Euro-Wegweiser: Für eine Weltwährung kann der Euro nur eine extrem kurze Geschichte vorweisen. Ihm wird aber eine große Zukunft vorhergesagt. Warten wir es ab. Europa hängt dran. Sein deutsches historisches Fundament hat bis zu 1000-jährige Wurzeln. – Und jetzt sollen über diesen Amboss auch noch die Etats der EU-Staaten geschmiedet werden. Einer zahle des Nachbarn Schulden. Das kann zum Untergang der EU führen. In seinem Buch „10 Jahre Euro, wie er wurde, was er ist“ beschäftigt sich Christoph Wehnelt mit der Vergangenheit, aber immer mit Blick auf die Zukunft und warnt. 2. Teil

Das Drama
 

Ein großer Traum in vergangener Nacht: Mühsam kämpfe ich mich durch dickes Gestrüpp und komme in ein sehr farbiges Stückchen Land mit vielen Blumen und bunten Schmetterlingen. Eine kolossale Entdeckung mache ich da. In einer Ecke sehe ich   Josef Stalin. Er musiziert mit einem Amerikaner.Dabei spielt der Amerikaner Orgel oder ein ähnlich gewaltiges Instrument, während Stalin in sehr sympathischer Weise Querflöte bläst. (Eschborn 18. 1. 80)

Die Wacht am Main – Ausscheren aus dem internationalen Geleitzug der Inflation

Moderne Wirtschaften brauchen hoch entwickelte Geld- systeme. Im internationalen Verkehr können Währungen allerdings Probleme verursachen, weil sie entweder schlecht gemanagt sind oder schlicht als Machtinstrumente einge- setzt werden. Noch schlimmer, wenn beides zusammentrifft und die Spekulation sich oben drauf setzt. Die Währungskämpfe zwischen Dollar und D-Mark waren immer schon ein ausgemachtes „Schurkenstück“.  Als Otmar Emminger, der damalie „Außenminister“ der Deutschen Bundesbank, dem geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds, Per Jacobsson, in Washington persönlich die Nachricht über die D-Mark-Aufwertung um fünf Pro zent von 4,20 auf 4,00 D-Mark gegenüber dem Dollar über brachte, ging dieser in seinem Amtszimmer mit hoch erhobenen Fäusten auf Emminger zu und wetterte: „Was haben Sie getan, Sie Schurke?“ (Emminger: D-Mark, Dollar, Währungskrisen s. 126) Die schurkischen Deutschen hatten Anfang März  1961 die erste D-Mark-Aufwertung im IWF-System durchgesetzt. Es sollten noch diverse Aktionen dieser Art folgen, bis 1973 die D-Mark die Dollar-Fesseln abwerfen konnte. Seitdem sind die Währungskrisen zwar nicht weniger geworden, aber die Bundesbank hatte mehr Bewegungsfreiheit. Das „Schurkenstück“ der Abschaffung des Bretton-Woods- System hatte schon mit der ersten eigenmächtigen Aufwer tung begonnen und kam ab 1971 so richtig in Gang.

Auf dem Weg der D-Mark vom Besatzungskind zum Welt- star brachte die Washingtoner Wechselkursneuordnung vom Dezember 1971 nur eine kurze Atempause. Zwar hatte der wegen der Watergate-Schurkerei schon angeschlagene Präsi- dent Richard Nixon diese Neuordnung als das bedeutendste Währungsabkommen der Weltgeschichte nach dem 2. Welt- krieg bezeichnet. Mit dieser Einschätzung lag er aber falsch. Das internationale Währungssystem à la Bretton Woods hielt nicht mehr lange. Anfang März 1973 war es soweit. Zitat Emminger: „Da zogen wir die Notbremse. Das war die Totenglocke für das Paritäten-System von Bretton Woods.“ (ebenda S. 240)

