Euro-Wegweiser: Für eine Weltwährung kann der Euro nur eine extrem kurze Geschichte vorweisen. Ihm wird aber eine große Zukunft vorhergesagt. Warten wir es ab. Europa hängt dran. Sein deutsches historisches Fundament hat bis zu 1000-jährige Wurzeln. – Und jetzt sollen über diesen Amboss auch noch die Etats der EU-Staaten geschmiedet werden. Einer zahle des Nachbarn Schulden. Das kann zum Untergang der EU führen. In seinem Buch „10 Jahre Euro. Wie er wurde, was er ist“ beschäftigt sich Christoph Wehnelt mit der Vergangenheit, aber immer mit Blick auf die Zukunft und warnt. – 9. Teil

 

Der Untergang der Galen-Bank

(Galen 1)

Nach der Rückkehr aus Washington von der Georgetown- Fete Ende September 1983 wurde Ferdinand Graf von Galen bald sehr besinnlich: „Mein Vater hielt zeitlebens Banken für etwas Unmoralisches.“ Wie sehr der alte Herr Recht hatte, demonstrierte der Sohn als Partner der SMH- Bank. Die Bruchlandung des Bankhauses Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. ist nicht nur der Unerfahrenheit des Grafen zuzuschreiben (Galen: Ich bin zweimal im ersten Staatsexamen durchgefallen), sondern ist ein Kabinettsstück verfeinerter Wirtschaftskriminalität. Das wird von Tag zu Tag immer deutlicher. Mitten im SMH-Schlamassel, dieses sogar provozierend, steckt der Mainzer Baumaschinen-Kon- zern IBH. Der SMH-IBH-Skandal wird Gesetzgeber und Aufsichtsämter, Banken und Gerichte noch lange beschäfti- gen. Gefängnisstrafen liegen im Bereich des Möglichen. Die Staatsanwaltschaft hat die Akten zur Recherche angefordert.

–  Hintergangen wurde die Bankenaufsicht in Berlin und die Deutsche Bundesbank in Frankfurt. Gesetzlich geforderte Kreditmeldungen waren lückenhaft oder wurden unterlas- sen. Somit konnte sich die riesige Kreditpyramide bei einem einzelnen Kunden auftürmen. Einige Manager der dadurch begünstigten IBH-Gruppe betrieben regelrechten Bilanzschwindel.

–  Geleimt wurde die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Treu- hand-Vereinigung AG, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ihr Testat unter die Jahresabschlüsse der SMH- Bank gesetzt hatte.

–  Ganz sauber ist auch nicht die 90-Millionen-DM-Subven- tion für Hanomag in Hannover, die zur IBH-Gruppe gehört. Die Wirtschaftsministerin, Birgit Breuel, stützte so Esch und damit indirekt die Bank von Vater und Bruder Münchmeyer, nämlich die SMH-Bank.

–  Hinters Licht geführt wurde auch Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl, der mit Graf Galen persönlich befreundet war und nichts ahnte. Schlimmer noch, die Ehrendoktor- würde vor dem Bankenkrach sollte die Freundschaft besie- geln. Graf Galen ist nämlich bei der Jesuiten Universität in Georgetown Mitglied des Aufsichtsrats. „Da kann man auch politisch was erreichen,“ ließ er im FAZ-Magazin  vor einigen Jahren schon verbreiten. Georgetown sei ihm wichtiger als die Hälfte aller sonstigen Mandate. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, wie lange er den Posten am Potomac noch halten kann. Alle übrigen Ehrenämter diesseits des Atlantiks hat er bereits verloren, insbesondere den Präsidenten bei der Frankfurter Wertpapierbörse, den Vizepräsidenten bei der Industrie- und Handelskammer, den Aufsichtsratsvorsitz bei der Union-Investment und für die Geschäftsführung der neuen SMH-Bank ist er natür- lich auch nicht mehr tragbar.

Verloren hat Graf Galen gemeinsam mit seinen Partnern Hans Lampert, Hans Hermann Münchmeyer und Wolfgang Stryj vor allem aber die eigene Bank – ein kleiner, einstmals bildschöner Bankkonzern mit etwa drei Milliarden Mark in der Bilanz. Graf Galen trifft das doppelt, weil er die Ban- kanteile seiner Frau verspielt hat. Sie hat nämlich den Hengst-Anteil in die Ehe mitgebracht und ihren Mann mit dem Management betraut, was schließlich ein Missmanage- ment wurde. Die Galens sind damit noch keine armen Leute. Er besitzt noch Güter im Münsterland und in Ari- zona. Offen ist allerdings, ob er nicht noch regresspflichtig gemacht wird für den riesigen Schuldenberg, den er und seine Partner bei der SMH-Bank hinterlassen haben.

Persönlich bleibt es für Galen bitter, das Hengst-Vermögen durchgebracht und die Freundschaft zu Pöhl verspielt zu haben. Und das lag an der Freundschaft zum IBH-Unterneh- mer Horst-Dieter Esch. Galen über Esch: „eine faszinierende Unternehmerpersönlichkeit“. Am Anfang dieser ruinösen Verbindung stand der Verkauf der Wibau-Mehrheit aus dem SMH-Besitz an Esch und am Ende die Pleite von beiden.

Galen hat zuviel auf einmal gewollt, ohne den soliden Bodensatz an fachlicher Qualifikation und moralischer Gestandenheit. Im Fall „Ferdinand“ hat dagegen der Bun- desbankpräsident erst seine wirkliche Promotion zum Kri- senmanager ersten Ranges bestanden.

Pöhl hat gemeinsam mit Hanns Christian Schröder- Hohenwarth, dem Bankenpräsidenten, und der Präsidentin des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen, Inge Lore Bähre, blitzartig die Trümmer des Bankenbebens weg- geräumt und damit Ordnung geschaffen, wo ein unabsehba- res Chaos drohte.

Im Oktober ging bei der SMH-Bank im sogenannten For- faitierungsgeschäft, also bei der Vorfinanzierung von Bau- maschinen-Exporten, einiges schief. Zwar ist diese Art der Außenhandelsfinanzierung üblich und wird von allen in die- sem Sektor tätigen Banken praktiziert, aber nicht so dilet- tantisch wie bei der SMH-Bank und schon gar nicht so ste- reotyp mit einer einzigen Adresse und mit solchen Beträgen, wie sie die SMH-Bank schon geraume Zeit von Frankfurt aus über Luxemburg und der Schweiz mit der IBH abge- wickelt hat. Zur Unfähigkeit der SMH-Banker, diese Geschäfte souverän zu managen, kam die Unverfrorenheit der IBH-Manager, über die Forfaitierung für die Kon- zerntöchter einen Selbstbedienungsladen für Liquidität zu machen. Sie bedienten sich dabei – gelinde gesagt – unlaute- rer Praktiken. Im Rechenwerk der Wibau stimmte nichts mehr. Wie aus bestinformierten Bankkreisen verlautet, sol- len von den ausgewiesenen Wibau-Umsätzen nur etwa ein Drittel echte Verkäufe an Endabnehmer gewesen sein. Beim Rest handelte es sich um konzerninterne Geschäfte.

Bei der Hin- und Herschieberei entstanden immer neue Exportaufträge, immer neue Forfaitierungen und damit immer neue Finanzierungswünsche. Die SMH-Bank musste ständig neues Geld nachschieben. So wurde Graf Galen zum Zahlemann für Horst-Dieter Esch, den Chef des Mainzer Baumaschinen-Konzerns. Das Forfaitierungsrisiko türmte sich für die SMH-Bank per Ende Oktober auf eine halbe Milliarde Mark auf. Dazu kamen 200 Millionen Kredite an Esch direkt von der SMH-Zentrale in Frankfurt und weitere 200 Millionen von der Luxemburger Bank-Tochter an die- selbe Mainzer Adresse. Zu dieser Misere addierten sich für die SMH-Gruppe 200 Millionen Mark Risiken im Pelzge- schäft. Allein unter dem Bankmantel Koch Lauteren – er gehört der SMH – sollen im Frankfurter Pelzviertel am Hauptbahnhof Felle für 70 Millionen DM eingelagert sein, Ware, die die Galen-Bank aus der Konkursmasse pleite gegangener Händler und als Kreditpfänder übernommen hatte. Der Marktwert der Felle liegt heute bei kaum der Hälfte des Beleihungsbetrages.

