Mit seinem Buch „Euro – Wie er wurde, was er ist“ hat Christoph Wehnelt ein profundes Werk über die deutsche Geldgeschichte nach 1945  vorgelegt. – 3. und letzter Teil

Konkordat, Kapinski und die leidige Kapitalflucht

In das internationale Finanzgeschäft hat sich ein neuer Begriff eingeschlichen, der mit einem sehr traditionsreichen Wort belegt ist: Konkordat. Konkordate schlossen bisher die Päpste mit weltlichen Machthabern, um den Einfluss der katholischen Kirche in den jeweiligen Staaten sicherzustellen. Die Päpste des Kapitalismus, die Notenbankgouverneure, haben jetzt in Basel ebenfalls ein Konkordat geschlossen. Es schreibt Grundregeln für die internationale Bankenaufsicht fest. Bei rechtem Licht besehen maßen sich damit die Zentralbankchefs gesetzgeberische Befugnisse für das von ihnen vertretene Land an und schließen gleichzeitig internationale Verträge, zu denen sie auch nicht berechtigt sind. Die Bundesbank beschwichtigt: „Dieses Konkordat gibt rechtlich unverbindliche Empfehlungen für die Zusammenarbeit der das Konkordat tragenden Bankenaufsichtsbehörden bei der Überwachung der Auslandsniederlassungen von Banken; das sind Zweigstellen,  Tochterbanken und Gemeinschaftsunternehmen.“

Tatsächlich ist es aber so, dass die Zentralbanker des Zehnerclubs (USA, Kanada, Frankreich, England, Japan, Deutschland, Österreich, Italien, Benelux) und der Schweiz Richtlinien für die Bankenaufsicht im Muttertochter-Verhältnis verabschiedet haben, an die sich alle peinlichst genau halten wollen und werden. Sie sehen das „Unverbindliche“ als sehr verbindlich an. Das hat auch seine Berechtigung. Die Bankenaufsicht über die Grenzen hinaus ist eine Notwendigkeit, die aus der zunehmenden Verflechtung der internationalen Finanzmärkte resultiert. Nur so kann ein möglicher Flächenbrand von Bankpleiten, der das weltweite Finanzsystem gefährdet, vermieden werden. Und weil die Parlamente in den jeweiligen Ländern nicht in der Lage sind, zügig notwendige Gesetze und Verordnungen zu verabschieden und – über ihre Regierungen in angemessenen Zeiträumen – internationale Verträge über den Austausch von Daten zu schließen, haben die Notenbankpräsidenten handeln müssen. In den westlichen Demokratien gehören Zentralbanksysteme immer noch zu den best funktionierenden Organisationen.

 

Das Baseler Konkordat wurde unter Federführung von W. P. Cooke erarbeitet. Er ist in der Bank of England der Chef für die Bankenaufsicht. Cooke leitet gleichzeitig  den entsprechenden Ausschuss der „Elfer-Gruppe.“ Acht Jahre wurde an den zehn Schreibmaschinenseiten formuliert. Dabei hatten die Herren schon eine handliche Vorlage für den jetzt verabschiedeten Text, nämlich das Konkordat von 1975. Bei diesem hatten sich aber Ungereimtheiten gezeigt und mit der Zeit eklatante Schwachstellen aufgetan. Damals hatte man zum Beispiel übersehen, dass eine amerikanische Tochterbank, die irgendwo in Europa tätig ist, in den USA selbst keine Bank als Mutter haben muss. Eine Industrieholding kann ebenfalls Muttergesellschaft sein. Das warf aufsichtsrechtliche Probleme auf.

 

„Umfassen Gruppen sowohl Banken als auch Nichtbanken,“ heißt es jetzt im Konkordat 82, „so sollten sich die Bankenaufsichtsbehörden und die für die Beaufsichtigung der Nichtbanken zuständigen Behörden möglichst miteinander in Verbindung setzen insbesondere, wenn das Nichtbankengeschäft finanziellen Charakter hat.“ – Die Formulierung ist so schön, dass jeder Eingeweihte genau weiß, wo der Hammer hängt. – Und wenn das Nichtbankengeschäft nicht angemessen beaufsichtigt werden kann, sollten sich die Bankenaufsichtsbehörden bemühen, die aus dem Nichtbankengeschäft solcher Gruppen für das Bankengeschäft entstehenden Risiken möglichst auf ein Minimum zu begrenzen.

 

Ekkehard Bauer, der seitens der Bundesbank in dem Cooke-Ausschuss sitzt, weiß noch zwei andere, wichtige Punkte, die erstmals ins Konkordat aufgenommen wurden:

  • die Konsolidierung der Bankbilanzen und
  • die Negativaussage über die Verantwortlichkeit der Zentralbanken als lender-of-last-resort. Die Zentralbanken können also nicht (als letzte Quelle) zur Kasse gebeten werden, wenn eine Bank-Insolvenz droht oder schon eingetreten ist.

Der Leiter der Hauptabteilung B – Banken, Mindestreserven – Bauer  betont. „Den Aufsichtsbehörden wird empfohlen, international tätige Banken auf der Grundlage konsolidierter Daten zu überwachen.“ Dieses Aufsichtsprinzip, das sich weltweit immer mehr durchsetzt, in der Bundesrepublik bisher noch nicht verwirklicht werden konnte, ermöglicht es den Behörden des Mutterlandes, die Kreditrisiken und die Angemessenheit des Eigenkapitals sowie der Liquidität von Bankkonzernen zu kontrollieren. „Die Verantwortung der Behörden des Gastlandes für die Bankenaufsicht von Niederlassungen wird dadurch allerdings nicht geringer,“ mahnt die Bundesbank.

