die Zentralbank und die mögliche Dezentralisierung bei der Durchführung der Geschäfte des ESZB, so dass die nationalen Zentralbanken in Anspruch genommen werden können, „soweit dies möglich und sachgercht erscheint“. Die Festlegung der genauen Funktionsweise der einheitlichen Geldpolitik ist eine der wichtigsten Aufgabe des EWI.

 

Diese Erarbeitung wird viel Arbeit und zahlreiche Sitzungen erfordern. Sie wird nicht nur Bestandsaufnahmen umfassen, d. h. die Feststellung institutioneller Unterschiede zwischen den Ländern, sondern auch Entscheidungen über Fragen, die – trotz ihres scheinbar reich technischen Charakters – auch nationale Traditionen berühren, vielleicht sehr spezielle Interessen begünstigen oder verletzen und strategische Weichenstellungen beinhalten. Die Palette der Bereiche ist breit, wenn wir den rechtlichen, organisatorischen und logistischen Rahmen schaffen wollen, der nötig ist, damit das ESZB in der Stufe III seine Aufgaben erfüllen kann. Ich möchte diese Bereiche nicht alle aufzählen. Aber auch einen Schlüsselbereich, zu dem die Arbeit schon in Gang ist, möchte ich doch zu sprechen kommen: Die Strategie und die Arbeitsverfahren der einheitlichen Geldpolitik.

 

Wenn ich von Entscheidungen über die Strategie rede, dann meine ich nicht ein Infragestellen des Endziels der Geldpolitik. Diese Frage ist vom Vertrag geregelt worden, der dem ESZB als oberstes Ziel die Wahrung der Preisstabilität zuweist. Aber wie soll das Ziel erreicht werden? Indem man ein Zwischenziel festlegt? Wenn ja, welches? Wenn das Zwischenziel eine Geldmenge sein soll, welche Geldmenge? Oder kann man auf ein explizites Zwischenziel verzichten und die Preistabilität direkt anvisieren? Worauf wir uns bezüglich des Zwischenziels auch einigen, die Europäische Zentralbank wird auf jeden Fall ein klar umrissenes operatives Zeil benötigen wie z. B. die Höhe der kurzfristigen Zinssätze, und man wird sich auch darüber einigen müssen, mit welchen Instrumenten und Verfahren dieses Ziel erreicht werden soll. Bezüglich der Instrumente werden beispeilsweise die Vor- und Nachteile von Mindestreserven, ihre Verzinsung, die Palette von Instituten, die zu ihrer Haltung verpflichtet sind, und so weiter, geprüft werden müssen. Dieses Thema liegt Ihnen, liebe Zuhörer, sicher am Herzen (und Ihrer Brieftasche auch).

 

Die endgültigen Antworten auf einige dieser Fragen werden erst kurz vor Beginn von Stufe III gegeben werden können. Nehmen wir zum Beispiel ein Zwischenziel für die Geldmengen. Die Verwendung eines solchen Ziels hat eine Reihe attraktiver Vorzüge. Es ist auch einem breiten Publikum leicht zu erklären, denn für dieses ist die Quantitätstheorie des Geldes eine der wenigen makroökonomischen Thesen, die offenbar dem gesunden Menschenverstand entsprechen, und dies überrascht auch nicht, vor allem wenn man einmal – wie Deutschland – eine Hyperinflation miterlebt hat. Es schützt die Währungsbehörden vor den üblichen Versuchungen, die Zügel zu sehr schleifen zu lassen – Versuchungen, die entstehen, wenn die Beurteilungen der wirtschaftlichen Lage stets nur ad hoc erfolgen. Es schirmt sie bis zu einem gewissen Grad vor politischem Druck auf ihre Entscheidungsfindung ab. Wenn sie das Ziel einhalten, selbst nur auf mittlere Sicht, verstärkt sich ihre Glaubwürdigkeit. Dies sind wichtige Argumente. Aber die Verwendbarkeit eines Geldmengenziels hängt ganz wesentlich von zwei Faktoren ab. Ersten muss – wenigstens mittelfristig – eine genügend stabile Beziehung zwischen dem Preisniveau (das das Endziel ist) und der als Zielgröße benutzten Geldmenge bestehen. Zweitens müssen die Zentralbanken in der Lage sein, die mittelfristige Entwicklung des als Zielgröße benutzten Aggregats zu steuern.

 

Bisher sind diese Voraussetzungen in der Bundesrepublik und einigen anderen europäischen Ländern erfüllt – zwar nicht vollkommen (vor allem nicht in jüngster Zeit), aber doch in einem Maße, das die Währungsbehörden als ausreichend erachten, um bei einem expliziten Geldmengenziel zu bleiben. In anderen Ländern – Großbritannien ist das wichtigste Beispiel in Europa, aber hier wäre auch Kanada und die USA zu nennen – ist zumindest eine Voraussetzung weggefallen, manchmal auch beide.

 

Ob diese Voraussetzungen in Europa zum Zeitpunkt der Einführung einer einheitlichen Geldpolitik vorhanden sein werden, ist noch offen. Wir können und sollten versuchen, die Gründe zu verstehen, weshalb sie sich bisher in einigen Ländern halten konnten, in anderen aber nicht – welche Rolle spielen z. B. Deregulierung und finanzielle Innovation? – aber letztlich wird die Antwort von der Praxis und nicht von irgendwelchen Theorien gegeben werden. Sie wird von der Entwicklung der Instrumente, der Arbeitstechniken und der Strukturen der Märkte selbst abhängen. Das heißt aber nicht, dass wir einfach abwarten sollen. Zu welcher Entscheidung über die Zwischenziele man schließlich auch gelangen wird, in den kommenden Monaten und Jahren sind erhebliche Vorarbeiten zu leisten. Man hat gerade erst begonnen, sich einen Überblick über die Funktionsweise der verschiedenen nationalen Geldmärkte zu verschaffen und der Frage nachzugehen, ob die Unterschiede für die Zukunft überhaupt von Belang sind. Statistiken müssen harmonisiert werden. Eine Menge Arbeit kann zu den operativen Zielvorgaben, der Verwendung von Mindestreserven und der – unabhängig von der Entscheidung über etwaige Zwischenziele nötigen – Harmonisierung der Geldmarktinstrumente getan werden.

