DB Research: Der Aufstieg von Bitcoin und anderen Kryptowährungen bei
Rückgang der Barzahlungen bildet den Hintergrund für ein neues Konzept

 

Frankfurt/Main (9.3.18) – Zentralbanken befassen sich mit Kryptowährungen und der zugrunde liegenden Distributed-Ledger-Technologie. Denn sie sind zuständig für die Ausgabe von Bargeld, die Überwachung und/oder Bereitstellung von Abwicklungs- und Abrechnungssystemen für den Zahlungsverkehr, die Geldpolitik und den Schutz der Finanzstabilität. In den Bereichen Bezahlen und Sparen würde digitales Bargeld mit Bankeinlagen, physischem Bargeld und privaten Kryptowährungen um die Gunst der Verbraucher konkurrieren. Ohne gesetzliche Forcierung müsste das digitale Bargeld die Nutzer davon überzeugen, dass es besseres und einfacheres Bezahlen ermöglicht als andere Zahlungsinstrumente. Insbesondere müsste es mit den derzeit niedrigen Gebühren und hohen Sicherheitsstandards bei gesetzlich geregelten Zahlungsverfahren für Konsumenten gleichziehen.

In einem von starkem Vertrauen in staatliche Institutionen geprägten Umfeld

wären die Verbraucher wahrscheinlich nicht besorgt, wenn digitales Bargeld nur

einen geringen Datenschutz bieten würde.

Beim Sparen würden die Verbraucher ihre Entscheidung zwischen digitalem

Bargeld und Bankeinlagen ganz einfach anhand der verschiedenen Zinssätze

treffen.

In Zeiten finanzieller oder politischer Unsicherheit denken Menschen allerdings

vermutlich nicht nur an Nutzerfreundlichkeit und Rendite. Im Falle einer Finanzkrise

können die Nutzer Zentralbankgeld – physisches oder digitales Bargeld –

als sicheren Hafen nutzen. Ginge allerdings das Grundvertrauen in die monetäre

und politische Stabilität verloren, würden sich die Nutzer wahrscheinlich

von jeder Form staatlicher Währung abwenden und alternative Vermögenswerte

oder private Kryptowährungen bevorzugen.

Warum sollten wir Krypto-

Euros nutzen? Warum digitales Bargeld von der Zentralbank?

Der Aufstieg von Bitcoin und Fragen zur Zukunft des Bargelds haben ein neues

Konzept hervorgebracht: digitales Bargeld, ausgegeben von einer Zentralbank.

In der Tat steht digitales Zentralbankgeld (central bank-issued digital cash –

CBDC) im Brennpunkt verschiedener technischer und wirtschaftlicher Entwicklungen.

Private Kryptowährungen haben gezeigt, dass sie mehr sind als eine

kurzlebige technische Spielerei. Nicht zuletzt seit dem sprunghaften Anstieg ihres

Wertes im Jahr 2017 ist die Marke Bitcoin weithin bekannt. Die tatsächliche

Teilnahme am Bitcoin-Netzwerk hinkt seiner Berühmtheit allerdings (noch) hinterher.

1 Es gibt einen weiteren weit verbreiteten Techniktrend: In vielen Ländern

ist der (mobile) Internetzugang eine Alltäglichkeit, was den Anbietern von Zahlungsdiensten

eine Fülle neuer Möglichkeiten eröffnet. So dringen etwa in einigen

Ländern mobile oder kontaktlose Zahlungen in Marktbereiche vor, die bislang

von Barzahlungen dominiert wurden. Letztere wiederum werden immer weniger

genutzt. Längerfristig haben diese Entwicklungen das Potenzial, sich auf

die Position und die geldpolitische Macht der Zentralbanken innerhalb des Finanzsystems

auszuwirken. Die mögliche Konkurrenz durch Bitcoin hat im Verein

mit dem Rückgang der Barzahlungen eine alte wissenschaftliche Diskussion

neu entfacht – wie sollte Geld geschöpft werden und sollte man diese Aufgabe

eher dem privaten Sektor oder einer staatlichen Einrichtung überlassen? Vor

diesem Hintergrund erforschen Zentralbanken das Konzept des CBDC und dessen

potenzielle Auswirkungen auf das Finanzsystem. Allerdings wird dabei der

Perspektive des Nutzers nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt: Warum würden

wir z.B. mit Krypto-Euros bezahlen und sparen wollen?

In dieser Studie werden wir kurz erläutern, warum sich Zentralbanken für das

Konzept des CBDC interessieren, und außerdem eine kurze Einführung in private

Kryptowährungen geben. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf einer Bewertung

von digitalem Bargeld aus der Perspektive des Nutzers: Worin bestehen

die Vorteile des Krypto-Euros, wenn wir zum Bezahlen sowie zum Halten von

Geld genauso gut Bargeld, Bankeinlagen oder Bitcoin (oder dergleichen) verwenden

können? Um die Attraktivität von CBDC für individuelle Nutzer zu beurteilen,

greifen wir auf existierende Untersuchungen zum Zahlungsverhalten von

Konsumenten zurück. Schließlich werden wir erörtern, warum sich ein Verbraucher

dafür oder dagegen entscheiden könnte, seine Ersparnisse in CBDC zu

halten.