 

Für die Beaufsichtigung der ausländischen Niederlassungen von Banken gibt es nach dem Konkordat zwei Grundprinzipien, die für die Zusammenarbeit maßgebend sind und die Konsultationen und Kontakte zwischen den betreffenden Behörden des Gastlandes und des Mutterlandes verlangen: erstens sollte keine ausländische Bankniederlassung der Beaufsichtigung entgehen und zweitens sollte die Beaufsichtigung ausreichend sein. Bei der Verwirklichung dieser Grundsätze sollten die Behörden des Gastlandes sicherstellen, dass die Behörden des Mutterlandes unverzüglich über etwaige ernstliche Probleme, die sich bei der ausländischen Niederlassung ergeben, informiert werden. Das gleiche Procedere allerdings in umgekehrter Richtung wird verlangt, wenn es der Mutter einmal schlecht geht.

 

Wie eine doppelte Buchführung stellt das Baseler Konkordat eine doppelte Bankenaufsicht her, bei der die Partner (Mutter- und Gastland) fast gleich verantwortlich sind. Funktioniert eine der beiden Aufsichtsbehörden nicht richtig, erhält die andere weitgehende Vollmachten, entweder die Mutterbank im eigenen Land zu zwingen, die Tochter im Ausland zu schließen, falls dort sich Risiken aufbauen, oder aber die ausländische Niederlassung in ihrem Hoheitsgebiet die Lizenz zu entziehen und damit zu verbieten.

 

Kavaliersdelikt Kapitalflucht  – große Schieber auf allen Ebenen

 

Fritz Kapinski  (45) will sich ein schönes Wochenende in Basel machen. Am Badischen Bahnhof, noch auf deutscher Seite, drückte der Berliner seiner Freundin einen Aktenkoffer in die Hand: „Halt doch mal.“ Sie hielt bis beide durch den Zoll geschlendert waren. „Eben hast du 170 000 Mark über die Grenze geschmuggelt,“ eröffnete er dann feixend seiner Begleitung die wahren Umstände. Der Fall ist echt, der Name falsch. Das Geld war in Berlin schwarz verdient und verschwand nun auf Schweizer Konten. Die Schweizer Banken beobachten neuerdings den verstärkten Zufluss von deutschem Geld und freuen sich darüber. Dabei spielen politische Ängste, Steuerflucht sogar die geplante Abschaffung  des Bauherrnmodells eine zunehmende Rolle. Wenn das letzte Loch des Steuersparens in Deutschland gestopft wird, legen die Großverdiener am Fiskus vorbei ihr Geld im Ausland an. Luxemburg, Liechtenstein, Schweiz und Österreich sind bevorzugte, weil nahe Ziele.

 

Im Januar und Februar 1983 kam noch ein politisches Motiv dazu. Kurz vor der Bundestagswahl am 6. März wurden 1000-Mark-Scheine Mangelware, zumindest im Inland. Die Bundesbank musste in Eilaufträgen die braunen Lappen nachdrucken lassen. Bei einem Wahlsieg der Linken wollten gewisse Kreise liquide genug sein, wenigstens Teile ihres Vermögens unkompliziert ins Ausland transferieren zu können, oder selbst gleich damit abzuhauen. Die Angst im März war übertrieben. Der wohlhabende Bundesbürger baut aber vor und hat damit schon zu Zeiten der sozialliberalen Koalition begonnen. Er ist nach den Hessen-Wahlen auch nicht sicher, ob eines Tages nicht doch die rotgrüne Front Deutschland regiert. Dann soll wenigstens das Sparschwein im Ausland gefüllt sein, koste der Franken, koste der Dollar, was er wolle.

 

So sind schon deutsche Gelder in Milliarden-Höhe, zu den Eidgenossen, ins Großherzogtum und nach Florida abgeschwommen. „Das ist keine Kapitalflucht,“ beteuert Theodor Schmidt-Scheuber, der Chef der ABD Securities Corp., „sondern die weise Voraussicht des deutschen Anlegers international zu diversifizieren.“ ABD, eine Tochtergesellschaft der Dresdner Bank, hat sich auf die steuerbegünstigte Kapitalanlage besonders für die deutsche Klientel spezialisiert. Das reicht von hohen Disagios bei niedrig verzinslichen Altanleihen bis zu den mafiotischen Steuerparadiesen in Curacao, Nassau, Panama City und anderswo. Die Gründung einer offshore-Investment-Gesellschaft machen amerikanische Anwälte leicht. Die Briefkastenfirma kostet 1000 bis 1500 Dollar, ihre jährliche Verwaltung 250 Dollar. Je größer das Wertpapierpaket, das dort gehalten wird, um so höher ist die Steuer- und Kostenersparnis.

 

Was die deutschen neuerdings praktizieren, ist für Italien und Frankreich ein altes Problem. Vor jeder Wahl, vor jeder Abwertung der eigenen Währung und nach jedem Sozialisierungsgetöse setzen sich dort Milliarden in Bewegung, trotz aller Devisenbeschränkungsmaßnahmen. Nur ab in die Schweiz und nach Amerika heißt dann die Devise bei weniger redlichen dafür um so reicheren Sparern und abgefeimten Geldschiebern. Ein solches Devisenfieber hatte vor wenigen Tagen auch Israel geschüttelt. Die Sortenschalter der Banken in Jerusalem und Haifa mussten geschlossen werden, weil keine Dollars, keine D-Mark und keine Schweizer Franken mehr vorrätig waren. Ausverkauf der Hartwährungen. Per Luftfracht mussten die begehrten Scheine aus Zürich und Frankfurt eingeflogen werden. Die Israelis waren nervös geworden, als sie hörten und lasen, dass die Auslandsschuld ihres Kleinstaates 23 Milliarden Dollar beträgt, die Leistungsbilanz mit fünf Milliarden Dollar defizitär ist, die Devisenreserven auf drei Milliarden Dollar zusammengeschrumpft sind und eine Abwertung bevorsteht. Die Flucht aus dem Schekel kostete diesmal rund 50 Millionen Dollar Devisenreserven.

