Euro-Wegweiser: Für eine Weltwährung kann der Euro nur eine extrem kurze Geschichte vorweisen. Ihm wird aber eine große Zukunft vorhergesagt. Warten wir es ab. Europa hängt dran. Sein deutsches historisches Fundament hat bis zu 1000-jährige Wurzeln. – Und jetzt sollen über diesen Amboss auch noch die Etats der EU-Staaten geschmiedet werden. Einer zahle des Nachbarn Schulden. Das kann zum Untergang der EU führen. In seinem Buch „10 Jahre Euro, wie er wurde, was er ist“ beschäftigt sich Christoph Wehnelt mit der Vergangenheit, aber immer mit Blick auf die Zukunft und warnt.

Liebe Leserinnen, Liebe Leser,

Sie werden sofort einwenden, dass der Euro inzwischen rund 20 Jahre alt ist und mit Brexit, Griechenland-Krise und Flüchtlings-Drama einst kaum vorstellbare Probleme die Existenz des Euro gefährden, wenn nicht sogar infrage stellen. Dennoch oder gerade wegen dieses Problembündels hat Christoph Wehnelts Buch „10 Jahre Euro. Wie er wurde, was er ist“ kaum an Aktualität eingebüßt. Daher legen wir es Ihnen hier erneut, in größere Einheiten portioniert, vor und bedanken uns bei dieser Gelegenheit beim Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg. – 1. Teil

Wenn Deutschland gutes Geld hat

„Da ich im November 1927 geboren bin“, so erzählt R. G., „wurde ich noch im Spätjahr 1944, nach meiner Luftwaf- fenhelfer- und Reichsarbeitsdienst-Zeit zur Wehrmacht ein- gezogen. Am 22. März 1945 erfolgte meine Gefangennahme in Mainz durch die Amerikaner. Über Frankreich (Cher- bourg) kam ich in die USA. Dort musste unser Trupp in der Landwirtschaft Akkordarbeit verrichten. Täglich verdienten wir etwa 8 US-Dollar. Das entsprach dem Lohn der Fremd- arbeiter aus Mexiko und den Philippinen. Auch die Arbeit war dieselbe.

Die sah so aus: In Arizona mussten wir täglich 160 Pfund Baumwolle ernten. In Idaho und Montana waren es 110 Sack Kartoffeln oder 25 Kisten Zwetschgen. Auf den Zuckerrübenfeldern war das Hacken von 0,4 acres Akkord- ziel pro Tag. Der Capo, ein US-Unteroffizier, prahlte vor den Farmern: Meine Boys schaffen 0,5 acres. Wir schafften es auch. Da hatten wir in drei Wochen das Pensum erledigt, wofür eigentlich 4 Wochen angesetzt waren. Der Capo wusste Rat. Er hat in der vierten Woche uns den Farmern als Leiharbeiter verkauft und das ganze Geld der 200 Mann für sich eingestrichen.

Von dem genannten täglichen 8-Dollar-Verdienst erhielten wir einen Dollar ausbezahlt, und zwar 80 Cents Lagergeld. Die restlichen 20 Cents wurden für uns auf ein Konto bei der „Bank of America“ gutgeschrieben. Als wir 1946 nach England eingeschifft wurden, bekamen wir einen Scheck mit unserer angesparten Summe ausgehändigt. Mein Lohn betrug somit 54,80 Dollar. Dabei sagte man uns, wir sollten diesen Scheck in Deutschland einlösen, „when Germany has good money“. Ich vermute, dass es bereits 1946 in Amerika die Pläne für eine Währungsreform in Deutschland gab.

Nach weiteren zwei Jahren in England, wo nur zu arbeiten und nichts zu verdienen war (bis auf sogenanntes Lager- geld), wurde ich im Mai 1948 und damit einen Monat vor der Währungsreform aus der Gefangenschaft entlassen, da glücklicherweise in jenem Jahr in London die Olympischen Spiele stattfanden und die Briten olympische Freiheit demonstrieren wollten. Die Deutschen waren zu den Spielen sowieso nicht zugelassen. Meinen Dollar-Scheck hütete ich stets und brachte ihn auch gut nach Hause. Wie ich dann trotzdem vom eigenen Staat um dieses sauer verdiente Geld betrogen wurde (und mit mir sicher noch viele Kameraden), will ich auch noch erzählen.