 

Last but not Least werden wir uns über Fragen einigen müssen, die mehr explizit normativer Art sind: Welche Änderungen der Strukturen und der Funktionsweise der einzelnen Geld- und Kapitalmärkte sind im Hinblick auf die Währungsunion wünschenswert? Und dies wird nicht einfach eine akademische Übung sein. Wie ich gerade erst sagte, wird die Entwicklung der Märkte letztlich bestimmen, ob Zwischenziele brauchbar sind. Aber diese Entwicklung ist nicht einfach als Ergebnis spontaner Entscheidungen von Marktteilnehmern wie Ihnen in Bereichen wie Finanzinnovation, Despezialisierung, Tätigkeitsspektrum, Fusionen. Viele solcher Initiativen werden eine Reaktion auf gesetzgeberische, regelnde oder deregulierende Beschlüsse der verschiedenen nationalen Behörden sein, sowohl bei der Einführung des einheitlichen Finanzmarktes als auch bei der Vorbereitung von Stufe III. Bis zu einem gewissen Grad – der aber nicht leicht zu bestimmen sein wird – werden solche behördlichen Beschlüsse nicht ohne Einfluss darauf bleiben, ob die Europäische Zentralbank Geldmengenziele verwenden kann oder nicht. Aber wir dürfen uns keine Illusionen machen: In einer Welt integrierter Finanzsysteme und ständiger Innovationen wird den europäischen Behörden bei ihren Bemühungen, Martentwicklungen und –praktiken unter Kontrolle zu halten, nur wenig Freiheit bleiben. Gute Aussichten für lebhafte Debatten im Rat der EWI.

 

Einige von Ihnen werden sich vielleicht fragen, wenn Ihnen auch die Höflichkeit verbietet, die Frage auszusprechen, ob sich all diese schwierige, zeitraubende und kostspielige Vorbereitungsarbeit wirklich lohnt. Werden wir die Währungsunion in absehbarer Zeit erreichen? Meine Antwort auf diese Frage ist ein ganz klares Ja. Ich weiss nicht, wie viele Länder am Anfang dabei sein werden. Ich weiss nicht, ob die Währungsunion das Ergebnis eines friedlichen und schrittweisen Konvergenzprozesses (zu dem das EWI seinen Beitrag leisten sollte) oder einer Krise sein wird (die das EWI noch Möglichkeit verhindern sollte). Aber ich glaube fest daran, dass sie eher früher als später zustande kommen wird und nicht erst irgendwann im nächsten Jahrhundert. Dieser Glaube entstammt nicht bloß meinem Respekt für den Zeitplan des Vertrages von Maastricht, wenn ich auch davor warnen möchte, die durch den Vertrag ausgelöste politische und institutionelle Dynamik zu unterschätzen. Es kommt darin ebenso sehr meine Überzeugung zum Ausdruck, dass die durch Integration der „realen“ Wirtschaft in Europa geschaffenen Fakten, zusammen mit der Entwicklung eines einheitlichen Finanzmarktes, uns dazu zwingen werden, uns auf die Währungsunion einzulassen.

 

Diese Überlegungen können in einigen Thesen zusammengefasst werden, die ich kurz vorstellen will, auf die Gefahr hin, dogmatisch zu klingen:

 

  1. Die Integration der „realen“ Volkswirtschaften unserer Länder hat nicht nur einen Punkt erreicht, an dem keine Umkehr mehr möglich ist, sie schreitet auch weiter voran. Der große Binnenmarkt ist eine Realität. Seine Erhaltung wird zu einer lebenswichtigen Frage für die meisten Europäer.

 

  1. Erhebliche Fehlentwicklungen bei den realen Wechselkursen der Mitgliedsländer würden nicht nur die Vorteile des Binnenmarktes für Europa erheblich vermindern, sondern könnten auch zu sozial und damit politisch untragbaren Entwicklungen führen und so den Binnenmarkt selbst gefährden.

 

  1. Frei schwankende Währungen haben noch nie einen Schutz gegen Fehlentwicklungen bei den realen Wechselkursen geboten, ganz im Gegenteil.

 

  1. „Zwischenlösungen“ von der Art des EWS-Wechselkursmechanismus können, zumindest eine Zeitlang, vor solchen Fehlentwicklungen schützen: Denken Sie an die relative Stabilität der realen Wechselkurse zwischen einigen (aber keineswegs allen) europäischen Ländern.

 

 

  1. So wertvoll solche Lösungen aber auch während einer gewissen Zeit sein mögen, narrensicher und von Dauer sind sie nicht. Bei freiem Kapitalverkehr können sie durch spekulativen Druck torpediert werden, der als Reaktion auf echte, als solche wahrgenommene oder erwartete geld- und währungspolitische Fehlschläge oder Maßnahmen entsteht.

 

 

  1. Auf lange Sicht bietet nur die Währungsunion einen angemessenen stabilen Rahmen für das Funktionieren des Binnenmarktes – wobei es sich natürlich von selbst versteht, dass die Stabilität der nominalen Wechselkursrelationen in der Union nur für Länder tragbar ist, die untereinander einen vernünftigen Grad der Konvergenz erzielt haben und die eine sehr weitgehende wirtschaftliche (und politische) Union als Ergänzung zur Währungsunion akzeptieren.

 

 

  1. Die Verwirklichung all dieser Ziele wird, gelinde gesagt, nicht leicht sein – aber ich sehe einfach keine Alternative, wenn wir den großen Binnenmarkt erhalten wollen, vom Ernten seiner Früchte ganz zu schweigen.

 

 

Ich komme nun auf die andere Hauptaufgabe des EWI zurück, die ich am Anfang erwähnte und die die Zeit vor dem Inkrafttreten von Stufe III betrifft. Diese Aufgabe besteht darin, die Koordinierung der Geldpolitiken der Mitgliedstaaten zu verstärken, während die Verantwortung für die Erarbeitung und Durchführung dieser Politiken noch fest in der Hand der nationalen Zentralbanken bleibt. Ich kann die Ansicht, dass dies der Quadratur des Kreises gleichkomme, nicht teilen. Lassen Sie mich erklären warum.

 

Im wesentlichen, weil der Vertrag ausdrücklich das Ziel dieser Koordinierung nennt: „die Preistabilität sicherzustellen“. Diese Klarstellung hat eine zweifache Bedeutung. Zum einen bahnt eine so definierte erfolgreiche Koordinierung den Weg für eine Einhaltung des wahrscheinlich wichtigsten einzelnen Konvergenzkriteriums, das der Vertrag für den Beginn von Stufe III festlegt. Zum anderen ist dies auch als eine allgemeine und dauernde Aufgabe der Zentralbanken bei der Durchführung ihrer Geldpolitik anzusehen – eigentlich unabhängig davon, wie rasch Fortschritte in Richtung Währungsunion gemacht werden und wann diese in Kraft tritt.