 

„Kapitalflucht hat wie die Spekulation eine gewisse Ordnungsfunktion. Sie deckt Fehler auf.“ Wolfgang Rieke kennt sich in diesen Dingen aus. Er ist bei der Deutschen Bundesbank Leiter der Abteilung Internationale Währungsfragen J. Aber auch Rieke kann nicht leugnen, dass die internationale Kapitalflucht der jüngsten Zeit das kapitalistische Finanzsystem an den Rand des Chaos gebracht hat. Der Chinese Man aus der Kronkolonie Hongkong behauptet sogar: „Für Geld gibt es nur einen wirklich sicheren Platz in der Welt: US-Dollars, US-Banken und amerikanischer Boden, weit weg von den aggressiven Kommunisten in Rot-China und der Sowjetunion.“ Mr. Man fürchtet um sein lukratives Geschäft in der britischen Kronkolonie und investiert nun in US-Immobilien.

 

„Der Dollar ist die begehrteste Fluchtwährung,“ weiß Henry C. Wallich, Mitglied der US-Notenbank. Daher erkläre sich auch der hohe Kurs der US-Währung. Die traditionelle Fluchtwährung der Europäer heißt aber Franken, der sichere Hort Schweiz. Mehr und mehr wird in die „internationalen Anlage Überlegungen“ auch wieder die Bundesrepublik und neuerdings Japan mit einbezogen. „Wo sollte man sonst noch investieren,“ fragt Hans Friderichs, Chef der Dresdner Bank. Geldanlage ja, aber möglichst weit weg vom eigenen Fiskus, möglichst nur in Hartwährungen und bestimmt in politisch sicheren Häfen.  Das Schlimme dabei ist, dass die Kapitalströme auf den Kopf gestellt wurden. „Richtig wäre, dass die kapitalstarken Industrienationen mit kleinem Wirtschaftswachstum in die kapitalschwachen  Entwicklungs- und Schwellenländer mit hohem Wachstumspotential investieren,“ weiß ein Bundesbanker, „dorthin also ihr Kapital exportieren.“ Diese Maxime kann natürlich kaum für die privaten Anleger gelten.

 

Das Kapital hat weltweit die Flucht in die sicheren Häfen angetreten.  Nach Schätzungen New Yorker Banken sind seit 1975 sogar 120 Milliarden Dollar aus den Entwicklungsländern abgeflossen. Sie wurden in Hotels von Miami bis San Francisco, in Holiday-Parks und Spielhöllen, in Aktien und Rentenpapieren angelegt. Dem amerikanischen Präsidenten wurde es dadurch leicht gemacht, seine Defizite zu finanzieren. Auch schweizerische Banken kamen zu preisgünstigen Einlagen und die Frankfurter Metallgesellschaft erhielt einen neuen Großaktionär: die Afro-American Investment Holding Co., Cayman Island, die seit Anfang 1983 gemeinsam mit der Dresdner Bank etwa ein Drittel des Kapitals des Frankfurter Metallriesen hält, und zwar über die GMW Gesellschaft für Metallwerte mbH, Frankfurt.

 

Die Verarmung des westafrikanischen Staates hat dort offenbar einige Leute reich gemacht. Afro-Manager Egunjobi hat für den Einstieg bei der Metallgesellschaft an die Dresdner Bank über 100 Millionen DM bezahlt. Sie sollte dies als Trostpflaster für ihre notleidenden Nigeria-Risiken verstehen. Das Geld hat die nigerianische Volkswirtschaft verloren. Dabei gehört Nigeria zu den Pleite-Ländern der ersten Garnitur und bräuchte jeden Pfennig. Egunjobi war nicht so töricht, die ihm von den nigerianischen Mit-Ausbeutern unvertrauten hohen Summen nur in dividendenlose Papiere wie den MG-Aktien zu investieren. Hier glaubte er noch an Substanzwachstum.  Die Afro-American gehört nigerianischen Financiers und steht unter Renditezwang wie der Fondsmanager eines deutschen Investmentfonds. Weil aber in Nigeria kaum noch Gewinne zu machen sind und vor dem eigenen Fiskus die Milliarden nicht mehr zu verbergen wären, haben er und seine Freunde im Lande abgeräumt: Kapitalflucht nach Cayman Island.

 

„Gäbe es die Kapitalflucht nicht“, so ein Banker in der New Yorker Wallstreet, „hätten wir zwar immer noch internationale Verschuldungsprobleme, aber keine Finanzkrise dieses Ausmaßes.“ „Kapitalflucht beschleunigt, vergrößert und verschlimmert die bestehenden Probleme,“ meint Rimmer de Vries von der Morgan Guaranty. Der verhängnisvolle Kreislauf begann mit zu hohen Krediten für Länder wie Mexiko, Brasilien, Argentinien etc., die wegen eklatanten Risikos mit enormen Zinsen ausgestattet waren. Gleichzeitig setzte die Kapitalflucht der Schwerreichen ein. „Das ist wie bei einer Bluttransfusion, wo der Patient gleichzeitig zur Ader gelassen wird,“ grübelt ein Frankfurter Volkswirt. „Das gilt für alle Hauptschuldenländer.“

 

Das mexikanische Handelsministerium hat festgestellt, dass dem Land allein im 1. Halbjahr 1983 durch Manipulationen in den Exportrechnungen der Firmen und durch schwarze Verkäufe über die Grenze in die Vereinigten Staaten etwa sechs Milliarden Dollar an Devisen verloren gegangen sind. Selbst wenn diese Zahl übertrieben sein sollte, heißt es in Berichten aus Mexiko-Stadt, könne nicht geleugnet werden, dass beachtliche Dollar-Beträge aus dem Export auf Konten im Ausland geblieben sind. Um einer solchen Entwicklung vorzubeugen, hat Argentinien jetzt kurzerhand alle Auslandskonten für 60 Tage eingefroren. „Die Gründe für die Kapitalflucht,“ so William R. Cline vom Institute for International Economics, Washington D.C., „liegen überwiegend in den verfehlten Wirtschafts-, Finanz- und Devisenpolitiken der betroffenen Länder.“  Besonders Venezuela und Mexiko geben hierfür ein schlechtes Beispiel ab. Der Grundfehler war hier die Aufrechterhaltung eines überhöhten Wechselkurses bei völliger Konvertibilität der Währung, kombiniert mit einem inländischen Zinsniveau, das keinerlei Anreize für die Investoren bot also zu niedrig war. Das Geld bekam unredliche Füße.  Das hatte zur Folge, dass 1982 die offiziellen venezolanischen Auslandsguthaben um acht Milliarden Dollar kleiner wurden, obwohl die laufende Rechnung der Notenbank nur mit 2,2 Milliarden Dollar im Defizit war.