Die Sicherheiten des Horst-Dieter Esch sind allerdings noch weniger wert. Aus seinen Verbriefungen über 1,2 Mil- liarden DM sind bestenfalls 300 Millionen DM realisierbar. Das Szenario der heiß gewordenen Bankkrise skizziert Hanns Christian Schroeder-Hohenwarth: „Die Geschäftsin- haber der SMH-Bank zeigten am Allerheiligentag, etwa 10 Uhr, die akute Gefahr für die Bank der Bundesbank an. Der Präsident informierte die Präsidentin des Bundesaufsicht- samtes, die, aus der Kur zurückkehrend, die Sanierung am Nachmittag einleitete. Ich wurde gegen 11 Uhr vormittags unterrichtet. Zunächst waren nur die Banken angesprochen, die mit mehr als 10 Millionen DM engagiert waren. Ich nahm als Bankenverbandspräsident wegen des etwaigen Eingreifens durch den Einlagensicherungsfonds an der Nachtsitzung teil.“ Das Berliner Amt mutmaßte zunächst nur – es hatte noch keine ausreichenden Belege – dass die SMH-Bank beim Ein- zelrisiko „IBH-Holding“ bereits über die höchst zulässige Kreditgrenze von 75 Prozent des Eigenkapitals (110 Millio- nen DM) hinausgegangen war. Die Bankpolitesse, Inge Lore Bähre, hielt die rote Kelle hoch und stellte dann nach und nach das Desaster in seinen Umrissen fest.

Damit war die Schließung des ehemals ehrwürdigen Pri- vatbankhauses Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. zum

  1. November (1983) in der Sache unumgänglich geworden. So war im Ansatz der gleiche Fehler des Aufsichtsamtes pro- grammiert wie bei der Herstatt-Krise 1974. Aber: Bundes- bank und Kredit-Aufsichtsamt stellten die Ampeln nicht auf Rot, denn Karl Otto Pöhl ist nicht Karl Klasen, der als damaliger Bundesbankpräsident Herstatt mitexekutiert hat. Und Bankenverbandspräsident Schroeder-Hohenwarth überragt seinen Vorgänger Alwin Münchmeyer (!) nicht nur an körperlicher Größe. Während also der vormalige Präsi- dent des Berliner Bundesaufsichtsamtes sowie Klasen und Alwin Münchmeyer die Herstatt-Bank plumpsen ließen, wollten Pöhl, Schroeder-Hohenwarth und Frau Bähre diese Dummheit nicht wiederholen.

Dabei hatte weder Pöhl im Sinn, Graf Galen aus dem Schlamm zu ziehen, noch hatte der jetzige Bankenverbands- präsident die Absicht der Familie seines Vorgängers Münch- meyer einen Gefallen zu tun. Es entbehrt aber nicht einer gewissen Pikanterie, dass Alwin Münchmeyer, der Herstatt fallen ließ, Anfang November selbst ein Objekt der Galen- Rettungsaktion wurde, und zwar als Senior-Teilhaber der SMH-Bank. Die äußerst diffizile SMH-Rettung wurde in der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen durchgezogen, im Hause der Deutschen Bundesbank. Das Krisenmanagement war perfekt, die Diskretion unübertroffen, bis endlich mor- gens um 3 h die SMH-Kuh vom Eis und damit keine Ketten- reaktion im gesamten Gewerbe zu erwarten war. Verräte- risch waren zur nächtlichen Stunde nur die weithin sichtbaren, hell erleuchteten oberen Etagen bei der Bundes- bank. Wenn in diesem Beamtensilo zu später Stunde die Lichter noch brennen, gehen sie meist zur gleichen Zeit irgendwo anders aus oder die Währungsszene wackelt.

In dem zehnstündigen Gerangel, in dem Pöhl die Banken- aufsicht in Schach und Schroeder- Hohenwarth die Emissäre von 20 Kreditinstituten in Zugzwang hielt, machten nach Aussagen des Bankenpräsidenten drei Dinge Eindruck:

  • die persönliche Beichte des Grafen Galen,
  • die sich immer höher auftürmenden Risiken und schließ- lich
  • das Einverständnis der Kreditinstitute, die kürzlich erst zugesagten Liquiditätslinien über 450 Millionen Mark als Eigenkapital

Dabei musste auch die Bundesbank eine Kröte schlucken. Denn die Kreditinstitute wollten nur das zugestehen, was der Bundesbank in der Eigenkapitaldiskussion immer als obsolet galt: nachrangiges Eigenkapital. Besser, so dachte der Pragmatiker Pöhl, eine Figur im Spiel der reinen Lehre verlieren als durch eine riesige Pleite das Gesicht der deut- schen Banken in der Welt. Der Einlagensicherungsfonds (150 Millionen DM), die Liko-Bank (150  Millionen)  und  die Bundesbank (Sonderlinien) taten ein Übriges. Die Geschäftsinhaber der SMH-Bank mussten aus dem Privat- vermögen vorab auch noch 50 Millionen einschießen.

Die so bereitgestellten 900 Millionen Mark sollten die Bank retten und Schaden vom deutschen Kreditwesen abwenden. Beides ist nicht recht geglückt. Da, wo früher die angesehene SMH-Bank residierte, ist heute nur noch eine Attrappe erkennbar, obwohl die Schalter stets geöffnet blie- ben. Aus der Galen-Bank war eine ungeliebte Tochter der Großbanken geworden. Die Statthalter der Geldgeber sind eingezogen und die Kunden laufen davon. Das Ansehen des deutschen Kreditgewerbes hat gelitten, obwohl ein einzigar- tig geschicktes Management die große Krise abgewendet hat. Das Ausland schätzt das deutsche Risiko neuerdings schlechter ein als vorher und der sonst sehr liberale Karl Otto Pöhl ruft nach einer Verschärfung des Kreditwesenge- setzes, die schleunigst verabschiedet werden soll. Pöhl: „Der Fall SMH muss Konsequenzen haben.“

Vordringlich ist die Konsolidierung der Bankbilanzen für den Konzern einschließlich aller Mehrheitsbeteiligungen. Dazu muss die Quotenkonsolidierung in möglichst kurzen Übergangsfristen erreicht werden. Außerdem setzt sich mehr und mehr die Meinung durch, dass die Höchstkreditgrenze von 75 Prozent des Eigenkapitals der Bank an einen einzigen Kreditnehmer bei Weitem zu hoch ist. 50 Prozent, besser weniger, sei anzustreben. Die Bankenaufsicht muss lücken- loser werden und auf Gentlemen’s Agreements will niemand mehr etwas geben, weil die Gentlemen offenbar rar gewor- den sind, zu rar um mit ihnen branchendeckende Abkom- men zu schließen.

Vor Jahren hatten nämlich die deutschen Banken mit dem Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen und der Deutschen Bundesbank ein Übereinkommen getroffen, dass sie die in Deutschland geltenden Gesetze bezüglich der Kreditmelde- pflicht voll auf die Luxemburger Tochtergesellschaften anwenden wollen. Wenn dies geschehen wäre, wenn sich die Gentlemen der SMH-Bank daran gehalten hätten, wäre das Desaster zu vermeiden gewesen. Zumindest wäre es nicht dermaßen brutal ausgefallen. Die SMH-Bombe hätte auch früher entschärft werden können, wenn die Privatbankiers ein kluges und zupackendes Aufsichtsgremium im eigenen Hause gehabt hätten. Es war wirklich zum Piepen, was sich da als Beirat oberhalb der Geschäftsleitung präsentierte: zwei Tote und vier Greise, die am liebsten auch nicht den Untergang der eigenen Bank miterlebt hätten. Exakter Rat und straffe Kontrolle war hier nicht drin. – Noch zu seinen guten Zeiten erzählte mir Graf Galen, was ihm sein Vater während des Studiums geraten hatte: „Ferdinand bleib’ bei uns auf dem Hof.“ So aber wurden Haus und Hof verspielt.