 

Der den Zentralbanken erteilte Auftrag, die Preisstabilität sicherzustellen, hat nicht nur wegen des Drängens der Deutschen in den Vertrag Eingang gefunden. Die feste Haltung Deutschlands hat gewiss eine bedeutende Rolle gespielt; sie hätte jedoch nicht obsiegt, wenn nicht schon vor den Verhandlungen über den Vertrag in fast allen wesentlichen Ländern und ganz besonders in Europa eine umfassende Bekehrung (eine Art Kulturrevolution) zum Ziel der Preisstabilität stattgefunden hätte. Hinter dieser „Bekehrung“ stand die Erkenntnis, dass die Inflation letztlich das Wachstumspotential unserer Wirtschaft aushöhlt – oder, positiver ausgedrückt, dass die Preisstabilität eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein dauerhaftes Wachstum ist. Es ist daher kein Zufall, dass die Inflationsraten in einer Reihe europäische Länder nun schon seit mehreren Jahren unter 3 Prozent liegen und in einer Reihe europäischer Länder eine rückläufige Tendenz aufweisen, deren Währungen an Wert eingemüßt haben. Dies bedeutet, dass die Inflation nicht nur infolge einer harten Währungspolitik zurückgegangen ist, sondern auch dank einer Schwächung der Kräfte, die Ursache einer hausgemachten Inflation ist. Mehr noch als eine formelle Vertragsbestimmung dürften diese Fakten dazu beitragen, in der deutschen Öffentlichkeit Befürchtungen über die Inflationsneigungen ihrer Nachbarn und in der ferneren Zukunft hinsichtlich des Eintausches der D-Mark gegen eine europäische Währung zu zerstreuen. In einer wachsenden Zahl von Ländern gehören diese Inflationsneigungen der Vergangenheit an, und ein Eintausch findet nur statt, wenn die europäische Währung ebenso stark wie die D-Mark ist, wenn nicht stärker.

 

Zwar bildet die der Geldpolitik zugewiesene Aufgabe die Inflationsbekämpfung einen festen Rahmen, innerhalb dessen das EWI seine koordinierende Tätigkeit ausüben kann, doch wird diese Koordinierung auch durch die Arbeit der Ausschüsse und Arbeitsgruppen und vor allem des Rates des EWI unterstützt werden. Weil das gemeinsame Ziel der Preisstabilität akzeptiert ist und das Streben nach diesem Ziel sichtbare Erfolge zeitigt, öffnet sich nun langsam die Tür zu einem Prozess des Voneinanderlernens – dies wäre kaum denkbar, wenn zwischen den EU-Zentralbanken eine doktrinäre Trennlinie über das Endziel der Geldpolitik bestünde. Da diese Spaltung jedoch nicht mehr existiert, wird sich die Debatte weniger darauf konzentrieren, was erreicht werden soll, als vielmehr darauf, wie es erreicht werden soll. Und angesichts unterschiedlicher Erfahrungen mit Geldmärkten, Arbeitstechniken, Verknüpfungen zwischen Geld- und Anleihemärkten, Finanzinnovationen, mit dem Transmissionsmechanismus, über den monetäre Impulse auf die Realwirtschaft durchschlagen, und nicht zuletzt mit haushaltspolitischen Maßnahmen und der Funktionsweise der Realwirtschaft bietet sich die Gelegenheit für einen echten Gedankenaustausch. Ihr Land als Ganzes, und die Bundesbank im Besonderen, haben berchtigterweise die Achtung Ihrer europäischen Partner (und der ganzen Welt) für eine lange erfolgreiche Periode stabilitätsorientierter Geldpolitik errungen. Die Entscheidung, das EWI und die künftige EZB in Frankfurt zu errichten, zollt diesem Erfolg Tribut. Aber Sie dürfen nicht überrascht sein, dass auch andere europäische Länder dabei etwas gelernt haben, das zu beachten sich lohnt.

 

Zum Schluß noch eine Bemerkung. Die Aufgabe des EWI ist nicht leicht, aber sie ist machbar. Es können „äußere“ Umstände entstehen, über die die Ratsmitglieder und ich selbst keine Kontrolle haben. Sollen solche Umstände unsere Bemühungen nicht torpedieren, werden wir die Weisheit unserer Politiker und auch ein wenig Glück benötigen. In manchen Bereichen – und ich habe heute Abend einige davon angesprochen – wird die Verantwortung für Erfolg oder Misserfolg bei uns liegen. Aber auf jeden Fall werden wir Ihre Hilfe benötigen – die der öffentlichen Meinung im Allgemeinen und die der Finanzkreise im Besonderen. Ein großer Teil unserer Arbeit wird im traditionellen diskreten Rahmen der Zentralbanktätigkeit erfolgen, an den ich mich streng halten will. Aber wir werden es mit Fragen von großer Komplexität zu tun haben, noch dazu in einem sich rasch wandelnden finanziellen und wirtschaftlichen Umfeld. Mit diesem hatte ich in früheren Positionen einige direkte Erfahrungen. Ich weiss nur zu gut, dass es keinen Ersatz für den ständigen Kontakt mit den Realitäten des Marktes gibt. Ich werde dafür sorgen, dass wir immer wieder Gelegenheit haben, gegenseitig unsere Meinungen anzuhören.

 

 

Im Westen nichts Neues

 

Die deutsch-französische Zusammenarbeit macht wieder Schlagzeilen. Mal sind es Fußtritte unter dem Tisch der Brüsseler Kommission, die beide Zentralmächte austauschen, für die Öffentlichkeit von Bedeutung, mal das Hintergrundgeraune des französischen Botschafters in Bonn. Militärische Begleitmusik gibt es auch. Da wollen sich die Siegermächte noch einmal so richtig der militärischen Glanzleistung der Landung in der Normandie erfreuen – und nächstes Jahr natürlich des großen Sieges über Deutschland vor 50 Jahren. Die von der „Nazi-Herrschaft Befreiten“ hätte man doch ehrenvoll einladen können. Keine Spur davon. Nur als Besiegte sind die Deutschen gerne gesehen. Das löste selbst an höchster Stelle in Bonn einen gewissen Unmut aus, der sich Luft machen konnte, als die aus Deutschland abziehenden Alliierten zu guter Letzt bei einer für Berlin vorgesehenen Abschluss-parade durch das Brandenburger Tor marschieren wollten. Der Kanzler hat dies untersagt. Durch das Tor der Einheit soll sich nicht soviel historische Zwietracht zwängen. Schließlich hat Deutschland im Oktober 1990 die volle Souveränität erreicht.