 

Ähnliche Irrtümer und Steuerungsfehler bescherten Mexiko schon 1981 Kapitalabflüsse von 8,4 Milliarden Dollar, die sich ein Jahr später in ähnlicher Höhe fortsetzten. Damit addiert sich allein in diesen beiden Jahren die mexikanische Kapitalflucht auf über 17 Milliarden Dollar. In Argentinien verursachten die finanzpolitischen Fehlleistungen und der Falkland-Krieg einen Kapital-Exodus von rund 11,2 Milliarden Dollar. Die Kapitalflucht hat in Argentinien und Venezuela nahezu ein Drittel der Gesamtverschuldung ausgemacht, in Mexiko ein Fünftel. Bei Brasilien liegen die Dinge kaum anders.

Die eingeleitete Anpassungspolitik war meist auch nicht erfolgreich.

 

Die Brasilianer gingen hier zur hart ans Werk und verursachten damit eine Rezession, die bis heute noch anhält. Cline: „Ihre Wirtschaftspolitik war es, die die Krise mit verursachte.“ Nach dem ersten Ölpreisschock verfolgte die brasilianische Regierung eine riskante Strategie möglichst hoher Wachstumsraten, die auf zunehmende Auslandsverschuldung basierte, die wiederum nur durch wachsende Exporte hätte bedient werden können. Das Kartenhaus brach zusammen, als die Weltwirtschaft zurückging. „1981 versuchte Brasilien nochmals eine harte Anpassungspolitik in die falsche Richtung und prompt war die internationale Bankengemeinschaft der Meinung, dass die Wirtschaft richtig gesteuert würde.“ (Cline) Entsprechend großzügig blieb ihre Kreditvergabe basierend auf falschen Erkenntnissen und Analysen. Sie finanzierten damit zumindest teilweise auch die Kapitalflucht.

 

„Erst hatten die westlichen Banken den roten Teppich für die Kreditnehmer großzügig ausgerollt, dann aber zu abrupt wieder eingezogen“, tadelt Fritz Leutwiler, Präsident der Schweizerischen Nationalbank. „Beides war falsch.“  Kredite, die die Banken herauslegten, hätten sie ebenso rechtzeitig stoppen müssen wie das Fluchtkapital, das sie in wachsendem Maße vereinnahmten. Heute muss die Bankengemeinschaft unfreiwillig denselben Kreditbetrag nachschieben, den sie vorher den Schuldnern nachgeworfen haben. Die vom Internationalen Währungsfonds und den G-7-Regierungen verordneten Zwangskredite erreichen 50 bis 75 des bisherigen Kreditvolumens, vermutet Hanns Christian Schroeder-Hohenwarth, Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, und Geschäftsinhaber der BHF-Bank. „Und wenn es nicht gelingt, die Mittel aufzubringen, kracht das System. Die Finanzkrise wird erst dann endgültig gebannt sein, wenn die Fluchtgelder wieder nach Hause zurückkehren.“

 

Deutsche Banken zeigen Flagge am Finanzplatz New York

Schatzminister Miller, der sich beim Regieren sonst wenig um die Auslandsbanken und deren Wünsche schert, musste umdenken. Die DG-Bank hatte den Treasurer, der in der Chrysler-Affäre die Vermittlung übernommen hatte, ins Abseits laufen lassen. Mit einem 10-Millionen-Dollar Scheck von VW an Chrysler, der über ihre Filiale in New York lief, hat die DG-Bank ihr Konto gegenüber der US-Autofirma glatt gestellt. Von diesem Zeitpunkt an war ihr der Restrukturierungsplan für die Chrysler-Schulden schnuppe. Miller läutete schließlich den DG-Bank-Chef, Helmut Guthardt, an und weil er ihn in Frankfurt nicht erreichte, holte er ihn in Hongkong aus dem Bett. In ungewohnt freundlicher Ausdrucksweise warb Miller, dass sich das Spitzeninstitut der Kreditgenossen der internationalen Gläubiger-Gemeinschaft anschließt, weil sonst die ganze Chrysler-Sanierung in Frage stehe. Guthardt mimte einen entgegenkommenden Gläubiger und behielt das Geld.

 

In der amerikanischen Finanzwelt wächst nach und nach der Respekt vor den Auslandsbankern. Sie nehmen sie ernst und bekämpfen sie dementsprechend, wenn es sein muss auch mit Schlägen unter die Gürtellinie. Die Union-Investment hat einen solchen Tiefschlag einstecken müssen, als ihr nach elfjährigen Zulassungsbemühungen um den US-Vertrieb ihrer Investmentanteile eine fadenscheinige Absage der Wertpapieraufsichtsbehörde (SEC) ins Haus flatterte. Bankier Graf Galen, Aufsichtsratsvorsitzender der Union: „Die SEC hat dem rein protektionistischen Agitieren des amerikanischen Investmentverbandes bewußt Vorschub geleistet.“ Dass ist ein harter Vorwurf an eine – unabhängige – Behörde in New York, mit der die dortigen deutschen Banken tagtäglich zu tun haben. Bestechung könnte auch im Spiel sein, doch spricht man am Bankenplatz New York nicht darüber.

 

Das Gleichgewicht der Kräfte in der Finanzwelt Manhattans wird durch einen starken Auslandsbankenverein so gut wie möglich arrangiert. Als Chef der ausländischen Finanzlobby (225 Mitglieder) an der Wallstreet zeichnet derzeit Kurt Zimmerling, einer der drei Filialleiter der Dresdner Bank New York. Er versucht Eklats möglichst zu vermeiden, um so effektiver sei die Arbeit, meint er. Neben den Erfolgen sind aber immer wieder typisch amerikanische Seitenhiebe wegzustecken. Die Lobby des Institutes of Foreign Bankers konnte immerhin erreichen, dass die neuen Reserve-Regelungen nach dem Monetary Control Act 1980 nicht nur auf die Auslandsbanken angewandt werden, sondern künftig für alle Kreditinstitute in den USA gelten, auch für die heimischen, die bisher befreit waren. Allerdings nicht verhindern konnte das Institut, dass den inländischen Banken eine Übergangsfrist von sieben Jahren zugestanden wurde, während sich die Ausländer innerhalb von zwei Jahren anpassen mussten.

