Ernst & Young: DAX-Konzerne starten mit Gewinneinbruch ins Jahr

Stuttgart (15.5.19) – Trotz der schwächelnden Konjunkturentwicklung konnten die meisten DAX-Konzerne im ersten Quartal ihren Umsatz steigern: Bis auf vier Unternehmen wuchsen alle Unternehmen, insgesamt lag das Plus bei immerhin 4,8 Prozent. Der operative Gewinn (EBIT) der Unternehmen sank im ersten Quartal hingegen deutlich: um 20 Prozent auf 27,8 Milliarden Euro. Nur neun Unternehmen meldeten einen höheren Gewinn als im Vorjahreszeitraum.

 

Den stärksten Gewinnrückgang – um 78 Prozent – verzeichnete BMW aufgrund von Rückstellungen für ein EU-Kartellverfahren in Höhe von 1,4 Milliarden Euro. Bei SAP belastete ein laufendes Restrukturierungsprogramm den Gewinn um fast 900 Millionen Euro. Insgesamt zwei Unternehmen verzeichneten im ersten Quartal ein negatives operatives Ergebnis – im Vorjahr hatte nur ein Unternehmen rote Zahlen geschrieben.

 

Die höchsten Gewinne fuhren zwei Autohersteller und ein Versicherungskonzern ein: Volkswagen erwirtschaftete ein EBIT von 3,9 Milliarden Euro, bei der Allianz waren es knapp 3,0 Milliarden Euro. Daimler erwirtschaftete ein EBIT von 2,8 Milliarden Euro.

 

Trotz der stark rückläufigen Profitabilität bleiben die DAX-Konzerne bei der Beschäftigung auf Wachstumskurs: Die Zahl der Mitarbeiter stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um knapp 100.000 auf 3,7 Millionen. Nur bei vier Unternehmen lag die Beschäftigung unter dem Niveau des Vorjahres.

 

Das sind Ergebnisse einer Analyse der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY auf der Basis der Geschäfts- bzw. Quartalsberichte der im Deutschen Aktienindex (DAX) gelisteten Unternehmen.

 

„Der Jahresauftakt war zwar beeinflusst von einigen Überraschungen, insgesamt schlagen sich die meisten Unternehmen in diesen unübersichtlichen Zeiten aber bemerkenswert gut“, beobachtet Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY: „Die Umsätze steigen bei fast allen Unternehmen. Und wenn im ersten Quartal hohe Gewinnrückgänge anfielen, war dies zumeist auf einmalige Ereignisse zurückzuführen und nicht Ausdruck einer generellen Gewinnschwäche.“

 

„Allerdings ist offensichtlich, dass die Zeiten ungemütlicher werden“, so Barth. „Viele Branchen befinden sich in einem tiefgreifenden Umbruch, traditionelle Geschäftsmodelle stehen auf dem Prüfstand und zwingen die Unternehmen zum Teil zu radikalen und schmerzhaften Einschnitten. Dabei ist es keineswegs so, dass die deutschen Top-Konzerne die Zeichen der Zeit nicht erkennen: Im Gegenteil: Nie zuvor war so viel Bewegung im DAX.“

 

Mathieu Meyer, Mitglied der Geschäftsführung von EY, sieht viele deutsche Unternehmen derzeit in einer schwierigen Situation, die sich gerade aus ihrem starken Engagement auf ausländischen Märkten ergibt: „Die deutschen Konzerne haben sich in den vergangenen Jahren aufgrund des kleinen Heimatmarkts sehr international aufgestellt – und nun kämpfen sie mit den Nebeneffekten der Globalisierung. Denn je internationaler deutsche Unternehmen geworden sind, desto stärker können sich politische Entwicklungen im Ausland auf ihr Geschäft auswirken.“

 

Zudem würden auch die rechtlichen Risiken, denen die Unternehmen ausgesetzt sind, größer: „Deutsche Konzerne sind immer häufiger mit Kartellvorschriften, Produkthaftungsfragen und Verbraucherrechtsstreitigkeiten konfrontiert. Generell ist zu beobachten, dass Behörden – in Deutschland, in Europa, in den USA – immer genauer hinschauen und auch sehr hohe Strafen verhängen.“

 

US-Geschäft boomt

Am besten entwickelten sich im ersten Quartal die Umsätze in den USA, die bei den Unternehmen, die entsprechende Angaben machen, um 18 Prozent wuchsen. In Europa wurde ein Umsatzwachstum von immerhin drei Prozent erzielt, während das Asiengeschäft nach vielen sehr guten Jahren erstmals in einem Quartal schrumpfte – um drei Prozent. „China kämpft derzeit mit sinkenden Wachstumsraten, die Wirtschaft leidet unter dem Handelsstreit mit den USA. Das spüren auch viele deutsche Unternehmen, die in China inzwischen teils sehr stark engagiert sind. Die aktuelle Verschärfung des US-chinesischen Konflikts verspricht also nichts Gutes: Vorläufig dürfte es in China schwierig bleiben“, so Meyer.

 

Es gebe zurzeit viele Baustellen gerade auf wichtigen ausländischen Märkten: „Der Handel zwischen Europa und den USA könnte im Fall neuer Strafzölle empfindlich leiden, der Brexit entwickelt sich zu einer Hängepartie und zu einem planerischen Alptraum für viele Unternehmen, und eine drohende Eskalation im US-chinesischen Handelsstreit dürfte auch deutsche Unternehmen in Mitleidenschaft ziehen“, fürchtet Meyer.

 

Investitionen steigen – Beschäftigung steigt auf Rekordniveau

Im ersten Quartal erreichte die Beschäftigung einen neuen Rekordwert. „Ein weiterer Beschäftigungsaufbau ist allerdings unwahrscheinlich“, erwartet Meyer. „Gerade in der Autoindustrie stehen tiefgreifende Sparmaßnahmen an. Und die Umbaupläne bei einigen anderen Industriekonzernen werden aller Wahrscheinlichkeit nicht zuletzt auch zu Stellenstreichungen führen.“

 

Die Investitionen legten im ersten Quartal erneut deutlich zu: Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung stiegen um acht Prozent auf 12,9 Milliarden Euro. Barth: „Die hohen Investitionen belasten zwar die Margen, sind aber eine notwendige Voraussetzung, um die derzeitigen technologischen Umbrüche und die Digitalisierung zu bewältigen. Wir rechnen mit weiter steigenden F&E-Investitionen, was den Spardruck an anderer Stelle allerdings noch weiter erhöht.“