 

Die gegenwärtigen Verwerfungen in Europa haben tatsächlich ihre Ursache in der europäischen Geschichte der vergangenen 80 Jahre. Das zweimal nieder geworfene Deutschland hat durch die 1990 geglückte Wiedervereinigung ein wirtschaftliches und politisches Gewicht erhalten, das für kleinere und größere europäische Staaten gegenwärtig schwer verträglich erscheint. Bei dieser hinzu gewachsenen deutschen Dominanz wirkt für die Integration in Europa zusätzlich erschwerend, dass mancher Staat glaubt, das Rad der Geschichte würde geradezu zurückgedreht durch die Erweiterung Europas, die genau jene Räume homogen zusammenfügt, wofür oder wogegen früher Krieg geführt wurde.

 

Die Deutschen seien damit, so die unterschwellige Angst, nicht nur Wiedervereinigungsgewinnler sondern auch speziell  Europa-Vereinigungsgewinnler. Letztlich flackert diese Angst auch im quälenden Brüsseler Streit über die Sperrminorität im Europa der Sechszehn mit. Norderweiterung heißt das Schlagwort – Österreich inklusive (die einigen zu nordisch ist) und die Zauberzahl „27“ (Staaten für die Union), auf die man sich aber nicht einigen kann. Auf dem Hintergrund dieses schwierigen politischen Terrains werden gegenwärtig die Bemühungen fortgesetzt, die europäische Währungsunion fahrplanmäßig voranzubringen. Dass gerade die deutsche Zugabe dafür, nämlich das Geld der unabhängigen Zentralbank dominiert, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie.

 

Die hohe Politik mit den großen Währungen hat aber einen grundsätzlich anderen Ansatz als das übliche Machtgehabe. Die Spielregeln des Machtmatchs sind verteufelt. In dem Drama wird der Gegner nicht nur nieder gerungen, sondern gleichzeitig müssen die Gewinner in das Wesen des Anderen schlüpfen. Die Währungsstrategen in den Regierungen und Notenbanken verfolgen in Europa zwar ganz klar das Ziel, die Dominanz der D-Mark zu brechen und europäisches Geld an deren Stelle zu setzen. Die Deutschen haben das – einschließlich Maastricht – nicht gerne vernommen, nur ungern akzeptiert, sich aber dem Integrationsprozess nicht widersetzt in Anerkennung der Notwendigkeit eines einheitlichen Europas und eines einheitlichen europäischen Geldes.

 

Politisch herausgekommen ist ein beispielhafter Weg auf dieses gemeinsame Ziel hin. Dafür haben Hans Tietmeyer und sein französischer Kollege Jean-Claude Trichet einen perfekten Anschauungsunterricht geliefert. Auf dem Finanzforum im Pariser Euro-Place demonstrierten die beiden Geldpolitiker nicht einfach währungspolitische Einmütigkeit à la Maastricht und dachten dabei an Destruktion, sondern sie grenzten ihre Positionen in kluger Weise gegeneinander ab. Tietmeyer für Deutschland, Trichet für Frankreich. Jeder interpretierte die Aufgaben und Einflussmöglichkeiten des EWI, das mit Lamfalussy in Frankfurt Einzug hält, auf seine Weise, rammte Grenzpfähle ein, die nicht überschritten werden dürfen. Dabei blieb aber soviel Spielraum, dass ein Pfad für stabiles europäisches Geld offenblieb.

 

Der Treppenwitz der Geldgeschichte liegt aber darin, dass die Banque de France in den letzten Jahren auf das Modell Bundesbank getrimmt wurde und die französische Geldpolitik schon in den 80er Jahren auf die deutsche Stabilitätspolitik eingeschwenkt ist. Seitdem wird kopiert, was die Deutschen seit Ludwig Erhard so erfolgreich praktizieren. Frankreich konnte zwischenzeitlich auf diese Weise reüssieren, sogar eine niedrigere Inflationsrate erreichen als Deutschland. . Sie haben von der Bundesbank gelernt und großen Erfolg geerntet. Die Deutschen konnten von den Franzosen lernen, langfristige Politikziele zu entwickeln und niemals aufzugeben: Stabiles europäisches Geld, wie die D-Mark. Und wenn ein Bisschen mehr „Mark“ im Europa-Geld steckt, kann das nicht schaden.

 

Franc fort perdu

 

Henning Christophersen, Vizepräsident der Brüsseler Kommission, hat sich in Paris gerade wieder ein Bonmot beleistet, das für deutsche Ohren ein reichlich abgegriffener Spruch ist, nämlich: „Das neue Geld für ganz Europa könnte doch ‚Francfort’. Auf die Doppeldeutigkeit  von Frankfurt und harter Franc hatte vor Jahren schon der ehemalige Bundesbankpräsident Pöhl nicht nur hingewiesen, sondern das Konstrukt sogar erfunden. Zwischenzeitlich wurde immerhin die Banque de France vom Tresor einigermaßen unabhängig. Damit sind die Voraussetzungen gestiegen, dass die französische Währung etwas sicherer auf Stabilität hin gemanagt werden kann, ohne immer wieder allzu große Beflissenheit der Regierung Balladur gegenüber zu zeigen.

 

Aufgrund eines wenigstens in dieser Beziehung erfreulichen Trends in der französischen Finanzwirtschaft vereint mit einer ordentlichen Politik des Notenbankpräsidenten, Jean Claude Trichet, erreichte die französische Inflationsrate in jüngster Zeit die Traummarke von 1,4 Prozent. Spitze! Und dennoch wertet der Franc gegenüber der D-Mark ab. Die Märkte trauen der deutschen Währung mehr als der französischen, obwohl es zwischen beiden Ländern eine Inflationsdifferenz von fast zwei Prozentpunkten gibt. Die Teuerung in Deutschland liegt immer noch bei über drei Prozent, wenn auch die zwei vor dem Komme in Sichtweite kommt. Woran liegt es?

