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Mit ökonomisch hoher Drehzahl auch die politischen Probleme in Euroland lösen – Von Karsten Junius, Chefökonom

Basel (10.10.17) – Die Konjunktur brummt, in Euroland genauso wie global. Dabei verstärkt sich der Aufschwung dadurch, dass alle grossen Volkswirtschaften synchron expandieren und exogene Schocks bislang ausbleiben. In der ersten Jahreshälfte am meisten überrascht hat die positive Entwicklung vor allem in der Währungsunion, die über Jahre lang wirtschaftlich vor sich hinsiechte und politisch vor schwierigen Herausforderungen stand. Die Zeit positiver Überraschungen dürfte vorerst zu Ende sein.

Mit «Europe First» hatten wir seit Frühjahr unserer optimistischen Einschätzung gegenüber der Währungsunion Ausdruck verliehen. Dies drückte gleichsam Skepsis gegenüber den Entwicklungen in den USA aus, als auch ein Vertrauen in die unterschätzte Stabilität in Europa. Inzwischen sind wir neutraler geworden. Gleichwohl haben wir unsere Wachstumsprognose für Euroland noch einmal auf 2,1% in diesem und 2,0% im nächsten Jahr erhöht. Werte die wir für realistisch halten, die aber auch eine so hohe Drehzahl für die Wirtschaft mit sich bringen, dass wir darüber hinausgehenden Überraschungen nur eine geringe Chance geben. Hohes Wachstum bei noch geringen Lohnsteigerungen dürfte dazu führen, dass auch die Unternehmensgewinne ordentlich weiter wachsen und so die Aktienmärkte beflügeln sollten. Wir gehen daher weiterhin von einem Anstieg des DAX auf 13500 Punkte und des Eurostoxx 50 auf 3800 Punkte aus.

Unsere neutralere Haltung bezüglich der Entwicklung in der Währungsunion drückt vielmehr aus, dass die nächsten Monate schwierige politische Herausforderungen mit sich bringen. In Deutschland muss sich eine neue Regierung finden, in Spanien steht sogar die institutionelle Einheit des Landes in Frage und der in Italien anstehende Wahlkampf dürfte auch für Überraschungen gut sein. Dabei hilft nicht, dass auch die Europäische Union mit den Brexit-Unsicherheiten umgehen muss, ein Prozess, der die europäische Einheit weiter untergräbt. Populistische Regierungen in Ungarn, Polen und vielleicht demnächst in der Tschechischen Republik fördern die Zentrifugalkräfte weiter. Eine wichtige Konsequenz hat dies für unsere Prognosen gehabt: Wir gehen nicht weiter von einer Verteuerung des Euro aus, sondern erwarten nun eine Abschwächung gegenüber dem USD auf 1,15 zum Jahresende. Freuen dürften sich darüber nicht nur die europäischen Exporteure, sondern auch die EZB. So hellen sich die Inflationsperspektiven etwas auf und die Entscheidung, die monatlichen Anleihekäufe deutlich zu reduzieren, sollte ihr einfacher fallen. Wir erwarten, dass sie ihr Kaufprogramm um 9 Monate verlängert, das Kaufvolumen aber auf 20-30 Mrd. Euro/Monat reduziert. Dies dürfte einen starken Zinsanstieg verhindern und dazu beitragen, dass das monetäre Umfeld zwar etwas weniger expansiv aber dennoch für die Wirtschaft sehr vorteilhaft bleibt. Eigentlich sind das gute Zeiten, um die politischen Probleme innerhalb der Währungsunion zu lösen.