Im Zusammenhang mit einer gravierenden Pfund-Sterling- Krise 1972 war schon Minister Karl Schiller ins Aus gestol- pert. Es folgte eine Lira-Krise, die dem Schweizer Franken Schwierigkeiten bereitete und erhebliche Dollar-Franken- Spekulationen auslöste. Die Schweizerische Nationalbank handelte pragmatisch, hat den Ankauf von Grundstücken, Wertpapieren etc. verboten und schloss ihre Devisen-Schal- ter. Somit brandeten die Dollar-Milliarden allein bei der Deutschen Bundesbank an. Am 2. März 1973 stellte sie die Dollar-Ankäufe zu festen Paritäten ein – wie sie das IWF fast 30 Jahre vorgeschrieben hatte. Über 20 Milliarden Dollar waren in den vergangenen Monaten in das deutsche Ban- kensystem geschwemmt worden. Am 1. März mussten noch über zwei Milliarden Dollar zum Kurs von 2,8350 D-Mark aufgenommen werden. Dann aber war Schluss damit. Erst am 19. März wurden die Devisenschalter in Deutschland wieder geöffnet mit einer kleinen Überraschung: Der Dollar notierte nur einen Pfennig niedriger als drei Wochen zuvor. Aber die D-Mark war befreit vom Moloch aus Washing- ton. Der Dollar sollte in der Folgezeit noch Kurse von 3,47 D-Mark sehen oder auch 1,35 DM, je nach politischer Lage sowie Zins- und Inflationstrends. Das spektakulärste Ergeb- nis der neuen Stabilitätspolitik unter außenwirtschaftlicher  Abschirmung ab 1973 war, dass sich die Bundesrepublik sichtbar von der um sich greifenden internationalen Teue- rung lösen konnte, nachdem sie bis Anfang 1973 vom welt- weiten Inflationstrend unerbittlich mitgezogen worden war. Die D-Mark wurde zur stabilsten Währung der Welt. Diese Kärrnerarbeiten zur Bereinigung der Dollarabhängigkeit hatten als Bundesbankpräsidenten Karl Blessing (1958 bis 1969) und Karl Klasen (1970 – 1977) zu leisten. Klasen hatte zwischendurch auch mal eine kleinbürgerliche Seite.

Bleibet im Lande und sparet Devisen

Offizielle in der Deutschen Bundesbank können sich über die Äußerungen von Ex-Bundesbankpräsident und Kanzler- Intimus, Karl Klasen, nur wundern. „Wahrscheinlich wollte er nur breite Bevölkerungskreise auf das Währungsproblem aufmerksam machen“, heißt es beschwichtigend. Auf die Frage der Bild-Zeitung: „Wir geben in diesem Jahr für den Urlaub und für Waren im Ausland fast 30 Milliarden Mark mehr aus, als wir einnehmen – geht das noch lange gut?“, hatte Klasen gesagt: „Auf Dauer bestimmt nicht.“ Darauf- hin empfahl der Ex-Präsident den Bundesbürgern einen  „Deutschland-Urlaub und Ölsparen.“ Beides sollte dazu dienen, die deutsche Devisenkasse zu schonen.

„Jeder, der in Deutschland seinen Urlaub verbringt, sollte die Hotelrechnung von der Steuer absetzen können“, regte Werner Wiederhold, Direktor der Dresdner Bank, beim Hessischen Bankenverband an. Er traf damit zwar nicht die Stimmung der Banker, doch schnitt er ein wichtiges Thema an. Verbands-Vorstandskollege, Klaus Subjetzki (BHF- Bank) fragte: „Wie können wir aber auf das Urlaubsverhal- ten der Deutschen einwirken?“ In Bremen stellte Bundes- bankpräsident, Karl Otto Pöhl, fest: „Die Ausgaben der Touristen sind die Einnahmen unserer Kunden.“ Bundes- bankvizepräsident, Helmut Schlesinger, hält nichts von diri- gistischen Maßnahmen in der Außenwirtschaft weder beim Tourismus noch anderswo. Er hat andere Ideen.