 

Beispiele dieser Art gibt es viele. „Jeden Tag,“ so Zimmerling, „ist man mit irgendwelchen Veränderungen konfrontiert. Um Schlimmeres zu verhüten, haben wir als Auslandsbanken gelernt, bei aller Bescheidenheit Flagge zu zeigen.“ Und die Deutschen zeigen so gut es geht Muskeln. „Wer Stärke ahnen lässt, wird geachtet,“ hat auch schon Detlev Staecker, einer der Fillialleiter der Deutschen Bank erfahren können. „Damals als Gerüchte umliefen, wir kaufen einen Turm des World Trade Centers, haben die meisten Amerikaner erst gemerkt, welche Potenz hinter uns steckt.“  Doch die Yankees lernen langsam, wissen die Deutsch-Banker. Um den Eindruck eines Kräfte strotzenden Europäers, dem man Geld anvertrauen kann, noch zu unterstreichen, kam im Mai 1982 die Spitze des Vorstands in die Finanzmetropole gereist und zelebrierte eine Top-Präsentation vor Bankern, Brokern und Presse.

 

Der Erfolg hätte größer sein können. Noch vor wenigen Wochen (im Sommer 83) verlangte eine US-Bank vor Aufnahme der Geschäftsbeziehungen mit der Deutschen Bank die Zusendung der letzten drei Geschäftsberichte. Die Nr. 1 in Deutschland und Europa rangiert in New York auf den hinteren Plätzen. Sie übernimmt aber die größten Anstrengungen auch dort eines Tages ganz vorne mitzuspielen. Das Schuldenmanagement während der Krisen mit Mexiko und Brasilien half dem Bekanntheitsgrad und dem Image etwas auf die Beine. Staecker: „Hier am Platz New York erreichen die deutschen Banken jeweils ein Volumen von zwei bis vier Milliarden Dollar. Größer sind die Schweizer und der Credit Lyonnais.“ Staecker weiß aber auch, dass unter den deutschen Bankniederlassungen zwischen Hudson und East River die Commerzbank die Führungsposition innehat, sie aber gegen die Dresdner Bank immer wieder verteidigen muss.

 

Die Deutsche Bank, die West-Lb, die DG-Bank und andere folgen in wachsendem Abstand. „Unser Volumen übersteigt vier Milliarden Dollar,“ strahlt Klaas Peter Jacobs, der New Yorker Commerzbank-Chef. Sein Kollege von der Dresdner Bank, Michael Fritzsche, streitet dies zum Teil ab: „Da muss Jacobs aber die Interbanking Facilities mit eingerechnet haben.“ Richtige Angaben über die Geschäfte der deutschen Banken in den USA sind Mangelware. Die Kreditinstitute arbeiten nämlich in drei Taschen. Lassen sie in die eine etwas Licht, halten sie die beiden anderen zu. Über die Bankfilialen wird nicht nur das US-Inlandsgeschäft abgewickelt, sondern in getrennter Rechnung auch die Posten, die über Cayman Island laufen und – ebenfalls separat – die Engagements der Interbanking Facilities (IBF),  also die des Banken-Freihandelsplatzes New York.

 

Und weil das Kreditgeschäft in den USA streng vom Investmentbanking getrennt ist, unterhalten die großen ausländischen Institute auch noch Beteiligungen an Investmentbanken. Die Commerzbank ist an der EuroPartners Securities beteiligt. Die Deutsche Bank besitzt die Atlantic Capital Corp. Und die Dresdner Bank hält gemeinsam mit der Bayern Hyp die ABD Securities Corp. „Als wir 1971 als erste deutsche Bank hier unsere Branch aufmachten,“ erinnert Commerzbanker Jacobs, „wollten wir zunächst der Exportkundschaft folgen.“ Dann wurde bei den multinationalen Konzernen akquiriert, die auch in Europa tätig sind, und jetzt gehören alle Großfirmen zur möglichen Klientel. Zum Dokumenten- und Kreditgeschäft kamen Geld-, Gold- und Devisenhandel. Über die Vermittlung von Beteiligungen haben sich die deutschen Banken auch Eingang in viele Konsortien verschafft, wenn es das eine oder andere Mal auch besser gewesen wäre, die Finger davon zu lassen.

 

Außer bei Chrysler hängen die deutschen Banken mit hohen Millionen-Engagements bei International Harvester, bei National Car, bei Wickes (Kal.) und anderen Pleitefirmen drin. Und alle auf Primerate vereinbarten Südamerika-Kredite stehen in den Büchern der New Yorker Niederlassungen. „Wir schreibe alle schwarze Zahlen,“ beteuert Staecker von der Deutschen Bank, „aber der Markt ist sehr schwierig.“ Franzosen und Japaner haben die Preise verdorben. Die Kostendeckung ist kaum noch gewährleistet. Außerdem nimmt der Druck auf die Provisionen für die Bereitstellung von Krediten zu.  Gab es früher noch ein halbes Prozent, sind jetzt ein Viertel schon eine Seltenheit. „Dennoch wollen wir hier allesamt expandieren als Großhändler bei Krediten und Einlagen aber auch als Investment-Banker.“ Staecker nennt dafür diese Gründe:

  • Der wichtigste Markt der Welt hat für uns kein Länderrisiko.
  • Hier werden die Finanzstrategien der meisten multinationalen Firmen entworfen. Da müssen die Deutschen von Anfang an dabei sein und
  • Amerika bietet die besten Möglichkeiten für die Kapitalanlage in Wertpapieren und Immobilien.