Schillernde Details der Pleite

(Galen 2)

Halbzeit im Fall SMH-Bank. Zumindest ist dieser Punkt am Tag der Übernahme durch die britische Lloyds Bank mit Wirkung vom 1. Januar 1984 erreicht worden. Seitdem ist SMH ausgeschlachtet und in zwei etwa gleich große Hälften geteilt, von denen sich die Briten die bessere für einen knap- pen dreistelligen Millionen-Betrag einverleibten. Sie über- nahmen das Wertpapiergeschäft, die Einlagen und die wert- haltigen Kredite, während den deutschen Banken der Trümmerhaufen der IBH-Risiken, der SMH-Luxemburg  und des faulen Pelzgeschäfts verbleibt. „Und der muss mög- lichst schnell und leise aufgeräumt werden“, raunt ein Vor- standsmitglied der Bank für Gemeinwirtschaft. Das kann aber nur für den bilanztechnischen Teil gelten.

Die Gläubiger-Banken werden den Milliarden-Verlust mit einem Federstrich in der Bilanz 1983 abschreiben. Damit hat sich der Fall zunächst erledigt. Die Betrugsaffären, die sich im Bereich der Wibau, der IBH und der SMH-Bank abgespielt haben, werden die Gerichte in der 2. Halbzeit der Aufarbeitung des Falls Galen weit über 1984 hinaus beschäftigen. Hier liegt noch manches im Dunkeln, wenn auch vieles immer klarer erscheint.

Heiß war der Fall schon am Montagmorgen, dem 31. Oktober, geworden. Am Reformationsfest läutete Graf Galen das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Robert Ehret an, und bettelte um 200 bis 300 Millionen Mark. Ehret schaltete Thomas Wegscheider, den Chef der BfG ein, auch Manfred Meier-Preschany, Vorstand der Dresdner Bank, wurde ins Vertrauen gezogen. Es kam zu einem schnellen Treffen, bei dem Galen, noch nicht ganz entmu- tigt, den Einschuss von 300 Millionen DM forderte. Gleich- zeitig schöpften Galens Geldhändler unverfroren die gerade erst vereinbarten Geldhandelslinien bei den Banken voll aus. Sie räumten ab, wo immer es ging. Bei der Bayerischen Ver- einsbank z. B. riefen sie flugs 25 Millionen DM ab und machten damit die Linie von 35 Millionen DM und  das  Maß voll. „Wir fühlen uns betrogen“, jammerte im Nach- hinein Vorstandssprecher Maximilian Hackl.

 

In Frankfurt war dagegen die BHF-Bank schneller und besser informiert. Keine Mark mehr an SMH verfügte der Chef des Geldhandels. So konnte Geschäftsinhaber Hanns Christian Schroeder-Hohenwarth auch bald strahlend erklären: „Wir sind bei SMH nicht dabei.“ Es hätte aller- dings nicht viel gefehlt und in den SMH-Abgrund wäre auch die BHF-Bank gefallen. In seiner ersten Sanierer-Begeiste- rung hatte Schroeder-Hohenwarth ein Blanco-Angebot aus- gesprochen: „Wir übernehmen die SMH-Bank.“ Die Groß- banken fühlten sich überrumpelt und zögerten. Das war ihr Pech und Schroeder-Hohenwarths groteskes Glück.

Nach der Galen-Forderung von 300 Millionen DM hatte Wegscheider im 36. Stock seines Frankfurter Hochhauses schon am Montag die Verluste bei SMH auf etwa 500 Mil- lionen DM taxiert. Die richtige Zahl lag schließlich fast dop- pelt so hoch. Das kam überschlagsweise aber erst in der berühmten Nachtsitzung vom 1. auf den 2. November he- raus. Aber erst in den folgenden Wochen wurde klar, dass es nicht nur den „Geldhandelsbetrug“ gab, sondern vier wei- tere Betrugszirkel existierten, um deren Aufklärung sich die Staatsanwaltschaft jetzt kümmert: Die Luftgeschäfte bei Wibau, die Luftgeschäfte im übrigen IBH-Bereich, die Finanzierung der Luftgeschäfte durch die SMH-Bank und die Täuschung der Aufsichtsbehörden über die vorhandenen Kreditrisiken.

Baumaschinen der IBH-Tochter Zettelmeyer wurden an den arabischen IBH-Aktionär Dallah proforma verkauft und ein- gemottet. SMH finanzierte das Geschäft. Patronatserklärun- gen für andere Luftumsätze machten den Bilanzwust noch undurchsichtiger. Bei Wibau und Hanomag lief es nicht anders. Nach Aufdeckung der Machenschaften lagen bei Wibau schließlich die Verluste höher als der Umsatz. Der angestrebte Vergleich hatte keine Basis mehr. Der Konkurs war programmiert. Wie Wibau entpuppte sich auch IBH als solches Windei. Die Frage nach der Schuld für das Debakel kann bisher nur IBH-Chef, Horst-Dieter Esch, bündig beant- worten: „Die Großbanken haben mich reinrasseln lassen.“

Gläubiger kassieren das Privatvermögen

 

Kaum hatte Ferdinand Graf von Galen am 1. November 1983 die Generalbeichte über sein verpfuschtes Bankerleben abgelegt, war ihm im Haus der Deutschen Bundesbank klar- gemacht worden, dass seine SMH-Bank futsch war. Fünf Wochen später war dann auch noch sein gesamtes Privatver- mögen verspielt. Die Banken haben es eingesackt. Am 5. Dezember 1983 trafen sich in Frankfurt, Niedenau 52, der Notar Arnulf Weigel und die Syndizi der DG-Bank, Hans- Joachim Holtzendorff und Hellmuth Bock, mit dem Grafen. Thema war die persönliche Haftung des Pleitebankiers, ihre buchmäßige Darstellung und die Überschreibung auf die Ban- ken. Im Auftrag des SMH-Konsortiums hatte die DG-Bank die Treuhänderfunktion des „Oberkassierers“ übernommen. Graf Galen gegenüber war sie nun Sicherungsnehmerin.

Und die DG-Bank-Emissäre nahmen alles, was sie sicher- stellen konnten: Die silberne Manschettenknopfdose, eine silberne Zigarettendose (signiert), zwei Silbertöpfe, tibeta- nisch (alt), zwei Doppelbüchsen, vier Doppelflinten, zwei Empire-Marmor-Vasen (zusammen 30 000 DM), zwei Ölgemälde (Noland und Stella) zu je 150 000 DM, zwei Stühle Louis XV (zusammen 50 000 DM), 50 Esszimmer- stühle (Grüner Salon, alt). Im beweglichen Vermögen befan- den sich außerdem drei Automobile: Toyota Tercel (1983), Bentley  (1974)  und  Jeep  Wagoneer  (1979/80).  Die  Siche- rungsnehmerin ramschte obendrein Aktienpakete, Auf- sichtsratstantiemen, Investmentanteile, riesige Ländereien, eine Villa in Frankfurt und ein Schloss im Münsterland. Mit roten Ohren saßen die DG-Banker da und scheffelten die vermeintlichen Schätze.

Jetzt aber, nach Monaten vergeblichen Bemühens, das Ein- gesackte wieder loszuschlagen, kehrt Katzenjammer bei den Bankgläubigern ein. „Die Autos sind verkauft, wer nimmt aber schon die tibetanischen Pinkeltöpfe“, meckert ein Ban- ker, der mit der Verwertung zu tun hat. „Und das Gemälde von Stella ist auch nicht so gut wie sein Wertansatz.“ Nach neuesten Schätzungen ist es nur 11 000 Dollar wert. Der Noland ging jetzt zur Versteigerung nach New York – Taxe 60 000 Dollar. Wer will außerdem des Grafen Zigarettenetui oder dessen Manschettenknopfdose?

