DIW: Deutsche Wirtschaft wächst weiter

moderat, Risiken sind nicht vom Tisch

 

Berlin (6.9.18) – Die deutsche Wirtschaft drückt ein wenig auf das Bremspedal, wird aber auch in diesem und in den kommenden beiden Jahren deutlich wachsen. Die KonjunkturforscherInnen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) prognostizieren in ihren Herbstgrundlinien für dieses Jahr einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 1,8 Prozent. Für die Jahre 2019 und 2020 rechnen sie mit einer Wachstumsrate von 1,7 beziehungsweise 1,8 Prozent. Damit bestätigt sich weitgehend die Einschätzung aus dem Frühsommer, wonach die deutsche Wirtschaft etwas an Fahrt verliert, der Wachstumskurs aber grundsätzlich beibehalten wird.

Vor allem die Binnennachfrage stützt das Wachstum. Dazu tragen in erster Linie zwei Faktoren bei: Zum einen der Bauboom, der vielerorts bereits dafür sorgt, dass sich Aufträge stauen, weil entsprechende Fachkräfte kaum noch zu finden sind. Andererseits der Konsum der privaten Haushalte, der durch die weiterhin positive Arbeitsmarktentwicklung – die Arbeitslosenquote dürfte bereits im kommenden Jahr unter die Fünf-Prozent-Marke fallen – und mittlerweile kräftigere Lohnsteigerungen als in den vergangenen Jahren angetrieben wird. Dass die Inflationsrate mit etwa zwei Prozent höher ausfällt als zuletzt, schmälert die Kaufkraft der Haushalte nicht dramatisch.

 

Die Preissteigerungen erreichen damit eine Größenordnung, die dem Ziel der Europäischen Zentralbank entspricht. Eine darüber hinausgehende Preisdynamik ist kaum zu erwarten, da der Anstieg vor allem auf die gestiegenen Preise für Rohöl zurückzuführen ist.  Sorgen um eine vermeintlich überhitzende deutsche Wirtschaft dürften sich auch deshalb zerstreuen, weil die Auslastung der Produktionskapazitäten allmählich zurückgeht.

 

Zurückhaltende Nachfrage nach Investitionsgütern lastet auf deutscher Exportwirtschaft

 

Hintergrund dafür ist, dass nach wie vor erhebliche Risiken auf der Weltwirtschaft lasten, die in diesem Jahr um voraussichtlich 4,2 Prozent, im kommenden um 3,9 und im übernächsten um 3,7 Prozent wachsen wird. Die Sorgen um eine weitere Eskalation des Handelskonflikts zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten konnten bei einem Treffen zwischen US-Präsident Trump und EU-Kommissionspräsident Juncker zwar vorerst ausgeräumt werden. Die Konfrontation der USA mit großen Volkswirtschaften wie China oder Kanada dürfte aber viele Unternehmen weiterhin zurückhaltend agieren lassen und deren Investitionsbereitschaft drücken.

 

Zudem erscheint das Szenario eines „harten“ Brexits immer wahrscheinlicher. Ein ungeordneter Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU ohne jedes Folgeabkommen würde den internationalen Handel vermutlich erheblich einschränken. Unter dem Strich sind das weltweit für viele Unternehmen Gründe genug, die Zukunft nicht nur rosarot zu sehen. Die auf Investitionsgüter wie Maschinen und Anlagen spezialisierte deutsche Exportwirtschaft bekommt dies am ehesten zu spüren. Die Auftragsbücher der hiesigen Industrie sind zwar noch gut gefüllt, die Neubestellungen gingen in den vergangenen Monaten jedoch bereits merklich zurück. Der Leistungsbilanzsaldo wird bis Ende 2020 dennoch nur leicht sinken und weiterhin deutlich mehr als sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen.

