EZB – Wirtschaftsbericht: Aktuelle wirtschaftliche und monetäre Entwicklungen

Frankfurt/Main (9.11.17) – Das solide und breit angelegte Wirtschaftswachstum im Euro-Währungsgebiet setzt sich fort; so deuten die jüngsten Daten und Umfrageergebnisse darauf hin, dass die Wachstumsdynamik in der zweiten Hälfte dieses Jahres unvermindert anhält. Die geldpolitischen Maßnahmen der EZB stützen nach wie vor die Binnennachfrage, was eine Voraussetzung für einen weiteren Fortschritt hin zu einer nachhaltigen Korrektur der jährlichen Inflationsentwicklung in Richtung eines Niveaus von unter, aber nahe 2 % auf mittlere Sicht ist.

Die privaten Konsumausgaben werden vom Beschäftigungszuwachs, der auch durch vorangegangene Arbeitsmarktreformen begünstigt wird, und von der Zunahme des Vermögens der privaten Haushalte getragen. Der Anstieg der Unternehmensinvestitionen steht nach wie vor im Zeichen der sehr günstigen Finanzierungsbedingungen und einer Verbesserung der Ertragslage der Unternehmen. Auch im Baugewerbe hat die Investitionstätigkeit zugenommen. Die Risiken für die Wachstumsaussichten des Eurogebiets bleiben weitgehend ausgewogen. Einerseits könnte die kräft ige Konjunkturdynamik, die in

der jüngsten Entwicklung der Stimmungsindikatoren zum Ausdruck kommt, zu

weiteren unerwartet positiven Wachstumszahlen führen. Andererseits bestehen vor

allem im Zusammenhang mit globalen Faktoren und der Entwicklung an den

Devisenmärkten nach wie vor Abwärtsrisiken. Auf globaler Ebene hat das

Wirtschaftswachstum auch länderübergreifend an Breite gewonnen, und die

Umfrageindikatoren signalisieren eine nachhaltige Wachstumsdynamik. Nach einer

Abschwächung im zweiten Jahresviertel 2017 gewann das Wachstum des

Welthandels im Juli an Fahrt und blieb – in erster Linie aufgrund der Entwicklung in

den fortgeschrittenen Volkswirtschaften – auch im August robust. Die

Vorlaufindikatoren zum Welthandel sprechen weiterhin für einen positiven Ausblick in

der kurzen Frist.

Die jährliche am HVPI gemessene Teuerungsrate für das Euro-Währungsgebiet

belief sich im September wie bereits im Vormonat auf 1,5 %. Die Messgrößen der

zugrunde liegenden Inflation sind seit Anfang des Jahres 2017 leicht gestiegen;

allerdings sind überzeugendere Anzeichen für einen dauerhaften Aufwärtstrend

bislang ausgeblieben. Zwar hat das Lohnwachstum etwas angezogen, doch bleibt

der binnenwirtschaftliche Kostendruck insgesamt noch verhalten. Auch weltweit ist

die Gesamtinflation im August gestiegen, was in erster Linie auf höhere Energie- und

Nahrungsmittelpreise zurückzuführen ist. Die zugrunde liegende Inflation im

Euroraum dürfte, getragen von den geldpolitischen Maßnahmen der EZB, dem

anhaltenden Konjunkturaufschwung, der damit verbundenen allmählichen Absorption

der wirtschaftlichen Unterauslastung und steigenden Löhnen, mittelfristig allmählich

weiter zunehmen. Ausgehend von den aktuellen Terminpreisen für Öl dürfte die

Gesamtinflation gegen Jahresende vorübergehend sinken, was vor allem

Das Wachstum der weit gefassten Geldmenge M3 hat sich nach wie vor robust

entwickelt, und die allmähliche Erholung der Kreditvergabe setzt sich fort.

Haupttriebfeder des Geldmengenwachstums waren – vor dem Hintergrund der

Ankäufe des Eurosystems im Rahmen des Programms zum Ankauf von

Vermögenswerten (APP) und der schrittweisen Erholung der Kreditvergabe an den

privaten Sektor – die binnenwirtschaftlichen Gegenposten zu M3. Aus der jüngsten

Umfrage zum Kreditgeschäft im Euro-Währungsgebiet geht hervor, dass das

Wachstum der Buchkredite weiterhin von einer steigenden Nachfrage der

Unternehmen und privaten Haushalte sowie einer Lockerung der Richtlinien für

Buchkredite an Privathaushalte getragen wird. Die Finanzierungskosten für

gebietsansässige nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften sind nach wie vor günstig. So

liegen die Kreditzinsen der Banken für diesen Sektor in der Nähe ihrer historischen

Tiefstände.

