BME-Symposium: Digitalisierung fordert alle Bereiche des Einkaufs heraus

Frankfurt/Main (11.11.17) –    Die globalen Beschaffungsmärkte geraten immer mehr in den Bann der Politik und erfordern vom Einkauf, seine Strategien permanent anzupassen. Die sich abzeichnende Rohstoff-Rally zwingt das Procurement, Preise und Verfügbarkeiten bestmöglich abzusichern. Und: Die digitale Transformation des Einkaufs wird die smarte Vernetzung innerhalb und außerhalb der Unternehmen forcieren. Diese zentralen Botschaften gingen vom 52. BME-Symposium Einkauf und Logistik aus, das in diesem Jahr unter dem Motto „Mehrwert: Globale Netzwerke“ stand und am Freitag in Berlin beendet wurde. Auf dem größten Einkäufergipfel Europas diskutierten seit Mittwoch knapp 2.000 Einkäufer, Logistiker und Supply Chain Manager die aktuellen Megatrends ihres Berufsstandes.

„Die wachsende Zahl geopolitischer Risiken verlangt von den Unternehmen ein anderes Krisenmanagement. Es geht dabei vor allem um einen Kulturwandel. Krisen müssen bereits im Tagesgeschäft berücksichtigt werden“, sagte Jan Henning Mehlfeldt, Executive Vice President, Purchasing & Supplier Quality der Webasto Group, zu Beginn des Abschlussplenums am Freitagvormittag. Dazu seien agile Organisationen erforderlich, die für Flexibilität bei der Zuordnung von Verantwortlichkeiten, flache Strukturen und schnelle Entscheidungswege sorgten. Stabile Prozesse könnten zudem helfen, aus erfolgreich gemanagten Krisen zu lernen.

In der anschließenden Podiumsdiskussion gingen namhafte Politiker und Wirtschaftsvertreter auf die Folgen der schwierigen Beziehungen der EU mit den USA und Russland näher ein: „Populismus hat die Fähigkeit, Angst zu schüren. Das gilt insbesondere für bestimmte Teile des Mittelstandes, die sich vor der Globalisierung fürchten“, sagte Elmar Brok, Mitglied des Europäischen Parlaments. Hier sei die Politik gefordert, die es bisher nicht geschafft habe, diese Ängste zu bekämpfen.

Michael Harms, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, äußerte sich zu den aktuellen Beziehungen zwischen der EU und Russland. Er sei fest davon überzeugt, dass sich Russland weiter öffnen werde. „Russland braucht den Westen, insbesondere dessen technologisches Know-how. Während der staatliche Sektor nur wenig Transparenz aufweise, sei die Wirtschaftspolitik des Kremls relativ offen. Deshalb seien protektionistische Tendenzen in Russland auch nicht so stark ausgeprägt wie in den USA oder China.

Nach Ansicht von Dr. Thomas Hueck, Chefvolkswirt der Robert Bosch GmbH, „hat der Westen die EU-Osterweiterung überstürzt vorgenommen“. Dieser könne von osteuropäischen Staaten nicht erwarten, bereits in 20 Jahren einen Reformprozess erfolgreich durchlaufen zu haben, für den die alten EU-Staaten 60 Jahre und mehr benötigt hätten.

Daniel Andrich, Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Washington, erinnerte daran, dass die USA stark auf ihren Binnenmarkt fokussiert seien. Handelspolitische Themen seien für die neue US-Administration deshalb zweitrangig. Trumps Mission sei es in diesem Zusammenhang, das Handelsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten zu reduzieren.

Auf die gravierenden Auswirkungen der digitalen Transformation für ihr Unternehmen ging Gabriele Sons, Vorstandsmitglied und Chief Human Resources Officer der thyssenkrupp Elevator AG, näher ein. Industrie 4.0 erfordere auch Unternehmenskultur 4.0. Umbrüche wie die Digitalisierung der Wirtschaft verursachten Ängste bei Mitarbeitern und Vorgesetzten. Führungskräfte, die es schafften, diese Befürchtungen in positive Energie umzuwandeln, würden künftig in der digitalen Transformation die Nase vorn haben. Industrie 4.0 bedeute aber auch, sich auf Neuland zu begeben. Sons: „Dann muss man aber auch Fehler machen dürfen.“

Gregor Gysi, Präsident der Europäischen Linken, setzte sich in seiner Abschluss-Keynote mit dem aktuellen Zustand der EU auseinander. Europa befinde sich seiner Meinung nach in einer strukturellen Krise. „Die Eurokrise ist nur äußerer Ausdruck eines starken Leistungsbilanzungleichgewichts zwischen starken Nationen wie Deutschland und schwachen wie Griechenland.“ Deshalb schlage er die Vergabe europäischer Aufbaukredite für kriselnde Staaten vor, fügte Gysi hinzu. Hilfreich sei zudem eine Schuldenkonferenz für die gesamte Eurozone. Davon würde vor allem das hochverschuldete Griechenland profitieren. Die Bürger der EU müssten sich entscheiden, ob sie künftig ein Europa der Demokratie oder des nationalen Autoritarismus haben wollen.

Am ersten Kongresstag hatte BME-Vorstandsvorsitzender Horst Wiedmann in seiner Eröffnungsrede darauf hingewiesen, dass nicht nur Industrie 4.0 Einkauf, Logistik und Supply Chain Management herausfordere. Hinzu kämen die aktuellen, sich immer mehr weltweit ausbreitenden Tendenzen des Populismus, Protektionismus und Nationalismus. Auch diese führten zu einem international turbulenten Umfeld für die Europäische Union und insbesondere die deutsche Industrie. „Wir alle sind gefordert, uns diesen Veränderungen und Bedrohungen aktiv zu stellen und diese zu meistern. Der Treibstoff, um diese Umwälzungen zu meistern, sind Neugier und keine Angst vor dem Scheitern zu haben“, appellierte der BME-Vorstandsvorsitzende. Sie würden in einer Ökonomie, die zunehmend aus vernetzten Angeboten bestehe, zu Erfolgsfaktoren. Wiedmann: „Wir bewegen uns in rasantem Tempo in eine neue Kultur-, Gesellschafts- und Arbeitswelt, die geprägt ist von Veränderung, neuen Werten, veränderten Rollenbildern und globaler Vernetzung. Change is the new Normal.”

Dr. Silvius Grobosch, Mitglied des geschäftsführenden BME-Bundesvorstandes, erinnerte auf der Pressekonferenz des Verbandes am Donnerstag in Berlin, dass „Offenheit der Märkte statt Abschottung das Mantra der vergangenen Jahre“ gewesen sei. „Wir alle haben vom grenzüberschreitenden weltweiten Handel und den rasanten technischen Entwicklungen, wie sie mit dem Internet möglich geworden sind, profitiert. Doch nun geraten die globale Zusammenarbeit und Vernetzung in Gefahr durch einen Bruch mit den bisherigen Gewissheiten der Wirtschaftspolitik“, betonte Grobosch.