In der Heimat habe ich den Dollar-Scheck weiter als mei- nen kleinen Schatz gehütet. 1953 wollte ich heiraten und dachte, jetzt kann ich das Geld gut gebrauchen. Damals, so habe ich es in Erinnerung, galt für Fälle wie den meinen ein Umrechnungskurs von 3,33 D-Mark, (obwohl der Dollar ganz offiziell noch mit 4,20 notiert war). So freute ich mich auf 182,48 D-Mark. Tatsächlich bekam ich aber nur 10 Pro- zent davon überwiesen mit dem Hinweis, ich hätte den Scheck ‚zu spät‘ eingereicht. Das ärgerte mich. Ich verlangte den Scheck zurück, doch ich hörte nichts mehr.

Die Geschichte erzähle ich auch gerne noch zu Ende. Ich habe für mich eine Gesamtrechnung aufmacht. Sie ergibt folgendes: 274 Tage in den USA als Akkordarbeiter tätig und dort 2.192 Dollar verdient. Für Kost und Logis gingen 1.918 Dollar weg. Von den verbliebenen 274 Dollar waren 219,20 Dollar für Lagergeld reserviert (Geld, das nur im Lager ausgegeben werden konnte für Zigaretten etc.). So verblieben mir als Verdienst, der nach Hause getragen wer- den konnte, die genannten 54,80 Dollar. Dann folgte die Abrechnungsakrobatik des deutschen Fiskus. Ergebnis: Ich, der fleißige Kriegsgefangene R. G., hatte (umgerechnet) ins- gesamt 7.299,36 D-Mark verdient, aber nur 18,25 D-Mark erhalten, ganze 2,5 Prozent oder ein Vierzigstel vom Lohn des Akkords. Ich kam aber nach drei Jahren wohl behalten und nicht unterernährt wieder heim. Mir ging es damit viel besser als Millionen anderen Kriegsgefangenen und ich konnte wie alle Westdeutschen mit dem Kopfgeld von 60 D-Mark ins neue Leben starten. Eines habe ich aber den allermeisten voraus gehabt: Ich gehörte zu den Ersten, die vom neuen, guten Geld gewusst haben.“

Vom Chaos zum Wirtschaftswunder

Erste vier-Mächte-Gespräche über eine Neuordnung des deutschen Finanzsystems fanden bereits Ende 1945 statt. Zu dieser Zeit diente Edward A. Tenenbaum im Stab von Gene- ral Clay als Assistent des Finanzberaters. Tenenbaum war dort maßgeblich an den amerikanischen Planungen für eine deutsche Währungsreform beteiligt.

Im Januar 1946 trafen drei Experten, Gerhard Colm, Joseph Dodge und Ray Goldsmith, in Deutschland ein und berieten mit deutschen Experten über Währungsfragen. Unter Berücksichtigung deutscher Reformvorschläge wurde im April die erste Fassung des „Plan for the Liquidation of the War Finance and the Financial Rehabilitation of Germany“, des CDG-Planes, vorgelegt. Die endgültige Fassung datiert vom 20. Mai 1946 und bildete die Grundlage der weiteren Beratungen im Kontrollrat. Vom 21. April bis zum 8. Juni 1948 fand im Haus Posen der Kaserne von Rothwesten ein „Konklave“ zur Vorbereitung der Währungsreform statt.

Bundesbankvizepräsident Helmut Schlesinger erinnert sich: „Die elf deutschen Sachverständigen, die hier im Kon- klave von Rothwesten in nur 49 Tagen – mitunter bis tief in die Nachtstunden hinein – 22 Dokumente erarbeiteten, hat- ten sich schon vorher bei der Sonderstelle ,Geld und Kredit‘ in Frankfurt mit Währungsproblemen befasst, und viele von ihnen haben später bei der Deutschen Bundesbank bzw. ihrer Vorgängerin, der Bank deutscher Länder, das wirt- schaftliche Sanierungsprogramm der Währungsreform fort- gesetzt und die neue Deutsche Mark weiter betreut. Karl Bernard wurde der erste Präsident ihres Zentralbankrates.“

Der „Tag X“

 In den Tagen vor dem 20. Juni, dem Tag der Geldausgabe, stiegen die Reichsmarkpreise in ungeahnte Höhen. Die bevorstehende Währungsreform erwartend wurden Waren entweder massiv gehortet oder man versuchte, noch so viel Reichsmark wie möglich in knappe Güter umzusetzen. Am Juni verkündeten die Westalliierten die ersten beiden Gesetze zur Neuordnung des Geldwesens, das Währungsge- setz und das Emissionsgesetz, die zum 21. Juni in Kraft tra- ten. Zum 27. Juni trat das dritte Gesetz zur Neuordnung des Geldwesens, das Umstellungsgesetz, in Kraft. Das Kopfgeld wurde in zwei Tranchen ausgezahlt: Am 20. Juni 40 DM und etwas später nochmals 20 DM.