 

Hohe Überschüsse in den öffentlichen Haushalten

 

Die Haushalte von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherungen werden derweil auch in den kommenden Jahren mit hohen Überschüssen abschließen. Insbesondere die Einnahmen aus der Lohn- und Einkommensteuer sprudeln aufgrund der steigenden Löhne. Die Zinsen auf die Schulden der öffentlichen Hand bleiben zudem auf absehbare Zeit niedrig. Obwohl die Ausgaben in den Jahren 2019 und 2020 weiter steigen, unter anderem aufgrund einer Ausweitung der Mütterrente und einem höheren Kindergeld, und der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung gesenkt wird, fallen jeweils Überschüsse in zweistelliger Milliardenhöhe an. In diesem Jahr erreicht der gesamtstaatliche Überschuss mit 1,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts oder 61 Milliarden Euro sogar einen Rekordwert.

 

Nach Ansicht des DIW Berlin sollten die finanziellen Spielräume genutzt werden, um das Wachstumspotential der deutschen Wirtschaft zu stärken. Dies sollte über höhere Investitionen in Bildung und Forschung, die Infrastruktur und die Digitalisierung geschehen. Abzuraten ist hingegen von einer Stabilisierung des Rentensystems über höhere Steuerzuschüsse. An dieser Stelle bedarf es angesichts der demografischen Herausforderungen grundlegenderer Reformen.

KURZ GESAGT

Marcel Fratzscher (Präsident des DIW Berlin): „Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft sind weiterhin positiv, obwohl es nach wie vor viele Risiken gibt. Der drohende ungeordnete Brexit und der Handelskonflikt zwischen den USA und China sind nur einige. Die öffentlichen Haushalte in Deutschland werden in diesem Jahr ein Rekordplus erzielen. Dieses sollte jedoch nicht vergeudet, sondern bedacht in die Zukunft investiert werden. Bei Forschung und Bildung, der Verkehrsinfrastruktur und Digitalisierung gibt es nach wie vor viel Handlungsbedarf. Investitionen in diesen Bereichen würden die deutsche Wirtschaft zukunftsfest machen. Abzuraten ist hingegen davon, mit den finanziellen Spielräumen über höhere Steuerzuschüsse das Rentensystem stabilisieren zu wollen. Dafür sind grundlegendere Reformen nötig.“

 

Claus Michelsen (DIW-Konjunkturchef): „Die deutsche Wirtschaft entwickelt sich etwas weniger kräftig als noch im vergangenen Jahr, setzt ihren Wachstumskurs aber fort. Von einem Einbruch kann keine Rede sein, denn das erste Halbjahr war unter dem Strich trotz der Stimmungseintrübung sehr solide. Die Unternehmen investieren jedoch vorerst nur zögerlich, unter anderem, weil ihre Absatzerwartungen auch angesichts der handelspolitischen Konflikte getrübt sind. Die Sorgen um eine Überhitzung der deutschen Wirtschaft dürften sich daher zerstreuen. Die Auslastung der Produktionskapazitäten sinkt allmählich und auch die Inflation wird voraussichtlich nicht weiter steigen, da diese derzeit vor allem auf die höheren Ölpreise zurückgeht.“

 

Simon Junker (Experte für die deutsche Wirtschaft): „Anders als im exportstarken Vorjahr ist es jetzt vor allem die Binnenwirtschaft, die das Wachstum anschiebt. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist nach wie vor hervorragend, auch wenn das Tempo des Beschäftigungsaufbaus etwas nachlässt. Die Arbeitslosenquote dürfte bereits im kommenden Jahr unter die Fünf-Prozent-Marke fallen. Das sorgt dafür, dass auch die Löhne kräftiger steigen. Auch nach Abzug der mittlerweile etwas höheren Inflation, die bei etwa zwei Prozent liegt, haben die Haushalte mehr Geld im Portemonnaie.“

 

Malte Rieth (Experte für die Weltwirtschaft und den Euroraum): „Nach einem starken zweiten Quartal scheint der globale Aufschwung allen Krisen zum Trotz intakt zu sein, insbesondere in den USA und im Euroraum. Dennoch ist die Entwicklung aufgrund der Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Brexit, der US-Handelspolitik und der Türkei etwas gedämpfter. Von den Turbulenzen in der Türkei sind jedoch keine größeren negativen Auswirkungen zu erwarten – insbesondere auch für die deutsche Wirtschaft nicht, denn die Bedeutung der Türkei als Handelspartner ist vergleichsweise gering.“