Ihm kommt es auch nicht auf eine Exportoffensive der deutschen Industrie an. Im jüngsten Monatsbericht der Bun- desbank schreibt er: Nachdem jedoch inzwischen in der Leis- tungsbilanz eine beträchtliche strukturelle Lücke entstanden ist, bedeutet der starke Importsog bei ausländischen Fertig- waren, dass eine Besserung der außenwirtschaftlichen Lage nur zu erreichen sein wird, wenn die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft durch weitere Bemühungen um mehr Preisstabilität und durch eine maßvolle Lohnpolitik wieder gestärkt wird, und zwar nicht nur auf den Export- märkten, sondern ebenso im Hinblick auf die Konkurrenz mit Auslandswaren am Inlandsmarkt. Schlesinger: „Unsere Leistungsbilanzprobleme rühren nicht nur vom Öl her.“ Der Bundesbankvize hält der deutschen Industrie vor, sich per- manent Inlandsmarktanteile abknöpfen zu lassen. „Das gilt für Konsum- wie für Investitionsgüter.“ Schlesinger rechnet vor: In der Bekleidungsindustrie stiegen die Importquoten seit 1974 von 25 Prozent auf 37 Prozent, in der Elektro- industrie von 15 auf 20 Prozent, beim Maschinenbau von 17 auf 21,5 Prozent. Und für Urlaubsreisen geben heute die Deutschen 2,7 Prozent des Bruttosozialprodukts aus, ge- genüber nur 1,9 Prozent 1974 und 1,5 Prozent 1970.

Die Bundesbank will damit aber nicht irgendwelche „buy German“-Appelle loswerden. Eher verlangt sie mehr An- strengungen der deutschen Anbieter zum Wohle der D-Mark. In der deutschen Zentralbank hält man nicht mehr viel von globalen Überlegungen wie etwa dieser: Wenn es auf der einen Seite, bei den Öl exportierenden Staaten, Über- schüsse von 120 Milliarden Dollar gibt, müssten an anderer Stelle Defizite in dieser Größenordnung auftreten. Mora- lisch sei es daher nur recht und billig, dass die reichen Staa- ten, an erster Stelle die Bundesrepublik, auch einen Großteil des Defizits trügen. „Moralisch mag es richtig sein“, wendet ein Bundesbankdirektor ein, „aber wirtschaftlich nicht.“

Der für Währungsfragen zuständige Bundesbankdirektor, Leonhard Gleske, rechnet vor: „Wir haben in diesem Jahr ähnlich wie die Schweiz unser Leistungsbilanz-Defizit aus den Währungsreserven bezahlt. Bis Juli schmolzen 17 Milliarden Mark ab, im August weitere drei Milliarden Mark.“ Wenn der Abbau der deutschen Reserven weiter so drastisch ver- läuft, kommt aber die D-Mark selbst in Gefahr. An der harten Währung lässt jedoch kein Bundesbanker gerne rütteln. „Was immer auch passieren mag, wenn wir 70 Milliarden Dollar als Reserven im Schaufenster haben, können wir alle Forderun- gen begleichen“, merkt Pöhl an. „Doch 70 Milliarden müssen im Schaufenster bleiben, damit nichts passiert.“ Denn die D-Mark ist eine Reservewährung und soll es auch bleiben. Aber die Deutschen beginnen darunter zu leiden.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Emminger für die Bundesrepublik die Rolle des Schuttabladeplatzes der unge- liebten Dollars ablehnte. „Diese Rolle übernehmen wir nicht freiwillig“, hatte der Ex-Präsident noch in den späten Monaten des vergangenen Jahres mit kräftigen Worten untermauert. Jetzt allerdings sind die Vorzeichen anders.

Gleske hartnäckig: „Weder in Bonn noch hier bei uns in Frankfurt denkt irgend jemand an eine Beschränkung des Reiseverkehrs.“ Es gibt auch keine Empfehlungen für einen Heimaturlaub. „Der Tourismus darf nicht isoliert gesehen werden.“ Wenn die Urlauber in Österreich, Jugoslawien, in Frankreich oder Spanien ihr Geld ließen, so Gleske, könnten diese Länder auch wieder Waren in der Bundesrepublik ein- kaufen. „Die höheren Energiepreise und die Teuerung in den Urlaubsländern bremsen die Reiselust der Deutschen ohne- dies. Ein Blick auf die Buchungen bei den Reisebüros bestätigt das.“ Die deutsche Leistungsbilanz hatte 1979 mit einem Defizit von neun Milliarden Mark abgeschlossen.