Die Perspektive der Zentralbanken

Viele Zentralbanken analysieren die Auswirkungen des digitalen Bargelds vor

dem Hintergrund ihrer gesetzlichen Funktionen. Die technische Ausgestaltung

von digitalem Bargeld wird ebenfalls diskutiert.2

Ausgabe physischer Währungen – Rückgang der Bargeldnutzung

Die Zentralbank ist alleinige Emittentin von Banknoten und Münzen einer staatlichen

Währung. Diese sind gesetzliche Zahlungsmittel und Zentralbankgeld, das

jedem zugänglich ist. Ein deutlicher Rückgang der Bargeldnutzung hätte Auswirkungen

auf die operative Bargeldabwicklung der Zentralbanken sowie auf

1 Zur Erörterung von Bitcoin vgl. Möbert, Jochen (2018).

Warum sollten wir Krypto-Euros nutzen?

ihre Geldschöpfungsgewinne („Seigniorage“). Für Verbraucher könnte der Zugang

zu Bargeld schwierig werden. In Schweden ist die Nutzung von Bargeld

stark zurückgegangen und die Banken haben ihre Bargelddienstleistungen für

Verbraucher reduziert. Vor diesem Hintergrund denkt die Sveriges Riksbank

über die Ausgabe einer „e-krona“ nach.3 Die amerikanische Notenbank dagegen

warnt vor CBDC für Retailzahlungen und lehnt es ab, das Konzept „Fedcoin“,

ein erstmals im Jahr 2014 vorgeschlagenes CBDC für jedermann, zu unterstützen.

4 Allerdings sind Barzahlungen in den USA immer noch weit verbreitet.

Zahlungs- und Abrechnungssysteme – Distributed-Ledger-Technologie5

Zentralbanken stehen im Mittelpunkt des mehrstufigen Bankzahlungsverkehrs.

Sie führen das Hauptbuch, das garantiert, dass Änderungen in allen Zahlungskonten

innerhalb dieses Systems übereinstimmen, auch wenn die Konten bei

verschiedenen Banken geführt werden.6 Darüber hinaus bieten Zentralbanken

den Banken die Möglichkeit von Einlagen auf Zentralbankkonten7 an für die sichere

Abwicklung von Zahlungsverpflichtungen zwischen Geschäftsbanken.

Häufig besitzen und/oder betreiben sie das System für derartige Großbetragszahlungen.

Als Anbieter von Zahlungssystemen interessieren sie sich für die

Distributed-Ledger-Technologie (DLT, vgl. Kasten 8). Einige Zentralbanken, z.B.

die Bank of Canada, haben die DLT als technische Alternative zu ihren jetzigen

Echtzeit-Brutto-Zahlungsverkehrssystemen (real-time gross settlement systems,

RTGS) getestet. Bisher haben diese Tests nicht zu einer Ablösung von RTGS

durch DLT-Systeme geführt.

Mit Blick auf die Stabilität des Finanzsystems üben Zentralbanken in der Regel

Aufsichtsfunktionen zur Gewährleistung des ordnungsgemäßen Betriebs (privater)

Zahlungssysteme aus. Daher müssen sie verstehen, wie sich Innovationen

im Bereich des Zahlungsverkehrs, etwa DLT, auf die Finanzstabilität auswirken.

Zur Förderung effizienter Zahlungssysteme können Zentralbanken darüber hinaus

als Katalysator in Zahlungsmärkten tätig werden. Diese sind Netzwerkbranchen

mit hohen Eintrittsbarrieren, die Innovationen behindern können – auch

wenn sie Effizienzsteigerungen versprechen.

Geldpolitik – private Kryptowährungen

Ein Wettbewerb der Währungen wird realistischer. Eine Zentralbank, die staatliches

Giralgeld (Bargeld und Einlagen der Banken bei der Zentralbank) ausgibt

und die Geldschöpfung durch Geschäftsbanken (Bankeinlagen) beeinflusst,

konkurriert jetzt mit privat und unabhängig ausgegebenen Kryptowährungen

(vgl. Abbildung 6). Es ist gut möglich, dass sie sich künftig auch im Wettbewerb

gegen DLT-basierte digitale Währungen behaupten muss, die von anderen

Zentralbanken ausgegeben werden. Würden sich die Menschen in erheblichem

Ausmaß vom eigenen staatlichen Fiatgeld abwenden und stattdessen eine alternative

Währung nutzen, würde die Zentralbank geldpolitische Macht inner-

halb der Volkswirtschaft einbüßen. Dies würde der Situation von Ländern ähneln,

in denen die Menschen lieber den US-Dollar oder den Euro nutzen als die

Landeswährung (sogenannte Dollarisierung oder Euroisierung).