 

Trichet trifft mit Sicherheit keine Schuld. Er trotzt allen Anfechtungen der Gewerkschaften und den Vorhaltungen aus Regierungskreisen. Er demonstriert Unabhängigkeit, wie sie die Bundesbank Jahrzehnte lang vorgelebt hat. Dabei konnte die Frankfurter Zentralbank im Laufe der Zeit nicht nur Währungsreserven von deutlich über 100 Milliarden D-Mark aufbauen, sondern auch ein fast unglaubliches Vertrauenskapital, was noch mehr wert ist. Beides muss Trichet erst für die Banque de France erwerben. Und er strengt sich an. Frankreich hat zwar einen nicht unbeträchtlichen Goldschatz, der aber überwiegend beliehen ist seit der Krise des vergangenen Jahres. Seit Sommer 1993 besitzt Frankreich kaum noch Devisenreserven, denn sie mussten damals zur Verteidigung des Franc-Kurses – in den alten Badnbreiten des EWS – ausgegeben werden. Nur mit Mühe konnte der Aufwand für die Interventionen wieder eingesammelt werden.

 

Trichet hat die Tresore leer. Sein Schatz heißt neuerdings Unabhängigkeit und diesen gedenkt er im Sinne einer soliden Geldpolitik einzusetzen. Er widersetzt sich nun dem vielfach geäußerten Regierungsbegehren, willfährig an der Zinsschraube zu drehen, und sucht seinen eigenen Weg zur Erreichung eines inflationsfreien Wirtschaftswachstums in Frankreich. Demnach müsste der Franc bombenfest im Europäischen Wahrungssystem liegen. Davon ist nicht zu spüren. Der Franc wertet ab. Dafür trägt ganz allein die Regierung Balladur die Verantwortung.

 

Obwohl Balladur im Parlament über eine satte Mehrheit verfügt, wird dort eine wankelmütige Gesellschafts-, Wirtschafts- und Sozialpolitik betrieben, die nicht nur die Devisenmärkte erschaudern lässt. Der Franc-Kurs kullerte jetzt aus der alten EWS-Bandbreite und kann sich kaum erholen. Die fundamentale Schwäche ist geblieben. Balladur versagte bei der Air France, in der Auseinandersetzung wegen der Privatschulen und im Streit mit den Hochseefischern. Er versagte ganz gravierend bei der Schülerrevolte wegen der Absenkung der Mindestlöhne für Beurfsanfänger. Der Franc-Kurs spiegelt das.

 

Wenn ein französischer Finanztechnokrat, wie Trichet, den Kurs seiner Währung weniger beachtet, also Abwertungen in Kauf nimmt, hat dies auch reale, wirtschaftliche Bedeutung. Bei der gegenwärtig so geringen Teuerung schadet der Wertverlust des Franc zunächst nicht sonderlich. Eine importierte Inflation naht nur gemächlich. Sie kann vorläufig unbeachtet bleiben. Andererseits schafft ein abgewerteter Franc zusätzliche Spielräume für den Export. So kann der Industrie elegant geholfen und Arbeitsplätze erhalten werden.

 

Die Abwertungstour galt bisher unter Brüdern nicht als besonders fein. Der westliche Nachbar ist offensichtlich dazu übergebangen, die Spielräume zu nutzen, die die weiten Bandbreiten von 15 Prozent bieten. Wenn Trichet der Regierung schon nicht über niedrigere Zinsen zum Aufschwung verhelfen will, dann wenigstens über einen billigeren Franc. Balladur hat sich in den Kopf gesetzt, die Wirtschaft anzukurbeln, damit seine Chancen für die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr wachsen. Trichet hilft verstohlen. Im Außenwert muss es nicht immer der harte Franc sein. Franc fort perdu.

 

Einen Batzen Gold für jeden Deutschen

 

Tietmeyer weiß, was er von sich und seinem Hause zu halten hat: „Insgesamt kann die Bundesbank mit den Ergebnissen zufrieden sein“, schreibt der Präsident im Vorwort des Geschäftsberichts 1993. Welche Institution, welche Regierung kann das heute noch mit Fug und recht von sich behaupten? Die Geldregierung in Frankfurt legt Rechnung im bankwirtschaftlichen wie im politischen Sinne. Dabei hat es die Bundesbank diesmal so gut getroffen, dass sie nicht nur auf ihre eigene Politik stolz sein kann, sondern auch noch einen stolzen Gewinn zeigen und ausschütten kann.

 

Das bestverdienende Unternehmen der Republik schickte an die Mutter, die in diesem Falle der Vater Staat ist, einen Scheck über 18 Milliarden D-Mark. Außerdem hat die Bundesbank im Laufe der Zeit einen Währungsschatz gehortet, der es erlauben würde, jedem Bundesbürger einen hübschen Urlaub von etwa 10 Tagen zu finanzieren. Tietmeyer sitzt schließlich als Krösus der Nation auf einem Goldberg von 3500 Tonnen. In früheren Jahrzehnten billig eingekauft und niederig bilanziert. Am Tag X, wenn die Bundesbank ihren Geist einmal aufgeben und in der Europäischen Währungsunion aufgehen sollte, könnte sie jedem Bundesbürger einen Goldbatzen von mehr als einer Unze Gewicht, also über 31 Gramm schenken.

 

Das wäre auch nur recht und billig, denn irgendwo haben die Deutschen in der Gesamtheit als Volk das zusammengekratzt. Zinsen von Inländern und Ausländern genommen und große Summen an Währungsgewinnen vereinnahmt. Aber was bedeuten schon schnöde Gewinne und rotes Gold für einen Geld-Regierungschef wie Hans Tietmeyer, dessen goldene Worte und geldpolitische Finessen Billionen schwere Devisenmärkte erzittern lassen und Zinsen rauf und runter dirigieren. Im vergangenen Jahr ging es dabei recht zügig nach unten, bis auf den niedrigsten Kapitalmarktzins seit vielen Jahren. Da kann man großzügig darüber hinwegsehen, dass die Geldmenge außer Rand und Band geriet, besonders in den ersten Monaten 1994. Die Bundesbank bleibt ebenso stabilitätsorientiert wie M-3-vernarrt (weit gefasstes Geldmengenaggregat als Basis für Geldmengenzielbestimmung /  Geldmengenwachstum), um den Zauberschlüssel für ihre Geldpolitik einmal zu nennen.

 

Mit vielen Details über die Entwicklung im vergangenen übergeht die Bundesbank mit großer politischer Geste, dass 1993 das Schlagerjahr des EWS war, in dem sich die Europäer fast erschlagen hätten. Den donnernden Zeus spielte damals Helmut Schlesinger, der nur noch als „Gewesener“, als Expräsident notiert ist. Die Institution schluckt ihre Köpfe. Gold bleibt’ Gold und die Bundesbank unentbehrlich. Gewiss auch für die europäische Völkerfamilie.