Für solche Fälle, dazu gehört besonders auch das Landgut Assen im Münsterland, hat Notar Weigel allerdings vorge- sorgt. Im Punkt V der Vereinbarung zwischen der DG-Bank und Galen heißt es: Die Sicherungsnehmerin räumt Graf von Galen bei Gegenständen, für die er ein besonderes Affektati- onsinteresse bekundet, ein Optionsrecht zum Kauf durch ein von ihm zu benennendes Familienmitglied zum jeweiligen Marktwert ein.“ Gräfin Galen kann also wieder erwerben, was ihrem Mann genommen wurde. Die Preise werden günstig sein, nämlich: Was heißt Marktwert, wenn kein Markt vorhanden? Galens mobiles Vermögen brachte den Banken also nicht viel. Mehr Honig saugen konnten sie aus seinen „Forderungen und Ansprüchen“ sowie aus den „Geschäftsanteilen“.

Bei der Deutschen Bank hatte der Graf am 5. Dezember letzten Jahres ein Guthaben von 10 000 Mark und bei der schweizerischen Bank Hentsch & Cie eines von 1500 Schweizer Franken (Schweizer Nummernkonten konnten nicht berücksichtigt werden, weil niemand ihre Existenz kennt).

Außerdem fielen den Sicherungsnehmern Aufsichtsrats- vergütungen (1983) für Galens Tätigkeit bei Ymos (11 000 DM), Union Investment (32.250 DM), MAN Roland (15.000 DM), Löhr und Bromkamp (7.500 DM) und Lehn- dorff Vermögensverwaltung (50.000 DM) zu. Die DG-Bank wollte auch nicht auf Steuererstattungsansprüche verzichten und selbstverständlich mussten alle Gesellschaftsanteile des Grafen an der SMH-Bank abgegeben werden. Ein kleines Banken- und Industriekonglomerat ist der DG-Bank bei die- ser Gelegenheit in die Hände gefallen:

 

  • Galen Industrie KG, Frankfurt, Holding für SMH-Bank, Vermögensverwaltung Hengst (Ges. bürgerlichen Rechts) und Burghotel Dinklage
  • Galen Verwaltungsges.mbH, Offenbach.
  • Westphalian American Ass. Mit Beteiligungen an Bisping Capital Investment sowie an der Bangor Punta Corp.
  • Lehndorff-Beteiligungen: USA Fonds I, USA Fonds II und Canada Grundstücksentwicklungen.

Die DG-Bank konnte als Treuhänderin die Bankguthaben und die Aufsichtsratsvergütungen sofort vereinnahmen. Auf mögliche Steuerrückzahlungen muss sie noch warten, bis das Finanzamt soweit ist. Auch konnten die Lehndorff- Beteiligungen schnell an den Mann gebracht werden. Zum 30. April (84) wurden ebenso die Galen-Anteile an der Westphalian American verkauft. In dieser Holding, die aller- dings dem Grafen nicht alleine gehörte, waren 20 Prozent der Aktien des Mischkonzerns Bangor Punta zusammenge- fasst, der einen Umsatz von 1,5 Milliarden Mark aufweist, einschließlich dessen Beteiligung an der Flugzeugfirma Piper und der Waffenfabrik Smith & Hierfür gab es klare Bewertungsmaßstäbe. Hier flossen harte Dollars. Ein sehr viel schwierigeres Unterfangen ist es, die Galen-Anteile an der SMH-Bank, bzw. die gesamte Bank richtig zu bewerten. Die Übertragung dieser Geschäftsanteile muss schließlich auch ordnungsgemäß abgerechnet werden.

Sie fielen zunächst einmal den Gläubigerbanken zu, die – ob sie wollten oder nicht – ihre Forderungen zum Stichtag 31. Oktober 1983 in nachrangiges Haftkapital umwandeln mussten. Ganz wertlos war die SMH-Bank aber zu dieser Stunde Null nicht. Für die bessere Hälfte der Bank wird Lloyds, die das Institut per Ende 1983 übernommen hat, noch einen dreistelligen Millionen-Betrag zahlen müssen. Drei Gutachter sitzen an der Bewertung. Außerdem steckt immer noch ein reeller Wert in den Pelzlägern, die die SMH- Bank im Laufe der Zeit übernommen hatte, und in den For- derungen an den Esch-Konzern, der zwar die Bank in den Abgrund gerissen hat, bei dessen Restverwertung aber noch einige Millionen zu holen sein

„Wenn wir eine Zwischenbilanz ziehen würden“, sagte ein Frankfurter Banker, „so müsste die Rechnung wie folgt aus- sehen: Auf der einen Seite stehen die Bankenleistungen für SMH von 830 Millionen Mark plus 25 Millionen Mark Forderungen der DG-Bank plus sieben Millionen Forderun- gen von Sal. Oppenheim Cie. Und einige Kleckerbeträge von dreieinhalb Millionen weiterer Gläubiger.“ Auf der anderen Seite stehen als Hauptposten maximal 150 Millionen DM von Lloyds sowie ein kleinerer Millionen-Betrag aus den Verkäufen der Lehndorff-Anteile, der Westphalian Ameri- can und von Teilen des Galen-Privatvermögens wie den Autos, Tantiemen und Bankguthaben.

Den Forderungen der Banken an die ehemaligen SMH- Gesellschafter von rund 865 Millionen DM stehen bisher also Realisierungen von maximal 165 Millionen DM gegenüber. Sollte es schon geglückt sein, das Privatvermögen der Münchmeyers – fünf Millionen DM sind angesetzt (bei den anderen persönlich haftenden SMH-Gesellschaftern ist nichts zu holen ) zu versilbern, hätten die Gläubiger-Banken heute eine SMH-Quote von knapp 20 Prozent erreicht.

„Schon das ist reichlich geschätzt“, so der Insider. Nun ver- sucht die Hema Verwaltungsgesellschaft, Frankfurt, in die die schlechtere Hälfte der SMH-Bank eingebracht wurde, die Quote aufzubessern und hat dafür als Faustpfänder die Esch- und Pelzforderungen sowie das reichliche Grund- stücksvermögen des Grafen Galen in Händen:

  • das Haus am Lerchesberg in Frankfurt, taxiert auf 6,3 Millionen
  • Ein Schloss im Münsterland, Haus Assen, mit 3,5 ha Park, taxiert auf 25 Millionen
  • 324 ha landwirtschaftlich genutzter Boden mit Gut bei Lippborg; Buchwert 13,8 Millionen
  • 802 ha Waldungen bei Lippborg zum Buchwert von rund 16 Millionen

„Das Haus am Lerchesberg hat aber ebenso seine Macken wie das Haus Assen,“ weiß ein Immobilienhändler. In die Frankfurter Nobelvilla will niemand einziehen, weil sie auf die persönlichsten Verhältnisse des Grafen zugeschnitten ist. Ein Neuerwerber müsste nochmals zwei Millionen für den Umbau investieren.

Auch bei dem bildschönen Wasserschloss, Haus Assen, muss der Erwerber zusätzlich zum Kaufpreis Gelder für die Renovierung mitbringen. Das wird nicht billig, denn das Schloss hat den technischen Stand von 1935 und damit einen Verschleiß von fast 50 Jahren auf dem Buckel. Zudem lebt dort die Familie des Vaters Galen, was das Objekt nicht fungibler macht. Dem alten Herrn gegenüber wollen sich die Banken zudem nicht gerade unritterlich verhalten. So hat Notar Weigel mit Zustimmung des DG-Bank-Syndikus, Holtzendorff, auch notieren dürfen: „Die Sicherungsnehme- rin wird dafür Sorge tragen, dass Galen sen. ein angemesse- nes Wohnrecht und ein angemessener Lebensunterhalt ver- bleiben.“ Das macht das Schloss vollends unverkäuflich. Auch für die Ländereien und Waldungen des Grafen gibt es derzeit praktisch keinen Käufer.