Das digitale Bargeld könnte jedoch auch den Einfluss der Zentralbank auf die

Geldmenge oder das Zinsniveau vergrößern, je nach seiner tatsächlichen Ausgestaltung

und dem Ausmaß seiner Verwendung in der Volkswirtschaft.

Finanzsystem

Die Einführung von digitalem Bargeld hat das Potenzial, die Struktur des Finanzsystems

zu ändern. Würden die Menschen große Teile ihrer Ersparnisse

von Bankkonten in digitales Bargeld überführen, würde dies die Fähigkeit des

Bankensektors, Kredite zu gewähren, beeinträchtigen. Im Extremfall käme die

Geldschöpfung durch Geschäftsbanken zum Erliegen. Einlageninstitute würden

sich in Broker bzw. Investmentfonds verwandeln. Ein solches Ende des heutigen

Mindestreserve-Bankwesens erinnert an den Chicago Plan – Bankenreformen,

die von Wirtschaftswissenschaftlern der University of Chicago während

der Weltwirtschaftskrise empfohlen wurden. Sie schlugen vor, Kreditvergabe

und Geldschöpfung zu trennen. Heute wird beides von Geschäftsbanken durchgeführt.

Auch nach 85 Jahren schlagen sich Forschungsergebnisse und eine

immer noch lebhafte Debatte über diese fundamentalen Fragen in Publikationen

und Vorträgen nieder.9 Diese Fragen stehen jedoch nicht im Mittelpunkt der vorliegenden

Arbeit, da theoretische Erwägungen dieser Art für die Entscheidung

eines Einzelnen, Krypto-Euros zu nutzen oder nicht, kaum relevant wären.

Digitale Währungen: staatlich oder privat

Das derzeit existierende „Geld“ – Bargeld, Bankeinlagen und private Kryptowährungen

– kann anhand des Emittenten, der Beschaffenheit, der Zugänglichkeit

und der Art der Übertragung beschrieben werden. So lässt sich auch das Wesen

von CBDC besser verstehen.

Staatliche Währungen wie der US-Dollar, der Euro oder das Pfund sind Fiat-

Währungen, die von einer (supra-)nationalen Zentralbank gesteuert werden.

Und sie sind weitgehend digital, da die Geldmenge zum größten Teil nicht in

physischem Bargeld, sondern in Form von Bankeinlagen gehalten wird. Im Euroraum

zum Beispiel stellen Bankeinlagen 80% der gesamten Geldmenge dar

Warum sollten wir Krypto-Euros nutzen?

Zahlungen mit Bankeinlagen sind überwiegend digital: Kartenzahlungen, (Online-)

Überweisungen von Guthaben und Lastschriften werden elektronisch über

Bank- oder Kartenzahlungssysteme mit zentraler Abrechnungsstelle verarbeitet.

Dies steht im Gegensatz zum dezentralisierten Zahlungs- und Buchführungssystem

privater Kryptowährungen, das erstmals mit dem Bitcoin-Protokoll erfolgreich

eingeführt wurde. Private Kryptowährungen ermöglichen unmittelbare digitale

Werttransfers von Teilnehmer zu Teilnehmer (peer-to-peer) auf Basis der

Distributed-Ledger-Technologie.

Bisher sind private Kryptowährungen – selbst der Spitzenreiter Bitcoin – noch

kein Geld, das definitionsgemäß drei Grundfunktionen erfüllt: Zahlungsmittel,

Recheneinheit und Wertaufbewahrungsmittel. Diese Funktionen können nur

dann erfüllt sein, wenn eine Währung weit verbreitet und akzeptiert ist und als

relativ stabil mit vorhersehbarem Wert wahrgenommen wird. Dennoch verzeichnen

private Kryptowährungen starke Zuwächse – sei es bei der Anzahl von

Transaktionen, bei der Anzahl von Token („Münzen“) oder beim Wert in USDollar

oder Euro. Das Ausgangsniveau ist im Vergleich zu staatlichen Währungen

wie Euro oder Dollar allerdings niedrig. Es handelt sich hier um eine Finanzinnovation,

die sich noch in der Frühphase befindet. Angesichts dessen lässt

sich ihr künftiger Erfolg nur schwer prognostizieren. Die Hauptgründe für das

Wachstum privater Kryptowährungen waren bisher Leidenschaft für Technik,

Sichteinlagen bei Banken. Weiter gefasste Geldmengenkonzepte umfassen zusätzlich

Bankeinlagen mit längeren Laufzeiten (M2) und bestimmte Geldmarktinstrumente (M3). Aus

Gründen der Einfachheit sprechen wir von „Geld“ anstatt von „M1“ und von „Bankeinlagen“ anstatt

von „Sichteinlagen bei Banken“.