Mit seinem Buch „Euro – Wie er wurde, was er ist“ hat Christoph Wehnelt ein profundes Werk über die deutsche Geldgeschichte nach 1945  vorgelegt. Vor 70 Jahren begann alles in Rothwesten bei Kassel. Mit diesem Kapitel beginnt „geldanlagen-nachrichten.de“ die Aufarbeitung der D-Mark-Geschichte bis in den Start zum Euro, der ebenfalls schon zum Problem geworden ist. – Der Autor

 Konklave Rothwesten

Kaum war der 2. Weltkrieg beendet, tüftelten die Siegermächte an Währungsmodellen für das zerstörte Deutschland. Und letztlich wurde wieder eine Kaserne und zwar bei Kassel Fixpunkt für weitreichende Strategien des in Zonen geteilten Landes. So ist es nur logisch, dass zum Jubiläum ein Oberstleutnant die Honneurs machte. Wolfgang Köpke, Kommandeur des Gemischten Flugabwehrregiments 2, meldete: „Vor 50 Jahren, vom 21. April bis zum 8. Juni 1948, fand im Haus Posen dieser Kaserne das Konklave von Rothwesten zur Vorbereitung der Währungsreform statt. Dieses für die Bundesrepublik Deutschland so wichtigen, geschichtlichen Ereignisses wollen wir uns heute erinnern.“

Das Konklave stand unter der höchsten Sicherheitsstufe. Es wurde im Umland daher von Atom-Kriegs-Strategien gemunkelt, die hier ausgekocht werden sollten. Brisanz hatte das Projekt „Neue Mark“ aber ganz bestimmt. Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer erinnerte an die schlechte Zeit: „Drei Jahre voller Not und Elend. Es mangelte am Nötigsten: Nahrung, Heizmaterial, Rohstoffe. Und vor allem mangelte es an einer Währung, die Vertrauen genoß. Es waren aber auch drei Jahre, in denen die Scheinwerfer der Weltgeschichte erschreckend schnell umschwenkten – von dem gerade zu Ende gegangenen, beispiellos zerstörerischen Krieg zum Ost-West-Konflikt. Doch immer mehr schob sich eine dramatische Frage in den Vordergrund: War eine vierzonale Währungsreform unter den Bedingungen eines wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch gespaltenen  Deutschland überhaupt zu verantworten? Wilhelm Röpke etwa beschimpfte Pläne, die die Sowjets einschlossen, als eine Sabotage der Währungsreform. Am 20. März 1948 taten die Russen dem Westen dann den Gefallen, generell den Verhandlungstisch der Vier-Mächte zu verlassen. Und so konnte das Währungsreform-Duell zwischen West und Ost beginnen.“

Es war ein munteres Machtspiel, das die Amerikaner mit der neuen deutschen Währung in Gang setzten. Tatsächlich geriet die Sowjetunion unter Druck, als die USA beschlossen, neues Geld für Deutschland zu drucken, aber keinesfalls im russisch besetzten Leipzig. Mit dem 20. März war alles erledigt.

Amerikaner und Briten, dann auch gemeinsam  mit den Franzosen, schufen das neue Geld, das Deutsche Mark heißen sollte. Der deutsche Einfluß war bei den vorlaufenden strategischen Beschlüssen damals recht gering. Außerdem wurden von Anfang an erhebliche Vermögensunterschiede festgemauert. Rudolf Stoepel, Bürgermeister der Gemeinde Fuldatal, wozu Rothwesten gehört, faßte zusammen: „Dabei muß man auch bedenken, daß entgegen anderer Behauptungen die Ausgangsbasis für alle im Juni 1948 eben nicht gleich war. Nicht jeder hat nur mit 40 DM ‚Kopfgeld‘ angefangen. Viele brachten ihr Produktionsvermögen, ihre Warenvorräte, ihr Eigentum an Grund und Boden in diese neue Wirtschaftsordnung ein und hatten daher natürlich riesige Startvorteile denen gegenüber, die nicht im Besitz von Grund und Boden und von Produktivkapital waren, die nicht im Wirtschaftsraum der neuen Währung lebten und die somit nicht das Glück hatten, in politischer und wirtschaftlicher Freiheit ihren Weg zu gehen.“

Letztlich haben sich die amerikanischen Geldstrategen durchgesetzt und flankierend kam der D-Mark die liberale Marktwirtschaftspolitik von Ludwig Erhard zu gute. So konnte Tietmeyer zurückblicken: „Heute – fünfzig Jahre später – wissen wir, welche Karriere das einstige Besatzungskind machen konnte. Schon zehn Jahre nach ihrer Geburt wurde die Deutsche Mark vollständig konvertibel. Bald darauf wurde sie sogar Aufwertungskandidat gegenüber dem Dollar und anderen renommierten Währungen. In den achtziger Jahren übernahm sie zunehmend eine internationale Rolle als Anlage und Reservewährung.“ Die DM wurde Leitwährung in Europa, nicht nur innerhalb der EU, sondern auch darüber hinaus, und Hebelarm für die Wiedervereinigung. Nun ist sie das stärkste Fundament für die gemeinsame Europäische Währung. Die in Rothwesten versammelte Geldgemeinde drückte schließlich das Problem: Hoffentlich wird es mit dem Euro ebenso gut gehen. – Warten wir’s ab.