„Auf der Basis der Entwicklung von Januar bis Mai 80“, meint Gleske, „rechnen wir mit einem Defizit von ungefähr 25 Milliarden Mark. Wir haben aber wieder Devisenzu- flüsse. Die Kapitalströme drehen sich.“

„Nichts wird in den 80er Jahren so sein wie in den 70er … nichts“, orakelte zur Jahreswende Bundeskanzler Helmut Schmidt. Die Geldpolitiker in  der Zentralbank bekommen es schon zu spüren. Das Blessing-Wort: „Notenbankpolitik ist in erster Linie eine Kunst und erst in zweiter Linie eine Wissenschaft“, behält für sie aktuelle Bedeutung. Es bedarf aller finanztechnischen und volkswirtschaftlichen Finessen, um das Defizit zu finanzieren und eine Trendumkehr in der Entwicklung der Leistungsbilanz herbeizuführen, ohne mit der harten Keule des Außenwirtschaftsgesetzes zu hantieren. Das heißt den Urlaubern Reisedevisen zuzuteilen und Importe zu beschränken. Das aber will von den Verantwort- lichen niemand – weder in Frankfurt noch in Bonn. Eine weitere Liberalisierung des Kapitalverkehrs soll es bringen. So hat sich der Zentralbankrat neuerdings dafür ausgespro- chen, die bestehenden Beschränkungen des Kapitalimports in die Bundesrepublik zu lockern. „Er stimmt insbesondere mit der Bundesregierung darin überein, dass die Laufzeitgrenzen für inländische festverzinsliche Wertpapiere, die ins Ausland verkauft werden, von vier auf zwei Jahre herabgesetzt wer- den“, heißt es in der Bundesbank-Erklärung. Die gleiche Frist von wenigstens zwei Jahren gilt zukünftig auch als Mindest- laufzeit für Schuldscheine, die Kreditinstitute ins Ausland ver- kaufen wollen sowie für neu zu begebende, ins Ausland abtretbare Schuldscheine öffentlicher Stellen. Die lange Zeit seitens der Bundesbank gehegte Abneigung gegen eine Ver- schuldung der öffentlichen Hände im Ausland passt nicht mehr in das aktuelle Bild. Eindringliche Appelle gehen jedoch von Frankfurt an die Schuldenmanager in Bonn, in angemes- sener diplomatischer und insbesondere professioneller Form im Ausland D-Mark-Kredite aufzunehmen. „Absolut uner- wünscht ist die Verschuldung in Fremdwährungen. Dänische Verhältnisse dürfen bei uns nicht einreißen.“

Der Devisenmarkt: Vom Dollar gebeutelt

„Im Herbst 1979 hatte der Dollar mehr als die Hälfte seines Wertes u. a. gegenüber der D-Mark verloren und befand sich im freien Fall“, erinnert sich Karl Otto Pöhl (Bundesbankma- gazin 5/07). „Der amerikanische Finanzminister und Noten- bankpräsident Paul Volcker machten, auf dem Weg nach Bel- grad zum alljährlichen IWF-Treffen, in Hamburg am Wohnsitz Helmut Schmidts einen Zwischenstopp, um mit dem Bundeskanzler die Situation zu besprechen. Die amerika- nischen Ideen massiver Interventionen der Bundesbank zur Stützung des Dollars wurden sowohl vom Kanzler als auch von Emminger und mir als unrealistisch abgelehnt. Volcker verließ das IWF-Treffen frühzeitig und folgte unserem Rat, dass nur eine restriktive Geldpolitik einen weiteren Dollarver- fall mindern könne. Der amerikanische Diskontsatz stieg auf 12 Prozent und die Primerate betrug zeitweise mehr als 20 Prozent! Der Dollar erholte sich und stieg bis zum 26. Februar 1985 auf sage und schreibe DM 3,47! Es war eine wahrhaft historische geldpolitische Wende zu einer langen Periode der Geldwertstabilität.“ Der tiefste Kurs hatte bei DM 1,71 gele- gen. Das war am 3. Januar 1980 gewesen. Auf der Dollar-Spirale nach oben hier das Szenario einer einzigen Sitzung an der Frankfurter Devisenbörse 1983.