 

Allein die Deutsche Bank hat seit 1975 in Nordamerika fünf geschlossene Immobilienfonds aufgelegt. 8000 Anleger, die meisten Europäer, haben da für 250 Millionen Dollar Anteile gezeichnet. Die Investmentbank Atlantic Capital hat darüber hinaus für einige hundert Millionen Dollar Wertpapiere an die überseeische Kundschaft in Europa verhökert. Die Deutsche Bank hat sich sogar einen Sitz an der New York Stock Exchange geleistet. „Atlantic Capital soll so nah wie möglich am Markt sein.“ Die Strategie hat sich allerdings noch nicht ausgezahlt. Atlantic Capital machte im vergangenen Jahr Verluste. Auch die EuroPartners, die überwiegend zur Commerzbank und dem Credit Lyonnais gehören, schrieben rot. „Wir dagegen,“ so Theodor Schmidt-Scheuber, Präsident der ABD, „hatten ein gutes Jahr und werden 1983 absolute Spitzenergebnisse vorlegen.“ Schmidt-Scheuber kann schon auf eine starke Vergangenheit in den USA zurückblicken. In den 70er Jahren hatte er es zum Präsidenten der Bostoner Börse gebracht. Deutschland war wieder wer und Schmidt-Scheuber ganz oben.

 

„Von dem jährlich 100 Milliarden Dollar Bond-Markt werden etwa zehn Prozent von Deutschen übernommen. Beachtliche Beträge liefen dabei über die ABD.“ Das Portfolio-Volumen übersteigt bereits zwei Milliarden Dollar. Selbst amerikanische Pensionsfonds arbeiten eng mit Schmidt-Scheuber zusammen. „Wir sind die größte ausländische Investmentbank,“ freut sich der deutsche „Dynamo“, wie die Amerikaner ihn ganz salopp nennen. Mit der Freiheitsstatue im Rücken und Wall Street vor Augen entwickelt Schmidt-Scheuber seit einiger Zeit ganz neue Anlagestrategien im Hochhaus am Battery Park Nr. 1, am südlichsten Zipfel von Manhattan. Eines Tages will er es mit den größten Brokern an der New Yorker Börse aufnehmen. „Ein einziger Sitz dort ist gar nichts,“ hackt er auf die Deutsche Bank. Er braucht fünf oder acht. Schmidt-Scheuber versteht sich auf das Bodybuilding am größten Finanzplatz der Welt. Er weiß: „Nur der Stärkere setzt sich hier durch.“

 

Als Abs auf dem Heiligen Stuhl Platz nehmen wollte

(Deutsche Bank 1)

Hermann Josef Abs hat seine kurialen Schwierigkeiten. Der Berater des Papstes kommt mit der Sanierung der Vatikan-Finanzen nicht recht weiter, obwohl er dem Heiligen Vater eine detaillierte Studie, fast eine Enzyklika über den Weg aus der Krise vorgelegt hat. Abs selbst schweigt sich über die Gründe aus, die das heilige Consilium bewegen könnten, so starr und ohne jede Kreativität in den bisherigen Positionen zu verharren. Dabei ist Gefahr im Verzug. Der – bereits abgelöste – Kardinal Finanzsekretär war mit seinen Spekulationen in verdächtige Nähe der Mafia geraten. Ein Bankier wurde erhängt aufgefunden.

 

So viel zum Hintergrund warum der geniale Deutsch-Banker und gläubige Katholik, der schon die Auslandsschulden des untergegangenen 3. Reiches im Londoner Schulden-Abkommen geregelt hatte, mit dem Heiligen Stuhl in direkten Kontakt gekommen ist, warum der Papst ihn mit der systematischen Aufarbeitung der Finanzfrage betraute. Aber das Geschäft stockt seit Wochen. Ein Vorstandskollege vermutet – und hier werden wieder alt hergebrachte Legenden um den Ehrenvorsitzenden der Deutschen Bank wach: Abs habe dem Papst vorgeschlagen zurückzutreten, um die Tiara selbst zu übernehmen. Denn nur ex Cathedra könne er die Sanierung der Kirchenfinanzen einleiten und durchführen. Wer A sagt, muss auch B und S zu stottern in der Lage sein.

 

Als Abs vor 45 Jahren (1937) sein Leben als Privatbankier mit hohen Bezügen und wenig Macht aufgab, das Bankhaus Delbrück Schickler & Co. verließ und in den Vorstand der Deutschen Bank eintrat, verglich er den damaligen Job mit dem eines Organisten an einer Zweimanual-Orgel mit 36 Registern. „Nun wurde mir plötzlich eine schlechter bezahlte Stelle allerdings als Domorganist angeboten, mit einer wundervollen Orgel, fünf Manualen und 72 Registern. Ich habe diese Berufung in den Dom angenommen, weil das größere Instrument mir ein angemesseneres zu sein schien.“

 

Der gebürtige Bonner hat in Berlin und Frankfurt Jahrzehnte das Instrument „Deutsche Bank“ virtuos beherrscht. Er war der Macher, der die Grundlagen der Prosperität für die größte deutsche Geschäftsbank gelegt hat. Er hat entscheidend dazu beigetragen, die Marktposition seines Instituts nach dem Krieg wieder aufzubauen und zu festigen.  Die Deutsche Bank ist heute die

  • größte Sparkasse der Republik,
  • größte Kreditgeberin für Private und Firmen,
  • Marktführerin beim Termingeld,
  • Größte Effekten-Händlerin,
  • Führerin im Eurobond-Markt

Sie besitzt die

  • größte Publikumsfonds-Gesellschaft DWS,
  • größte Spezialfonds-Gesellschaft DEGEF,
  • eine der größten Hypothekenbanken, die Frankfurter Hyp,

Über die Deutsche Bank läuft die Finanzierung von

  • einem Viertel des deutschen Aussenhandels bzw.
  • einem Drittel des Osthandels.
  • Sie hat fast fünfeinhalb Millionen Kunden.