Nur die Nonnen von Burg Dinklage haben Interesse an einem Streifen Wald mit Kapelle und Friedhof von zusam- men 0,7 ha. Diese Waldecke soll diesmal voll bezahlt wer- den. Vor genau einem Jahr hatte es der Graf noch gratis gemacht. Damals schenkte er 20 ha Wald an die Vereinigung der St. Hildegard Schwesternschaft e.V. in Dinklage. „Diese Schenkung,“ so der Notar, der die katholische Affinität der Galens kennt, „wird nicht angefochten.“ Sie wird als weiter- hin rechtskräftig bestätigt. Damit haben die Hildigardis- Schwestern der Galen-Gattin vieles voraus. Gräfin Anita  von Galen hatte ihrem Mann kurz vor dem Zusammen- bruch der Bank noch für 30 Millionen Mark SMH-Anteile verkauft, damit, wenn alle Stricke reißen, wenigstens das Geld im Hause bleibt.

Das Geschäft musste rückgängig gemacht werden. Die Gräfin wurde dadurch zwar keine arme Frau. Ihr Vermögen wird immer noch auf 50 Millionen Mark geschätzt. Ihr Mann aber, Graf Ferdinand von Galen, besitzt jetzt ganz offiziell nichts mehr. Er hat aber von den Banken die Chance eingeräumt bekommen, bei Null wieder anfangen zu kön- nen. Seine künftigen Einkommen werden durch den SMH- Fall nicht mehr belastet, allerdings mit einer Ausnahme: Erbschaften. Wenn solche Vermögenszuwächse in den nächsten zehn Jahren eintreffen, so wandern sie sofort in den Nikolaus-Sack der Banken. Fazit: Die Gräfin hat den Grafen enterbt.

Galens größte Demütigung: Preungesheim

(Galen 3)

Für Ferdinand Graf von Galen war die Verhaftung weit schlimmer als der Verlust seines gesamten Vermögens durch den Zusammenbruch der SMH-Bank Anfang November vergangenen Jahres. Hatte er es schon nicht geschafft, das väterliche Erbe zu vermehren oder zumindest zu erhalten, so wollte er doch weingstens die Ehre der Familie retten. Schließlich stehen da einige hundert Jahre auf dem Spiel. Aber das ist nun auch perdu. Seit Mitte Dezember 1984 sitzt der Graf in Frankfurt-Preungesheim ein. Um Vermögen und Ehre kann sich nun alleine seine Frau Anita Gräfin von Galen kümmern. Sie hat sich beides erhalten, wie ich mich bei einem Treffen mit ihr im Hotel Interconti überzeugen konnte. Ihr Management war immer schon besser gewesen als das ihres Mannes.

„Mein Mann ist kein Verbrecher,“ beteuerte sie. „Bei ihm ist nichts mehr zu holen. Wir waren stets bereit, mit den Ermittlungsbehörden zu kooperieren.“ Daher sei die Ver- haftung unnötig gewesen. „Lachhaft“, ihm Prospekthaftung bei der Wibau anlasten zu wollen. „Was hatte er als Börsen- präsident damit zu schaffen?“, fragte sie. Von den anderen ihm angelasteten Delikten habe er nichts gewusst oder nie den rechten Durchblick gehabt. Galen und den Mitgesell- schaftern der SMH-Bank, Hans Lampert und Wolfgang  Stryj, wird Veruntreuung zum Nachteil der Kommanditisten vorgeworfen: Schaden 40 Millionen DM. – Veruntreuungen im Zusammenhang mit Factoring- und anderen Refinanzie- rungsbanken – Volumen 500 Millionen Mark.

„Für Betrügereien“, so die Gräfin, „war er wirklich nie zu haben.“ Das zu prüfen ist allerdings Angelegenheit der Gerichte. Die Galen-Verteidigung hat zunächst der Frank- furter Rechtsanwalt, Rainer Hamm, übernommen. Aber auch die Gräfin selbst steht vor dem Kadi. Sie prozessiert mit dem Bundesverband deutscher Banken wegen der Ver- käufe ihrer letzten SMH-Anteile an ihren Mann ein halbes Jahr  vor  dem  SMH-Krach.  „Mein  Vater“,  so  die  Gräfin, „war Nutznießer der Anteile bis zu seinem Tod am 13. Juli 82.“ Erst danach konnte die Transaktion vollzogen werden. „Wir sind ehrliche Leute.“

Rückblende

 Am 16. Dezember 1984 ist Graf Galen an der Ecke Giulet- testraße/Niedenau verhaftet worden. Seine Frau war dabei. Mindestens drei Wagen des Bundeskriminalamtes waren aufgeboten, um Galen dingfest zu machen. Ein Auto stoppte hart vor den Galens, ein BKA-Beamter sprang heraus, zückte seine Plakette, hielt sie den beiden vor die Nase und sagte zum Grafen: „Kommen Sie mit.“ Auch die Gräfin bestieg das Auto – hinten. Sie ließ sich dorthin fahren, wo beide hingehen wollten, nämlich zur Kanzlei des Rechtsan- walts Riesenkampff, Niedenau. Keine lange Strecke, nur wenige Meter. Etwa 10 Minuten musste sie aber dann im Wagen warten. Der Beamte sagte: „Sie können jetzt noch nicht aussteigen“, erklärte aber nicht, warum.

Die Gräfin, die mir all das zwei Tage später in ihrem Hotelzimmer 2004 im Interconti erzählte, hatte das Gefühl, dass die Nötigung, sitzen bleiben zu müssen, mit einem besonderen Sicherheitssystem zu tun haben musste. Wenn sie ausgestiegen wäre, hätte es zu einer krisenhaften Situa- tion kommen können. Dann hätten die Sicherheitsbeamten der anderen Fahrzeuge eingegriffen. – Die Gräfin war bei unserem Treffen im 20. Stockwerk des Interconti sehr aufge- bracht gewesen über die Staatsanwaltschaft. Man hätte ihren Mann nicht festzunehmen brauchen, meinte sie. Er und sie seien überhaupt erst am Wochenende nach Frank- furt zurückgekehrt, um vor der Staatsanwaltschaft auszusa- gen. Sie hätten immer betont, dass sie dazu beitragen woll- ten, alle Hintergründe der Bankpleite aufdecken zu helfen.

„Wir haben nie an Flucht gedacht“, beteuerte sie mir gegenüber. „Wir haben uns auch nie in die Nähe von Län- dern begeben, die keinen Auslieferungsvertrag mit der Bun- desrepublik abgeschlossen hatten.“

Größtes Strafverfahren bundesdeutscher Wirtschaftsgeschichte

Kaum hatte Erich Nold, Darmstadt, am 9. November 1983 seine Strafanzeige gegen Galen und andere eingereicht, setzte der Hauptversammlungsschreck vergangener Jahrzehnte eine Prozesslawine in Gang, von der er selbst überrascht war. Mit dem Nold-Papier, die Verteidigung spricht von „Querulanten- anzeige“, beginnt (Anfang 1986) unter der Nr. 1001 die Aktensammlung für das bisher größte Strafverfahren in der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte.  Ein  Stapel  von 26 000 Blatt gerichtsnotorischer Akten wurde zusammenge- tragen. Der persönlich haftende Gesellschafter Ferdinand Graf von Galen sitzt seit Ende 1984. Seine Kompagnons, Hans Lampert und Wolfgang Stryj waren zwischenzeitlich ebenfalls acht Monate in U-Haft gewesen. Die nach Ansicht der Staatsanwaltschaft kleineren Fische, Hans-Hermann Münchmeyer und der Sekretariatsleiter Ralph-René Lucius blieben zwar auf freiem Fuß. Aber auch ihnen wird der Pro- zess gemacht, wenn auch ein kurzer.