Der sonst immer glatt gekämmte Dieter Henke und sein locker gewellter Kollege Ulrich Hörstel raufen sich die Haare. So etwas hatte es bis heute noch nicht gegeben. Normalerweise dauert die Kursfeststellung für den Dollar wenige Minuten, auch in hektischen Devisenzeiten. Heute sind Angebot und Nachfrage partout nicht deckungsgleich zu bringen und das schon fast eine halbe Stunde. Am Vormittag war der Dollar gegenüber dem Vortagskurs um viereinhalb Pfennig auf 2,43 Mark gestiegen. Der Run auf die stärkste Währung der Welt hält seit Wochen an und hat gerade in den letzten Tagen neue Rekorde gebrochen. Wer weiß, ob es heute so weitergeht. Die Hektik könnte neue Trends andeuten.

Henke wollte diesmal auf Nummer sicher gehen: „Wir beginnen bei rund zu zehn“, ruft er den zwei Dutzend Devi- senhändlern im Saal zu. „Rund“ heißt 2,4300  und  „zu  zehn“ demnach 2,4310 Mark für den Dollar. Im Devisen- handel wird nämlich auf Hundertstel Pfennig genau gerech- net. „Was macht München“, fragt Hörstel in eines der vie- len Telefone hinein? Denn mit Henke und Hörstel verbunden sind in diesen Minuten alle deutschen Devisen- börsen (Berlin, Düsseldorf, Hamburg, München). In Frank- furt wird jedoch der internationale Preis für die deutsche Währung festgemacht: in Dollar, in Pfund Sterling, in den EWS-Währungen sowie allen übrigen Devisen. Das ist auch der Grund, warum weltweit an den Devisen-Anzeigetafeln aller Banken für die DM-Notiz „Frankfurt“ steht und nicht etwa Bonn als Bundeshauptstadt.

Hörstel noch nicht echauffiert: „Was macht München?“ Dem Vertreter der Bank of Tokyo im Saale gefällt der runde Kurs. „Ich gebe 24,5 Millionen Dollar“, sagt der Japaner. Ein anderer will ebenfalls einen größeren Betrag „bestens“ ver- kaufen. Henke merkt sehr bald, dass er zu den guten Kursen zwar ein großes Angebot aber keine Nachfrage hat. „Rund zu fünf wird nun gerechnet,“ gibt er bekannt. Da rührt sich die BHF-Bank in der Person einer flinken jungen Dame: „Zehn Millionen bestens.“ Tokyo hält das Gebot aufrecht. Andere bleiben ebenfalls drin. „22 Millionen bestens aus Düssel- dorf,“ vermeldet Hörstel. Die amerikanische Morgan-Bank hängt sich mit zehn Millionen dran. Henke: „Bei rund ist was da.“ Er meint Nachfrage. Doch zu wenig. „Wir rechnen neu.“ Henke kommt ins Schwitzen. „85 zu rund“ (2,4285 zu 2,4300). Alle bleiben mit ihren Geboten drin. Keiner will Dollars kaufen zu diesen hohen Preisen.

Der in D-Mark ausgedrückte Dollar-Preis ist der D-Mark- Kurs. Doch der will sich heute gar nicht feststellen lassen. Henke: „Alles neu, 60 zu 80.“ Das bringt dem Makler aber nicht viel ein. Die BHF-Bankkauffrau wendet ein: „Das Niveau ist immer noch zu hoch. Im Freiverkehr wird der Dollar 40 zu 60 gehandelt.“ Das Mädchen hatte Recht. Henke: „Ich nehme alles neu auf, 60 zu 70.“ Damit war der Makler aber auch nicht gut beraten. Dem Weißköpfigen schwillt das Gesicht langsam tief rot an. „Neu 30 zu 45.“ Jetzt kommen die Käufer auf den Plan. „20 billige.“ Eine hübsche Untertreibung für die Nachfrage von 20 Millionen Dollar zum Kurs von 2,4230 Mark, die somit  zusammen fast 50 Millionen Mark kosten. „35 Geld für 50 Millionen,“ schallt es aus der Ecke der Dresdner Bank. „Zehn billige,“ hängt sich ein anderer dran. „Was macht die Bank von Tokyo,“ fragt Henke? Die Japaner wollen den Markt nicht billigst versorgen.