 

Vorstandssprecher Friedrich Wilhelm Christians ist es zufrieden: „Wir sind die Bank der Banken.“  Gutgläubige ausländische Adressen schreiben denn auch immer mal wieder an die Deutsche Bank und meinen die Bundesbank. Die Verwechslungsgefahr liegt auf der Hand. Dies um so mehr als Werner Blessing im Vorstand der Deutschen Bank sitzt und Karl Klasen im Aufsichtsrat. Wer kann hinten in Asien, im mittleren Afrika oder südlichen Amerika schon wissen, dass es sich bei dem einen um den Sohn des ehemaligen Bundesbankpräsidenten handelt und beim anderen die präsidialen Bundesbank-Zeiten längst vorbei sind. Ganz abgesehen davon, dass Vorstandssprecher Wilfried Guth auch schon fast einmal Bundesbankpräsident geworden wäre und Karl Otto Pöhl, der es in Konkurrenz zu ihm geschafft hat, mit einiger Wahrscheinlichkeit mit Guth auch getauscht hätte, wenn das irgend möglich gewesen wäre.

 

Zwar ist die Position eines Bundesbankpräsidenten nicht schlecht, aber man wird nicht reicht dabei, monieren die Betroffenen. Bestenfalls gelingt es den Zentralbankern durch eine entsprechende Geldpolitik – wie in den vergangenen anderthalb Jahren – die Banken reich zu machen. Es könnte schon ein Akt sozialer Gerechtigkeit sein, Bundesbankpräsidenten wenigstens interimistisch zu Sprechern der Deutschen Bank zu machen. Die so kreierten Topmanager der Geschäftsbank hätten dabei noch eine Gelegenheit mehr, sich in nationaler Verantwortung zu üben. Die totale Verwirrung zwischen Bundesbank und Deutscher Bank lieferte dann am 7. April 83 das Fernsehen. Um 21.45 h meldete Hessen 3: Der Zentralbankrat hat keine kreditpolitischen Beschlüsse gefasst. Es wurde lediglich der Gewinn der Deutschen Bank bekanntgegeben, insgesamt 11,2 Milliarden Mark.

 

Da hatte sich in zweifacher Hinsicht ein Fehler eingeschlichen. Die Deutsche Bank hatte zwar 1982 ihr bestes Jahr der Nachkriegszeit. Trotzdem lag ihr ausgewiesener Gewinn noch im einstelligen Milliarden-Bereich. Außerdem hat Anfang April der Deutsche Bank-Vorstand und nicht der Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank eine eminent wichtige kreditpolitische Entscheidung getroffen, nämlich als Marktführerin den Spareckzins auf drei Prozent gesenkt, so dass dem deutschen Sparer übers Jahr unversehens einige Milliarden Zinserträge aus dem Konto fallen, besser gesagt gar nicht dort ankommen. Wenn die Deutsche Bank mit solchen Entscheidungen vorausgeht, trippelt nämlich das gesamt Gewerbe hinterher. Und das nennt man Marktmacht.

 

„Was geht mich der Sparer an,“ fragt entrüstet Eckart van Hooven? „Für mich ist der Bauherr wichtig, dem ich nun billigere Kredite anbieten kann.“  Und das heißt schließlich auch volkswirtschaftliche Verantwortung, wenn man durch billigere Baudarlehen die Konjunktur mit ankurbelt. Die betriebswirtschaftliche Verantwortung liegt zum Großteil in der Differenz zwischen Soll- und Habenzinsen. Eckart van Hooven aber, der wegen seiner Verdienste um das Mengengeschäft in den Vorstand der Deutschen Bank gelangte, wird betriebswirtschaftlich immer verantwortungsvoller je flotter die Gewinne fließen. So muss richtigerweise das gesamte Dutzend Vorstandsmitglieder denken, von denen jeder ein oder zwei der insgesamt 14 Filialbereiche im Inland und entsprechende Gewinnverantwortung für das Auslandsgeschäft hat.

 

Das Ausland hat einen Anteil am Geschäftsvolumen von rund einem Drittel. Doch durch die schlechten Margen, die erheblich gestiegenen Länderrisiken und die ausländischen Firmenpleiten wie International Harvester hapert es neuerdings etwas bei den jenseits der Grenzen erzielten Erträgen. Für die DB Lux gilt das allerdings noch nicht. Vorstand Robert Ehret konnte in Luxemburg zwischen dem Reinziehen von zwei kräftigen ‚Schnupftabaksprisen erklären: „Wir haben 1982 mit 450 Millionen DM mehr als je zuvor verdient.“ Für den Kollegen Herbert Zapp sollte ein Deutsch-Banker nicht unbedingt und ausschließlich Melker einer Cash Cow sein. „Ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank,“  schwätzt der gebürtige Schwabe, „ist nur dazu da, um gelegentlich vorgezeigt und für ein Kundengespräch werbend eingesetzt zu werden.“ Weiter verzapft Zapp: „Die Verantwortung behält ausschließlich der jeweilige in der Filiale angesiedelte Account-Manager.“

 

Darauf sollte man sich aber nicht unbedingt verlassen. Das hört sich nämlich ganz so an, als ob es sich bei der ersten Garde des größten deutschen Kreditinstituts mehr oder weniger um Schaufenster-Generäle oder Substituten handelt. Davon kann zwar keine Rede sein, aber im Vergleich zu Abs sind es überwiegend Epigonen. Freundlicher ausgedrückt: Bei der Deutschen Bank sind etwas demokratischere Verhältnisse eingekehrt. Leute von der Statur eines Hermann Josef Abs haben neuerdings im Vorstand keinen Platz. „A wie Abs, B wie Abs, S wie Abs,“ wie der große alte Mann einst seinen Namen buchstabierte, läuft nicht mehr.

 

„Leute wie Adenauer oder Abs muss man im Umfeld ihrer Zeit sehen,“ beteuert Hilmar Kopper, eines der jüngsten Vorstandsmitglieder. Ihn verbindet mit dem Ehrenvorsitzenden das Null-Studium, die Sprachgewandtheit und die Zuständigkeit für das Auslandsgeschäft, das Kopper im Vorstand koordiniert. Das hat sich die Deutsche Bank bisher übrigens immer geleistet: Ein Vorstandsmitglied, das von der Pike auf Banker und von jedem Hochschul-Glamour frei ist. Eingebettet in die Solidargemeinschaft der zwölf Vorstände wird Kopper es nicht schaffen, Autokrat à la Abs zu werden. Er will es auch nicht. Ein anderer, der über eine vergleichbare Robustheit verfügt hat, wurde rechtzeitig gestoppt.