 

Straßburger Parlament: Europawürdig

 

Europa-Tag 5. Mai 1994. In einem letzten Kraftakt vor den Europa-Wahlen im Juni haben die Parlamentarier in Straßburg die Türen für die Neuaufnahmen von Österreich, Norwegen, Schweden und Finnland aufgestoßen. Mit überzeugenden Mehrheiten stimmten sie für die Nord-Erweiterung der Gemeinschaft, die lange Zeit umstritten war. Die gewählten Mandatsträger haben davon abgesehen, die Aufnahmeanträge dieser vier Nordlichter als Brechstange für mehr Demokratie in der Gemeinschaft zu missbrauchen. Auch wurden die Einflüsse gewisser Staaten zurückgedrängt, die in der Aufnordung der Gemeinschaft einen subtilen Machtzuwachs für Deutschland sehen.

 

Die Parlamentarier vom Oberrhein haben sich europawürdig gezeigt. Damit darf davon ausgegangen werden, dass die Erweiterung der Gemeinschaft zum 1. Januar 1995 in Kraft tritt. Aus der Zwölfer-Union wird das Europa der 16, wenn bis dahin die  Länderparlamente die Verträge ratifiziert und sich die Bevölkerung der vier Aaufnahmekandidaten in Volksabstimmungen dafür ausgesprochen haben. Da sind noch Widerstände zu überwinden. Besonders fraglich scheint zum jetzigen Zeitpunkt die Zustimmung der Norweger. Einflussreiche Gruppen, besonder auch die gut  organisierten Frauenvereinigungen geben sich noch oder wieder antieuropäisch. Auch von der wirtschaftlichen Seite her gesehen hat Norwegen auf lange Zeit keine großen Vorteile aus dem Beitritt zur Gemeinschaft zu erwarten. Europa hat aber auch schon zweifelhafte Volksabstimmungen in Dänemark und Frankreich durchgestanden. So dürften auch im Falle Norwegen keine unüberwindlichen Hindernisse im Wege stehen.

 

Die Neuzugänge für die Europäische Union bedeuten vom nächsten Jahr an einen  Zuwachs an währungspolitischer Stabilität. Die Währungsunion à la Maastricht bekommt mit den neuen Kandidaten eine stabilitätspolitisch sicherere Basis. Österreich aber auch die Skandinavier unterstützen ganz eindeutig eine Stabilitätsunion in Europa. Da wird an den Kriterien für den Einstieg in die 3. Stufe nicht gedeutelt. Nach wie vor gehört Österreich geldpolitisch zur strammen Gefolgschaft der Bundesbank. Der Schilling hängt seit Jahrzehnten an einem festen Band zur Deutschen Mark.

 

Sichere Kantonist bleiben gefragt, denn die europäische Stabilitätsunion ist durchaus noch nicht in trockenen Tüchern. Nicht nur der Zeitpunkt wird immer wieder in Frage gestellt sondern die gesamten Inhalte der Verträge. Die Währungsunion kann vor 1999 nicht verwirklicht werden. Und wenn sie kommt, weiß heute noch niemand so recht, wie sie konstruiert sein wird. In Frankreich rühren sich derzeit wieder starke Kräfte, die die Politik der harten Franc und am liebsten auch die Masstrichter Verträge in toto über Bord werfen wollen.

 

Die Beiträge der Nordlichter werden ganz speziell auch bei der für 1996 geplanten Refomrkonferenz gebraucht. Sie haben da Gelegenheit, nicht nur an einer demokratischer ausgerichteten Union mitzufeilen, sondern eben auch an der Geldverfassung ganz entschieden mitzubauen. Die Experten der vier Neuzugänge werden auch ab sofort in die weitere Entwicklung der Gemeinschaft, in alle Gremien zumindest konsultativ einbezogen. Auf dem EU Gipel in Korfu, Ende Juni, soll z. B. – und das ist ein Anliegen des EU-Präsidenten Jacques Delors – ein sogenannter „Rat der Weisen“ eingesetzt werden.

 

Da passen „Weise aus den Nordlanden“ hinein. Die Weisen sollen ein europäisches Schattenkabinett bilden, in dem all das politisch aufgearbeitet wird, was der Kommission in Brüssel nicht zukommt oder wozu die Brüsseler Stellen gar nicht den Auftrag haben. Die Experten-Gruppe, die Weisen, hantieren künftig nicht nur am Problem der demokratischen Kontrolle über die „Herrscher in Brüssel“ sondern sollen auch die Vorbereitungen zur Wirtschafts- und Währungsunion unterstützen, sogar vorantreiben. Das geht bis hin zur Entwicklung des neuen Geldes für Europa. Hier aber kann schnell der casus belli eintreten. Diese Kompetenzen stehen nämlich allein dem Europäischen Währungsinstitut in Frankfurt zu.

 

In der großen Politik wollen immer viele Leute mitwirken, vieles anzetteln aber wenig Verantwortung übernehmen. Eine Hand wäscht die andere und heraus kommt ein Wischiwaschi. Handwerkliches Können und Ethik in der Umsetzung trifft man viel weniger an. Edgar Meister gehört aber zu dieser Sorte erstklassiger Fachleute.

 

Zahlmeister der Notenbank

 

Es ist durchaus nicht so, dass Edgar Meister (Jahrgang 1940), der im Oktober vergangenen Jahres Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank wurde, sich dort erst seinen Platz hätte suchen müssen. Er wurde gleich richtig eingespannt als Leiter des Dezernats V. Damit hat er die Zuständigkeit für die Hauptabteilungen Banken/Mindestreserve und Hauptkasse übertragen bekommen. Unter Meister werden die deutschen Banknoten gemacht und unters Volk gebracht. Meister bekämpft die Falschgeld-Mafia ebenso, wie er die schönsten Blüten aus dieser Quelle für das hauseigene Geldmuseum reserviert.

 

Wo die Bundesbank in Mark und Pfennig konkret wird, steht Meister obenan. Er ist aber nicht nur der Zahlmeister der Notenbank sondern auch der Chef der Bankenaufsicht und Mitglied des Zentralbankrates. Daneben darf er den SPD-Vorsitzenden Rudolf Scharping seinen Freund nennen. Meister muss gleichzeitig Politik betreiben und solide Banker-Arbeit leisten. Letzteres ist im schon in Fleisch und Blut übergegangen, war er doch Jahre lang Vorstandsmitglied der Depfa-Bank in Wiesbaden gewesen. Seine Karriere begann er bei der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft.