Was Henke noch vor Minuten auf der Angebotsseite zuviel hatte, war nun auf der Nachfrageseite zuviel. Er schielt immer wieder zu dem Mann von der Bundesbank hinüber, ob der nicht etwa sagt: „Die Differenz übernehme ich.“ Die Bundesbank hat auf diese Weise immer die Mög- lichkeit, einen ganz bestimmten Kurs zu machen. Sie kann ihn mit der Hergabe vieler Dollars drücken oder durch den Kauf die Nachfrage und damit den Preis stabilisieren oder steigern. Zurzeit weiß die deutsche Zentralbank, dass sie die Milliarden-Geschäfte mit Dollars weltweit nicht ausrei- chend befriedigen kann oder will. Sie kann auch keinen Kurs machen und ihn längere Zeit durchhalten. So lässt sie in diesen hektischen Zeiten der Entwicklung freien Lauf. Sie greift in den Markt nicht ein. „Jetzt wieder 50 zu 70. 55  Geld für 50.“ Die BfG: „Kauf zehn.“ Das BHF-Mädchen schmollt: „Nichts.“

Henke packt die schiere Verzweiflung: „Wir rechnen 55 zu 70.“ Zwei billige will die amerikanische Chase. Henke: „Kommt da noch was?“ Nein, nichts kommt. „Ich muss versuchen Kurse zu machen“, stöhnt der Makler. „Versuche 62 zu 70.“ Hörstel klappert die anderen Devisenbörsen ab.

„Was macht Hamburg?“ Der Hörer wird wieder hingelegt.

„Was macht München?“ Ein Banker aus dem Saal: „Ich bleibe bei 20 billigen.“ „Was ist in Düsseldorf?“ Hörstel macht Notizen. „Wir kaufen total 15 billige“, plärrt einer aus den hinteren Reihen. „Orderannahmeschluss“, schimpft Hörstel. Hätte er das nicht getan, wäre in dieser Gegend ein Kurs zustande gekommen.

So beginnt Henke wieder: „Alles neu, 70 zu rund.“ Im Freiverkehr war zu diesem Zeitpunkt 80 Geld. „Was macht Berlin?“ „Tokyo gibt 24.“ Es half nichts. Henke: „Versuche  70 zu 90.“ Ein Banker: „80 Geld für 15.“ Ihm war jedoch    ein peinlicher Fehler unterlaufen. „80 Brief für 15“, verbes- sert er sich. Hörstel hat die Ruhe noch nicht verloren: „Sie bieten also 15 Millionen Dollar, die Hälfte von 30,  zum  Kurs von 2,4280.“ Das Kursspiel glückt auch hier nicht.

„Versuche 70! 70 ist Brief.“ Hörstel: „Bei 70 sind 63,55 Millionen da.“ Henke: „Versuchen wir’s halt nochmal. Wir rechnen neu 50 zu 80.“ Die Morgan Bank bleibt bei zehn billigen. Die Chase faselt etwas von anderthalb. „Dann rechnen wir eben 55 zu 70.“ Die Deutsche Bank zieht alles zurück. „Das BHF-Mädchen: „Ich auch nichts.“ Hörstel: „Orderannahmeschluss.“ Etwas später Henke: „Der Kurs ist 55 geworden.“ Alle sind erleichtert. Die Dresdner Bank hat zu diesem Preis 35,35 Millionen Dollar übernommen.

Seit Eröffnung der Devisenbörse ist eine 3/4-Stunde ver- gangen. Jetzt erst kann die Mitarbeiterin Henkes an die Kurstafel hinter „USA“ schreiben: 2,4255 / 2,4215 / 2,4295.

Die Tafel hat drei Spalten. Als erstes kommt der Mittelkurs, dann der Geld- und schließlich der Briefkurs, wobei zwi- schen Geld- und Briefkurs immer eine Differenz von 0,8 Pfennig eingehalten wird. Das gehört zu den Geschäftsbe- dingungen. Die Bundesbank hatte an diesem Tage nicht an der Börse interveniert.

Während Henke und Hörstel sich abstrampelten, weilte Bundesbankpräsident Pöhl am Genfer See zufrieden der Internationalen Währungs-Konferenz in Lausanne bei. Dort ließ er verlauten, dass die jüngsten hektischen Kursbewe- gungen auf den Devisenmärkten – mit 2,43 war immerhin eine seit Langem nicht mehr da gewesene Höchstmarke erreicht worden – nicht auf fundamentalen Veränderungen wirtschaftlicher Daten basierten, sondern auf Kapitalbewe- gungen wegen plötzlicher Veränderungen der Zinsdifferen- zen (hohe Zinsen in Amerika und niedrigere in Deutschland) zurückzuführen seien. Deshalb seien Interventionen der Notenbank keine angemessene Antwort. Und weil Pöhl das meinte, hatte der junge Bundesbanker zur selben Stunde in der Frankfurter Devisenbörse nichts zu tun. Das Instrument der Interventionen wolle man aber nicht grundsätzlich auf- geben, ließ Pöhl in Lausanne verlautbaren.