 

Walter Seipp kam dort über den Generalbevollmächtigten nicht hinaus. Auf dem Umweg über die Westdeutsche Landesbank hat er es schließlich zum Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank geschafft. Bei der Commerzbank haben immer schon, zuletzt unter Lichtenberg, aber auch bei Deuss und Dhom Diktaturen geherrscht, die allerdings recht unterschiedliche Geschäftserfolge zeitigten. Das dritte große Kreditinstitut, die Dresdner Bank, laviert seit Pontos Zeiten zwischen aufgeklärter Monarchie und Dreiklassengesellschaft auf und nieder. Bei der Deutschen Bank herrschen dagegen Oligarchen, mit dem Prä, dass dies gegenwärtig offenbar das wettbewerbsfähigste System ist, wie die Profite zeigen. Die zwölf Manager sind Pairs und als solche unter sich alle gleich, aber Götter für die Mitarbeiter und mächtige graue Eminenzen in der deutschen Wirtschaft.

 

„Die Art der Willensbildung in dieser Bank wird durch das Kollegialitätsprinzip geprägt, im Gegensatz zum Direktorial- oder Mehrheits-Meinungsprinzip,“ belehrte im April letzten Jahres Vorstand Herbert Zapp die Bankbeiräte in Essen, zu denen immerhin Leute wie Herbert Gienow, Vorstandsvorsitzender der Klöckner-Werke, Werner Bartel, Chef der Thyssen-Industrie, Walter Deuss von Karstadt und Detlev Rohwedder von Hoesch gehören. Zapp: „Wir haben in dieser Bank von Beginn an eine Tradition, insbesondere auch im Vorstand, Entscheidungen kollegial, das heißt im Einvernehmen zu fällen. Kein Vorstand hat jemals erlebt, dass Hände erhoben wurden um abzustimmen.“

 

Das geht so weit, dass auch Vorstands-Neuzugänge faktisch durch Absprachen im Vorstand erfolgen, wenn das auch nicht ganz im Sinne des Aktiengesetzes ist. Nach Zapp „beschließt der Aufsichtsrat selbstverständlich autonom und souverän über die Bestellung von neuen Vorstandsmitgliedern.“ Aber er habe es bisher für richtig befunden, sich dabei dem einstimmigen Vorschlag des Vorstandsgremiums anzuschließen. Die Gleichheit der Pairs zeigt sich auch in der Wahl ihrer Sprecher. Nach dem Ausscheiden eines Sprechers geht der Vorstand in Klausur und entwickelt in stundenlangen Diskussionen den oder die Sprecher, die schließlich gewählt werden. „Der Aufsichtsrat hat da keinen Einfluss,“ betont Eckart van Hooven. „Wir sind freie Leute.“

 

Das wurde auch mit der Wahl der Büroetagen in der neuen Frankfurter Konzernzentrale demonstriert, die im nächsten Jahr bezogen werden soll. Während einer Vorstandssitzung Anfang 1983 ging ein Frühstückskörbchen herum, das zwölf Lose mit den zu beziehenden Etagennummern enthielt. „Fein säuberlich zusammengebunden mit blauweißen Bändchen,“ freut sich van Hooven noch im nachhinein. Er hatte auch das Glück, dieselbe Etage der beiden Vorstandssprecher zu ziehen. „Ich bin so frei,“ und reichte das Körbchen weiter. Kopper ist noch nicht so weit von der Basis entrückt, dass er nicht auch Gefahren ahnen könnte: „Die Vorstandsetagen sind schon ein verdammter Elfenbeinturm und das hierarchische Prinzip wirkt überall im Hause. Aber wir arbeiten hart daran, den Kontakt nach unten nicht zu verlieren.“ Nach Zapp versucht der Vorstand über die Delegation unternehmerischer Verantwortung, die Gasse in die unteren Etagen offen zu halten. „Einschließlich der Gruppen- oder Zweigstellenleiter, die neben der Bewältigung von Sachaufgaben auch mit der Führung von Mitarbeitern betraut sind, gibt es im Hause der Deutschen Bank rund 4700 Führungskräfte.“

 

Auf rund acht Mitarbeiter kommt also ein Chef und der muss im elitären Bewusstsein aufgepäppelt werden. Die Aus- und Weiterbildung ließ sich die Deutsche Bank im vergangenen Jahr über 94 Millionen DM kosten. Vorstand Alfred Herrhausen: „Es ist kein Luxus, große Begabungen zu fördern. Es wäre ein sträflicher Leichtsinn dies nicht zu tun.“ Führungskraft bei der größten deutschen Geschäftsbank zu sein, heißt Verantwortung für einen Teilmarkt, für seinen Produktbereich zu haben, den Markt optimal ausschöpfen zu müssen und Ergebnisverantwortung zu tragen. Zapp: „Wenn Sie so wollen, ist jeder, der innerhalb unseres Hauses mit einer Führungsaufgabe betraut ist, in seiner Ergebnisverantwortung der ‚Unternehmer Deutsche Bank‘ in seinem Teilbereich.“

 

Um diese Quadratur des Zirkels zu lösen, wurde noch zu Abs’schen Zeiten Klaus Mertin aufgebaut. Der promovierte Betriebswirt übernahm Anfang 1969 die Verantwortung für das gesamte Rechnungswesen der Bank. Heute ist er außerdem für die Fachbereiche Bilanz und Revision zuständig. Der kleine Mann hat nach und nach seinen Vorstandskollegen das richtige Rechnen und den Mitarbeitern die exakte Kalkulation beigebracht. Damit hat er für die Bank mehr getan als mancher noch so tapfere Mengen- oder Großkredit-Akquisiteur. Aus der BHF-Bank tönt es: „Mertin hat die Deutsche Bank groß gemacht.“ In der Deutschen Bank heißt es: „Hätten die Commerzbank und die Dresdner einen Mertin gehabt, stünden sie besser da.“