 

Die politischen Anforderungen, die an Meister gestellt werden, haben so ihre eigenen Gesetze. Von ihm als SPD-Mann wird auch im Direktorium der Notenbank SPD-Politik verlangt. Dennoch hat eine Institution wie die Bundesbank einen übergeordneten wirtschafts-, finanz- und geldpolitischen Auftrag. Die Geldregierung in Frankfurt kann eben nicht mit der Bundesregierung in Bonn verglichen werden.  Während in Bonn grundsätzlich der politische Kompromiss auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner die Richtung vorgibt, kann sich der Zentralbankrat ganz unabhängige Gedanken über Stabilitätspolitik, einfach über den richtigeren Trend der Volkswirtschaft machen und in seinem geldpolitischen Rahmen den angemessenen, den besseren Beschluss fassen.

 

Edgar Meister befindet sich derzeit in der Konversionsphase vom Finanzpolitiker – er war in Mainz Finanzminister bei Scharping gewesen – zum Geldpolitiker unter Tietmeyer, im Geleitzug des Bundesbankpräsidenten. Nur so kann die Bundesbank in Deutschland und Europa ihr Renomee halten, wenn keinerlei parteipolitische Streitereien in dieses Haus hineingetragen werden. Landeszentralbanker in Mainz oder München schießen da zwar schon mal quer. Mit Meister ist das nicht zu machen.

 

Er trainiert Unabhängigkeit, ohne seine SPD-Freunde mit Scharping an der Spitze unnötige Knüffe zu verpassen. Meister zitiert seinen Präsidenten häufig und verteidigt die gemeinsam erarbeitete Zinspolitik nach draußen. Zitat: „Wir werden nichts tun, um die Zinsphantasie aus dem Markt zu nehmen“ und passt sich der präsidialen Interpretation der überschäumenden Geldmengenentwicklung an, weiß auch kein besseres Geldmengenkonzept als M 3. Und wenn er es wüsste, würde er es nach draußen nicht durchsickern lassen, sondern den dafür zuständigen Kollegen, Prof. Otmar Issing, zu überzeugen versuchen.

 

Mit Meister wird es im Zentralbankrat auch keine Kampfabstimmungen geben, die ihnehin obsolet sind. Darin liegt lange trainierte gewerkschaftliche Soldarität und kollegiale Solidität, die er ins Direktorium einbringt. Dem Konsens dienlich sein mag die zu beobachtende, etwas freizügigere Geldpolitik der Notenbankspitze. So rigide wie zu Schlesingers Zeiten geht es gegenwärtig im Direktorium nicht zu. Unter Schlesinger wurde, falls möglich, die Null-Inflation angesteuert und zähneknirschend in Kauf genommen, wenn die Teuerung nur auf zwei Prozent zu drücken war. Derzeit zeigt sich die Bundesbank im augenzwinkernden Einverständnis mit anderen Europäern von Bonn über Brüssel bis Paris mit der Zwei vor dem Komma recht einverstanden, auch ohne weiteren Ehrgeiz. Natürlich bleibt die Stabilitätspolitik vorrangig.

 

Heftiger und medienwirksamer Verfechter ist Meister, wenn es um den Sitz der EU-Bankenaufsicht in Frankfurt geht, denn da, wo die Zentralbank angesiedelt ist, sollte auch die Aufsicht hin, insbesondere wenn es nur noch eine einzige europäische Währung gibt.

 

 

Konzil von Lindau

 

Zum 9. September (94) hat Finanzminister Theo Waigel seine elf Kollegen der Europäischen Union und die insgesamt zwölf Notenbankgouverneure nach Lindau, auf die Insel im Bodensee eingeladen. Dazu gebeten hat er auch die Finanzminister und Notenbankchefs der vier Beitrittsländer Österreich, Norwegen, Schweden und Finnland. Die Konferenz findet im Bayerischen Hof am Hafen statt. Die Schlusspressekonferenz ist im mittelalterlichen Rathaus vorgesehen. Ich logiere im „Goldenen Lamm“ am Paradiesplatz, Zimmer Nr. 10. So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Das Zimmer ist eine kalte Dusche für mich, denn  es hat weder Toilette noch Dusche, noch Telefon, noch Fernseher, aber doch ein Waschbecken, ein schmales Bett, Stuhl, Tisch und Schrank. Die Stimmung drinnen wie draußen trübe.

 

Husch wieder hinunter, raus ins Taxi und ab zum Bodensee-Hotel, wo die Kollegen vom Bayerischen Rundfunk warten. Wir fahren nach Nonnenhorn zum Seewirt und freuen uns auf eine gute Brotzeit. Ein Tisch in der  Weinstube ist reserviert. Artig empfängt uns die Seewirtin un führt uns hin. Weniger der Tisch beeindruckt mich noch die reichlich aufgefahrenen Speisen oder der Wein. Die Stubendecke, der Plafond hat es mir angetan. Über uns wölbt sich mit leichtem Gefälle zur Stirnseite hin eine gotische Holzdecke. Die Eichenplanken wurden an ihren Fugen durch schlanke, schön geschnitzte Balken verstärkt. Die elegante Schnitzerei lässt erst den Balken sich verjüngen, um dann wieder großflächigen Medaillons Raum zu geben. So bietet sich immer wieder neue Fläche für reichliche Dekoration heraldischer Grundmuster.

 

Die außerordentlich gut restaurierte Decke ist in der Grundfarbe dunkelbraun gehalten mit Dekors in Grün, Rostrot, Ocker. Die Wölbung und die leichte Neigung vermitteln den Eindruck, dass es sich hier um die Schreinerkunst von Bootsbauern handelt. Die Wirtin nennt die Jahreszahl 1617. Damit wird der Seewirt in Nonnenhorn eine große Entdeckung für mich. – Tatsächlich hätte ich aber gar nicht so weit fahren müssen, um die Plafondwunder am Schwäbischen Meer zu entdecken. Auch das Goldene Lamm hat eine solche Stube zu bieten, die in ihrer historischen Bedeutung die Seewirtsstube noch bei weitem übertrifft.