Die Staatsanwaltschaft hofft sogar, die beiden Letzteren mit der Zeit als Kronzeugen umfunktionieren zu können. Nach Teilgeständnissen wurde ihr Verfahren abgetrennt. Und da sich auch Stryj über Nacht zur Beichte bekannte, wurde er ebenfalls auf die etwas bequemere Münchmeyer- Lucius-Bank gesetzt. Diese drei, so ihre fast identische gerichtliche Aussage, haben „billigend in Kauf genommen“, dass andere Banken durch eine mögliche SMH-Insolvenz geschädigt werden könnten. „Untreue“ weisen sie aber weit von sich. „Untreue und Betrug“ will  Oberstaatsanwalt Scheu aber unter allen Umständen dem Grafen nachweisen. Vielleicht, so kalkuliert Scheu, schafft er es mit den Zeugen Münchmeyer, Lucius und Stryj. Mehr und mehr wurden Galen und Lampert von den übrigen isoliert und da nur noch Galen inhaftiert ist, spricht die Verteidigung ganz offen von Klassenjustiz.

Der Strafrechtslehrer und Galen-Verteidiger, Prof. Peter Cramer, Gießen, hat sich dagegen zum Ziel gesetzt, die Staatsanwaltschaft aufs Kreuz zu legen. Der Galen-Prozess wird, so sehen es Frankfurter Banker, ein Fall Peter Cramer gegen Udo Scheu. Der Professor hat Unterstützung von Rechtsanwalt Rückel (Münchener Institut für Strafrecht), vom Karlsruher Revisionsfachmann Widmaier und dem Frankfurter Rechtsanwalt Alexander Riesenkampff. Die teure Riege wird von der Multimillionärin Anita von Galen bezahlt, denn der Angeklagte hat schließlich den letzten Pfennig bei der SMH-Pleite verloren, insgesamt rund 85 Millionen Mark, und lebt zur Zeit auf Staatskosten im Gefängnis Frankfurt-Preungesheim.

„Unser erstes Ziel wird sein“, so Cramer, „Galen aus die- sen unwürdigen Verhältnissen zu befreien.“ Wenn der Hauptangeklagte zur Sache vernommen worden ist, kommt er frei, meint die Verteidigung – Ende Februar etwa. Die Chancen dafür stehen wirklich nicht schlecht, denn dann wird das Oberlandesgericht, wie schon einmal passiert, der zuständigen 2. Strafkammer des Frankfurter Landgerichts nicht mehr ins Handwerk pfuschen. Richter Bokelmann wollte Galen schon im Oktober 1985 freilassen. Das Ober- landesgericht verfügte aber die Fortdauer der Haft wegen Fluchtgefahr. „Das ist alles Unsinn“, so Cramer, „wir haben es, recht besehen, mit einem Unschuldigen zu tun.“ Unschul- dige hätten nicht nötig zu fliehen. Außerdem wolle Galen, das habe er immer bekundet, mit den Justizbehörden koope- rieren, um jeden Winkel der SMH-Pleite gerichtlich aus- leuchten zu lassen.

Schuld ja oder nein, wird das Gericht herausfinden müs- sen. Zumindest haben die SMH-Manager durch die Pleite ihrer Bank einen Schaden von über einer Milliarde Mark verursacht. Über 900 Millionen DM Kredite waren allein in die marode IBH-Holding des schon verurteilten Horst-Die- ter Esch gesteckt worden. Nach Abzug der von den persön- lich haftenden Gesellschaftern eingebrachten Werte und der Veräußerung von Bank-Restwerten verbleibt immerhin noch ein Schaden von 750 Millionen DM. Dies hatte der Geschäftsführer der SMH-Nachfolgegesellschaft, Hema Schütz, am 29. Mai 1985 vor der Staatsanwaltschaft ausge- sagt.

„Eine Begebenheit mag belegen“, so der Strafverteidiger, „wie wenig der Beschuldigte Graf Galen im Sommer 1983 mit einer ebenso dramatischen wie unglücklichen Entwick- lung bei SMH, wie sie im Spätherbst eintrat, gerechnet hat.“ Und dann erzählt der Staranwalt eine rührende Galen-Pöhl- Geschichte. Am 25. Juni 1983 fand die Erstkommunion des Sohnes des Beschuldigten im Schloss Assen, dem Wohnsitz der Familie Galen in Westfalen, statt. Der Einladung hierzu war unter anderen auch Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl gefolgt. Bei einer Rundfahrt, die der Beschuldigte mit dem Bundesbankpräsidenten an diesem Tag unternahm und bei der er diesem Größe und Anlage des Besitzes Assen erläuterte, fragte Pöhl den Beschuldigten Galen, ob dieser jahrhundertelang von der Familie gehaltene Besitz auch von der persönlichen Haftung des Privatbankiers Ferdinand Graf von Galen erfasst sei? Der Beschuldigte, Graf Galen, bejahte die Frage lächelnd und fügte hinzu, dass das rein theoretische Risiko einer Inanspruchnahme die Schwierig- keiten nicht rechtfertigen könne, die durch Übertragung auf seinen minderjährigen Sohn (im Wege der vorweggenomme- nen Erbfolge, insbesondere die fortwährende Notwendigkeit der Einholung vormundschaftsgerichtlicher Genehmigun- gen) entstehen würden. – Das war vier Monate vor der SMH-Pleite.

Wenn in München Bossi die einzige Hoffnung für Kapital- verbrecher ist, so spielt diese Rolle für Finanzdelinquenten in Frankfurt Cramer. Er ist Kommentator einschlägiger Gesetzeswerke, hat aber auch eine ebenso reiche Praxis als Strafverteidiger. Ihm ist ziemlich egal, ob der Bundesbank- präsident durch solche Storys im Galen-Prozess mehr und mehr zwischen Baum und Borke gerät. Schließlich hat ihn auch die Staatsanwaltschaft als Zeugen für den kommenden Mammutprozess benannt und bereits am 18. Mai 1984 vorab befragt. Cramer will auf den Zeugen Pöhl ebenfalls zurückgreifen, um zu beweisen, wie arglos und freund- schaftlich sein Mandant war, bis hin zur Verschaffung der Ehrendoktorwürde an Pöhl in Georgetown. Als Entlas- tungszeugen führt Cramer auch den Vorstandssprecher der Deutschen Bank an. „Friedrich Wilhelm Christians“, so Cramer, „spricht in einem Aufsatz zur KWG-Novelle im Hinblick auf die Schuldfrage im Fall SMH von einer ‚leicht- fertigen’ Risikobeurteilung durch die Geschäftsleitung.“ Christians schätze die subjektiven Gegebenheiten, die hier den Verantwortlichen der SMH vorlagen, aus seiner großen Erfahrung im Bankenbereich richtig ein, meint Cramer.

„Leichtfertigkeit,“ so der Verteidiger, „reicht aber für Par. 266 Strafgesetzbuch – Untreue – nicht aus.“

Die Staatsanwaltschaft sieht dagegen ein riesiges Ver- schleierungswerk des SMH-Managements mit dem Ziel, eine einzige Adresse – die IBH-Gruppe, Mainz – direkt und indirekt unerlaubt mit viel zu hohen Krediten aufzupumpen. Und dann macht selbst die inzwischen im Ruhestand lebende Präsidentin des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen, Inge Lore Bähre, in Cramers Sinne Aussagen:

„Aus dem Gentlemen’s Agreement“, so Frau Bähre sinn- gemäß vor dem Staatsanwalt, „das die Banken zur Meldung der Kredite ihrer Luxemburger Töchter verpflichtete, kön- nen keine unmittelbaren Rechtsfolgen hergeleitet werden.“ Der Banker, der sich an solche – im Bankgeschäft üblichen – Abmachungen nicht hält, ist zwar kein Gentleman, aber im üblichen Sinne auch kein Betrüger. Cramers Verteidiger-Kol- lege Riesenkampff formuliert drastisch: „Galen ist vielleicht ein Esel, aber kein Schwein.“