Die Währungsreform in West-Berlin

 Berlin stand unter gemeinsamer Verwaltung der vier Sieger- mächte und Währungsprobleme waren damit vorprogrammiert. Nach dem Auszug der Russen aus dem Kontrollrat im März begann ab April die Blockade des Westteils der alten Reichshauptstadt.

Eine letzte Chance einer gemeinsamen Währung für Berlin bot sich am 30. August, als die Westalliierten sich bereiter- klärten, die DM-Ost gegen Aufgabe der Blockade in ganz Berlin einzuführen. Unzulängliche Zusicherungen der Sowjets ließen sie davon wieder abrücken.

Die in Westberlin umlaufenden DM-West-Geldscheine wurden zur Unterscheidung mit einem „B“ versehen – sie galten auch als Zahlungsmittel in Westdeutschland. Ab 20. März 1949 erklärten die Westmächte die DM-West zum alleinigen gesetzlichen Zahlungsmittel in West-Berlin.

Französische Zone: Keine Aufhebung der Preiskommandos

Hochinteressant sind die Erinnerungen des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß an diese Zeit: Wie untrennbar Währungsreform und die Entschei- dung für soziale Marktwirtschaft zusammenhingen, zeigt sehr deutlich das Beispiel der damals französisch besetzten Zone. In Rheinland-Pfalz und in Südwürttemberg-Hohen- zollern blieben auch nach dem 20. Juni 1948 die Waren rationiert, und die Preise wurden nicht freigegeben. Was waren die Folgen?

Das Wachstum der Wirtschaft in der französischen Zone hinkte beträchtlich hinter dem der sogenannten Bizone, der amerikanisch-britischen Besatzungszone, her. Das führte dazu, dass die Soziale Marktwirtschaft in der französischen Zone sozusagen auf dem Wege der Gesetzesübertretung gegen das dort geltende Recht eingeführt wurde. Weder die Bewirtschaftung noch die Preiskontrollen konnten dem durchbrechenden Sog des freien Marktes widerstehen.

Das ergab schließlich eine groteske Lage. In Rheinland- Pfalz wurde im Oktober 1948 ein Gesetz gegen Preistreibe- rei verkündet. Die Preise wurden aber erst im Februar 1949 zum Teil freigegeben.

Damals schrieb der Nationalökonom Wilhelm Röpke, das große Leitbild Ludwig Erhards: „Indem man in der franzö- sischen Zone die Währungsreform ohne die wesentliche Ergänzung durch die Aufhebung des Preiskommandos durchgeführt hat, konnte man in einer Art von Kontrollver- such abschätzen, wie sich die Soziale Marktwirtschaft aus- wirkte. Die französische Zone wird mehr und mehr dazu gezwungen, mit oder ohne Gesetzesänderung den von der Bizone beschrittenen Weg zu gehen. …“

Als sich der Wirtschaftsrat nach einer Kräfte verzehren- den, zeitaufwendigen, fast eine ganze Nacht in Anspruch nehmenden Debatte mit einigen Vordebatten, einer erbitter- ten Debatte, für die Einführung der Sozialen Marktwirt- schaft entschied, erhielt damit die Währungsreform die Kraft einer Initialzündung.

Schon am nächsten Tag schauten die Deutschen verdutzt, ja überwältigt in die Schaufenster, aus denen ihnen noch tags zuvor gähnende Leere oder wertloser Plunder entgegenge- starrt hatte. Die Waren türmten sich geradezu, die jahrelang entweder überhaupt nicht oder nur gegen einen unerhörten Aufpreis oder im Wege des Tauschgeschäftes unter dem Ladentisch zu haben gewesen waren.

An diesem Tag war die Frage nach der Wirtschaftsord- nung des sich abzeichnenden neuen Staates auf dem Gebiet der drei westlichen Besatzungszonen schon beantwortet, wenn auch für die französische Zone noch nicht endgültig. Mit 52 gegen 37 Stimmen hatte sich der Wirtschaftsrat gegen die anti-marktwirtschaftliche Wirtschaftslenkung ent- schieden, für das System der auf freier Preisbildung, echtem Leistungswettbewerb und sozialer Gerechtigkeit gegründeten Marktwirtschaft.

Nach meiner Erinnerung haben damals für das Leitsätze- gesetz gestimmt CDU/CSU, FDP/DP und eine einzelne Abge- ordnete, dagegen die Sozialdemokratische Partei und die im Wirtschaftsrat vertretene Kommunistische Partei.

Noch heute bin ich stolz darauf, dass ich damals als 33- jähriges Mitglied des Wirtschaftsrates das Ordnungsprinzip der Sozialen Marktwirtschaft durchsetzen half. (F. J. Strauß: Vortrag zu 40 Jahre Konklave in Rothwesten)