Ernst & Young: Boom auf dem Neuwagenmarkt vor dem Ende? Diesel-Absatz sinkt im Juli weiter  

Stuttgart (2.8.18) – Peter Fuß, Partner bei EY: „Nicht zuletzt dank eines zusätzlichen Verkaufstags legte der deutsche Neuwagenmarkt im Juli noch einmal kräftig – um gut 12 Prozent – zu. Bereinigt um Kalendereffekte lag das Plus immerhin noch bei sieben Prozent. Damit könnte allerdings seit Anfang 2014 anhaltende Aufwärtstrends auf dem deutschen Absatzmarkt anbahnen seinen Zenit erreicht haben. Denn nachdem der Neuwagenmarkt inzwischen ein zehn-Jahres-Hoch erreicht hatte, wird die Luft nun dünn: Einige Hersteller haben ihre Umtauschprämien für alte Diesel-Pkw zur Jahresmitte auslaufen lassen, hinzu kommen Lieferengpässe aufgrund der Umstellung auf den neuen Prüfzyklus WLTP. Daher droht für die zweite Jahreshälfte ein Rückgang der Pkw-Verkäufe. Zum Teil dürfte das starke Wachstum im Juli auch auf das Auslaufen der Diesel-Umtauschprämien zurückzuführen sein – wer davon profitieren wollte, musste noch rechtzeitig zugreifen.“

Die Hersteller stünden vor der schwierigen Aufgabe, das im ersten Halbjahr noch sehr hohe Rabattniveau auf Normalmaß zurückzufahren, ohne einen massiven Einbruch der privaten Nachfrage zu riskieren, so Fuß. Im Juli stiegen die Neuzulassungen auf Privatpersonen noch überdurchschnittlich stark um 16 Prozent, nachdem sie im ersten Halbjahr bereits um 13 Prozent zugelegt hatte. „Die Diesel-Umstiegsprämien haben in großem Umfang zu vorgezogenen Neuwagenkäufen geführt. Das wird die Autobranche in den kommenden Monaten spüren“, erwartet Fuß.

Während die Neuzulassungen von Benzin-Modellen im Juli erneut kräftig – um gut 12 Prozent – stiegen, ging der Absatz von Diesel-Modellen weiter zurück: um 10 Prozent. Der Diesel-Marktanteil verharrte in der Nähe des Rekordtiefs des Vormonats und lag bei 32,3 Prozent. Der Diesel-Marktanteil am Neuwagenmarkt ging um 8,2 Prozent zurück – damit war der Juli der 32te Monat in Folge mit einem sinkenden Diesel-Marktanteil.

Neben einer vermutlich bevorstehenden sinkenden privaten Nachfrage bereitet der Branche also auch der anhaltende Rückgang bei den Diesel-Verkäufen Sorgen. „Der Absatz von Dieselneuwagen bleibt unter Druck, gerade Privatleute halten sich derzeit zurück und entscheiden sich lieber für Benzin-Modelle“, beobachtet Fuß. „Meldungen über Fahrverbote, Rückrufe und die immer wieder aufflackernde Diesel-Affäre sorgen für Verunsicherung, so dass es nicht zu der erhofften Beruhigung der Situation kommt.“ Während die Zahl der verkauften Diesel-Neuwagen im Juli 10 Prozent niedriger lagen als im Vorjahr, ergibt sich gegenüber Juli 2016 sogar ein Rückgang um 22 Prozent.

Der anhaltende Rückgang bei den Diesel-Verkaufszahlen könnte für die Autoindustrie noch teuer werden, so Fuß: „Der Diesel-Marktanteil sinkt immer weiter, was zur Folge hat, dass der durchschnittliche CO2-Ausstoß der Neuwagenflotten steigt, da Diesel-Modelle weniger CO2 ausstoßen als Benziner. Also werden hohe Strafzahlungen immer wahrscheinlicher, denn bis 2021 sollen die CO2-Emissionen der Pkw-Neuwagenflotten in der EU im Schnitt auf 95 Gramm je Kilometer sinken – für jedes zusätzlich ausgestoßene Gramm fallen Strafen an. Im Juli lag der Durchschnittswert bei 131,3 g/km – das waren 2,3 Prozent mehr als im Vorjahresmonat.

Alternative Antriebe legen weiter zu – Hybrid stärker als Elektro

Vom Absatzeinbruch beim Diesel profitiert weiterhin vor allem der Benzin-Motor, aber auch Neuwagen mit alternativen Antrieben gewinnen an Attraktivität: Die Neuzulassungen von Hybrid-Modellen stiegen im Juli um 84 Prozent, bei reinen Elektroautos betrug das Plus hingegen „nur“ 39 Prozent. Damit setzte sich der Trend der Vormonate fort: Hybrid-Modelle stehen bei den Neuwagenkäufern deutlich höher im Kurs als Elektroautos, die im bisherigen Jahresverlauf gerade einmal auf einen Marktanteil von 0,9 Prozent kommen, während sich seit Jahresbeginn immerhin 3,5 Prozent der Neuwagenkäufer für ein Hybrid-Modell entschieden.

Fuß rechnet damit, dass die Verkaufszahlen bei Elektrofahrzeugen vorläufig überschaubar bleiben, da nach wie vor hohe Preise und der unzureichende Ausbau der Ladeinfrastruktur potenzielle Käufer abhalten: „Die Nachfrage wächst zwar und wird mit der Einführung neuer attraktiver und reichweitenstarker Modelle in den kommenden Monaten und Jahren nochmal an Dynamik gewinnen. Allerdings bleiben Probleme wie die Ladeinfrastruktur und die Restwertthematik vorläufig ungelöst, so dass zumindest Elektrofahrzeuge vorerst Nischenprodukte bleiben dürften. Den echten Durchbruch werden wir erst mittelfristig erleben“