Der gefestigte Wirtschaftsausblick für das Eurogebiet sowie die weltwirtschaftlichen

Entwicklungen spiegeln sich auch in der Verfassung der Finanzmärkte wider. Seit

Anfang September steigen die Staatsanleiherenditen im Euroraum; auch weist die

EONIA-Terminzinskurve einen steileren Verlauf auf. Die Aufhellung der

Wirtschaftsperspektiven sowie ein gewisses Nachlassen geopolitischer Bedenken

ließen die Aktienindizes ansteigen. Zugleich verringerten sich die Renditeabstände

von Unternehmensanleihen. Insgesamt ist der Wert des Euro trotz einer leichten

Abwertung gegenüber dem US-Dollar und dem Pfund Sterling handelsgewichtet

unverändert geblieben.

Auf der geldpolitischen Sitzung vom 26. Oktober 2017 fasste der EZB-Rat mit Blick

auf sein Preisstabilitätsziel folgende Beschlüsse:

• Erstens: Die Leitzinsen der EZB wurden unverändert belassen; der EZB-Rat

geht weiterhin davon aus, dass sie für längere Zeit und weit über den

Zeithorizont des Nettoerwerbs von Vermögenswerten hinaus auf ihrem

aktuellen Niveau bleiben werden.

• Zweitens: Im Zuge der geldpolitischen Sondermaßnahmen wird das

Eurosystem den Erwerb von Vermögenswerten im Rahmen des APP im

derzeitigen Umfang von monatlich 60 Mrd € bis Ende Dezember 2017

fortsetzen. Ab Januar 2018 soll der Nettoerwerb bis Ende September 2018 oder

erforderlichenfalls darüber hinaus in einem monatlichen Umfang von 30 Mrd €

erfolgen und in jedem Fall so lange, bis der EZB-Rat eine nachhaltige Korrektur

der Inflationsentwicklung erkennt, die mit seinem Inflationsziel im Einklang

steht. Sollte sich der Ausblick eintrüben oder sollten die Finanzierungsbedingungen

nicht mehr mit einem weiteren Fortschritt hin zu einer

nachhaltigen Korrektur der Inflationsentwicklung im Einklang stehen, so ist der

EZB-Rat bereit, das APP im Hinblick auf Umfang und/oder Dauer auszuweiten.

• Drittens: Das Eurosystem wird die Tilgungsbeträge der im Rahmen des APP

erworbenen Wertpapiere nach Abschluss des Nettoerwerbs von

Vermögenswerten für längere Zeit und in jedem Fall so lange wie erforderlich Basiseffekten bei den Energiepreisen zuzuschreiben ist .

Liquiditätsbedingungen als auch zu einem angemessenen geldpolitischen Kurs

beitragen.

• Viertens: Der EZB-Rat beschloss außerdem, die Hauptrefinanzierungsgeschäfte

und die längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte mit dreimonatiger

Laufzeit so lange wie erforderlich, mindestens jedoch bis zum Ende der letzten

Mindestreserve-Erfüllungsperiode des Jahres 2019, weiterhin als

Mengentender mit Vollzuteilung durchzuführen.

Diese Beschlüsse wurden gefasst, um die sehr günstigen Finanzierungsbedingungen

aufrechtzuerhalten, die noch immer für eine nachhaltige Rückkehr der

jährlichen Inflationsraten zu einem Niveau von unter, aber nahe 2 % erforderlich

sind. Die Rekalibrierung der Ankäufe von Vermögenswerten ist Ausdruck eines

wachsenden Vertrauens in die allmähliche Annäherung der Inflationsraten an das

Inflationsziel. Gleichwohl ist der binnenwirtschaftliche Preisdruck insgesamt nach wie

vor gedämpft, und Wirtschaftsaussichten sowie Inflationsentwicklung hängen

weiterhin von einer anhaltenden Unterstützung durch geldpolitische Maßnahmen ab.

Der EZB-Rat gelangte zu dem Schluss, dass es daher nach wie vor umfangreicher

geldpolitischer Impulse bedarf, damit sich allmählich Druck auf die zugrunde

liegende Inflation aufbaut und die Entwicklung der Gesamtinflation auf mittlere Sicht

gestützt wird.