Die Bundesbank mischt, wenn es sein muss, an den Devi- senmärkten auch direkt mit. Sie interveniert, indem sie beim freien Spiel des Kaufens und Verkaufens einsteigt. Wie alle Banken dieser Welt hat auch die Bundesbank ihre Händler an den Monitoren der Agentur Reuters, die je nach Politik und Marktlage tätig werden. Dabei geht es vorrangig um den Dollar. Alle anderen Devisen ordnen sich dann wie von selbst. Ausgefeilte Dollar-Strategien werden da von den Notenbanken in Washington/New York und Frankfurt ent- wickelt. Manchmal werden auch die Japaner mit eingeschal- tet. Alle übrigen Währungen und ihre Notenbanken versin- ken dabei fast in die Bedeutungslosigkeit. Das gilt auch für Paris und London. Bundesbank und Federal Reserve (Fed) helfen sich gegenseitig auch über Swap-Abkommen, in denen sich beide Seiten verpflichten, die für Interventionen benötigten Währungen dem anderen zur Verfügung zu stel- len. Damit ergeben sich drei Ebenen der Interventionsmög- lichkeit: die Börse, der Interbanken-Handel und das ganz große Rad in Kooperation mit den Notenbanken.

Durch die Aufwertung der Mark in der 2. Hälfte der 70er konnten die damaligen horrenden Ölpreissteigerungen für die deutschen Verbraucher leichter verkraftet werden. Öl wird international in Dollar fakturiert. Eine aufwertende D-Mark macht das Öl daher billiger. Sie wirkt sich aller- dings als Pferdefuß bei den Exporten aus. „Wir wollen nur die erratischen Kursbewegungen abmildern“, hat der Pöhl- Vorgänger, Otmar Emminger, immer wieder hervorgehoben. Was sind aber die Gründe für die riesigen Devisenströme, die mit wechselnden Richtungen durch die Weltwirtschaft driften? Die Deutschen haben lange Zeit vielmehr exportiert als importiert und konnten dadurch rund 100 Milliarden Mark an Devisen bei der Bundesbank anhäufen. Der zuneh- mende Wohlstand machte uns über die Jahrzehnte auch träger. Ende der 70er-Jahre war es dann soweit, dass die Deut- schen mehr verbrauchten als sie zu leisten in der Lage oder gewillt waren. Über die gesamte Volkswirtschaft gerechnet, verfrühstückten wir 1980 genau zwei Prozent mehr als wir produzierten. Der abermals gestiegene Ölpreis hat viel dazu beigetragen. Aber er ist nicht an allem schuld.

Rücksichtslos haben sich die Deutschen aus dem Ausland bedient mit Waren und Dienstleistungen (z. B. Urlaub). Sie glaubten auch noch Anspruch darauf zu haben und bezahl- ten die Chose aus den Devisenreserven, die ungehemmt weg- schmolzen. Und so marschierten wir in ein Defizit der außenwirtschaftlichen Rechnung. Die Leistungsbilanz, die all das spiegelt, wurde stark negativ. 1980 fehlten Deutsch- land über 30 Milliarden an Devisen. Auf solche Zahlen rea- gieren die internationalen Devisenhändler sehr nervös. Ihre Meinung ist schnell gebildet: Wer seine Kasse nicht in Ord- nung halten kann, taugt nichts, und wer nichts taugt, dessen Währung taugt erst recht nichts. Die meisten fliehen aus der D-Mark. Die Situation wird umso schwieriger durch die geografische Lage. Wenn in Polen die Russen husten, kommt die D-Mark unter Druck. Raus aus der Mark, rein    in den Dollar heißt dann die Devise. Durch die Finanz- zentren der Welt taumeln ganz erhebliche D-Mark-Beträge: derzeit rund 150 Milliarden Mark. 80 Milliarden Auslands- anleihen und 70 Milliarden Reserven bei den anderen Zen- tralbanken. Dazu kamen viele Milliarden an Liquidität für die deutschen internationalen Handelsgeschäfte.