Und weil das so ist, zimmert die Crew der Verteidiger Eselsbrücken, um Galen aus der Haft zu holen und schließ- lich den Prozess des Jahres zu gewinnen. Ihre Hauptargu- mente: Galen war kein Kreditfachmann. Er war auch nicht für das Kreditgeschäft der SMH-Bank zuständig, sondern Kollege Lampert. Und Galen gehöre auch nicht zu den Selbstmordkandidaten, die aus Lust am Betrug das eigene Vermögen bis auf den letzten Pfennig verpulvern wollen. Zudem hätten es seine reichlichen Ehrenämter und Aus- landsreisen unmöglich gemacht, die einzelnen Kreditengage- ments zu überprüfen. Galen sei schließlich der einzige gewe- sen, der überhaupt bei der SMH-Bank dafür gesorgt habe, dass Geld verdient werde. Das Investmentbanking, für das Galen verantwortlich war, hätte schließlich die SMH-Bank zu der guten Adresse im deutschen Bankgewerbe werden lassen, die sie einmal war. Riesenkampff: „Hier wird geschäftlicher Misserfolg kriminalisiert.“

In ihrer über 100-seitigen Anklageschrift versucht die Staatsanwaltschaft Galen in vielen Einzelheiten, sehr akri- bisch Untreue und Betrug nachzuweisen:

–  Untreue zum Nachteil der Kommanditisten,

–  Untreue zum Nachteil der Konsortialbanken,

–  Betrug zum Nachteil der Poolbanken,

–  Betrug zum Nachteil der refinanzierenden Banken,

–  Prospektbetrug.

Besonders die Beleihungsschiebereien – gemeinsam mit Esch – über die Finanzholding Finzac, U. A. Baumaschinen- beteiligungen, Roxlo und Malark lassen auf Detailarbeit schließen, um Behörden und Refinanzierungsbanken hinters Licht zu führen. Dabei holte sich die SMH-Bank nur Risiken ins Haus. Von Bereicherung kann weder persönlich noch institutionell (Bank) gesprochen werden.

Der Punkt, wo die Bereicherung der Galens beginnen könnte, nämlich die Veräußerung der SMH-Anteile von der Gräfin an den Grafen im April 1983, wird in dem anstehen- den Verfahren überhaupt nicht erwähnt. Theoretisch könnte man hier konstruieren: Galen habe schon so frühzeitig die SMH-Pleite erkannt und mit der Übernahme der SMH- Anteile seine Frau und damit seine Familie weitgehend aus dem Risiko gezogen. Das aber ist ein 2. Prozess, der an anderer Stelle läuft und wo die Gräfin als Nutznießerin dran ist. Einstweilen nimmt sie aber ihren Mann ebenso drastisch wie treffend in Schutz: „Er mag ein Trottel sein, aber kein Verbrecher.“ Und weil das so ist, rechnet sich Starverteidiger Cramer die besten Chancen aus, den Grafen rauspauken zu können. Dann aber dürfte der Fall Cramer gegen Scheu dem deutschen Steuerzahler einiges Geld kosten für Haft-Ent- schädigungen des Grafen.

Soweit hat es Richter Bokelmann aber nicht kommen las- sen. Anfang Juli 1986 wird Galen wegen Untreue in einem besonders schweren Fall zu einer Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt. Das Gericht empfahl, ihm die Vergünstigungen des offenen Vollzugs und der Halbhaft zu gewähren. Danach hätte er am 14. Juni 1987 entlassen wer- den können. Das war nicht so ganz umsetzbar. Ein Gnadener- weis des Leitenden Oberstaatsanwalts Christoph Schaefer machte die vorzeitige Entlassung des 51-jährigen Galen zum

  1. Oktober 1987 möglich. Da er noch 20 Tage Urlaub bean- spruchen konnte, kam der Graf schon am 11. September Unterdessen kämpfte Anita Gräfin von Galen von Paris aus (weil sie in Deutschland Arrest fürchtete) um den Erhalt ihres Vermögens. In einem Zivilprozess mit dem Bundesverband deutscher Banken ging es wegen des zwielichtigen SMH- Anteilsverkaufs an ihren Mann um 19,91 Millionen Mark. Die Gräfin hat niemals zu erkennen gegeben, diese oder irgendeine Summe an den Bankenverband (der die Gläubiger- banken vertrat) zu zahlen. Letztlich kam es zu einem Ver- gleich, der, wie der Bankenverband mitteilte, „von beiden Sei- ten eingehalten wurde.“ Wahrscheinlich sind zehn Prozent der ursprünglich verlangten Summe tatsächlich gezahlt worden.

Hierzu schweigen sich die Parteien aus – bis heute.

Jacques Delors geht aufs Ganze und bringt die ECU

 Das geschickte Krisenmanagement von Bundesbank, Bun- desaufsichtsamt und Bankenverband hat den Finanzplatz Deutschland eher gestärkt als geschwächt und die D-Mark litt keinen Tag darunter. Tagtäglich herrscht auf den Devi- senmärkten dasselbe Bild: Dollar, Yen und D-Mark beherr- schen die Szene. Die europäischen Währungen müssen sich auf den Märkten brav hinter der D-Mark einordnen. Das EWS will es so und für seine Mitglieder ist noch kein Kraut gegen das erfolgreiche Produkt aus Frankfurt gewachsen. Politisch aber ist Paris stets eine Nase voraus, zumindest sehr einfallsreich und rigoros genug, seine Interessen wenn auch immer möglich durchzusetzen, zumindest anzuschie- ben – bei aller kontrahierten deutsch-französischen Freund- schaft. Instrumente dafür gibt es immer wieder genug, ent- weder über den französisch geleiteten Internationalen Währungsfonds oder entsprechende Posten in Brüssel. Oft- mals hilft auch die romanische Solidarität der Weich- währungsländer, um Deutschland zu irgendwelchen – marktabstrusen – geld- und währungspolitischen Entschei- dungen zu verleiten. Politische Metamorphosen ganz über Nacht gehören dazu. Für Willy Brandt, Bundeskanzler, Frie- densnobelpreisträger und SPD-Politiker, waren die Franzo- sen immer „schwierige Freunde“.

Wie ein Phoenix aus der Asche seiner finanzpolitischen Vergangenheit erhob sich Anfang 1985 der neue EG-Präsi- dent, Jacques Delors, als er von Paris nach Brüssel wech- selte. War er als Finanzminister an der Seine noch ängstlich bedacht, die französischen Kapitalverkehrskontrollen mög- lichst wasserdicht zu halten, so setzt er sich nun – 1985 – in Brüssel für eine liberalisierte europäische Währung ein. Die frankophone Kreation ECU soll nach seinen Vorstellungen möglichst bald allgemeines Zahlungsmittel für die Europäer werden. Der Name passt. Er hat seit dem 13. Jahrhundert französische Goldwährungstradition. Selbst die englische Aufschlüsselung der drei Buchstaben – European Currency Unit – ist für französische Mentalität erträglich. Es schadet dabei nicht, dass die Briten im Europäischen Währungssys- tem (EWS) gar nicht mitarbeiten. Ein anderer Umstand ist für die ECU nicht weniger akzeptabel, dass nämlich die deutsche Währung für die Werthaltigkeit der ECU  steht, DM aber nirgends zu erkennen ist.

Einen besonderen Spaß macht dem ehemaligen französi- schen Finanzminister seine neue Position auch deshalb, weil Delors in Paris wegen der Kapitalverkehrskontrollen immer der gescholtene Anti-Europäer war. Von Brüssel aus stellt er nun die Deutschen in diese Ecke: Die Bundesbank hinter- treibe die Weiterentwicklung des EWS und ließe die ECU nicht zur Vollform einer internationalen Währung auflau- fen, meinte er.