 

Die Fischerstube im Goldenen Lamm gilt bis heute als Gesamtkunstwerk bayerische-schwäbischer Zimmerleute um das Jahr 1600. Es ist eine ringsherum original getäfelte Wirtsstube mit gediegenen, derben Holzmöbeln, Borden mit Krügen und Keramik, alten Schaukästen, Jagdtrophäen, ausgestopften Fischköpfen – Forellen und Hechte – und einem holzgeschnitzten Kruzifix in der gegenüberliegenden Ecke. Darüber wölbt sich ganz leicht die gotische Holzdecke, wie der Wirt sagt: „Aus dem 15. Jahrhundert. Es heißt, die Deckenkonstruktion soll mal ein Schiffsboden gewesen sein.“

 

Dies würde natürlich keinen Sinn machen, unterstützt aber meine These, dass die Bootsbauer von Lindau früher auch geschätzte Bauschreiner waren mit hohem technischen Wissen und ausgezeichnetem Geschmack. Ein Juwel, diese Fischerstube im Goldenen Lamm. Sie könnte auch als solcher weit und breit gelten, wenn sie so fachgerecht restauriert wäre wie jene beim Seewirt. Verrußt über die Jahrhunderte, dadurch einheitlich braunschwarz produziert sie mühelos gemütliche Gasthausstimmung, lässt kunsthistorisch akzentuierte Ästhetik aber missen. Die bleigefassten Glasbilder in den Fensternischen – eher 19. Jahrhundert – steigern auch nicht gerade den ausgepichten Kunstgenuß.

 

Es war gut, dass ich zuerst den Seewirt gesehen und dann erst die Fischerstube errochen habe. So verfolgte ich gleich die richtige Entdeckerspur. Auch im Lindauer Rathaus gibt es Deckenkonstruktionen nach Schiffbauer Art, jedoch nicht so ausgefeilt. In seiner bunten Vielfalt innen und außen muss man das Rathaus ganz gewiss gesehen haben.

 

Theo Waigel hat mit seinen Gästen eine standesgemäße Abendrundfahrt auf dem Bodensee gemacht und weil Bayern sein Land und der Bodensee zudem eine politisch und historisch interessante Region ist, erzählte er ihnen einiges darüber. Er stellte Lindau und die Dreiländergruppe vor. „Mit unserer Tagung auf der Insel Lindau sind wir Österreich auch geographisch sehr nahe gekommen. Lieber Kollege Lacina, sehen Sie die Wahl dieses Ortes auch als Kompliment und als Dank für die europafreundliche Volksabstimmung Ihrer Bürger im Juni dieses Jahres an.“ Diese Freundlichkeit konnte der deutsche Finanzminister doch nicht lange durchhalten, denn er kam auf eine empfindliche Stelle der gemeinsamen Vergangenheit zu sprechen. „Lindau liegt nicht nur wenige tausend Meter von der österreichischen Grenze entfernt. Es gehörte sogar bis 1805 zu Österreich. Frankreich ist es zu verdanken, dass Lindau damals von Österreich nach Bayern gekommen ist“, erinnerte Waigel, der damit offenbar den anwesenden Franzosen,  Finanzminister und Notenbankchef, eine Napoleon-Reminiszens bescheren wollte.

 

In der Mitte des Sees, Waigel war mit seinen Gästen dort herumgedampft, begegnen sich Österreich, die Schweiz und Deutschland. Dieser See verbindet also Staaten mit äußerst unterschiedlichem europäischen Integrationsgrad. Obwohl die Schweiz die republikanische Bundesstaaterei erfunden hat, gehört sie nicht dem „Europäischen Wirtschaftsraum“ an, wobei sich diese Aussage Waigels auf die Europäische Union gemeinsam mit der Freihandelszone (EU und EFTA) bezieht und damit politisch stimmt aber nicht geographisch oder wirtschaftlich. Die Schweiz ist nun wirklich ein Kernland Europas, liegt auch dort und ist wirtschaftlich voll integriert. Sie mag sich nur nicht gerne von europöischen Staatenverbünden schlucken lassen und zeigt Stolz beim Franken.

 

Der Bodensee ist ganz gewiss mehr Brücke zueinander als trennende Grenze. Die Grenzen zwischen den drei Staaten werden durch den See fließend. Denn der Verlauf der Staatsgrenzen im Bodensee ist zwichen den drei Anrainern weithin unbestimmt. Für den größten Teil des Sees fehlt ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen über die Gebietshoheit. Das sei kein Manko als vielmehr ein Beweis für das gutnachbarliche Einvernehmen zwischen den drei Staaten. In der Praxis wird denn auch ein in schweigender gegenseitiger Duldung erwachsener Grenzverlauf angenommen. „Wenn Sie so wollen, ist dies ein ausgezeichnetes Beispiel für unser Europa der Zukunft, in dem Grenzen nicht trennen sondern verbinden. Die Inselstadt Lindau und der See haben sich auch deshalb,“ wie Waigel meint, „für unser Treffen geradezu angeboten, zieht es doch an den Bodensee von jeher bedeutende europäische Häupter und wichtige Kongresse.“

 

Jetzt müssen die bedeutenden europäischen Finanzhäupter unter der Präsidentschaft Waigels in die Tiefe der Historie tauchen. „Unter allen Kongressen rund um den Bodensee ragt wohl das Konzil von Konstanz heraus mit der einzigen Papstwahl, die auf deutschem Boden stattgefunden hat.“ Mehr als ein halbes Jahrtausend ist das her, 1414 – 1418. Damals haben sich über 70 000 Fremde am jenseitigen Bodenseeufer ein Stelldichein gegeben, an ihrer Spitze 85 Kardinäle und Erzbischöfe, 238 Bischöfe, 39 Herzöge und rund 700 weitere geistige und weltliche Fürsten. „Der Chronist schreibt“, so sagt es Waigel, „vielleicht ist nie wieder auf deutschem Boden ein solcher Zusammenfluss der in geistigen Dingen führenden Männer Europas geschehen.“ Der deutsche Finanzminister will dem Chronisten diese Fehleinschätzung nachsehen. „Er konnte nicht wissen, dass im September 1994 sechzehn europäische Finanzminister, der Präsident des Europäischen Währungsinstituts (Baron Lamfalussy), sechzehn Präsidenten der Notenbanken, ein Vizepräsident und ein EU-Kommissar aus Brüssel, hier in Lindau beraten.“

Waigel hat gewiss unbewusst verschwiegen, dass den Finanzpotentaten ein Tross von etwa 100 europäischen Journalisten gefolgt ist und ich als leuchtendes Schlusslicht darunter weile.

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Wehnelts Privatbücherei:

10 Jahre Euro – Wie er wurde, was er ist

Hoechst – Untergang des deutschen Weltkonzerns

Der PreußenClan (Familiensaga)