Für Henke und Hörstel ist das Wichtigste ein freier inter- nationaler Devisenmarkt. Die Währungen müssen konverti- bel, frei handelbar sein. Die zentralen Verwaltungswirt- schaften im Osten halten sich davon fern. Dort setzen die Regierungen den Außenwert ihrer Währungen fest aufgrund eines politisch-wirtschaftlichen Mix. Die freie Marktwirt- schaft im Westen setzt auf das freie Spiel der Marktkräfte, wenn auch die Politik immer wieder mal Wünsche äußert, die von unabhängigen Notenbanken wie der Bundesbank nach Leibeskräften zurückgewiesen werden. Aber auch für gegängelte Ostwährungen bilden sich Märkte, graue Märkte. Bestes Beispiel ist die D-Mark-Ost, die offiziell zur Westmark 1:1 umgetauscht wird, inoffiziell aber für ein Drittel oder ein Viertel der DM-West zu haben ist. Beson- ders die gegenseitigen Besucherströme versorgen den Markt mit der heißen, weil von Ost-Berlin, verbotenen Ware.

Noch lange Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg hatten wir in der westlichen Welt ebenfalls ein System fester Wechsel- kurse, allerdings mit starker wirtschaftlicher Fundierung. Bretton Woods steht als Name dafür, weil das System in den 40er-Jahren dort ausgearbeitet und beschlossen worden ist. Danach wurde auch die D-Mark jahrelang erst mit 4,20, dann mit vier Mark zum Dollar festgesetzt. Doch die wirt- schaftliche Entwicklung in den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik lief stark auseinander. Die D-Mark drängte ständig zur Aufwertung, weil hierzulande (damals) eine soli- dere Finanzpolitik und stabilere Geldpolitik betrieben wurde. Nur eine völlige Freigabe des Kurses konnte wieder die richtigen Relationen herstellen. Otmar Emminger hat sie 1973 durchgepaukt. – Gegen den Widerstand der Bundes- bank wurde am 13. März 1979 das Europäische Währungs- system (EWS) eingeführt, eine Fortsetzung des DM-Blocks, der sich schon mit verschiedenen Zwischenstationen viel früher herausgebildet hatte. Im EWS wurden für die ange- schlossenen europäischen Währungen weitgehend feste Wechselkurse vereinbart, allerdings mit einer Schwankungs- breite von 2,25 Prozent nach oben und unten. Für die italie- nische Lira gelten drei Prozent. Ein Interventionsmechanis- mus wurde ebenfalls eingebaut. Wenn nichts mehr hilft, müssen sich Notenbankgouverneure und Finanzminister treffen, um neue Mittelkurse für die beteiligten Währungen festzusetzen. Realignment heißt diese Prozedur.

Henke und Hörstel sind übrigens Devisenhändler und keine Sortenhändler. Bares interessiert sie beim Börsenpoker nicht. Devisen sind ihre Profession, Guthaben bei ausländi- schen Banken, auf fremde Währung lautendes Giralgeld. Wenn Dostojewski sagt: Geld ist geprägte Freiheit, so kann sich das wirklich nur auf die Sorten beziehen. Für das Giral- geld gilt leider Gottes in zunehmendem Maße: Geld ist ver- buchte Unfreiheit, denn die Verschuldung vieler Länder bei anderen Staaten, also der devisenschwachen Länder bei den reichen Ölstaaten z. B., nimmt schon beängstigende Formen an. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer bekommen auf den internationalen Märkten wie in Luxemburg, Lon- don und New York kein Geld mehr und sind damit in die totale Abhängigkeit der Gläubigerländer geraten. Henke und Hörstel interessiert das wenig. Sie lassen an ihrem Selbstverständnis nicht rütteln, weil sie mit ihrer Kursfin- dung ganz wichtige Elemente des freien Marktes sind. Aus- gleich von Angebot und Nachfrage heißt ihr Auftrag, welche Schurkenstaaten auch immer hinter den Währungen stehen.