Brüsseler Hierarchen können ohne jeden wirtschaftlichen Hintergrund Derartiges behaupten und lautstark eine Gemeinschaftswährung fordern. Das irritiert die mittler- weile hartgesottenen Bundesbanker kaum und schon gar nicht ihre Politik. Ihre Position zum Thema ECU haben jetzt Präsident Pöhl und sein Außenminister, Leonhard Gleske, eindeutig markiert und zwar so:

Hinter der ECU steht keine Institution, die für ihre Wertsta- bilität verantwortlich wäre. Sie leitet sich nur von der sehr unterschiedlichen Stabilität und Qualität der im ECU-Korb befindlichen Währungen ab. Deshalb ist auch die Ausgabe von ECU-Banknoten und ECU-Münzen und deren Anerken- nung als Zahlungsmittel nicht ohne Weiteres vorstellbar.

Dennoch verfährt die Bundesbank mit der ECU weit libe- raler als dies in anderen europäischen Ländern der Fall ist. Denn dort, wo die ECU als Devise behandelt wird, ist sie  den jeweiligen Devisenbeschränkungen unterworfen. Ihre Nutzung wird dadurch weit mehr behindert als etwa in der Bundesrepublik, wo lediglich das Eingehen von Verbindlich- keiten in ECU bisher nicht zugelassen wird. Dagegen ist der Erwerb von ECU-Forderungen uneingeschränkt gestattet.

Der Stand der De-facto-Liberalisierung ist heute in Europa eher niedriger als zu Beginn der 60er-Jahre. Vor allem Frankreich und Italien glauben nach wie vor auf weitge- hende Beschränkungen des Kapitalverkehrs nicht verzichten zu können. Für eine Fortentwicklung des EWS wären die Liberalisierung und Komplettierung des Wechselkurssy- stems von weit größerer Bedeutung als eine verstärkte Ver- wendung der ECU im offiziellen wie im privaten Bereich.

Die offizielle ECU ist bisher weder konvertibel noch wird sie marktgerecht verzinst. Daher ist die Bedeutung sogar zurückgegangen. Keine europäische Notenbank hält ECU in größerem Umfange freiwillig in ihren Reserven, dafür umso höhere DM-Beträge.

Aber auch bei marktgerechter Verzinsung – eine Voraus- setzung für die Andienung der ECU an andere Notenbankendürfte kaum hohe Nachfrage bestehen, weil ECUs nur begrenzt verwertbar sind.

An der Erkenntnis, dass ein gemeinsamer Währungsraum mit festen Wechselkursrelationen letztlich nur durch hin- längliche Stabilität und Konvergenz der Wirtschaftsentwick- lung und Wirtschaftpolitiker entstehen kann, geht kein Weg vorbei.

Außerdem fehlt die verantwortliche europäische Noten- bank. Hier ist noch völlig unklar, welchen Grad der Auto- nomie, welche Aufgaben und welche Stellung gegenüber nationalen Regierungen diese Institution haben soll. Auf jeden Fall werde – und hier besteht Einigkeit zwischen Bun- desregierung und Bundesbank – die Übertragung von Notenbankfunktionen und die endgültige Übertragung von Währungsreserven auf eine supranationale Institution eine Änderung des EWG-Vertrages oder einen ratifizierungsbe- dürftigen völkerrechtlichen Vertrag erfordern.

Die Schaffung einer solchen Gemeinschaftsinstitution hätte aber weitreichende Konsequenzen für die Geldpolitik und die Geldverfassungen in den Gemeinschaftsländern. Das kann man im Rahmen eines weit gespannten Integrati- onskonzepts politisch durchaus wollen. Dann sollte man aber die Implikationen einer solchen politischen Entschei- dung genau bedenken. Die ECU kann jedenfalls nicht Basis einer solchen Entwicklung sein, und sie sollte in der politi- schen Diskussion über die Währungsintegration auch nicht als Vorwand für die Durchsetzung solcher Ziele dienen.

Helmut Schmidt traktiert in Washington die Amerikaner

Der German Marshall Fund, eine deutsche Stiftung in den USA aus Dankbarkeit für den Marshall-Plan, hat mich (Mitte April 85) nach Washington eingeladen und so bin ich auf dem Weg dorthin: Zwei Tage Marshall-Fund-Privatissimum über Devisenmarktprobleme und Weltwirtschaftsentwicklung. Dann schließt sich für zwei Tage der Interims-Ausschuss von IWF/Weltbank an. Eigentlich hatte ich gar nicht vorgehabt, mich während dieser Sitzung in Washington herumzutreiben, weil die versammelten Gouverneure keinen akuten Hand- lungsbedarf für die Regulierung des Weltschuldenproblems sehen. Wenn jene das so sehen, sehe ich es natürlich auch so. Damit gibt es für mich keine Aktualität.

Nun will aber mein Brüsseler Kollege eine WiWo-Titelge- schichte über die europäische Kunstwährung ECU schreiben (wahrscheinlich hat ihm das ein Interessent aus der Brüsse- ler Administration eingeredet). Er interviewt dazu den EG- Präsidenten Jacques Delors, der sich für die schnelle Ein- führung des ECU in ganz Europa einsetzt. Nicht nur das. Delors steht an der Spitze des französischen Stoßtrupps gegen die Bundesbank und gegen die D-Mark. Ich soll nun versuchen, Bundesbankpräsident Pöhl zu erreichen und mit ihm, dem eisernen Gegner der ECU (European Currency Unit), ein eben solches Gespräch zu führen. Bis jetzt bin ich nicht sehr hoffnungsvoll, dass das klappt.

Abends zittere ich – Meniskus angeschlagen – zu einem Vortrag mit Altkanzler Helmut Schmidt. Auch Schmidt ist auf Einladung des German Marshall Fund hier. Er soll über ein selbst gewähltes Thema reden und wie es so seine Art ist, tritt er als ganz großer Staatsmann auf, als Weltökonom ohnehin immer. Seine Ausführungen sind aber eher kläglich und bissig. Er beschimpft die Amerikaner wegen ihrer hohen Staatsdefizite und laxen Militärpolitik. „Sie setzen alles auf die Karte der Atombombe und unterhalten ein viel zu klei- nes stehendes Heer.“ Da seien die Deutschen schon ganz andere Kerle. „Wenn heute Kanzler Kohl“, so der Exkanzler im Washingtoner Regent Hotel, „auf den Mobilisierungs- knopf drückt, dann stehen 1,25 Millionen Deutsche unter Waffen, weil in der Bundesrepublik Wehrpflicht gilt.“

Was aber haben die Verbündeten zu bieten, wenn sie nicht gleich zur Atombombe greifen wollen? „Bestenfalls 225 000 Amerikaner, ein paar Tausend Franzosen, Holländer und Belgier und in Dänemark: einen ganzen General!“ Vor Beginn des Vortrags kommt es zu einem kleinen Zwischen- fall. Ein amerikanischer Politiker, wahrscheinlich Jude, wahrscheinlich Republikaner, griff Schmidt wegen seiner offen geführten Ostpolitik an. In Deutsch rief der Mann immer wieder: „Herr Schmidt, wann kommen die Russen?“ Helmut Schmidt hat in den 70er-Jahren eine Annäherung an die Sowjetunion gesucht. Diese Entspannungspolitik, die auch zu einem zweimaligen Besuch des sowjetischen Staats- und Parteichefs Leonid Breschnew in Deutschland geführt hat, war in den USA nicht gut angekommen. Schmidt und Breschnew haben u. a. eine gemeinsame Deklaration unter- zeichnet, nach der die Ost-West-Entspannung ausgebaut und das Wettrüsten eingedämmt werden soll.

Der Altkanzler, der gemeinsam mit Giscard d’Estaing als Vater der ECU gelten kann, hatte in Richtung Bundesbank nur beißenden Spott parat: „Wenn es nach der Bundesbank geht, brauchen wir Europa überhaupt nicht zu bauen. Dass wir wirtschaftlich und verteidigungsmäßig von den anderen abhängen, interessiert die gar nicht.“ Schmidt ist zwar auch Ziehvater von Bundesbankpräsident Pöhl. Dieser hat sich aber noch weniger nach seinen Erwartungen entwickelt als die ECU.